von Hadassah Stichnothe

Ein Berggeist, so alt wie die Erde selbst, der aus seinem Schlaf erwacht und sich in einer hochtechnisierten Welt wiederfindet, in der die Existenz von "Innerirdischen" wie ihm vor der Öffentlichkeit verborgen wird, zwei Jungen, die im goldenen Käfig eines internationalen IT-Konzerns aufwachsen, und eine Studentin der Mythobiologie, die zwischen ihrer Verpflichtung und ihrer Faszination für den Berggeist hin und hergerissen ist. Wieland Freund erzählt in Krakonos auf äußerst spannende Weise vom Zusammentreffen von urwüchsiger Naturgewalt und technologischem Fortschrittsglauben.

Freund, Wieland: Krakonos.
292 Seiten. 14,95 €
ISBN 978-3-407-82322-9.
Empfohlen ab 11 Jahren.

 Inhalt

Levi und Nik wachsen in der durchtechnisierten Welt der Qwip.com-Academy auf. Beide Eltern arbeiten für den multinationalen IT-Konzern, sodass die beiden Brüder die meiste Zeit auf sich gestellt sind. Nik sieht sich so in der Situation, die Elternrolle für seinen kleinen Bruder übernehmen zu müssen, was besonders dadurch erschwert wird, dass Levi sich in der Academy nicht besonders wohl fühlt. Statt neue Apps zu programmieren oder Computerspiele zu spielen, beobachtet er lieber die wenigen Tiere, die es auf dem Gelände des Qwip.com-Konzerns in Berlin-Adlershof zu sehen gibt. Als Levi einem ungewöhnlich großen Raben folgt und auf einen Unbekannten trifft, der sich in einer der Baracken versteckt hält, überstürzen sich die Ereignisse: Die Jungen befinden sich plötzlich auf der Flucht mit dem rätselhaften Fremden, der sich "Riebe" nennt, eine geradezu magnetische Wirkung auf Tiere hat und offenbar auch noch seine Gestalt ändern kann.

Emma O’Lynn ist Studentin der Mythobiologie, Fachbereich Innerirdische, und schreibt gerade ihre Abschlussarbeit. Mehr nebenbei bewacht sie einen "Eingang", in dem sich vor Jahrzehnten eines dieser mythischen Wesen verborgen hat und seitdem offenbar schläft. Doch ihre ruhige und etwas langweilige Forschungstätigkeit wird jäh gestört, als dieser Innerirdische plötzlich aus seinem Schlaf erwacht und prompt entkommt, ohne dass Emma ihn hätte aufhalten können. So bleibt ihr nichts anderes übrig als das für solche Fälle zuständige M-SEK zu alarmieren, obwohl sie weiß, dass dessen Mitarbeiter um jeden Preis verhindern wollen, dass die Welt von diesem Wesen erfährt – und sei es um den Preis des Innerirdischen selbst. Schließlich kann niemand wissen, was passiert, wenn ein mythisches Wesen, ein unberechenbarer Gestaltwandler, aus jahrzehntelangem Schlaf erwacht und sich seinen Weg durch eine ihm völlig fremde Welt bahnt. Doch in diesem Fall handelt es sich nicht um irgendeinen Innerirdischen, sondern um den Berggeist vom Riesengebirge: Krakonos, - Rübezahl.

So beginnt eine spannende Jagd auf den flüchtigen Berggeist, bei der ein ums andere Mal Technik und Natur miteinander im Widerstreit zu stehen scheinen. Auch die Position von Jäger und Gejagten ist alles andere als eindeutig: Soll Emma das SEK unterstützen oder ist es eher Krakonos, der ihre Hilfe braucht? Und auch für die beiden Brüder, die in Begleitung von Krakonos eine vollkommen neue Welt außerhalb des Qwip-Firmengeländes erkunden, stellen sich schwierige Fragen. Können sie Krakonos trauen? Besonders Nik ist zwischen seiner Verantwortung für den kleineren Levi und der beglückenden Erfahrung von Freiheit und Natur hin- und hergerissen. Levis Begeisterung für Krakonos und die Natur erreicht jedoch bald ein besorgniserregendes Maß. Wird sich Levi freiwillig von dem Innerirdischen trennen?

 

Kritik

Der Roman wird im Wechsel aus der Perspektive von Emma und Nik erzählt, so dass der Leser zwischen den Verfolgern und Verfolgten hin und her wechselt. Auf diese Weise wird Spannung erzeugt und das Erzähltempo bleibt relativ rasch. Gerade Leser, die eher handlungsorientiert lesen, werden hierdurch angesprochen sein. Dennoch werden in Krakonos kontroverse Themen angesprochen und zum Teil grundlegende Konflikte verhandelt. Nicht nur die Figur des Rübezahls, der im Tschechischen Krakonos genannt wird, ist eine altbekannte. Auch der Grundkonflikt des Romans wurden in den letzten Jahren immer wieder in der Literatur verhandelt:  Hier stehen sich einmal mehr die Kräfte einer ungebändigten Natur, die die Verbindung zu einer mythischen Vorzeit schafft, und die Interessen der Menschen, die an den technologischen Fortschritt gebunden sind, diametral gegenüber.

Das Naturmotiv, das in der Figur des Krakonos anklingt, ist auch bei Freund eng verbunden mit der Entfremdungsangst in einer hochtechnisierten Welt. Der Roman ist in einer "nicht sehr fernen" Zukunft angesiedelt (Verlagstext) und die Grundzüge dieser Welt sind auch jungen Lesern schon vertraut. Die Omnipräsenz von Smartphones, Tablets und den dazugehörigen Apps, die das Leben zum einen erleichtern, zum anderen aber auch bis ins kleinste Detail kontrollieren, gehört bereits jetzt zur Lebenswirklichkeit vieler Kinder in Deutschland.

Qwip.com, der multinationale Konzern, auf dessen Gelände Nik und Levi aufwachsen, ist eine gelungene Parodie auf die Giganten der IT-Branche wie Google und facebook, die ihren Mitarbeitern neben einer Arbeitsstelle auch eigene Wohn- und Freizeitmöglichkeiten und nicht zuletzt eine ganz eigene Firmenideologie anbieten:

"Marten wechselte in den Tonfall eines Touristenführers. 'Zu Ihrer Rechten sehen Sie gleich das berühmte Space Dock. Es verdankt seine äußere Form der langjährigen Fernsehsucht der Gründer von Qwip.com. Aber urteilen Sie nicht vorschnell, meine Damen und Herren. Denn was hätten Sie gemacht, wenn Sie das Pech gehabt hätten, am Ende des 20. Jahrhunderts jung zu sein? Ich meine, das war das Zeitalter von Floppy-Disks und knisternden Modems. Kein Netz! Diese Leute hatten ständig kein Netz! […] Und da, meine Damen und Herren, unser wunderschönes, hippes, garantiert keimfreies Café! Wir leben von Geräten voller seltener Metalle, für die man in Afrika Bürgerkriege führt, aber wir schenken ausschließlich fair gehandelten Kaffee aus. Und unsere Milkshakes sind garantiert vegan. Ach ja, Haustiere sind hier übrigens verboten! Sie führen doch nicht etwa heimlich ein paar Flöhe mit sich?'" (S.36/37)

Auch die Mitarbeiter von Qwip.com verstehen sich weniger als Teil eines Unternehmens denn als Teil einer großen Familie, deren Bedürfnisse letztlich das gesamte Leben durchdringen. Und auch hier verkauft die Firma diese Eingriffe als Teil einer ostentativ positiven Lebensphilosophie, die nicht von ungefähr an Googles berüchtigtes Credo "Don't be evil" erinnert.

In der Allgemeinliteratur wurde vor einigen Jahren die Beschreibung eines solchen kryptototalitären Systems in The Circle (2013) diskutiert. Freund nimmt in Krakonos diejenigen in den Fokus, die sich nicht freiwillig für die Aufnahme in den Kreis der Technikbegeisterten entschieden haben. Die Kinder der Mitarbeiter sind in der Academy zwar mit allen materiellen und vor allem technologischen Gütern versorgt. Unübersehbar ist jedoch auch der Anspruch des Unternehmens, sich auf diese Weise bereits die nächste Generation neuer Entwicklerinnen und Entwickler heranzuziehen. Es gibt Coding-Kurse und Tutorials und die Spiel- und Freizeitangebote sind grundsätzlich an eine Software angebunden. Ein Kind, das für diese Dinge keinen Sinn hat, muss hier notwendig durchs Raster fallen. Ein solch "fremdes Kind" ist Levi, der lieber Käfer beobachtet und seitenlange (papierne!) Kataloge beobachteter Naturphänomene anlegt.

Trotz aller Technologie- und Zivilisationskritik wird im Roman jedoch keine simple Schwarzweiß-Malerei betrieben. So werden auch die Vorteile der modernen Technik aufgezeigt und die Natur im Gegenzug keinesfalls idealisiert. Beispielsweise müssen die beiden Protagonisten Levi und Nik lernen, dass die Begegnung mit der Natur notwendigerweise eben auch die Begegnung mit Krankheit und Tod einschließt. Dass Krakonos in diesem Zusammenhang als rettender Deus ex machina auftritt, ist einer der wenigen schwächeren Momente des Romans. Jedoch dürfte die Konfrontation mit einer durch den Menschen nicht beherrschten – und letztlich nicht beherrschbaren – Natur auch für einige heutige Leser bereits die Faszination des Seltenen haben.

Fazit

Krakonos ist ein unterhaltsamer und handlungsstarker Abenteuerroman und zugleich eine schon fast dystopische Zukunftsvision, die Leserinnen und Leser ab elf Jahren ermuntert, ein paar kritische Fragen an die Gegenwart und vielleicht sogar ihren eigenen Umgang mit sozialen und anderen Medien zu stellen. Ein verdienter Anwärter auf den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018, der zum genussvollen Verschlingen ebenso wie zum Nachdenken anregt.
 

Weitere Rezensionen zu den Büchern, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert wurden, finden Sie hier.


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