von Gerd Klingeberg

Als die sechzehnjährige Ophelia ihrer Mutter von merkwürdigen Staubformationen berichtet, die sie neuerdings um sich herum wahrnimmt, wird sie – was ihr so gar nicht behagt - zu ihrer skurrilen Großtante und ihrem Großonkel nach Paris geschickt. Dort erfährt sie das Geheimnis des sonderbaren Staubes: Es handelt sich dabei um Zeit! Und sie ist eine Zeitlose, die die Gabe besitzt, Zeitströme zu ändern. Ophelia kommt mit vielen anderen Zeitlosen in Kontakt, muss sich sogar in einem schwierigen Turnier beweisen. Kurz gesagt: Ihr Leben wird komplett auf den Kopf gestellt. Und als just die Zeit auch noch weltweit verrückt zu spielen scheint, beginnt für Ophelia ein unglaubliches und höchst gefährliches Abenteuer, bei dem ihre neu entdeckten Fähigkeiten dringend gebraucht werden, damit nicht alles im völligen Chaos versinkt...

Gläser, Mechthild: Bernsteinstaub.
Loewe Verlag, Bindlach 2018
464 Seiten, 19,95 €
ISBN 978-3-7855-8860-4.
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

Für Ophelia, eine offensichtlich ganz normale Teenagerin, läuft es nicht gut an diesem Morgen. Nach allzu spätem Aufwachen wird es die sechzehnjährige Berliner Schülerin wieder einmal nicht pünktlich zur Schule schaffen. Und als sie dann auf der Abkürzung durch den Park diesen merkwürdigen, zu einem grauen Rinnsal zusammengeflossenen Staubkörnchen und Fusseln ausweichen will, landet sie prompt auch noch unsanft im Kies. Ihre Mutter zeigt sich durch den Vorfall überraschend stark besorgt. Ophelia wird aus ihr nicht weiter mitgeteilten Gründen umgehend zu Großonkel und Großtante Pendulette nach Paris geschickt, und zwar in Windeseile mitten durch einen seltsamen unterirdischen Fluss. In Paris angekommen, scheint zunächst alles weitgehend normal, doch dann häufen sich die Unerklärlichkeiten; Ophelias Welt verwandelt sich in eine turbulente Achterbahn. Dabei scheint es irgend einen Zusammenhang zu geben mit dem tragischen Unfall vor acht Jahren, bei dem ein schwebender Baum aufs Auto krachte und Ophelias Vater tötete, während sie selbst schwer verletzt wurde. Von den Pendulettes erfährt sie, was es mit dem Staub auf sich hat: Es ist die nur für sogenannte Zeitlose sichtbare Zeit, die wie ein unendlich verzweigter Strom - les temps - den gesamten Erdball bis in den hintersten Winkel umspannt. Die Pendulettes stellen Ophelia auch deren Ururgroßmutter vor, die indes fast noch wie ein Teenager aussieht. Zudem trifft sie Persönlichkeiten, die eigentlich längst der Vergangenheit angehören, darunter den sonderbaren Leander, der aus dem Blick in die Pupille seines jeweiligen Gegenübers dessen Tod voraussagen kann. Und unvermutet wird sie gar zur Kandidatin um die Nachfolge des Herrn der Zeit, der als Träger der Totenuhr die Aufgabe besitzt, die Seelen der Verstorbenen behutsam auf die andere Seite der Zeit bringen. Für dieses Amt muss unter vier Kandidaten, zu denen auch Leander und Ophelias ältere Schwester Grete zählen, ein Bernsteinturnier ausgefochten werden. Problematisch ist jedoch, dass plötzlich weltweit die Zeit verrückt spielt: Gerade jetzt zeigen sich starke Anomalien in den Zeitströmen in Form von Knoten, Schlaufen und riesigen Zeitfällen, die zu unerklärlichen Aussetzern der Turmuhren und Chaos weltweit führen. Eine schier unlösbare Aufgabe für die vier Anwärter, die sie unter anderem binnen kürzester Zeit nach Rom, New York, in die Sahara oder in die Antarktis führt, damit sie Sekunden sammeln und die Zeit wieder ihren normalen Gang gehen kann. Doch zugleich scheint es Kräfte zu geben, die genau dies verhindern wollen. Es wird ein Abenteuer auf Leben und Tod. Mit höchst ungewissem Ausgang. Und immer wieder treibt dabei Ophelia die drängende Frage um, warum ihr Papa sterben musste...

Kritik

Mit Bernsteinstaub legt die Autorin einen fantastischen Roman vor, der sich dem Phänomen der als unterschiedlich empfundenen, zumeist nicht ihrem physikalisch gleichförmigen Ablauf entsprechenden Zeit widmet. Das Buch strotzt geradezu vor wunderlichen Einfällen und teils abstrusen Ideen und Fantastereien; es bedient sich mancher Motive aus der griechischen Mythologie (z.B. Gott Chronos und seine Kinder) und legt dabei von Beginn an ein überaus straffes Tempo bei der Entwicklung der Handlungsstränge vor. Der weitaus größte Textanteil wird von der Protagonistin, der 16-jährigen Ophelia, als Ich-Erzählerin geschildert, entspricht aber sprachlich eher einer etwas jüngeren Teenagerin. Der Erzählton ist locker, bisweilen flapsig, immer aber rasant, mit gelegentlichen Einwürfen in Fäkalsprache, nicht selten aber auch jungmädchenhaft schwärmerisch und teils sehr poetisch:

"Es war eine andere Stille als die der Wüste: Unvollkommener. Wissender. Abwartend. Wie die Stille einer uralten Kathedrale. (…) Ich atmete die Kälte und ließ meinen Blick in die Ferne schweifen, zu der Stelle, an der Schnee und Himmel miteinander verschmolzen." (S. 276)

Nur vereinzelt gibt es deutlich durch ein Zifferblatt-Logo abgesetzte Passagen aus einer übergeordneten Erzählerperspektive, die auch sprachlich differieren. 
Der Übergang zwischen Realität und fiktionaler Ebene geschieht sehr häufig und weitgehend bruchlos; beide Ebenen sind eng miteinander verflochten, ein eindeutiges Schwellenmotiv ist nicht erkennbar. Die Zeitlosen, die teils schon Hunderte von Jahren existieren, werden in einer Jetztzeit als ganz normale Mitbürger geschildert, die gerne shoppen, sich über fehlende Internetverbindungen oder Handynetze ärgern, zugleich aber die Zeitströme als superschnelle Transportwege nutzen, Zeit manipulieren können und sich mit vollem Einsatz um die Entwirrung von Zeitanomalien zu kümmern haben.
 Alle diese unglaublich einfallsreichen Szenarien, bei denen Logik und physikalische Gesetzmäßigkeiten kaum eine Rolle spielen, werden zwar detailliert bildhaft beschrieben, sind aber nicht selten pseudonaturalistisch und überfordern damit die Fantasie: An manchen Stellen ist es nahezu unmöglich, sich das Geschehen tatsächlich in konkreten Bildern vorzustellen.

Und es scheint, als habe die Autorin nach einer fulminanten Entwicklung verschiedener Handlungsstränge selbst zunehmend Mühe (nach etwa dreiviertel Buchlänge), die Komplexität des Erzählten sorgfältig und konsequent zu entwirren. Tatsächlich bleiben manche der aufgeworfenen Fragen weitgehend unklar oder unbeantwortet. Zu begrüßen sind etliche, wie nebensächlich in den Text eingeflossene (sozial-)kritische Anmerkungen:

"Diese Leute (…) führten lange, erfüllte, luxuriöse Leben. Aber auf der anderen Seite waren Babys, die nicht einmal eine Chance hatten." (S. 430),

aber auch solche, die auf typische Teenager-Probleme abzielen:

"Leander sah (…) in der abgerissenen Sweatshirt-Jacke (…) auf eigentümliche Weise gut aus. So, als brauchte er keine coolen Klamotten, um er selbst zu sein." (S. 303).

Außerdem werden auf einfühlsame Weise zwischenmenschliche Spannungen thematisiert, etwa auf familiärer Ebene das Vater-Tochter- beziehungsweise Schwestern-Verhältnis, schließlich auch eine erste romantische Liebesbeziehung.

Nicht unproblematisch ist die Behandlung des Themas Tod (auch am sehr realistischen Beispiel einer alten Frau – s. S. 309 ff.), das mit seinen verwendeten Ansätzen konkret keiner Weltanschauung oder Religion entspricht. Bei einer dualen Körper-Seele-Struktur des Menschen wird beim Tod die als bläulich leuchtendes Licht erscheinende Seele vom Herrn der Zeit behutsam auf den Arm genommen und auf die 'andere Seite der Zeit' gebracht (s. S. 5 u.a.). Gedanken eines "schönen" Todes (aus sogenannten Nahtod-Erlebnissen), aber auch Seelenwanderung oder Reinkarnation werden zu einer irritierenden Jenseits-Melange vermengt, mit der jüngere Leserinnen und Leser schnell überfordert sein könnten.

Fazit

Bernsteinstaub ist ein vielschichtiger, sehr unterhaltsamer Fantasy-Roman, der packend und flüssig von den überraschend einbrechenden Erlebnissen in das Leben einer bis dato ganz normalen 16-jährigen Berliner Schülerin erzählt. Mit seiner unkonventionell behandelten Zeit-Thematik ist es - trotz Protagonistin - keineswegs ein typisches Mädchenbuch, sondern gleichermaßen auch für Jungen interessant. Die Empfehlung für ein Lesealter ab 12 Jahren ist grundsätzlich gegeben, wenngleich einzelne Passagen (vor allem solche, die sich mit Tod und Seele befassen) sensible Leserinnen und Leser überfordern könnten und gegebenenfalls unterstützende Erklärung nötig machen.

 

Erstveröffentlichung: 31.08.2018


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