von Jan Sinning

London 1872: Die Ereignisse überschlagen sich, als die sechzehnjährige Sally Lockhart, seit dem plötzlichen Tod ihres Vaters Vollwaise, eine mysteriöse letzte Botschaft ihres Vaters erhält. Ihre Nachforschungen führen sie in die düstersten Ecken der Metropole London und dabei immer weiter in ein Netz aus Lügen, Verrat und Geheimnissen. Mit Sally Lockhart, Heldin einer (bisher) vierteiligen Romanserie, hat der Autor Philip Pullman eine ungewöhnliche Amateurdetektivin geschaffen, die durch Scharfsinn, Mut und Willensstärke, mit Hilfe einiger guter Freunde, allen Widrigkeiten trotzt – auch den Konventionen des viktorianischen Zeitalters.

Pullman, Philip: Der Rubin im Rauch.
Carlsen, Hamburg 2009.
256 Seiten. ca. 3,40 € (Broschiert).
ISBN 9783551358011.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

"Ihr Name war Sally Lockhart; innerhalb der nächsten Viertelstunde sollte sie einen Mann umbringen" (S. 6) – ein Satz, der düstere künftige Ereignisse erahnen lässt. Durch den frühen Tod ihrer Mutter, oblag Sallys Erziehung der Obhut ihres Vaters, einem ehemaligen Hauptmann der britischen Ostindienarmee, der wenig von einer standesgemäßen Erziehung für höhere Töchter hielt, "mit dem Ergebnis, dass ihre Kenntnisse, was englische Literatur, Französisch, Geschichte, Kunst und Musik anbetraf, gleich Null waren" (S. 18). Dafür verfügt sie jedoch – im Gegensatz zu einem Großteil ihrer Zeitgenossinnen – über fundierte Kenntnisse im Reiten, im Umgang mit Schusswaffen sowie militärischen Taktiken und Buchhaltung, was ihr im Verlauf der Handlung von großem Nutzen sein wird. Kurze Zeit nach dem ihr Vater bei einem Schiffsunglück in Ostasien starb, erhält sie einen geheimnisvollen Brief mit der ominösen Warnung "nimm dich in Acht vor den sieben Wohltaten" (S. 14). Sie fasst den Entschluss, näheres über die letzte Reise ihres Vaters und dessen Tod in Erfahrung zu bringen. Noch ahnt sie nicht, welche Auswirkungen ihre Nachforschungen haben werden: "Ohne es zu wissen, hatte sie – wenn auch nur mäßig – ein Spinnennetz erschüttert, doch die Spinne in der Mitte war davon erwacht […] Die kalten Augen der Spinne richteten sich auf London und auf Sally" (S. 23f.). Was geschah auf der letzten Reise ihres Vaters? Was hat es mit den 'Sieben Wohltaten' auf sich? Welche Ziele verfolgt die skrupellose Mrs. Holland, die sich schnell als mächtige Gegenspielerin für Sally entpuppt? Im Zentrum dieser Fragen steht die blutige Geschichte eines unermesslich wertvollen Rubins – aber in welchem Zusammenhang steht all dies zu Sallys eigener Vergangenheit und einem immer wiederkehrenden Alptraum, der sie schon seit frühsten Kindertagen plagt?

Kritik

Der Autor Philip Pullman ist durch seine Trilogie His Dark Materials (Der Goldene Kompass u.a.) (welt-)bekannt geworden, deren immenser Erfolg Pullmans sonstiges literarisches Schaffen, vor allem sein Frühwerk, überstrahlt. Wohl deshalb wird in der englischsprachigen Sekundärliteratur auf die Parallelen zwischen den Figuren Lyra, der Heldin der His Dark Materials-Trilogie und seiner früheren Schöpfung Sally Lockhart verwiesen:

After all, Lyra and Sally have much in common. […] This is all to say nothing of their extraordinary similarities in personality, such as independence, stubbornness, tenacity, resiliency, and empathy for the less fortunate. […] With the publication of The Golden Compass in 1996, one might wonder if Pullman was working on a prototype of Lyra for more than a decade, as if he decided in His Dark Materials to go back and imagine what a younger version of his heroine Sally might be like if she were living in a slightly altered time and place. The two women are classic Pullman heroines who live in worlds that are anathema to women, the poor, the uneducated, and minorities, and both heroines rise up against significant personal trauma to come to the aid of those in need. (Bobby 2012, S. 95).

Die in Der Rubin im Rauch erzählte Welt des viktorianischen Londons, durch die sich Sally bewegt, weckt starke Assoziationen zu zeitgenössischen Werken, wie etwa Charles Dickens Oliver Twist und David Copperfield: Die Beschreibungen reichen von den Straßen des wohlsituierten Bürgertums bis zu den Elendsquartieren im East End. Eine feindselige Welt für eine junge Frau ohne elterlichen Schutz. Zunächst befindet Sally sich in der Obhut einer entfernten Verwandten, Mrs. Rees, die "schon früh in ihrem Leben die Feststellung gemacht [hatte], dass die Rolle eines alten Tyrannen ihr zusagte" und Sally dementsprechend schlecht behandelt (S. 20). Aufgrund Sallys fehlender Bildung kommt für sie "selbst das bescheidene Ziel einer Erzieherin" für sie nicht infrage, eine der wenigen beruflichen Möglichkeiten für alleinstehende Frauen zu dieser Zeit (S. 22). Diese Schwierigkeiten hindern Sally jedoch nicht daran, sich mit Mrs. Rees zu überwerfen und ihr Haus zu verlassen, obgleich es "[i]m England des Jahres 1872 […] für eine junge Dame wenig Möglichkeiten [gab] auszugehen, sich irgendwo hinzusetzen und vielleicht eine Tasse Tee zu trinken" (S. 82).

Aufgrund dieser Umstände ist die Einzelgängerin Sally auf die Hilfe ihr wohlgesonnener Menschen angewiesen: Ihre neuen Freunde, der junge Fotograf Frederick und dessen Schwester Rosa geben ihr Obdach und helfen ihr, ebenso wie der Botenjunge Jim, bei ihren Ermittlungen.

Indem Sally und ihre Freunde der Spur des Rubins folgen, entspinnt sich zunehmend eine Kriminalgeschichte, in der Motive, die aus Arthur Connan Doyles Sherlock Holmes-Abenteuern bekannt sind, mit neueren literarischen und filmischen Elementen kombiniert werden (vgl. Beckett 2009), wobei die Referenzen zu Doyles Holmes-Geschichten nicht von ungefähr kommen:

Always a fan of Arthur Conan Doyle's great detective Sherlock Holmes, he [Philip Pullman] set out to write a similary exciting crime story of the type that the children he had be teaching would really enjoy (Tucker 2007, S. 29).

Neben Doyles Geschichten muss auch die Rolle der Penny Dreadfuls Beachtung finden, jener Heftromane, die im England des späten neunzehnten Jahrhunderts immense Popularität genossen. Teile von Pullmanns Werk können als Hommage an die Penny Dreadfuls gelesen werden (vgl. Bobby, 2012, S. 74). Vor allem Jim bezieht sich immer wieder auf diese Groschenromane, die einen erheblichen Einfluss auf seine Weltsicht, sein Denken und Tun aufweisen. Er ist begierig darauf Sally zu helfen, um so die von ihm konsumierten Abenteuergeschichten in der Realität nachspielen zu können. Außerdem ist bemerkenswert, dass die Elemente 'klassischer' Detektivgeschichten in Kontext zu politischen und sozialen Problemen gesetzt werden (vgl. ebd., S. 111):

Evil is still represented by outsize villains, but also by injustices and social poverty (Tucker 2007, S. 31).

Dabei steht die Sozialkritik in engem Zusammenhang zu historischen und politischen Ereignissen insbesondere den Opiumkriegen und dem von offizieller Seite tolerierten Opiumhandel:

"Meistens sind diese Opiumhöhlen scheußlich […]"
"Warum greift da die Regierung nicht ein?"
"Weil die Regierung das Zeug selbst anbaut und verkauft und ‘n ganz schönen Gewinn damit macht."
"Das kann doch nicht sein"
"Weißt du eigentlich nichts von Geschichte?"
"Nein – nicht viel!"
"Wir haben vor dreißig Jahren einen Krieg wegen Opium geführt. […] In Indien wird es unter Aufsicht der Regierung angebaut" (S. 109f.).

Das Opium nimmt im Verlauf der Handlung eine zentrale Stellung ein: Bedwell, ein Matrose vom Schiff ihres Vaters der wichtige Informationen für Sally hat, befindet sich "im Banne des Opiums" (S. 52), indem er von der bösen Mrs. Holland mit Hilfe der Droge gefangen gehalten wird. Gleichzeitig dient der Rauch des Opiums dazu, Sallys verdrängte frühkindliche Erinnerungen zu wecken, die bei der Lösung des Rätsels um den Rubin von entscheidender Bedeutung sind.

Außerdem wird die in der Handlung inhärente Sozialkritik vor allem hinsichtlich der behandelten weiblichen Rollenvorstellungen sichtbar: Sally muss sich als junge Frau in einer Gesellschaft durchsetzen, in der sie stark marginalisiert wird und sie zahlreichen sozialen Beschränkungen unterworfen ist (vgl. Beckett, 2009). Nichtsdestotrotz versucht sie, sich ihre Unabhängigkeit zu bewahren, was jedoch, trotz ihrer Voraussetzungen aufgrund ihrer unkonventionellen Fähigkeiten, das Ergebnis eines Lernprozesses ist. Frederik und Rosas Einfluss auf Sallys emotionale Entwicklung ist hierbei von zentraler Bedeutung. Sie fragt sich, worin sich die beiden von anderen Menschen unterscheiden und findet schließlich die Antwort: Sie behandeln Sally "nicht als kleines Mädchen. Wir sind alle ebenbürtig. Das ist so eigenartig" (S. 96). Vor allem ihr neuer Freund Frederik stärkt ihr Selbstbewusstsein, etwa indem er ihr die Angst nimmt, als herrisch wahrgenommen zu werden (vgl. S. 118ff). Er verdeutlicht ihr, sie dürfe keine Schuldgefühle haben, wenn sie Verantwortung für sich und andere übernimmt und gibt ihr den Rat, ihre Fähigkeiten entsprechend einzusetzen: "Wenn du’s gut kannst, musst du's auch machen" (S. 123). Die innere Entwicklung Sallys und ihr Umgang mit äußeren Widerständen lassen sie durchaus als feministische Figur ("feminist heroine"; Bobby, 2012, S. 110) erscheinen.

Fazit

Dem Autor Philip Pullman gelingt es, eine Kriminalgeschichte zu konstruieren, die stellenweise durchaus düster anmutet und im Vergleich zu anderen Jugendkrimis recht brutal ist, was jedoch immer wieder durch humoristische Episoden und gemütliche häusliche Szenen durchbrochen wird. Insgesamt kann Der Rubin im Rauch so für Kinder ab vierzehn Jahren ein kurzweiliges und spannendes Lesevergnügen darstellen, wobei auch erwachsene Fans 'viktorianischer' Krimis, wie etwa der von Anne Perry und Ann Granger, auf ihre Kosten kommen.

Literatur

  • Beckett, Sandra: Crossover Fiction: Global and Historical Perspectives. Children’s Literature and Culture. Hrsg. von Jack Zipes. New York/London: Routledge 2009.
  • Bobby, Susan Redington: Beyond His Dark Materials: Innocence and Experience in the Fiction of Philip Pullman. Jefferson, North Carolina: McFarland & Company, 2012.
  • Tucker, Nicholas: Darkness Visible: Philip Pullman and His Dark Materials. London: Icon Books 2007.

Erstveröffentlichung: 12.09.2018


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