von Dr. Andreas Wicke

Einen literarischen Geburtsvorbereitungskurs für werdende Väter bietet Finn-Ole Heinrich in Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes, zumindest auf den ersten Blick. Dass Kinder es mit ihren Eltern nicht leicht haben, ist im Kinderbuch nichts Ungewöhnliches, dass aber werdende Väter Angst haben vor ihrer neuen Rolle, zeigt dieses Bekenntnis eines Vaters an sein Kind. Ob der Besuch im Wald, ein Survival-Training beim Reuber, da wirklich hilft? Und ob ein Reuberroman wirklich ohne ä auskommt?

 

Heinrich, Finn-Ole: Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes.
Ein Reuberroman.
Illustriert von Rán Flygenring.
mairisch, Hamburg 2018.
184 Seiten. 20,00 €.
ISBN 978-3-938539-51-4.
Empfohlen ab 8 Jahren.

 

Inhalt

Als Vater muss man mehr sein als "Bürger und Steuerzahler", als "Humanist und Vegetarier" (S. 164). Zivilisation hin oder her, ein Vater braucht Mut und Abenteuerlust. So sieht es zumindest der Ich-Erzähler, der aus lauter Angst vor seinen neuen Aufgaben abgehauen ist und dadurch die Geburt des eigenen Kindes verpasst hat. Er ist in den Wald geflohen und hat sich dem Reuber angeschlossen, um von ihm das zu lernen, was der "Herr Künschtler", das "Schwachbrot" oder "Schwabbelbärchen" (S. 12) – so zumindest nennt ihn sein Schwiegervater – bislang nicht konnte. Man muss ein Kind ernähren und immer für es da sein, am besten, man kann auch brüllen, Feuer machen und ganze Tiere darauf grillen. Als der Vater dann aus dem Wald zurückkommt, verfasst er eine Art Beichtbrief und erzählt von seinen Ängsten, aber auch den Abenteuern mit dem Reuber: "Leider darf ich dich nicht sehen, Krümelchen. Also: sehen schon, aber nur aus der Ferne. Sie lassen mich noch nicht ins Haus, sie geben mir keinen Schlüssel und ich darf dich noch nicht auf dem Arm halten. So ist die Lage. […] Ich habe Zeit, an diesem Buch für dich zu schreiben und mich selber zu sortieren" (S. 16).

 

 

Kritik

Väter haben es nicht leicht im Kinderbuch. Entweder sie sind abwesend oder aber unsympathisch, streng, unnahbar und sowieso schuld an jeglicher Misere, spätestens mit den 68ern haben sie den letzten Rest an Autorität eingebüßt. Auch im Œuvre Finn-Ole Heinrichs gibt es kaum positive Vaterfiguren: Maulina (Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt) nennt ihren Vater nur "den Mann", Frerks Vater (Frerk, du Zwerg!) ist ein unsicherer, wortkarger Spießbürger und in Räuberhände ist Samuels unbekannter Vater die große Leerstelle und Projektionsfläche. In seinem neuesten Roman wechselt Heinrich die Perspektive, der Vater ist hier die Hauptfigur, er erzählt die Geschichte aus seiner Sicht – und er erzählt sie nicht den Leserinnen und Lesern, sondern Krümelchen, seinem Kind, das er im Text durchgehend mit 'du' anspricht.

"Wenn man Vater wird, hat man keine Ahnung, was auf einen zukommt. Vater zu werden, das ist wie ein Sprung in die See. Genauer, es ist wie ein Sprung von Bord, in der Hoffnung, dass sich unter einem ein Meer befindet", schreibt Robert Habeck, mittlerweile Bundesvorsitzender der Grünen, 2008 in seinem Buch Verwirrte Väter. "Man kann 1.000 schlaue Ratgeber lesen, wenn man sein Kind dann im Arm hält und es schreit, nützen die alle nichts", heißt es dort weiter und der Erzähler in Heinrichs Roman, der Inbegriff eines 'verwirrten Vaters', würde all das rot unterstreichen – oder vielleicht eher grün, denn schließlich findet sein "Zurück zur Natur"-Kurs ja im Wald statt. Außerdem sind seine Ängste sehr viel archaischer; es geht nicht nur um den richtigen Umgang mit Kindern, sondern um die wirklichen Probleme des Lebens: "Wir fahren Autos, tragen Kleider, bauen Häuser, Schiffe und Computer. Aber was ist, wenn der Strom ausfällt? Wenn die Erde bebt? Wenn ein Tsunami kommt oder Aliens angreifen? Dann musst du wissen, was zu tun ist, jedenfalls, wenn du Kinder hast" (S. 26).

Von Krümelchens Vater ist man immer wieder ergriffen, weil er angesichts seiner neuen Aufgabe ebenso redlich wie naiv über grundsätzliche Fragen des Menschseins nachdenkt und dabei von hehren moralischen Ansprüchen getrieben ist. Andererseits möchte man ihn aber schütteln und zur Vernunft bringen, denn seine Rollenvorstellung mutet doch allzu traditionell und überzogen an: "Der Mann muss hinaus / Ins feindliche Leben, / Muss wirken und streben", schreibt Schiller 1799 in seinem Lied von der Glocke und in der Reise zum Mittelpunkt des Waldes finden sich durchaus ähnliche Männlichkeits- respektive Vaterschaftsutopien: Kinder muss man "in Sicherheit bringen und vor Gefahr beschützen, das ist deine Aufgabe. Du musst Wasser für sie finden, Feuer machen können, du musst wissen, wie man sich durchschlägt" (S. 26).

Stellenweise schießt die – natürlich auch mit Komik spielende – Archaik dabei jedoch heftig übers Ziel hinaus. Als zwei Frauen sich in den Wald verirrt haben, übergibt der Reuber dem Erzähler das Kommando; der springt, schreit – und ist begeistert von seiner Wirkung: Die Frauen halten ihn für den echten Reuber, erstarren vor Furcht und bitten um Gnade. "Sie zitterten vor Angst. Angst vor mir", resümiert er stolz. "Es ist unfassbar. Mein ganzes Leben bestand daraus, Konflikte zu vermeiden, mich freundlich und höflich zu zeigen, Probleme zu umschiffen" (S. 150). Und plötzlich hat sein patriarchaler Männlichkeitswahn einen nie dagewesenen – aber eben auch höchst zweifelhaften – Erfolg. Wenn man allerdings meint, man hätte damit einen soliden Kritikpunkt gefunden, wird der im Romantext gleich wieder relativiert: "Natürlich ist das altmodisch, aber so bin ich nun mal, ein stellenweise altmodischer Mensch. Wer, bitte schön, ist nicht stellenweise altmodisch? Ich mag Feuer, ich mag es, gut vorbereitet zu sein, ich mag Fruchtgummi und ich möchte meine Familie beschützen können" (S. 179).

Die Opposition von Natur und Kultur, von wilder Ursprünglichkeit und zivilisatorischem Überdruss wird im Roman auch sprachlich realisiert. Immer wieder versucht der Ich-Erzähler, den Reuber mit intellektuellem Geschwafel zu beeindrucken, etwa wenn er darauf hinweist, dass dessen "Lebensweise […] von großem Wert für die Menschheit" (S. 83) sei, aber damit kann er dem Reuber nicht imponieren: "Dulabers ohnende, ne?" (S. 84). Außerdem lautet die Reuber-Regel Nummer vier: "Im Wald hat einer immer recht. Und du bist es nicht" (S. 81). Doch nicht nur der Reuber hat eine ganz eigene Sprache, die der Erzähler als "Klaviatur des Grüllens und Gnurchens" (S. 70) bezeichnet. Auch im Sprechen über den Reuber bedarf es individueller Inquit-Formeln, die über das gängige lexikalische Repertoire weit hinausgehen. Der Erzähler lässt den Reuber nicht nur 'grüllen', sondern auch 'muffen' (S. 62), 'klörren' (S. 63), 'snörren' (S. 131), 'gnöllen' (S. 132), 'grumpfeln' (S. 137), 'kwottsen' (S. 140), 'snubbern' (S. 141) und 'rölpern' (S. 163).

Nach dem Besuch beim Reuber kehrt der Vater voller Stolz und gleichsam geläutert zurück: "Dein Vater hat ein Abenteuer erlebt, vielleicht eines der letzten großen Abenteuer dieser längst zu Ende entdeckten, auskartografierten, entabenteuerten Welt" (S. 19). Es ist die klassische Kritik der Moderne, die etwa Max Weber in seinem Diktum von der "Entzauberung der Welt" formuliert, die aber genauso auch die Autoren der Romantik umgetrieben hat. Der angehende Vater in der Reise zum Mittelpunkt des Waldes lebt in einer Welt der Sekundärerfahrungen, könnte man aus pädagogischer Perspektive diagnostizieren. Die ursprünglichen Erlebnisse im Wald ziehen ihn magisch an, stellen ihn aber auch vor unlösbare Probleme, schließlich lebt er in einer hoch zivilisierten und hoch technisierten Welt. Wenn er Pilze sammelt, tut er dies so, wie er es "in einer Pilzsammlerreportage im nächtlichen Regionalfernsehen gesehen" hat. "Das würde eine herrliche Pilzpfanne geben, hätte ich eine Pfanne gehabt, etwas Butter, eine Zwiebel und, ja, Feuer" (S. 92).

Und schnell wird klar, dass es gar nicht um fehlende Vaterschaftskompetenzen geht, sondern eine viel allgemeinere Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, nach dem Mythos, nach dem ganz Anderen – oder nach der eigenen Kindheit. Und der Reuber zeigt dem angehenden Vater, was von Anfang an in ihm steckte: "Duhassas geschaff", sagt er mit psychologischem Aplomb: "Hassu nich gewussne, dassudas kanns? " (S. 163). Die eigentliche Therapie besteht also nicht im Feuermachen und Tiereschlachten und Angsteinjagen, sondern im Abstand von der vertrauten Welt und im neuen Blick auf die eigene Person: "Hieoben leersen Koppaus" (S. 113), lautet die Devise.

Der Besuch im Wald scheint eine kathartische Wirkung zu haben, die den jungen Vater nicht nur für seine neue Rolle befähigt, sondern ihn auch seine eigene Kindheit überwinden lässt. Er kennt seinen leiblichen Vater nicht und hat als Kind in jedem Mann einen potentiellen Vater gesehen, sich also ein Vaterbild konstruiert. "Ich weiß nicht so richtig, was das eigentlich bedeutet, einen Vater zu haben" (S. 102), bekennt er. Und immer wieder gibt es Andeutungen, die darauf hinweisen, dass der Reuber sein Vater ist: er hat an der gleichen Stelle ein Muttermal, ganz ähnliche Füße und er hört dem Waldbesucher erst dann richtig zu, als dieser von seiner vaterlosen Kindheit berichtet. Aber all das wird nicht ausgesprochen, nicht konkretisiert, es bleibt eine Ahnung, die metaphorischen Charakter hat und zu psychologischen Spekulationen herausfordert. Endgültige Antworten gibt es nicht, Vaterschaft bleibt ein Mysterium, ein Konstrukt: "Bin ein Vater geworden, wie ich ihn mir als Kind aus Büchern und Filmen zusammengebaut habe: Winnetou und Robinson Crusoe, gemischt mit Robin Hood. Ein bisschen Mogli, bisschen Streicher, Typ Waldläufer. Prise Nehberg, ein Hauch Reinhold Messner. So habe ich mir einen Vater immer vorgestellt" (S. 18).

Der erzählende Vater ist kein Naturwissenschaftler, kein Forscher, wie die Titel-Anspielung auf Daniel Defoes Die Reise zum Mittelpunkt der Erde vermuten lässt und wie es der Waldbesucher in Heinrichs gleichnamigem Theatertext (UA 2015) noch ist, aber der Reuber ist ja auch kein Räuber. Mit jenen Räubergeschichten, die wir kennen, von Vulpius' Rinaldo Rinaldini bis zu Preußlers Räuber Hotzenplotz, hat dieser Reuber nichts zu tun. Er "ist nicht die Hauptfigur in einer Kasperle-Geschichte, er ist kein dödeliger Gauner, der alten Damen Kaffeemühlen stibitzt", sondern "ein evolutionärer Sonderfall" (S. 50), der sich natürlich nicht im Rahmen einer normierten Rechtschreibung bewegt, er braucht kein ä, er ist ein orthographischer Anarchist. Was er braucht, ist nur der Wald: Er "lebt im Wald, vom Wald, für den Wald, der Reuber ist ein Teil des Waldes und der Wald ist ein Teil des Reubers" (S. 50).

Fazit

Ein ungewöhnliches Buch. Bislang standen die unbedingte Perspektive des Kindes und das Spiel mit Extremen im Vordergrund von Finn-Ole Heinrichs Romanen, seine Texte waren gleichzeitig superwitzig und todtraurig, seine Kinderfiguren radikal in ihrer Sprache und ihren Handlungen. In Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes ist der Ton sehr viel leiser, vorsichtiger, gefühlvoller, manchmal auch sentimental. Kinder sind sicher erstaunt über die Ehrlichkeit, mit der ein Vater hier von seinen Gefühlen, seinem Anspruch an sich selbst, seinen Versagensängsten erzählt, vielleicht auch darüber, dass es so etwas wie Rollenunsicherheit bei Erwachsenen überhaupt gibt. Eine tolle Tradition seit Frerk, du Zwerg! und Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt wird allerdings weitergeführt, die kongeniale Zusammenarbeit mit Rán Flygenring, die weit mehr ist als eine Illustratorin. In grün und schwarz spielt sie mit dem Text und ironisiert ihn, ergänzt lebenswichtige Tutorials und formuliert unumstößliche Reuberregeln. Der Verlag preist das Buch als "Vorlese-Reuberroman für Töchter, Söhne, Mütter und Väter – und für alle, die mal eines davon werden wollen", an und empfiehlt es Kindern ab 8 Jahren – und ihren Eltern.

 

Erstveröffentlichung 20.09.2018


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