von Gerd Klingeberg

Als die deutsche Armee im Zweiten Weltkrieg gegen Russland vorrückt, sollen zumindest die Kinder der Stadt Leningrad mit Zügen aus der Gefahrenzone gebracht werden. Die Zwillinge Viktor und Nadja werden bei dieser Aktion bereits im chaotisch überfüllten Bahnhof auseinandergerissen. Aber Viktor, den es bis nach Sibirien verschlägt, hatte seinen Eltern hoch und heilig versprochen, immer auf seine Schwester aufzupassen. Und so macht er sich ungeachtet aller Widrigkeiten auf die verzweifelte Suche nach Nadja. Ein lebensgefährliches Abenteuer; denn die Deutschen haben Leningrad belagert, Nahrungsmittel sind kaum noch vorhanden. Zudem machen auch Schnee und Eis jedes Vorankommen nahezu unmöglich. Aber Viktor ist keineswegs gewillt aufzugeben…

Morosinotto, Davide: Verloren in Eis und Schnee – Die unglaubliche Geschichte der Geschwister Danilow
Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi
Thienemann Verlag, Stuttgart 2018.
436 Seiten. 18,00 €
ISBN 978-3-522-20251-0.
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

Im Sommer 1941 erfahren die 13-jährigen Zwillinge Viktor und Nadja Danilow von ihren Eltern, dass deutsche Armeeverbände gegen ihre Heimatstadt Leningrad anrücken. Das Bürgerkomitee habe daher beschlossen, mittels Zügen alle Minderjährigen rechtzeitig aus der Stadt zu evakuieren. Unglücklicherweise werden die Geschwister zwei unterschiedlichen Zügen zugewiesen. Und so geht es für Viktor mit einer ungemein anstrengenden Reise weit nach Osten bis nach Kasan in der Republik Tatarstan. Dort werden sämtliche Kinder für die harte Arbeit in einer Kolchose eingeteilt. Der Zug, in dem sich Nadja befindet, bleibt indes kaum einhundert Kilometer östlich von Leningrad nicht weit vom Ladogasee tagelang stehen und fängt unvermutet Feuer. Alle Kinder können sich retten und werden schließlich in die kleine Ortschaft Schlüsselburg am Ufer des Ladogasees verfrachtet.

Viktor ist nach kurzer Zeit mit etlichen anderen Kindern trotz strenger Bewachung aus der Kolchose geflüchtet. Er will unbedingt seine Schwester wiederfinden. Zwar geht die Information, dass bei dem Brand des Zuges alle Kinder umgekommen sein, aber er spürt einfach, dass Nadja noch am Leben ist. Als blinde Passagiere kommen er und sein kleiner Trupp unter katastrophalen Bedingungen per Armeezug bis Moskau; dort geraten sie beim Versuch weiterzureisen aber versehentlich in einen Gefangenentransport. Im Gulag angekommen, erleben sie Brutalität und menschenunwürdige Zustände, doch wider Erwarten gelingt ihnen die Flucht durch einen Tunnel. Es wird eine lange, zermürbende Odyssee durch den beginnenden Winter, durch Schlamm, bittere Kälte, Schnee und Dunkelheit. Die kleine, ganz auf sich selbst gestellte Gruppe leidet erbärmlich unter Hunger und Durst und wird dadurch, aber auch durch andere Kriegseinwirkungen dezimiert. 
Nadja geht es kaum besser. Um einem Angriff der vorgerückten Deutschen zu entfliehen, verschanzt sie sich mit weiteren Personen gerade noch rechtzeitig auf einer nahe gelegenen alten Inselfestung. Dort sind sie zwar leidlich sicher vor andauerndem Beschuss der Deutschen, aber auch dort herrschen Hunger, Durst und Kälte.

Doch selbst wenn alles dagegen zu sprechen scheint: die beiden Zwillingsgeschwister sind absolut überzeugt davon, dass sie sich bald wiedersehen werden…

Kritik

Die Geschehnisse seines neuen Romans hat Morosinotto erneut, wie schon in der Missisippi-Bande, in einen gut recherchierten historischen Kontext gestellt. Aus der sehr persönlich gehaltenen Sicht der beiden Ich-Erzähler, der Zwillinge Viktor und Nadja, werden vielfältige Geschehnisse während des Kriegsjahres 1941 berichtet. Dies geschieht mittels Tagebucheintragungen, die von beiden in spiralgebundenen Heften aufgeschrieben wurden. Die Deckblätter der Hefte sind im Buch realistisch dargestellt, zudem illustrieren originale alte Fotos und Landkarten sowie fiktive Zeitungsausschnitte den Text. Um den Lesenden die schnelle Einordnung der jeweilig berichtenden Person zu erleichtern, ist der Druck zweifarbig gehalten: rot für Viktors Notizen, schwarz für Nadjas Aufzeichnungen. Die (gewiss nicht nur für die gelungene deutsche Übersetzung geltende) altersgerechte, sehr eingängige Sprache der beiden knapp 14-Jährigen ermöglicht dabei trotz eines gänzlich anderen Lebensumfelds eine unmittelbare Identifikation heutiger junger Leserinnen und Leser mit den Protagonisten.

Als dritte, quasi offiziell kommentierende Person tritt ein Oberst namens Waleri Gawrilowitsch Smirnow vom Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten in Erscheinung mit randständigen juristischen Kommentaren, deren Sinn sich spätestens in seinem Schlussurteil erschließt: "Ich erkenne eine Lüge, wenn ich sie höre oder lese, aber bei diesem Heft habe ich das Gefühl, dass es die Wahrheit enthält." (S. 318). So die Erklärung, die der Oberst zu Nadjas Bericht abgibt. Und das kann als exemplarisch für das ganze Buch gelten:

Gewiss, die Geschichte ist Fiktion, aber sie nimmt (ungeachtet einiger Leerstellen) mit ihrer ausnehmend lebensnahen Schilderung den Leser geradezu mit hinein in eine Zeit größter Widrigkeiten und Unsicherheiten, die heutzutage behüteten und in Wohlstand lebenden Heranwachsenden – vor allem solchen mit Helikopter-Eltern – nahezu unvorstellbar erscheinen dürften. Morosinotto scheut sich nicht, auch solch schlimme Grausamkeiten wie zigfaches Sterben durch Kriegseinwirkung (auch Hinrichtungen), Verhungern oder Erfrieren oder unmenschliches Verhalten wie Folter und Kannibalismus zu thematisieren. Seine Stärke liegt indes darin, dies alles zwar mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und Lockerheit, aber nichtsdestotrotz sehr ernsthaft anzusprechen und dabei die jeweiligen Ausnahmesituationen wie auch die daraus entstehenden psychischen Belastungen gebührend in Betracht zu ziehen. "Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals etwas so Schreckliches schreiben würde" (S. 156) erwähnt Nadja, die kurzzeitig als Hilfskraft in einem Lazarett mitarbeitet und es als "Glück" empfindet, als die furchtbaren Schreie eines Sterbenden durch dessen Tod endlich ein Ende finden. Das ist "harter Tobak", zeigt indes auch, wie Kinder sich ohne den Schutz Erwachsener behaupten müssen – und dies auch erfolgreich tun! - und quasi im Zeitraffer erwachsen werden. Aber Morosinotto schildert das Leben unter Kriegsbedingungen ganz realistisch, nicht nur als grausam: Er lässt seine Protagonisten lachen und sich über ein bisschen Wärme oder eine Partie Schach freuen; sie erleben Zwischenmenschlichkeit in Form verlässlicher Freundschaft, aber auch Konkurrenz und Missgunst bis hin zur brutalen Prügelei um ein Stück Brot. Doch: "Untereinander zu kämpfen war keine Lösung." (S. 175) Und: "Ich dachte, dass genau das einen Krieg ausmacht: dass ganz normale Menschen auf einmal schreckliche Dinge tun." (S. 288) Immer wieder nutzt der Autor im Text die Möglichkeit, ganz unverfänglich pädagogische Statements abzugeben oder das eigene Verhalten, sogar die eigene Existenz zu hinterfragen:

Viktor: "Ich wollte doch nur ein guter Bruder sein. Ein guter Pionier. Ein guter Sohn, ein guter Schüler. Ein guter Freund. Und doch ist alles, was ich tue, falsch. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht ist es überhaupt ganz falsch, auf der Welt zu sein. Und ich habe es bisher noch nicht gemerkt." (S. 181) Nadja: "Der Winter kommt und mit dem Winter kommt der Feind. Er fegt alles weg. Menschen, Gedanken, meine Welt, so wie sie war und nie wieder sein wird. Alles ist zerstört. Aber ich lebe noch. Ich werde unter der Schneedecke warten, wie die Glut, die unter einer dünnen Ascheschicht weiterglüht. Ich bin Nadja. Und ich bin hier." (S. 193)

Das sind anrührende Passagen, die die Gedanken Heranwachsender absolut ernst nehmen. Die das Buch aber auch für Erwachsene spannend machen. Denn "Im Leben ist es eben nicht wie in Büchern. Nichts läuft so, wie es eigentlich sein sollte." (S. 332)

Fazit

Verloren in Eis und Schnee ist eine packende Abenteuergeschichte, aber zugleich ein Hymnus auf Freundschaft, Mut, Verantwortung und Geschwisterliebe. Im Vordergrund steht dabei die Botschaft, niemals die Hoffnung aufzugeben, eine selbst gestellte Aufgabe zu schaffen und ein feierliches Versprechen einhalten zu können. Das Buch vermittelt einprägsam die spezifische Sicht junger Menschen auf eine schlimme Phase der jüngeren Historie, die nicht nur die damalige Generation geprägt hat, sondern zweifellos bis heute nachwirkt. Daher kann das Buch junge Leserinnen und Leser auch anregen, etwa bei den eigenen Großeltern nachzufragen, wie diese die Kriegs- und Nachkriegszeit erlebt haben. Trotz einiger durchaus schwer zu ertragender Passagen ist Morosinottos neues Werk ohne Einschränkung für interessierte Kinder ab 12 Jahren (und gleichermaßen als Erwachsenenlektüre) geeignet. In unteren und mittleren Jahrgangsstufen weiterführender Schulen könnte es durchaus auch als spannendes Anschauungsmaterial zum Thema "Zweiter Weltkrieg" im Geschichtsunterricht Verwendung finden.

 

Erstveröffentlichung: 01.10.2018


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