von Dr. Andreas Wicke

Eine turbulent-witzige Geschichte mit unglaublichen Verwicklungen und unerhörten Begebenheiten, aber auch ein sensibler Bericht aus einer prekären Familiensituation. Der Bogen ist weit gespannt: Absurde Komik steht neben drastischen Beschreibungen und poetologischen Reflexionen – Jagdleopard, Jugendamt und Thomas Mann bilden dabei eine skurrile Mischung. Kirsten Boie schreibt einen minutiös komponierten Roman, der dennoch leicht und streckenweise unbeschwert wirkt und seine Leserinnen und Leser nicht loslässt. Vielleicht ihr bestes Buch.

 

Kirsten Boie: Entführung mit Jagdleopard.
Illustriert von Susann Opel-Götz
Oetinger, Hamburg 2015.
320 Seiten. 12,99 €.
ISBN 978-3-7891-2023-7.
Empfohlen ab 10 Jahren.

 

Inhalt

"'Puuuuh!', hab ich gerufen und Fee in die Seite geboxt. 'Das war ja krass! Der lügt ja besser als Chucky und ich zusammen! Jetzt sind wir erst einmal sicher!'", hofft Jamie-Lee Wagner, deren Geschichte Entführung mit Jagdleopard erzählt und die sich – zumindest auf Seite 173, also etwa in der Mitte des Romans – sicher fühlt vor weiteren Besuchen von Frau Wiegehals, der Sozialarbeiterin vom Jugendamt. Die weiß zwar, dass die alleinerziehende Mutter von Jamie-Lee und ihrem Bruder Chucky, der eigentlich Baron Chuck heißt, wegen ihrer Alkoholexzesse ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Was sie jedoch nicht weiß, ist, dass Herr Wildeck, der freundliche ältere Herr, der sich ihr gegenüber gerade als Lebensgefährte der Großmutter ausgegeben hat, diese überhaupt nicht kennt. Er ist ein Obdachloser, dem Jamie-Lee ihre Hilfe angeboten hat, weil sein Jagdleopard Kröger krank ist. Dass dieses Raubtier im Bad versteckt wird, wurde Frau Wiegehals ebenso verschwiegen wie die Tatsache, dass das Mädchen Fee – angeblich eine Klassenkameradin Jamie-Lees – in Wirklichkeit vor ihren Milliardärs-Eltern geflohen ist und polizeilich gesucht wird. All diese unvorhergesehenen Ereignisse führen dazu, dass Jamie-Lee nicht zu jener Aufgabe kommt, die sie im ersten Kapitel so ambitioniert ankündigt: Gemeinsam mit ihrer Freundin Ebro will sie die Welt retten.

Bereits hier dürfte deutlich geworden sein, dass die Textsorte 'Inhaltsangabe' an Kirsten Boies Roman gnadenlos scheitert, denn noch wurden die 48jährige Großmutter, die alles in pink trägt und die ihren neuen Liebhaber in Polen besucht, während das Jugendamt davon ausgeht, dass sie sich um ihre minderjährigen Enkel kümmert, aber auch die 'Arschgeige', Verzeihung, die neue Frau von Fees Vater, sowie Thomas Ringer, der Dichter des fiktiven Fantasy-Romans Anschlag auf das Reich der Barra, nicht einmal erwähnt. Und auch im Falle des Jagdleoparden sind noch alle Fragen offen.

 

 

Kritik

"Er heißt nach einer berühmten Figur aus der Literatur", erklärt Herr Wildeck, als Jamie-Lee wissen will, warum sein Jagdleopard Kröger heißt. "Tonio Kröger. Begreifst du? Zerrissen zwischen zwei Welten. Das künstlerisch-südländische Tonio hier – das bürgerlich-nordische Kröger dort" (S. 88). Und auch Entführung mit Jagdleopard ist zwischen – sehr viel mehr als nur zwei – Welten zerrissen. Kurzfristig scheint die Autorin hier von der Literaturwissenschaftlerin überrumpelt zu werden. Zwar hat Kirsten Boie nicht über die Erzählungen Thomas Manns, dafür aber über die frühe Prosa Bertolt Brechts promoviert. Und sicher ist es verzeihlich, dass die knapp zehnjährige Jamie-Lee das nicht ganz nachvollziehen kann, mit der Literatur – "Literatur ist so was wie Bücher, wenn man vornehm drüber redet" (S. 88) – der klassischen Moderne ist sie nicht hinreichend vertraut und kennt das Motiv der Zerrissenheit zwischen zwei Welten eher aus Frauentausch. Damit sind die Bezugspunkte dieser herrlich chaotischen Handlung skizziert, zwischen Thomas Mann und RTL II spielt Boies Roman, der nicht nur unterschiedlichste und ungewöhnlichste Figuren zusammenbringt, auch die Handlung entwickelt Szenarien, in der sich Klimakatastrophen und Noahs Arche, Grimms Märchen und Haarfärbemittel von Aldi keineswegs ausschließen.

Die Situation der Familie Wagner kann mit Fug und Recht als prekär bezeichnet werden. Die Mutter ist schwere Alkoholikerin, hat ihren Sohn mit 16 bekommen und kennt den Vater nicht. Die Miete der Wohnung im 11. Stock zahlt das Sozialamt, der Strom wird häufig abgeschaltet, wenn die Rechnung nicht bezahlt ist, und üblicherweise gibt es zum Mittagessen Chips. Die Mutter kümmert sich nicht darum, weil sie mittags in der Regel schon so betrunken ist, dass ihre beiden Kinder sich abwechseln, den stinkenden Eimer auszuleeren, in den die Mutter erbricht. "Mama hat noch nie auf mich gewartet", resümiert Jamie-Lee, als sie ihre familiäre Situation mit der anderer Kinder vergleicht, "die weiß ja nicht mal, ob ich überhaupt da bin oder weg" (S. 65). Auch sprachlich hat Jamie-Lee genaue Vorstellungen und weiß verschiedene Stilebenen zu unterscheiden. Dass Fee sie bei ihrem ersten Treffen mit "Geh weg!" abweist, lässt diese wie aus einer anderen Welt erscheinen. Hätte Jamie-Lee sich mit den soziolinguistischen Thesen Basil Bernsteins beschäftigt, würde sie vermutlich von einem elaborierten Code sprechen und stattdessen den restringierten Code uneingeschränkt zur Normalität erheben:

Da ist mir aber wirklich der Mund offen stehen geblieben! Geh weg! Wer sagt denn so was? Jeder normale Mensch würde doch Verpiss dich! sagen oder wenigstens Hau ab!, also so was hatte ich ja überhaupt noch nie gehört! Die hat ja glatt so vornehm getan, als ob sie mindestens eine Prinzessin wäre, aber die essen natürlich keine Chips. (Glaube ich.) (S. 43)

Dass Jamie-Lee trotz der dramatischen Verhältnisse durchaus fröhlich erscheint und den Leserinnen und Lesern keineswegs deprimiert oder verzweifelt entgegentritt, scheint sich nur durch eine ausgeprägte Resilienz begründen zu lassen. Immer wieder packt sie ihr Schicksal beherzt an, interessiert sich für die unterschiedlichsten Menschen und deren Geschichten, kommentiert ihr Leben aus einer witzigen Distanz, wirkt selbständig, souverän und versagt offensichtlich auch in der Schule nicht.

Während die Handlungsentwicklung sich meist in einem Erzählton zwischen Komik und Drastik präsentiert, gibt es doch auch leise Momente: Wenn der Jagdleopard Kröger im Kreise seiner menschlichen Freunde stirbt und Jamie-Lees Mutter auf der improvisierten Beerdigung im Garten Ade nun zur guten Nacht anstimmt, scheint das Erzähltempo plötzlich zu stagnieren, sodass auch solche besinnlichen Momente ihren Platz haben. Als Fee über die Gleichgültigkeit ihrer Eltern klagt, mischt sich wiederum Jamie-Lees Mutter ein, die gerade mitten im kalten Entzug steckt; und auch ihr Kommentar klingt unerwartet nüchtern, ehrlich und völlig frei von Ironie: "'Ihre Kinder sind einer Mutter nicht gleichgültig, verdammt!', hat sie geflüstert. 'Manchmal kriegt so eine beschissene Mutter es nur einfach nicht hin'" (S. 262f.).

Dass sich auf der Basis einer solchen Problem-Disposition eine vergnügliche Handlung entwickelt, ist in der aktuellen respektive postmodernen Kinder- und Jugendliteratur nicht ungewöhnlich. Auch Andreas Steinhöfels Rico, Oskar…-Trilogie (2008ff.) oder Finn-Ole Heinrichs Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt (2013f.) bewegen sich in der Schnittmenge zwischen komischer und problemorientierter Literatur, die mit absurden Momenten und origineller Sprache jongliert. Die radikale kindliche Ich-Perspektive der genannten Romane hat daran einen nicht unerheblichen Anteil, denn die erwachsene Vernunftstimme wird hier komplett ausgeblendet. Die äußerst markanten kindlichen Heldinnen und Helden leiden zwar an ihren jeweiligen Problemen, aber sie sehen sich nicht als gesellschaftliche Versager, sondern können ihrem Alltag immer auch positive Aspekte abgewinnen.

Doch Entführung mit Jagdleopard lässt sich nicht nur als Milieustudie, sondern auch auf einer poetologischen oder metafiktionalen Ebene lesen, die Anspielung auf Thomas Manns Tonio Kröger (1903) mag diese Lesart legitimieren. Kirsten Boies Poetik des aktuellen Kinderromans wird zwar nicht so deutlich ausgebreitet wie jene Thomas Manns in Tonio Krögers Gespräch mit Lisaweta, dennoch kommen auch hier sehr unterschiedliche Positionen zu Wort. Für Jamie-Lee scheint Literatur zunächst keine Bedeutung zu haben, sie ahnt allerdings, warum Obdachlose lesen: "Die haben ja oft kein Handy für Spiele, da könnten sie außerdem nirgendwo den Akku aufladen, weil sie keine Wohnung haben. Also, für solche sind Bücher praktisch" (S. 80). Aber die Kinder und Herr Wildeck finden auch ein Manuskript des fiktiven Dichter Thomas Ringer, dessen Fantasy-Machwerk Anschlag auf das Reich der Barra in Ausschnitten vorgelesen wird und sich dabei schon im ersten Halbsatz literarisch disqualifiziert:

Samtene Dunkelheit fiel wie ein schweres Tuch, doch mit der außergewöhnlichen Kraft seiner Magrovisa-Augen sah Andalin, tief hinter dem bleiernen Felsen verborgen, wie die heimtückischen Barra sich jetzt vor Ruwin zu Boden warfen und ihre geheimnisvollen Rufe ausstießen. "Die Macht sei dein! Die Macht sei unser!", so glaubte er zu verstehen. (S. 273)

Wenn Herr Wildeck die Qualität dieses vor Epitheta und Stereotypen strotzenden, mit klischeehaften Gut-Böse-Oppositionen werkelnden und mit Versatzstücken aus Star Wars et al. spielenden Szenarios, in dem schon wenige Zeilen später auch Vampire auftauchen, infrage stellt, dann scheint man auch die Stimme Kirsten Boies zu vernehmen, die für eine weitgehend realistische, auf jeden Fall aber avancierte Kinderliteratur plädiert. Geradezu selbstironisch wirkt es, wenn Jamie-Lee, die selbst nichts liest, aber gern vorgelesen bekommt, von ihrer Klassenlehrerin erzählt, die einmal eine Geschichte vorlas "von einem Jungen, der ein schweres Schicksal hat, weil seine Eltern sich scheiden lassen, die hab ich aber nicht so gut gefunden wie die Märchen, die sie uns in der Zweiten immer vorgelesen hat. Es war alles so normal, normale Menschen und eine normale Welt, da brauch ich keine Geschichte, das hab ich jeden Tag selber. Ich mag Geschichten mit Prinzessinnen und wilden Biestern und Zauberern und Feen" (S. 135). Hier klingt die kindliche Kritik an jener problemorientierten Literatur an, für die auch Kirsten Boie kein ganz untypisches Beispiel ist. Entführung mit Jagdleopard entfernt sich allerdings von Texten wie Mit Kindern redet ja keiner (1990) oder Man darf mit dem Glück nicht drängelig sein (1997), weil Boie in dem 2015 erschienenen Roman die problematische Disposition skurril übersteigert wird, weil absurde Momente lustvoll gestaltet werden und weil mit Sprache, Stil und Ironie vielfältig experimentiert und gespielt wird.

Insgesamt wird das in Tonio Kröger zentrale Verhältnis zwischen Kunst und Leben auch in Entführung mit Jagdleopard parodiert. Als Herr Wildeck dem Dichter die ganze Geschichte um Jamie-Lee, Fee und den Jagdleoparden rapportiert hat, erwidert der, dass das eine "vollkommen unrealistische Geschichte" sei, worauf Jamie-Lee als Erzählerin kommentiert: "Ich hab keine Ahnung, was unrealistisch ist, aber einer, der sich Barras ausdenkt und diesen Andalin mit den Magrovisa-Augen hinter seinem bleiernen Felsen, sollte sich über unsere Erlebnisse eigentlich nicht wundern" (S. 296). Am Schluss wird der Realismus-Diskurs noch einmal ins Komische gewendet, wenn der Dichter Thomas Ringer aus Jamie-Lees Geschichte einen Roman machen will, in dem sich allerdings "Herr Wildeck unerwartet als Untoter" herausstellt und die Mutter als "verwunschene Königin aus dem Lande Esaron" (S. 332f.) erscheint. "Ja, die Literatur und das Leben", kommentiert Herr Wildeck am Ende lakonisch und man ist froh, dass man statt der Fantasy-Version Thomas Ringers den Roman Kirsten Boies gelesen hat.

Fazit

Dieser Roman – so könnte man kritikastern – ist mit viel zu vielen Themen überfrachtet und lässt seine Figuren durch eine unglaubwürdige Handlung schlittern, die in einen hochgradig utopischen Kindergeburtstag mündet. Auch eine balancierte Korrespondenz zwischen der massiven Sozialkritik und der heiteren und leichten Sprache der Ich-Erzählerin gelingt der Autorin nicht, darüber hinaus benutzt sie Wörter wie 'Scheiße' und 'Arschgeige', die nicht ins Kinderbuch gehören, und überfordert die Leserinnen und Leser mit drastischen Beschreibungen familiärer und sozialer Missstände sowie artifiziellen poetologischen und intertextuellen Verweisen.

Aber dass Kirsten Boie all das macht, ist genial, denn so entsteht ein Roman, der über 320 Seiten fesselt und der an keiner Stelle langweilig oder vorhersehbar ist. Und dieser völlig verrückte und total überdrehte Plot, der alles andere als alltäglich ist, spielt dennoch in einem Milieu, das für viele Kinder Alltag ist. Während Kirsten Boie in ihren Romanen der 80er und 90er Jahre oftmals vernünftig, kalkulierbar und nicht ohne pädagogischen Impetus mit sozialen Problemen umgeht, scheint sie hier einen neuen Weg einzuschlagen. Sie lässt den Gang der Handlung außer Kontrolle geraten, lässt die Ich-Erzählerin auch in größter Not eine ironische Distanz wahren und bringt Literatur und Leben in ein äußerst originelles Mischungsverhältnis. "Liegt Ihnen zu viel an dem, was Sie zu sagen haben, schlägt Ihr Herz zu warm dafür, so können Sie eines vollständigen Fiaskos sicher sein. Sie werden pathetisch, Sie werden sentimental, etwas Schwerfälliges, Täppisch-Ernstes, Unbeherrschtes, Unironisches, Ungewürztes, Langweiliges, Banales entsteht unter Ihren Händen, und nichts als Gleichgültigkeit bei den Leuten", lässt Thomas Mann seinen Tonio Kröger sagen – und mit ein paar literaturhistorischen Korrekturen könnte darin auch das Erfolgsrezept von Entführung mit Jagdleopard bestehen.

Wir verlosen dieses Buch: Schreiben Sie uns zur Teilnahme an der Verlosung einfach eine eMail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! mit dem Titel des Buches, Ihrem Namen und Ihrer Adresse an dem Tag, an dem wir das Buch vorstellen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Andreas Wicke und die Redaktion wünschen Ihnen viel Glück und drücken alle Daumen! 

Erstveröffentlichung: 5.12.2018


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

Dezember 2018
Mo Di Mi Do Fr Sa So
26 27 28 29 30 1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30
31 1 2 3 4 5 6