Von Gerd Klingeberg

Eine Zugfahrt ganz allein nach Berlin ist für einen knapp 10-Jährigen ein feines Abenteuer. Aber wie unangenehm, wenn einem dabei der Rucksack samt Handy, Geld und Fahrkarte geklaut wird. Findet jedenfalls Finn, der – als sei das alles noch nicht genug – auch noch vom Schaffner auf halbem Wege aus dem Zug verwiesen wird. Aber Finn lässt sich davon keineswegs entmutigen; schon allein deshalb nicht, weil sich die kesse Jola, die ihm unterwegs über den Weg läuft, als ziemlich clevere Kumpanin erweist und nie um eine pfiffige Lösung verlegen ist…

 

Muser, Martin: Kannawoniwasein! Manchmal muss man einfach verduften.
Carlsen, Hamburg 2018.
178 Seiten. 12,00 €
ISBN 978-3-551-55375-1.
Empfohlen ab 6 Jahren.

Inhalt

Der fast 10 Jahre alte Finn, dessen Eltern sich getrennt haben, muss nach einem Besuch bei seinem Vater in Neustrelitz zum ersten Mal allein per Zug zu seiner Mutter nach Berlin zurückfahren. Ein Fahrgast, der sich im Abteil neben ihn setzt, macht zwar einen etwas merkwürdigen Eindruck, verhält sich aber ganz nett. Doch nachdem dieser ziemlich bald wieder ausgestiegen ist, muss Finn mit Erschrecken feststellen, dass sein Rucksack samt Handy und Fahrkarte geklaut wurde. Der Schaffner glaubt Finn diese vertrackte Geschichte nicht und übergibt ihn kurzerhand im Bahnhof Oranienburg der Polizei. Auf dem Weg zum Revier verursacht das Polizeiauto einen Auffahrunfall. Im beteiligten Transporter sitzt die clevere Jola, die immerhin schon ein halbes Jahr älter ist als Finn. Sie überzeugt ihn davon, dass er sich mit der Polizei wohl mächtig viel Ärger einhandeln wird. Schnell entschlossen hauen beide ab und machen sich per pedes auf den Weg Richtung "Tzitti" Berlin. In einer halb verfallenen Scheune finden sie einen uralten Traktor; sie schließen ihn kurz und tuckern los. Aber das geht natürlich nicht ohne Komplikationen. Nicht nur, dass sie jetzt von der Polizei gesucht werden und sich fatalerweise der Trecker auch noch in einem Graben festfährt. Die beiden jungen Abenteurer begegnen sogar einem ausgewachsenen Wolf und kriegen zudem dicken Ärger mit einer wüst aussehenden Rockerbande. Aber schließlich, nach diversen aufregenden Erlebnissen, wird Finn seinen Rucksack doch noch zurückbekommen und samt Jola sein Reiseziel Berlin erreichen.

 

Kritik

Kannawoniwasein ist ein Kinderroman, der sich mit seinem Plot grob an Erich Kästners Emil und die Detektive anlehnt, sich auch (S. 39) direkt auf diese klassischen Titel bezieht, bei dem "...die Kinder viel schlauer waren als die Erwachsenen." (S.39) Zudem weist der Roman deutliche Parallelen zu Wolfgang Herrndorfs Tschick auf. Der nicht unbedingt auf Anhieb verständliche Buchtitel (korrekt hieße es natürlich: "Das kann ja wohl nicht wahr sein!") ist ein Zitat aus einem im Text erwähnten Dialog (S. 30). An etlichen weiteren Stellen verwendet der Autor diese oft etwas restringierte Schreibweise im Zusammenhang mit typischer "Berliner Schnauze"; das lockert den Text auf und vermittelt damit passend sprachliches Lokalkolorit.

"Der alte Mann nickt. -'Vastehe', sagt er und grinst … "Na, dann mach lieber ma hinne und vadufte janz schnell!'" (S. 138)


Szenario und Handlung werden weitgehend realitätsnah geschildert: Kinder ohne Fahrschein sind tatsächlich schon des Zuges verwiesen worden; und dass ein knapp 10-Jähriger einigermaßen sicher einen Traktor fahren kann, ist durchaus nicht ungewöhnlich.   

Die Rahmenhandlung des Buches wird auktorial im Präsens erzählt; stilistisch geschieht dies zumeist eher schlicht, aussagedirekt und gut verständlich, wirkt aber durch die witzigen Dialoge und Beschreibungen dennoch sehr lebendig.

"Sie pflücken wilde Erdbeeren, saugen Nesselblüten aus und kauen Sauerampfer von der Wiese. Papa hat Finn gezeigt, wie man die Blätter erkennt. Sie sind spitz und länglich und sie schmecken wirklich sauer. So sauer, dass Finn und Jola ihre Gesichter verziehen und Grimassen schneiden. Aber sie können noch so viel davon essen, der Hunger bleibt. 'Warum gibt es eigentlich keine Pflanze, an der Brötchen mit Butter und Kirschmarmelade wachsen?' fragt Jola." (S. 84)

Zudem finden sich viele organisch in den Text eingefügte, analeptische Episoden (zumeist im Perfekt oder Präteritum) und unzählige interessante Allgemeininformationen. Einige Problemfelder –  Gefährlichkeit von Wölfen, Einstellung gegenüber Ausländern oder Rockern, Ökologie und Vegetarismus, unreflektierter Gebrauch diskriminierender Schimpfwörter u.a. – werden auch in der Rahmenhandlung wie beiläufig, aber mit pädagogischem Feingefühl angesprochen. Menschen mit Migrationshintergrund werden im Buch differenziert, aber ohne (negative) Wertung dargestellt. So wird Mukhtar, der derzeitige Partner von Finns Mutter, als (vermutlich farbiger) Schauspieler geschildert, der explizit Wert auf korrekte deutsche Grammatik und richtige Aussprache legt. Jolas Onkel stammt hingegen aus Polen, hält sich wegen deutlich besserer Verdienstmöglichkeiten in Deutschland auf und lebt davon,  dass er alte Waschmaschinen, Kühlschränke und ähnliches mehr in Russland verscherbelt.
Dass Muser ein gutes Einfühlungsvermögen im Hinblick auf kindliche Ansichten hat, zeigt etwa die Anekdote, als Finn und Jola einem älteren, splitterfasernackten dänischen Paar auf der Landstraße gegenüberstehen; es sind FKK-Anhänger, die sogar nackt Auto fahren. Die Kinder finden diese groteske Situation kaum anstößig, sondern in erster Linie urkomisch und zum Lachen, was zudem von beiden lauthals und sehr bildhaft kommentiert wird:

"'Ziemlich komisch, wenn dabei alles immer so rumschlackert...' Finn nickt. 'Voll peinlich!' Jola fährt mit dem Traktor Schlangenlinien und ruft dazu: 'Bimmel-Pimmel, ding-dong, Bommel-Busen, schwing-schwong…!'"

Erste frühpubertär-romantische Gefühlsaufwallungen zwischen Junge und Mädchen werden ebenfalls auf einfühlsame Weise angesprochen.

"Jola wippt wieder auf ihren Fußspitzen. 'Wenn wir Erwachsene wären', sagt sie, 'dann würden wir uns jetzt… na ja, du weißt schon … küssen und so … Aber zum Glück sind wir das ja nicht ...'" (S. 161)

"'Hey, fummel mich nicht an!' kreischt Jola und gibt Finn im Scherz einen kleinen  Kinnhaken. 'Das reicht jetzt.'" (S. 162)

Absolut einig ist sich Muser mit Erich Kästner in der Botschaft, dass Kinder durchaus in der Lage sind, auch knifflige Situationen zu meistern – wenn man sie lässt! Und wenn ihnen die Erwachsenen nicht mit ihrer oft wenig kindgerechten Weltsicht oder absurden Regeln und wirklichkeitsfremden Vorschriften dazwischenfunken.

Fazit

Mit Kannawoniwasein ist Martin Muser ein überaus amüsanter Kinderroman geglückt, der mit seiner Mut machenden Einschätzung kindlicher Problemlösung den Vergleich etwa mit Kästners Emil und die Detektive nicht zu scheuen braucht. Das kindgerechte Sujet und die unkomplizierte, locker-witzige Sprache erlauben eine uneingeschränkte Lese- oder Vorleseempfehlung ab 6 Jahren. Auf die Fortsetzung der heiteren Geschichte, die Mitte 2019 erscheinen soll, darf man sehr gespannt sein.

Wir verlosen dieses Buch: Schreiben Sie uns zur Teilnahme an der Verlosung einfach eine eMail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! mit dem Titel des Buches, Ihrem Namen und Ihrer Adresse an dem Tag, an dem wir das Buch vorstellen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Gerd Klingeberg und die Redaktion wünschen Ihnen viel Glück und drücken alle Daumen!


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