Von Hadassah Stichnothe

Eine zahme Dohle, ein laufendes Haus auf Hühnerbeinen mit einer ganz eigenen Persönlichkeit und eine Großmutter, die allabendlich die Toten bei sich über die Schwelle führt, mögen zwar aufregend sein. Was aber, wenn man zwölf Jahre alt ist und sich nichts sehnlicher wünscht, als ein paar ganz normale  menschliche Freunde im eigenen Alter? Für Marinka steht fest: Niemals will sie die Nachfolge ihrer Großmutter antreten. Doch die Dinge liegen nicht so einfach, wie Marinka immer glaubte… Vor einer märchenhaften Kulisse erzählt Sophie Anderson überzeugend von den Problemen des Erwachsenwerdens.

Anderson, Sophie: Marinka. Die Reise nach Dazwischen.
Dressler, Hamburg 2017.
352 Seiten. 17,00 €
ISBN 978-3-7915-0077-5.
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

Marinka ist zwölf und lebt zusammen mit ihrer Großmutter in einem eigentümlichen Haus. Das wäre noch nicht weiter ungewöhnlich, doch das Haus ist kein gewöhnliches Haus und Marinkas Großmutter ist alles andere als eine gewöhnliche Großmutter. Sie ist eine Yaga, eine Hüterin der Pforte zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten, und ihr Haus kann sich auf Hühnerbeinen selbständig von Ort zu Ort bewegen. Jeden Abend zündet Marinka die Kerzen in den Totenschädeln an. Die Großmutter kocht und bewirtet die Toten, die nacheinander auf der Türschwelle erscheinen. Am Ende der Nacht werden sie von der Schwellenhüterin zu der Pforte gebracht und auf ihren Weg zu den Sternen weitergeschickt. Auch Marinka soll eines Tages die Aufgabe der Hüterin übernehmen. Doch die Protagonistin sträubt sich zusehends. Sie sehnt sich nach der Gesellschaft anderer Menschen und danach, die Welt auf der anderen Seite des Knochenzauns zu erkunden. Denn da die Lebenden dem geheimnisvollen Haus und seinen Bewohnern meist sehr misstrauisch gegenüber stehen, darf sich Marinka niemals allein nach draußen begeben. Ihr einziger Begleiter ist Jack, eine zahme Dohle, die ihr auf Schritt und Tritt folgt. Die geschlossene Welt von Marinka und ihrer Großmutter bekommt erste Risse, als Marinka versucht, sich mit dem Jungen Benjamin anzufreunden. Doch das Haus zieht unvermittelt weiter und Marinka bleibt nur das kleine Lamm, das dieser in ihrer Obhut gelassen hat und das sie nach dem verlorenen Freund Benji nennt. Als Marinka dem toten Mädchen Nina begegnet, bringt sie es nicht übers Herz, auch von dieser neugefundenen Freundin so bald Abschied zu nehmen. Stattdessen versteckt sie das Mädchen in ihrem Zimmer und geht mit ihr auf heimliche Streiftouren. Doch schon bald wird klar, dass Nina wie alle Toten nicht in der Welt der Lebenden verweilen kann. Sie beginnt zu verblassen und Marinka ist gezwungen, ihr die Wahrheit zu sagen. Doch noch schlimmer als das Bewusstsein, ihre Freundin verraten zu haben, sind die Folgen ihres unbedachten Handelns. Und plötzlich steht Marinka nicht nur vor den Scherben ihrer bisherigen Existenz, sondern auch vor der Frage, ob sie in der Lage ist, ihre Zukunft selbst zu gestalten.

Kritik

Sophie Anderson verwendet in ihrem fantastischen Roman die osteuropäische Märchenfigur der Baba Yaga. Im Gegensatz zu der meist als menschenfressender Hexe dargestellten Figur im Zaubermärchen, die freilich auch manchmal den Protagonistinnen unerwartet hilft, steht hier die Bezeichnung "Yaga" für eine Art von Torhüterfiguren, die die Grenze zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten bewachen. Derartige Figuren gehören bekanntlich zu den klassischen Elementen der fantastischen Literatur, aber auch des Märchens, und der Roman weist mit seinem raumzeitlich entrückten Setting und der linearen Handlung auch einige märchenhafte Merkmale auf.

Der osteuropäische Hintergrund der Baba Yaga drückt sich im Roman vor allem über kulturelle Marker wie typische Speisen und Kleidung aus. Am Ende des Buches findet sich ein Glossar der wichtigsten fremdsprachlichen Ausdrücke, allerdings ohne Hinweis auf die Herkunftssprache. Die Orte, zu denen Marinkas Haus sie trägt, werden ebenfalls durch eher vage Beschreibungen unterschiedlicher Landschaften, Kleidungsstile und Namen gekennzeichnet. Auf diese Weise werden nicht nur Handlung und Protagonistin märchenhaft entrückt. Gleichzeitig werden die Leserinnen und Leser zu einem Ratespiel um die 'richtige' Einordnung der kulturellen Referenzen eingeladen. 

Vor diesem Hintergrund entfaltet sich die Handlung, die immer wieder um grundsätzliche Fragen kreist, mit denen sich Heranwachsende konfrontiert sehen: Wie möchte ich mein Leben gestalten und welche Möglichkeiten habe ich überhaupt, das zu tun? Wie gehe ich mit dem Tod von mir nahestehenden Personen um? Wie mit meiner eigenen Sterblichkeit? Dass diese Fragen durch den Filter eines fantastischen Geschehens betrachtet werden, ändert nichts an der Aktualität, die sie für jugendliche Leserinnen und Leser haben.

Zentrale Themen des Romans sind Tod und Verlust geliebter Menschen, die von Marinka wiederholt erfahren werden. Wie sich herausstellt, ist die Tatsache, dass sie in einem Haus aufgewachsen ist, in dem Abend für Abend die Toten mit einer feierlichen Würdigung ihres Lebens ihre letzte Reise antreten, jedoch keine Vorbereitung für ihre eigene Auseinandersetzung mit dieser Problematik. Die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit ist laut Roberta Seelinger Trites eines der zentralen Momente der adoleszenten Persönlichkeitsentwicklung im Jugendroman. [1] Hier findet dieses Moment seine fantastische Steigerung in der Frage, welchen ontologischen Status die Protagonistin tatsächlich besitzt. Sophie Anderson nutzt in ihrem Debutroman gekonnt die Möglichkeiten der fantastischen Literatur, drängende Fragen der Alltagsrealität in magisch verfremdeter Weise darzustellen und dabei auch Lösungswege aufzuzeigen.

Etwas zu wünschen übrig lässt die Ausgestaltung der fantastischen Welt im Roman. So wird beispielsweise die Zusammenkunft der Yagas in recht kurzer Weise geschildert und lässt die im Bereich der Fantasy so bedeutsame Detailfreudigkeit vermissen. Im Gegensatz dazu hat Anderson jedoch mit Marinkas Haus eine höchst originelle Figur erschaffen, die immer wieder energisch in das Geschehen eingreift. Halb mütterliches Änderhaus, halb divenhafte Zauberin ist es das Haus, das die eigentlich überraschenden Wendungen herbeiführt und nach der Lektüre am lebhaftesten im Gedächtnis bleibt.

"Die Alte Yaga lehnt sich aus dem Fenster und jauchzt vor Begeisterung. 'Ich hatte ganz vergessen, wie es sich anfühlt, wenn ein Haus so schnell rennt.' Sie zieht ihren Kopf zurück und strahlt, ihre dicken Locken sind vom Wind ganz zerzaust. Neue Triebe wachsen von den Dachbalken herab, werden fester und formen schließlich eine Hängematte für sie.
'Vielen Dank, meine Liebe.'
'Meine Liebe?' Ich schaue sie fragend an.
'Natürlich.' Die Alte Yaga hüpft in die Hängematte. 'Dein Haus ist eine feine Dame.'" (S.205)

Fazit

Marinka. Die Reise nach Dazwischen ist ein unterhaltsames fantastisches Abenteuer, das sich nicht scheut, die ganz großen Themen zu verhandeln und durch die Verwendung der Baba Yaga-Figur eine eigene märchenhafte Atmosphäre vermittelt.  Eine kurzweilige Lektüre für Märchenfreunde ab zehn Jahren.

Wir verlosen dieses Buch: Schreiben Sie uns zur Teilnahme an der Verlosung einfach eine eMail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! mit dem Titel des Buches, Ihrem Namen und Ihrer Adresse an dem Tag, an dem wir das Buch vorstellen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Hadassah Stichnothe und die Redaktion wünschen Ihnen viel Glück und drücken alle Daumen!

 

 

[1] Roberta Seelinger Trites: Disturbing the Universe. Power and Repression in Adolescent Literature. Iowa City: University of Iowa Press, 2000. S. 118.


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