von Gerd Klingeberg

"Er wird ein stürmisches Leben haben, dieser François Eugène Vidocq!" soll Demoiselle Lenormand, die Hebamme der Stadt Arras, bei der Geburt des Jungen prophezeit haben. Und lag damit wahrlich richtig. Der umtriebige, immer neugierige Junge hat schon früh mit allen möglichen Gaunern und Ganoven in seiner Stadt zu tun, ist nach falschen Beschuldigungen jahrelang auf der Flucht vor der Polizei, wird unglaubliche 25-mal eingekerkert, ebenso oft entkommt er unter abenteuerlichsten Bedingungen. Und dieser Vidocq – welch eine fantastische Wendung der Geschichte! – revolutioniert die Polizeiarbeit, wird schließlich für Generationen von Detektiven, Ermittlern und Kriminalisten aller Art zum ultimativen Vorbild.

Hansen, Walter: Der Detektiv von Paris.
Ueberreuther Verlag, Berlin 2018.
288 Seiten. 14,95 €.
ISBN 978-3-7641-7081-3.
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

In der nordfranzösischen Stadt Arras, die als bekannter Treffpunkt und Unterschlupf von Spitzbuben, Strafgefangenen und Halsabschneidern einen wenig schmeichelhaften Ruf genießt, wird am 23. Juni 1775 der kleine François Eugène als Sohn des Bäckers Jean Vidocq geboren. Schon früh lernt der überdurchschnittlich kräftig gebaute Knabe, sich durchzusetzen in einer von Verbrechern geprägten Gesellschaft, in der Hinterlist, Betrug und Nepp an der Tagesordnung sind und in erster Linie das Recht des Stärkeren zählt. Aber Vidocq nutzt auch jede Gelegenheit, um Schreiben, Rechnen und verschiedene Fremdsprachen zu lernen, sich aber auch den Rotwelsch-Dialekt der Gauner und die Fechtkunst anzueignen. Oft allzu gutgläubig, wird er als 14-Jähriger von einem vermeintlich vertrauenswürdigen Freund in einen Diebstahl verwickelt und muss deshalb unverzüglich aus seinem Elternhaus fliehen. Von zwielichtigen Weggefährten unterwegs auch noch seiner letzten Habe beraubt, schlägt er sich für kurze Zeit als Affenmensch in einem Zirkus durch, verdingt sich jedoch bald unter falschem Namen als Fechtlehrer in einer Infanterietruppe und wird nach zwei Jahren sogar zum ersten bürgerlichen Leutnant der französischen Armee ernannt, während in und um Paris die Gräuel der französischen Revolution wüten.

Seine Karriere nimmt ein jähes Ende, als seine falsche Namensführung bekannt wird: Gerade erst 20 Jahre alt, erwartet ihn das Gefängnis von Lille. Doch es dauert nur ein paar Tage, dann ist Vidocq schon wieder ausgebrochen. Über lange Zeit bleibt ihm nichts anderes übrig, als immer wieder die Hilfe von Gaunern in Anspruch zu nehmen. Zwei Dutzend mal wird er zu Unrecht gefangen, eingekerkert, in Ketten geschmiedet und sogar mit dem Zeichen GAL auf der Schulter als Galeerensklave brutal gebrandmarkt. Und jedes Mal gelingt ihm unter teils abenteuerlichen Bedingungen die Flucht. Sein Versuch, in Paris ein normales Leben zu führen, wird durch Erpresser zunichte gemacht.

Aber Vidocq lässt sich nicht unterkriegen, meldet sich freiwillig bei der Polizei und unterbreitet dem verdutzten Polizeichef einen perfekt durchdachten Plan, wie mittels Kenntnis der Verbrecherstrukturen die völlig ineffizienten Sicherheitskräfte sinnvoll umorganisiert und wesentlich erfolgreicher werden können. Vidocqs Vorschlag wird dem zuständigen Minister vorgelegt – und tatsächlich angenommen; die Ergebnisse der von ihm gegründeten Kriminalpolizei "Sûreté" bei der Verbrechensbekämpfung in Paris, später auch in ganz Frankreich, sind von Beginn an überwältigend und verbessern sich stetig. Vidocqs geniales System, das im Grundsatz bis heute Bestand hat, wird schließlich weltweit auch von anderen Staaten übernommen; Amerika bekommt sein FBI, England sein Scotland Yard. Eine unglaublich spannende, aber tatsächlich wahre Geschichte über den "Vater der Kriminalistik", der als "erster Detektiv der Weltliteratur" auch unzählige Kriminalliteraten inspiriert hat. Eine Geschichte, die es verdient hat erzählt zu werden.

 

Kritik

Walter Hansens Der Detektiv von Paris wurde bereits 1980 erstmalig aufgelegt; seit Kurzem liegt das Buch in einer vollständig überarbeiteten und aktualisierten Neuauflage vor. Der Inhalt wird durch den Untertitel Das abenteuerliche Leben des François Vidocq konkretisiert. Von einer klassischen Biografie (bei der man unter anderem auch einen tabellarischen Lebenslauf erwarten würde) ist jedoch nicht die Rede. Als Reporter, Redakteur und profilierter Verfasser kulturhistorischer Sachbücher weist Hansen im Vorwort auf seine akribischen Recherchen anhand von Originalprotokollen, zeitgenössischen Zeitungsreportagen und persönlichen Aufzeichnungen des Protagonisten hin, erwähnt zudem jedoch explizit die Notwendigkeit schriftstellerischer Freiheiten, "um aus nüchternen Tatsachen einen Roman zu gestalten", bei dem dennoch nichts erfunden ist. Das wird auch verdeutlicht durch die Einbettung der spannend erzählten Lebensgeschichte in das konkrete historische Umfeld, das in Kurzfassung vor allem mit den politischen Wirren der französischen Revolution von 1789 und den turbulenten Folgejahren geschildert wird. Es ließe sich mutmaßen, wie viel literarische Freiheit sich der Autor tatsächlich genommen hat und wie sehr die historische Person Vidocq möglicherweise überhöht dargestellt und von Legenden umrankt wird; Fakt bleibt indes der höchst ungewöhnliche Lebenslauf eines Mannes, von dessen revolutionären kriminalistischen Ideen, die er vor allem auch aus seiner profunden Kenntnis des Gaunermilieus entwickelt hat, die Polizeiarbeit bis in die Gegenwart profitiert.

Hansen berichtet in der Regel sachlich und gut verständlich; reichlich Spannung ergibt sich ohnehin aus der Geschichte selbst. Obwohl das Buch gänzlich ohne Illustrationen auskommt (abgesehen vom Einband), gelingt es ihm mit wenigen beschreibenden Worten, oft auch mit straffen Dialogen in wörtlicher Rede, eine nachvollziehbar lebendige Atmosphäre zu vermitteln.

"'Es ist doch sinnlos, dass die Polizisten säbelrasselnd hinter einem flüchtenden Verbrecher herrennen oder ihn überall dort, wo er ihnen zufällig über den Weg läuft, sofort dingfest machen.' 'Ja, was soll die Polizei denn sonst machen?' 'Anders arbeiten, Herr Präsident, ganz anders arbeiten. Und zu diesem Zweck müssen die Polizisten ohne Uniform auftreten.' 'Was reden Sie da für Unsinn?' 'Die Polizisten müssen ohne Uniform arbeiten.' 'Ich verstehe Sie nicht. Ohne Uniform?'
'Na, in Zivil.'
'In Zivil?' Der Polizeipräsident verzog das Gesicht, als hätte er sich an diesem Wort einen Zahn ausgebissen." (S. 180, 181)

Fremdsprachliche Begriffe, aber beispielsweise auch kurze Unterhaltungen in der Gaunersprache Rotwelsch (dem französischen Argot) werden jeweils unmittelbar im Text verständlich gemacht:

"Vidocq setzte sich an einen Tisch und rief in reinstem Rotwelsch: 'He, Kritschimari, ein Gehlchen Schnauzfunkel, aber dalli! - He Wirt, ein Gläschen Rotwein, aber schnell!' Der Wirt wankte, ein Glas Rotwein in der Hand, auf den Uniformierten zu und starrte ihn lange an. 'Vidocq...', murmelte er dann, 'Vidocq... wie kannst du einen so rohen Scherz mit mir treiben?'" (S. 113)

Im zweiten Teil des Buches geht Hansen anhand einiger episodischer Berichte detailliert auf die damals revolutionär neuen Methoden zur Überführung von Dieben und Mördern ein. Etwa auf die Forderung Vidoqcs, die Kriminalpolizisten ohne Uniformierung arbeiten zu lassen, sich vielmehr unauffällig oder sogar lumpig zu kleiden, damit sie nicht schon von Weitem erkennbar seien. Oder auf die penible Untersuchung von Tatorten sowie die Beschattung und Unterwanderung von Straftätern, um Geständnisse und Verurteilungen mittels handfester Beweise zu erwirken, anstatt wie zuvor lediglich auf bösartige Denunziationen zu reagieren. Oder dadurch, sich in die Psyche und Gedankenwelt eines Verbrechers hineinzudenken, dessen spezifische Arbeitsweise zu erkennen, daraus folgend Schlüsse auf geplante Straftaten zu ziehen und diese möglichst schon im Vorfeld zu vereiteln.

Damit verdeutlicht der Autor eine auch für junge Leserinnen und Leser gut nachvollziehbare Verbindung zu entsprechend bekannten Techniken und Handlungsweisen, wie sie aus der Kriminalliteratur oder Filmen dieses Genres bekannt sind. Dass man ganz nebenbei auch noch etwas über die genaue Bedeutung von Gaunerzinken, über die Volksfeststimmung bei einer Reihenhinrichtung mittels Guillotine oder die Einteilung in verschiedene, von Vidoqc wie in einem biologischen Linné-System spezifiziert agierende Verbrechergruppen (Floueurs: Taschendiebe, Boucardiers: Kaufhausdiebe, Detourneurs: Trickdiebe, Rouletiers, die fahrende Kutschen berauben, und viele andere) erfährt, macht das Lesen ebenfalls interessant. Auch manches aus dem Privatleben seines Helden, etwa dessen inniges Verhältnis zu seiner Mutter oder seine in die Brüche gegangenen Ehen, hat Hansen in der umfassenden und ausführlich recherchierten Darstellung Vidocqs nicht verschwiegen.

Fazit

Der Detektiv von Paris ist eine gelungene Mischung aus Sachbuch und Erzählliteratur. Junge Lesende, die Kinder- und Jugendkrimis wie beispielsweise Kalle Blomquist, Emil und die Detektive oder Tom Sawyer kennen, bekommen damit spannende und unterhaltsame Informationen über die Ursprünge dieses literarischen Genres, aber auch über die Arbeit eines Detektivs oder Kriminalisten, die ungeachtet unzähliger moderner Erkenntnisse in ihrer Grundstruktur nahezu unverändert geblieben ist. Zumindest für sehr interessierte junge Leserinnen und Leser kann das Buch bereits ab 10 Jahren empfohlen werden, auch wenn dabei einige Details möglicherweise noch nicht gänzlich verstanden werden. Es bietet aufgrund der vielen gesammelten Fakten auch für krimi-erfahrene erwachsene Lesende manches Neue. Und es wäre sogar für den Mittelstufen-Geschichtsunterricht geeignet: als zwar unkonventioneller, aber zweifellos motivierender Einstieg in die Zeitumstände der Französischen Revolution.

 

Erstveröffentlichung: 08.02.2019


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