Drucken

von Kirsten Kumschlies

Aus aktuellem Anlass erscheinen derzeit viele Bücher über das Thema Flucht und Migration auf dem kinder- und jugendliterarischen Markt. Auch die US-amerikanische Autorin Alyssa Hollingworth debütiert mit einem Roman, in dem sie dem einem Jungen aus Afghanistan zu Wort kommen lässt. Seine Erzählstimme schildert weniger Fluchterfahrungen als gelungene Integration. Ein für dieses Thema ungewöhnlich positiver und auch humorvoller Roman, der Mut und Hoffnung macht und zur Willkommenskultur ermutigt.

Hollingsworth, Alyssa: Einmal Pech und elfmal Glück.

Aus dem Amerikanischen von Ann Lecker.

Illustrationen von Cornelia Haas.
Loewe, Bindlach 2019.
348 Seiten. 14,95 €
ISBN 978-3-7432-0160-6.
Empfohlen ab 11 Jahren. 

Inhalt

Sami ist außer sich, als ihm in den Bostoner Straßen die Rubab seines Großvaters gestohlen wird. Das traditionelle Instrument ist der wertvollste Besitz der aus Afghanistan stammenden Familie, die vor den Taliban über Griechenland und die Türkei nach Boston in die Vereinigten Staaten geflüchtet ist. Wertvoll ist die Rubab für Sami nicht nur im materiellen Sinne, sondern vor allem auch im ideellen, er bezeichnet sie als„das Herz und unsere Vergangenheit“(S. 20) und sie verkörpert auch die Hoffnung auf die Zukunft. Sami lebt mit seinem Großvater, den er liebevoll Baba nennt, allein. Dass sie die restliche Familie im Krieg verloren haben, erschließt sich den Leserinnen und Lesern erst im Verlauf der Handlung. Diese bezieht sich vor allem auf Samis eifriges Bemühen, die Rubab zurückzubekommen. Denn: Er findet sie kurz nach dem Diebstahl in einem Pfandleihhaus wieder. Der Besitzer ist nicht bereit, Sami das Instrument wieder auszuhändigen, sondern verlangt den horrenden Preis von 700 Dollar dafür. Empört und verzweifelt setzt der Junge alles daran, das Geld aufzutreiben, um die Rubab zurückkaufen zu können. Das gelingt ihm mithilfe von trickreichen Tauschgeschäften, vor allem durch Unterstützung von neuen Freunden, die er im Laufe der Geschichte findet, mit denen er sich im Freizeitheim trifft und mit denen er Fußball spielt. Diese helfen ihm dabei, Dinge gegen wertvollere Gegenstände einzutauschen. Es beginnt mit einem Manchester-United-Schlüsselanhänger, den Sami mal von seinem Großvater bekommen hat. Diesen tauscht er gegen einen iPod ein, der leider kaputt ist, was seinem Besitzer Peter durchaus bewusst ist. Hämisch lacht er Sami aus, dass er auf den Tausch hereingefallen ist, doch er hat nicht mit der Kraft der Freundschaft gerechnet. Sami freundet sich mit Dan an, der ihn tatkräftig bei seinen Tauschgeschäften unterstützt und den iPod auch wieder reparieren kann. Und so setzten sich die Tauschgeschäfte fort und fort und werden immer lukrativer. Da werden Münzen gegen Zeitschriften und Kampfstiefel gegen Zeichenmaterial getauscht, und einmal bekommt Sami sogar Geld und wertvolle Lehrbücher, als er seine persönliche Migrationsgeschichte einem Universitätsmitarbeiter für dessen Forschungsprojekt erzählt. Alle Tauschangelegenheiten notiert Sami in einem sogenannten Tauschtagebuch, das sich durch eine andere Schrifttype vom Text absetzt. Neben Dan schließt Sami auch Freundschaft mit Layla. Sie alle verbindet das gemeinsame Fußballtraining, das im Leben der Jugendlichen einen hohen Stellenwert einnimmt. Und eins ist klar: Nicht nur beim Training sind Sami und seine amerikanischen Freunde gemeinsam stark.

 

Kritik

Die US-amerikanische Jugendbuchautorin hat mit ihrem Debütroman Einmal Pech und elfmal Glück einen sehr sensibel erzählten interkulturellen Roman vorgelegt, bei dem das Thema Freundschaft mehr im Mittelpunkt steht als die Flucht-Geschichte als solche (anders als in anderen Flucht-Romanen wie etwa 33 Bogen und ein Teehaus oder Train Kids). Die Fluchterfahrungen entfalten sich ausschließlich analeptisch in Rückblenden, was konsequent an die intern fokalisierte Erzählung angepasst ist. Hier erzählt und fühlt Sami, der mit eindringlicher, aber auch leichter und lockerer Stimme spricht und sich vor allem auf sein Erleben im amerikanischen Hier und Jetzt fokussiert. Erzählt wird somit auch die Geschichte einer gelungenen Integration, die sich auf die verbindenden Elemente von Sport stützt, aber eben auch nicht an Sprachbarrieren scheitert, weil Sami schon in Afghanistan gut Englisch gelernt hat. Trotzdem gibt es interkulturelle Spannungen und Hürden, die Sami zunächst überwinden muss, um sich auf die neuen Freunde einzulassen. Zum Beispiel hat er ein ganz anderes Konzept von Freundschaft und bekennt:

"Es überrascht mich nicht, dass in Amerika sowohl Mädchen als auch Jungs Fußball spielen, doch es erfüllt mich immer noch mit Unbehagen und Verlegenheit, dass man von mir erwartet, mit Mädchen zu spielen – es ist so ein Gefühl, wie wenn ich eine Treppenstufe verpasst hätte." (S. 66).

Es sind einige verpasste Treppenstufen, die Sami mit leichten Stolperschritten zu passieren hat, aber es lohnt sich. Mit viel Feingefühl stellt die Autorin das Innenleben des Protagonisten dar, zu dem auch das Trauma gehört, das Krieg und Flucht in ihm evoziert haben. Dieses bricht aus, als am Unabhängigkeitstag die Raketen explodieren und die Erinnerung an die traumatischen Erfahrungen des Jungen ans Tageslicht bringen. Doch auch hier sind es wieder die Freunde, die Sami helfen können. "Nach meiner Erfahrung befreien sich die Erinnerungen, die wir zu unterdrücken versuchen, irgendwann. Und dann schmerzen sie nur noch mehr," erklärt ihm Laylas Mutter. So hat Sami die reelle Chance auf ein neues Leben in Amerika, wobei ihm auch die schönen Erinnerungen an sein Heimatland bleiben, sein zu Hause 

 "aus weißem Stein und von einer hohen Mauer umgeben. Die Glassplitter oben auf der Mauer funkeln im Licht der Nachmittagssonne, glitzern strahlend blau oder manchmal gelb, wie Himmelsscherben. Violette Bougainvillea-Blüten schaukeln in einer seltenen Nachmittagsbrise" (S.12).

 Was für ein schöner Blick auf Afghanistan!

Fazit

Ein gelungener interkultureller Jugendroman, der einen gekonnten Blick ins Innere eines jungen Migranten liefert. Und: Eine positive Integrationsgeschichte, die durch die auf die Tauschgeschäfte bezogene Handlung auch viele humoristische und spannende Elemente enthält. Empfohlen sei dieses schöne jugendliterarische Debüt jugendlichen Lesern und Leserinnen ab 11 Jahren: Durch Großdruck und einfache Satzstrukturen lässt sich der Roman recht leicht lesen, konzentriert sich auf das Innenleben des Protagonisten und verzichtet auf schnelle oder spannungssteigernde Handlungselemente.