von Gerd Klingeberg

Mit Büchern wie Emil und die Detektive oder Das doppelte Lottchen gilt Erich Kästner zu Recht als einer der bedeutendsten Kinderbuchautoren des 20. Jahrhunderts. Es darf indes keinesfalls außer Acht gelassen werden, dass Kästner weit mehr war als dies. Nämlich der scharfzüngige Gesellschaftskritiker, geistreiche Satiriker, Lyriker und Moralist, ein einfühlender und sprachgewandter Dichter, der sich zeitlebens kritisch mit den Menschen und Verhältnissen seines Umfelds, unter anderem auch mit Ursachen und Folgen zweier selbst erlebter Weltkriege auseinandergesetzt hat. Viele seiner Aussagen sind uneingeschränkt auch heute noch – 45 Jahre nach seinem Tod anno 1974 – nicht minder aktuell und so bedeutungsvoll wie damals. Und es lohnt sich daher, sich mit seinem ungewöhnlich spannenden Lebenslauf näher zu befassen...

Kordon, Klaus: Die Zeit ist kaputt. Die Lebensgeschichte des Erich Kästner.
Gulliver in der Verlagsgruppe Beltz, Weinheim 2019.
312 Seiten. 9,95 €.
ISBN 978-3-407-75796-8.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Am 23. Februar 1899 kommt Erich Kästner in einer Mansardenwohnung im Dresdner Ortsteil Neustadt zur Welt. Seine Eltern, Mutter Ida und Vater Emil, stammen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen; dass sein leiblicher Vater der jüdische Hausarzt der Familie Sanitätsrat Dr. Zimmermann ist, bleibt bis nach Kästners Tod geheim. Mutter Ida stürzt sich wie besessen in Arbeit, um dem über alles geliebten Jungen die beste Ausbildung zu ermöglichen. Der brave Sohn dankt es ihr mit Lerneifer: In der Schule ist Erich Klassenprimus. Er wird aber nicht, wie zunächst vorgesehen, eine Laufbahn als Volksschullehrer einschlagen, da ihm schon recht bald auffällt, dass er den vorherrschenden autoritären Erziehungsstil nicht befürworten kann. Stattdessen wird Erich, den es schon bald in die große Metropole Berlin verschlägt, als fähiger Journalist, Kolumnenschreiber und Lyriker bekannt, stößt aber auch mit seinen scharfsinnig-kritischen Formulierungen manchen vor den Kopf. Von der Verlegerin Edith Jacobsohn wird er 1928 gefragt, ob er nicht mal ein Kinderbuch schreiben wolle. Es entsteht Emil und die Detektive, das Buch, das Kästner auch international berühmt macht. Schon früh ahnt er die Katastrophe der Naziherrschaft voraus, wird bereits 1933 als Dichter verboten, ist im selben Jahr bei der Bücherverbrennung verfemter Autoren – auch seiner eigenen Bücher! – anwesend, aber bleibt trotz zweimaliger kurzzeitiger Verhaftung während der 12 Jahre nationalsozialistischen Terrors in Deutschland. Er schreibt sogar 1941 (unter dem Pseudonym Berthold Bürger) das Drehbuch für das gigantische Filmprojekt Münchhausen, wird in Berlin ausgebombt und erlebt das Kriegsende während fingierter Filmaufnahmen im österreichischen Mayrhofen. Seine weiteren Lebensjahre verbringt Kästner in München, ist weiterhin einer, der sich einmischt als Kabarettist, kritischer Beobachter und Analytiker im aufstrebenden Nachkriegsdeutschland. Kurioserweise wird Das doppelte Lottchen von der Mehrheit der Pädagogen in den 50er-Jahren wegen zu viel Realismus im Kinderbuch als "nicht empfehlenswert" eingestuft; Die Konferenz der Tiere erfährt weit bessere Bewertungen. Kästner wird mit diversen Literaturpreisen überhäuft und stirbt kurz nach seinem 75. Geburtstag an Speiseröhrenkrebs.

Kritik

Die Zeit ist kaputt beschreibt kenntnisreich die Vita Erich Kästners, der gewiss zu den bedeutendsten deutschen Literaten des 20. Jahrhunderts gezählt werden darf. Das jüngst in Taschenbuch-Neuauflage erschienene Buch ist akribisch recherchiert und mit Herzblut geschrieben. Obwohl nicht explizit als Jugendbuch ausgelegt, wurde es 1995 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis (Kategorie: Jugendsachbuch) ausgezeichnet; sein Autor Klaus Kordon wurde 2016 zudem als Preisträger in der Kategorie Sonderpreis Gesamtwerk gewürdigt.

Neben einer detaillierten Darstellung der Biografie Kästners legt Kordon besonderen Wert darauf, Stationen, Erlebnisse und Phasen im Leben des Schriftstellers mit dessen literarischen Ausführungen zu verknüpfen. So spiegelt sich, wie Kordon schlüssig darlegt, beispielsweise das ausgeprägt innige Verhältnis Kästners zu seiner Mutter (mit der er über Jahre täglich korrespondierte, so dass im Laufe seines Lebens viele tausend Briefe mit teils sehr persönlichen Inhalten zusammenkamen) deutlich in den Frauen- und Mutterfiguren seiner Romane, etwa in Emil und die Detektive wider.

Überhaupt identifiziert Kordon etliche real existierende Personen als direkte Vorbilder für Kästners Romanfiguren, darunter auch den Schriftsteller selbst als Emil (Kästners 2. Vorname!) bzw. Fabian, Vater Emil als den nahezu inexistenten Vater im selben Buch, aber auch Freunde, die lediglich leicht kaschiert in seinen Romanen auftauchen.

"Emil Erich Kästner hat sich selbst zum Helden dieser Geschichte gemacht und Menschen, die ihm nahestehen, mit hineingenommen. Er wird das auch in Zukunft so halten. Immer wieder wird in seinen Texten der wohlerzogene, von der Mutter dominierte Sohn auftauchen; immer wieder wird er alleinstehenden, lebenstüchtigen, aufopferungsvollen Müttern ein Denkmal setzen. Wer alle Kästner-Romane, all seine Erzählungen und Gedichte kennt, lernt, abgesehen von Randfiguren, nur eine einzige Mutter kennen: Kästners Mutter. Und nur einen einzigen, dazu passenden, wohlerzogenen Sohn..." (S. 116)

Vieles davon mag zwar mehr oder weniger auf der Hand liegen, wird aber von Kordon argumentativ stimmig begründet.

Dazu gehört auch die starke antimilitaristische Haltung Kästners und dessen sehr kritische Infragestellung von Autoritäten, vor allem solchen im politischen Umfeld: Kordon führt dies auf die 1917 erfolgte Einberufung und den brutalen militärischen Drill durch den sadistischen Ausbilder Waurich zurück, der dem Gefreiten Kästner neben einem Herzschaden und Frontuntauglichkeit auch einen lebenslangen Hass auf jedwede Form von Militarismus und Krieg beschert.

Ausgiebig geht Kordon deshalb auf die nicht ganz einfach durchschaubare Haltung Kästners während der zwölfjährigen Naziherrschaft ein; trotz Schreibverbots und zweifacher Verhaftung konnte er sich einigermaßen problemlos durchlavieren und entschied sich – gegen den wiederholten Rat seiner Freunde und Weggefährten –  gegen eine Emigration; mit aller Deutlichkeit wird aber von Kordon jeder noch so geringe Verdacht eines möglichen Arrangements Kästners mit den Herrschenden zurückgewiesen.

"Die zwölf Jahre Schweigenmüssen und Totgeschwiegenwerden haben ihn verändert. Zwar ist er noch immer der hervorragende Stilist, der auch schwierige Wahrheiten in einfache Worte zu kleiden weiß; der äußere Glanz aber ist einem heiligen Zorn und einer nachdenklichen Tiefe gewichen." (S. 230)

Ohne zu idealisieren, beschreibt Kordon Kästner als aufrichtigen Menschenfreund und moralische Institution, aber er verschweigt auch nicht dessen Schattenseiten – etwa sein wenig vorbildhaftes, nicht nur nach heutigen Maßstäben kaum noch zu tolerierendes Verhalten Frauen gegenüber, mit Ausnahme seiner quasi zur "Heiligen" hochstilisierten "Muttchen" –, den bisweilen allzu moralisierend erhobenen Zeigefinger oder auch die zunehmende Resignation des Mahners, dessen Versuch, durch Einsicht und Überzeugung erziehen zu wollen, letztlich allenfalls vereinzelt Erfolg zeitigte.

Natürlich kommt bei all dem Kästner auch selbst in vielen ausgewählten Zitaten, Gedichten und Situationsbeschreibungen zu Wort. Kordon schärft den Blick des Lesers auf Kästner als einen Meister des Durch-die-Blume-Gesagten, des netten, aber sehr raffinierten Verpackens von unliebsamen Wahrheiten; Paradebeispiel ist der Münchhausen:

"Das größte Kunststück aber gelingt dem "zersetzenden" Autor Kästner, indem er es fertigbringt, direkt unter den Augen der Zensurbehörde tatsächlich "zersetzende Bemerkungen" in den Film einzubauen. So sagt der alte Casanova an einer Stelle des Films zur Prinzessin Isabella: "Die Staatsinquisition hat zehntausend Augen und Arme. Und sie hat die Macht, Recht und Unrecht zu tun." Baron Münchhausen darf parlieren: "Sich wundern ist ungesund", "Angebundensein vereinfacht die Anhänglichkeit", „Es gibt Zeiten, in denen schaut man nur selten in den Spiegel", und, am Schluss des Films, als Baron und treuer Diener mit einem Ballon auf dem Mond angelangt sind, sogar feststellen: "Die Zeit ist kaputt, Christian." Deutlicher kann ein Autor unter der Diktatur von Verbrechern nicht sagen, was er von den Zeitumständen hält." (S. 185)

Es mag ein Manko sein, dass unter der scheinbar glatten Oberfläche von Kästners perfekten Reimen und der humorvollen Leichtigkeit und Eleganz seiner Sprache die Schärfe und Treffsicherheit seiner geistreichen Aussagen und Anklagen oft erst auf den zweiten oder gar dritten Blick in ihrem ganzen Ausmaß wahrgenommen werden. Aber es ist wohl auch gerade dies, was den Reiz der Beschäftigung mit seinem seines literarischen Œuvre ausmacht.

Fazit

Die Zeit ist kaputt beschreibt umfassend das Leben Erich Kästners. Die einfühlsame, verständlich verfasste Biografie ist interessant für jeden, der sich mit den Romanen und Gedichten des großen deutschen Literaten befasst; sie regt zudem an, sich mehr mit Kästners literarischem Blick auf menschliches Gebaren zu beschäftigen. Dies gilt gleichermaßen für Jugendliche ab 14 Jahren, die als Leser seiner bekannten Kinder- und Jugendbücher mehr über die Hintergründe von Werk und Leben des Autors wissen möchten. Aufgrund seiner lebhaften Beschreibung vor allem der Ereignisse im Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts könnte das Buch zudem gut als schulischer Einstieg in diese bewegte Phase der jüngeren deutschen Geschichte dienen.


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