von Tanja Pieper

Fanfiction. Was einst ein gut gehütetes Geheimnis kreativer Fangemeinden war, rückt aktuell immer mehr in den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit. Rainbow Rowell greift dieses Phänomen in ihrem Roman Fangirl auf und bettet es ein in eine Geschichte über Selbstfindung, die erste große Liebe und Familienprobleme. So verleiht sie diesem, ansonsten stereotyp erzählten, Jugendbuch ein interessantes Alleinstellungsmerkmal!

Rowell, Rainbow: Fangirl.
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit.
Carl Hanser Verlag, München 2017.
480 Seiten. 18,00 €
ISBN 978-3-446-25700-9
Empfohlen ab 13 Jahren.

Inhalt

Die Zwillinge Cath und Wren sind unzertrennlich. Sie teilen nicht nur ein Zimmer, einen Vater und die Abwesenheit ihrer Mutter, sondern auch die Liebe zu Simon Snow, einer Buchreihe über einen jungen Zauberer. Im Internet veröffentlichen sie gemeinsam verfasste Geschichten, so genannte Fanfiction, über den fiktionalen Charakter und seine Wegbegleiter. 

Doch sobald die Zwillinge ihre Heimatstadt verlassen und sich auf das Abenteuer College einlassen, ändert sich alles. Während Wren keine Party auslässt, sofort neue Freunde findet und weder Zeit für Cath noch für Simon Snow hat, verbringt Cath jede freie Minute in ihrem Zimmer, wo sie entweder Fanfiction schreibt oder sich mit Müsliriegeln am Leben hält, um bloß nicht alleine in die Mensa gehen zu müssen. Im Gegensatz zu ihrer Schwester geht Cath neuen Freundschaften grundsätzlich aus dem Weg und wechselt sogar mit ihrer Mitbewohnerin Reagan kaum ein Wort. Gleichzeitig wird Cath online von tausenden, sich von Tag zu Tag vermehrenden, Lesern für ihre Geschichten gefeiert. 

Im Kurs “Kreatives Schreiben“ lernt Cath Nick kennen, mit dem sie sich fortan regelmäßig in der Bibliothek trifft, um gemeinsam zu schreiben. Auch das Verhältnis zu Reagan bessert sich. Trotz ihrer Gegensätzlichkeit, oder vielleicht gerade deswegen, entwickeln die beiden eine Freundschaft, die jedoch schnell auf die Probe gestellt wird. Grund hierfür ist Reagans Freund Levi, der bei Cath neuartige Gefühle weckt, gegen die sie sich mit allen Mitteln sträubt. 

Neben Fanfiction, College und zwischenmenschlichen Problemen muss Cath sich Sorgen um ihren Vater machen. Der parallele Auszug beider Töchter wirkt sich negativ auf seinen ohnehin schon schlechten psychischen Zustand aus. Er hört nicht mehr auf zu arbeiten, vergisst immer öfter Mahlzeiten und wird schließlich stationär behandelt. 

Wren entfernt sich unterdessen immer mehr von Cath, bis die beiden gar keinen Kontakt mehr zueinander haben. 

Während Cath das Schreiben ihrer unzähligen Fanfiction-Geschichten keinerlei Probleme bereitet, lässt der Kurs “Kreatives Schreiben“ sie an ihren Fähigkeiten zweifeln. Gelingt es ihr, eigene Figuren mit Leben zu füllen? Sowohl das gemeinsame Schreiben mit Nick, als auch die stetig wachsenden Gefühle für Levi könnten ihr hierbei helfen. Doch dann kommt alles anders, Beziehungen zerbrechen, Zweifel überwiegen und letztendlich sind es ganz andere Menschen, die Cath die nötige Inspiration schenken. 

Kritik

Mit Cath ist Rainbow Rowell eine Protagonistin gelungen, in der sich mit Sicherheit viele ihrer Leserinnen und auch Leser wiederfinden. Eine junge Erwachsene, die ein neues Kapitel ihres Lebens beginnt, zum ersten Mal ganz auf sich alleine gestellt ist und mit dieser Situation zu kämpfen hat. Es werden Themen angesprochen, die für viele Menschen in Caths Alter von großer Bedeutung sind, wie zum Beispiel die erste große Liebe, Schüchternheit oder der Versuch der Selbstfindung. Hinzu kommen für Cath Probleme mit der eigenen Familie: die eineiige Zwillingsschwester möchte plötzlich ganz andere Dinge als sie selbst, der manische Vater hat Schwierigkeiten alleine zurecht zu kommen und dann taucht nach Jahren auch noch ihre Mutter wieder auf. All das bereitet Cath Schwierigkeiten dabei, sich auf das Studium zu konzentrieren und auf das, was sie am liebsten tut: schreiben. Damit wären wir bei einem der Hauptthemen des Romans, welches auch ausschlaggebend für den Titel Fangirl ist. Cath schreibt in ihrer Freizeit Fanfiction, sie ist ein “Fangirl“ der Buchreihe um den jungen Zauberer Simon Snow. Hiermit eröffnet Rainbow Rowell eine zweite Text- und Handlungsebene. Sie erfindet eine acht Teile umfassende Buchreihe, die lediglich in der Welt des Romans existiert, dem Leser jedoch unbekannt ist. Am Ende jedes Kapitels fügt die Autorin einen Ausschnitt aus der Welt des Simon Snow ein - mal eine Episode aus einem der acht fiktionalen Bücher, mal aus einer der vielen Fanfiction Geschichten, die Cath und ihre Schwester Wren verfasst haben. Nicht chronologisch, dafür lassen sich teilweise Zusammenhänge zwischen dem gewählten Ausschnitt und dem vorangegangen Kapitel feststellen. Von diesen Einschüben abgesehen, werden Teile von Caths Fanfiction auch aktiv in die Rahmenhandlung einbezogen, wenn Cath Levi daraus vorliest. Unterschieden werden die Passagen in diesem Fall durch verschiedene Schriftarten.

Obwohl die Existenz der Buchreihe um Simon Snow rein fiktional ist, fällt eine gewisse Ähnlichkeit zu J.K. Rowlings Harry Potter-Reihe auf. Beide Protagonisten sind Waisenjungen und Zauberer, Schauplatz ist die jeweilige Schule der Magie, Hogwarts beziehungsweise Watford. 

Die Ähnlichkeit zwischen beiden Buchreihen wird auch direkt in manchen Ausschnitten aus den Simon Snow-Büchern deutlich. So erinnert eine, in einer Episode aus dem zweiten Buch der Simon Snow-Reihe erwähnte, Zeremonie sehr stark an die aus Harry Potter bekannte Häusereinteilung durch den Sprechenden Hut:

"Die Zuordnung eines Mitbewohners ist eine heilige Tradition in Watford. […] Der Schmelzkessel hat euch zusammengeführt. Ihr müsst aufeinander achtgeben und euch so gut kennenlernen wie Brüder.“ (S. 39)

Dass Rainbow Rowell aus Copyright-Gründen ein leicht verändertes Pendant zu Harry Potter ins Leben gerufen oder sich zumindest an der Grundidee bedient hat, ist wahrscheinlich, denn auch die Harry Potter-Fangemeinde spinnt im Internet seit Jahren unzählige Geschichten rund um die Helden und Antihelden der Buchreihe. 

Dadurch, dass die Leserinnen und Leser mit großer Wahrscheinlichkeit den Vergleich zu Harry Potter ziehen werden, wirken die Simon Snow-Episoden leider oft sehr banal. Dazu tragen mit Sicherheit Zaubersprüche wie “husch, husch nach Hause“ (S. 30) oder “auf, auf und davon“ (S. 436) bei. Aber auch der Versuch, durch die Erschaffung eines sogenannten Schattens, der “die größte Bedrohung [sei], der sich die Welt der Magier je gegenübersah“ (S. 209) und der ausgerechnet an Simon besonderes Interesse hat, mit der sehr komplexen Harry Potter-Thematik mitzuhalten scheitert und wirkt unoriginell. Sich an einem derartigen literarischen Welterfolg zu orientieren, war vielleicht nicht Rainbow Rowells beste Idee.

Rainbow Rowell spricht in Fangirl sowohl die positiven, als auch die negativen Aspekte von Fanfiction an. Für Cath bietet das Schreiben der Geschichten die Möglichkeit ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen, der Realität zu entfliehen und stattdessen vorübergehend in der Welt ihrer Lieblingsbuchreihe zu leben.

"Bei Fanfiction […] geht es nur darum, dass du mit der Welt eines anderen spielst. Die Regeln neu schreibst. Oder sie umgehst. Die Geschichte muss nicht zu Ende sein, wenn Gemma Leslie [Autorin von Simon Snow] es will. Du kannst in dieser Welt bleiben, der Welt, die du liebst, so lange du willst, so lange dir neue Geschichten einfallen […]“ (S. 134)

Aus dem Spielen “mit der Welt eines anderen“ (s.o.) ergibt sich jedoch das Problem des Copyrights. Sobald die Geschichten von Cath und anderen Fanfiction-Autoren das Internet verlassen, laufen sie Gefahr, die Rechte der Buchautoren zu verletzen. Zwar werden neue Handlungsstränge entworfen, die Charaktere gehören aber rechtlich den Autoren und Verlagshäusern. Dies bereitet auch Cath in Fangirl Probleme. Dass ihre Professorin Cath immer wieder neue Chancen gibt, obwohl sie auf dieses Problem sehr trotzig und unprofessionell reagiert, erscheint etwas unrealistisch.

Mit knapp 460 Seiten ist Fangirl kein kurzer Roman, die erzählte Zeit umfasst jedoch auch fast ein gesamtes Jahr. Durch viel wörtliche Rede und Cath als personale Erzählerin kommt keine Langeweile auf, so wird ein ruhiges und flüssiges Lesen ermöglicht. Lediglich die Einschübe aus Büchern der Simon Snow-Reihe oder aus einer der Fanfiction-Geschichten sind teilweise, besonders zu Beginn des Romans, schwer zu greifen. Der Leser wird vor Anfang der Handlung mit einem fiktiven Wikipedia-Artikel über Simon Snow kurz und knapp in die Thematik eingeführt, dann jedoch direkt ins dritte Kapitel des ersten Simon Snow-Buches geworfen, sodass es schwer fällt die Charaktere wirklich kennenzulernen und der Handlung um den jungen Zauberer zu folgen. Dies ist einerseits verständlich, da die Rahmenhandlung des Romans sich um Caths Leben dreht und die Simon Snow-Episoden lediglich dazu dienen, den Leserinnen und Lesern eine ungefähre Ahnung davon zu geben, über was Cath schreibt, andererseits besteht die Gefahr, dass Leserinnen und Leser die Einschübe zu Simon Snow einfach überspringen, da sie für die Rahmenhandlung nicht unbedingt relevant sind und den Lesefluss etwas stören.

Fazit

An den Erfolg ihres vorherigen Romans Eleanor & Park kann Rainbow Rowell mit Fangirl nicht anknüpfen. Für einen gemütlichen Abend ohne viel Aufregung ist Fangirl dennoch zu empfehlen. Obwohl die Protagonistin kurz vor ihrer Volljährigkeit steht, ist der Roman aufgrund ihrer manchmal etwas kindlichen und unerfahrenen Art sowie der einfachen Erzählstruktur auch für deutlich jüngere Leserinnen und Leser ab 13 Jahren zu empfehlen.

Erstveröffentlichung: 10.03.2019


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