von Gerd Klingeberg

Oakland im November 2013: Unvermutet steht im Linienbus 57 eine junge Person in hellen Flammen: Es ist Sasha, der sich als agender (weder männlich noch weiblich) identifiziert und einen Rock trägt. Der gleichaltrige Afroamerikaner Richard hat Sashas Kleidung mit einem Feuerzeug angezündet. Das Feuer kann zwar schnell gelöscht werden, aber Sasha erleidet schlimme Brandverletzungen. Sein Peiniger wird festgenommen und wegen schwerer Körperverletzung angeklagt. Der Fall scheint klar. Aber die grausame Tat, die sich im November 2013 tatsächlich zugetragen hat, hat eine lange Vorgeschichte. Und eine ebenso lange Nachgeschichte, die nicht nur in den USA zu einer kritischen Hinterfragung des traditionellen Geschlechterverständnisses beiträgt...

Slater, Dashka: Bus 57.
Aus dem Amerikanischen von Ann Lecker.
Loewe-Verlag Bindlach 2019.
400 Seiten. 18,95€
ISBN 978-3-7432-0363-1.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Sasha, der eigentlich Luke heißt, ist ein aufgeweckter Junge und schon früh an Sprachen interessiert, erfindet sogar neue Sprachen. Sasha hat das Asperger-Syndrom, was manche seiner Verhaltensweisen, beispielsweise eine gewisse Unbeholfenheit unter anderen Menschen, aber auch die Leidenschaft für die Farbe Lila, den Kommunismus, Zeichentrickfilme, vegane Lebensweise und manches andere erklären mag. Das Pensum der Privatschule absolviert Sasha problemlos; in seiner dortigen Clique, zu der auch ein Transgender-Mädchen gehört, fühlt er sich zudem bestens aufgehoben. Doch zunehmend wird Sasha klar, dass auch er nicht in das übliche duale Geschlechterschema passt. Gegenüber seinen anfangs verwirrten Eltern outet er sich zunächst als genderqueer; etwas später identifiziert er sich als agender, also als weder männlich noch weiblich. Um diesem Zustand gerecht zu werden, benutzt er/sie fortan für sich den geschlechtsunspezifischen Vornamen Sasha, achtet streng auf eine genderneutrale Sprache und trägt immer öfter feminine Kleidung. Dass er im Rock zur Schule kommt, stört dort niemanden; aber eines Tages fällt er damit dem afroamerikanischen Teenager Richard auf, als sich beide im Bus 57 auf der Fahrt zurück von der Schule befinden.

Richard, dessen Mutter bei seiner Geburt noch nicht einmal 15 Jahre alt war, ist immer in Bewegung, macht ständig Witze, ist aber ein zumeist richtig netter Kerl, der niemandem Böses will. Allerdings kann er sich häufig nur schlecht konzentrieren, reagiert zudem oft impulsiv, vor allem, wenn er mit seinen Kumpels abhängt. Wegen einer Prügelei, deren Ursache nicht eindeutig geklärt wurde, kommt er schon früh für kurze Zeit ins Gefängnis. Dass in der Folge sein siebzehnjähriger Freund Skeet erschossen wird, bringt Richard zum Nachdenken. Sein Ziel ist es, auf jeden Fall einen ordentlichen Schulabschluss zu machen; dafür legt er sich gehörig ins Zeug. Und dann kommt die Begegnung mit Sasha: Wieder einmal albert Richard mit seinen Freunden herum, holt plötzlich ein Feuerzeug aus der Tasche und zündet grundlos im vollbesetzten Linienbus Sashas Rock an.

Die Folgen sind fatal. Sasha steht nach den großflächigen Brandverletzungen eine lange, von starken Schmerzen begleitete Therapie bevor, aber er erfährt in seiner Situation große Unterstützung von allen Seiten. Richard wird mit der ganzen Härte des Gesetzes wegen Hassverbrechens in Form gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Ihn erwartet eine mehrjährige Gefängnisstrafe. Kann es da überhaupt noch so etwas wie ein zumindest kleines Happyend geben?

Kritik

Die in Bus 57 geschilderten Ereignisse haben tatsächlich stattgefunden. Dashka Slater berücksichtigt in ihrem Buch aber die Privatsphäre der Betroffenen, deren wahre Identität durch Pseudonyme geschützt wird. Die Journalistin hat sehr aufmerksam den gesamten Prozess gegen Richard verfolgt, zudem hat sie durch viele Befragungen und Interviews akribisch die Vorgeschichte von Richard und Sasha recherchiert, aber auch deren weiteren Lebensweg nach dem schrecklichen Ereignis intensiv begleitet. Mit der Veröffentlichung des Buches hat sich Slater auf gleich mehrere Problemfelder gewagt. Im Vordergrund steht dabei die Einordnung und Behandlung von Menschen, deren Phänotypus nicht mit dem gefühlten Geschlecht übereinstimmt, sowie allen, die sich nicht eindeutig im einer dualen Frauen-Männer-Einteilung wiederfinden. Augenfällig wird dies allein schon durch die bei entsprechenden Personen konsequente Verwendung geschlechtsneutraler Pronomina im Buch. In der deutschen Übersetzung ist dies nach Absprache mit Sasha und der Autorin übernommen worden; dort wird das bislang weitgehend ungebräuchliche Pronomen sier (siem/sien) bzw. das Possessivpronomen siere (sierem/sieren/sierer) und das Relativpronomen dier (diem/dien) benutzt. Dass dadurch zumindest anfangs der Lesefluss beeinträchtigt wird, ist zweifellos auch gewollt, zumal auf diese Weise immer wieder auf die Problematik einer allzu simplen Geschlechtereinteilung hingewiesen wird. Explizit hebt die Autorin auch die Bedeutung einer korrekten Sprache hervor:

"Da sich Sprache rasant verändert und weil verschiedene Menschen unterschiedliche Vorgaben haben, solltest du immer den Sprachgebrauch annehmen, den einzelne Personen verwenden, wenn sie von sich selbst sprechen, auch wenn er sich von den hier aufgeführten Begriffen unterscheidet." (S. 45)

Sie lässt aber den Leser auch nicht allein mit eher unbekannten Gender- und Sexualitätskategorien; sie sind im Buch tabellarisch aufgelistet und werden in verständlicher Sprache erläutert (S. 45ff). 
Eng verknüpft mit der Genderproblematik sieht Slater die Frage nach der Gleichbehandlung aller Menschen. Damit gibt es bei Sasha zunächst allenfalls geringe Probleme, zumal er sich vorrangig in einem Freundesumfeld aufhält, in dem er nicht der Einzige mit einer anfangs unklaren Geschlechteridentifikation ist. Stärker kommt dies zum Tragen beim Zusammentreffen mit Richard, der aus eher prekären Verhältnissen stammt und zudem Afroamerikaner ist. Auffällig betont Slater die offensichtlichen Ungleichgewichte in der juristischen Behandlung von Weißen beziehungsweise Farbigen, werden doch Letztere etwa als Jugendliche weit öfter nach Erwachsenenstrafrecht abgeurteilt, was in der Regel zugleich erheblich längere Gefängnisaufenthalte in Vollzugsanstalten für Erwachsene nach sich zieht. Dabei stellt die Autorin auch immer wieder die berechtigte Frage nach dem Sinn und Ziel eines simplen Wegsperrens als einer Vorgehensweise, die nachweislich eine kriminalistische Karriere jugendlicher Straftäter doch weit öfter unterstützt als verhindert.

Slater bringt in ihrem Buch nicht nur eine Auflistung von Ereignissen; ihr Bericht ist einfühlsam und immer wieder auch sehr emotional und eindringlich geschrieben.

"Richard … wusste, wie es war, jemandem Unrecht getan zu haben. Auch er hoffte auf Vergebung. "Vergib, aber vergiss nicht", sagte Jasmin gerne. Aber diesmal entgegnete ihr Richard, dass sie aufhören sollte, das zu sagen. "Um zu vergeben, musst du vergessen", erwiderte er. "Denn sonst hast du nicht wirklich vergeben.""

Slater versucht in ihrem spannend erzählten Bericht zu keinem Zeitpunkt, ein zweifellos inakzeptables und unmenschliches Vergehen zu entschuldigen, aber sie wirbt zugleich intensiv für eine differenzierte, sowohl dem Verursacher als auch dem Betroffenen gerecht werdende Betrachtungsweise. Um dennoch ein gewisses Verständnis für die eigentlich nicht nachvollziehbare Handlungsweise Richards zu wecken – "Sollte nur‘n Scherz sein." (Richards Aussage S. 176) – , geht sie auch auf die spezifischen neurophysiologischen Verhältnisse pubertierender Jugendlicher ein (S. 217 ff).

Zudem positioniert sie sich durch Betonung verschiedener Fakten (darunter Gesetzesänderungen in den USA wie inzwischen auch in Deutschland, die die Möglichkeit der Angabe eines 3. Geschlechts in Personaldokumenten ermöglichen) unter anderem vehement gegen das weitgehend noch immer herrschende System einer "eindeutigen" Geschlechterrollenzuteilung, gleichermaßen aber auch gegen die Auswüchse eines bisweilen als anarchisch empfundenen amerikanischen Justizsystems, in dem entgegen gesetzlicher Vorgabe de facto keine Gleichbehandlung bestimmter Bevölkerungsgruppen – Farbige, Latinos, Arme – erfolgt, zudem eher Vergeltung ausgeübt als mittels Erziehung zu besserem Sozialverhalten angehalten wird.

Fazit

In einer Welt, in der sich zunehmend Personen damit outen, dass sie sich den "normalen" Geschlechterrollen von männlich und weiblich nicht eindeutig zugehörig fühlen, bietet Dashka Slaters verständlich aufbereiteter, jedoch nicht auf Effektheischerei ausgelegter Tatsachenbericht reichlich Anlass zum Nachdenken und zur Diskussion. Da sich eine entsprechende Problematik zumeist schon während der Pubertät stellt, kann, besser noch: muss ihr Buch bereits für Jugendliche ab 14 Jahren empfohlen werden, unabhängig davon, ob es sie selbst oder jemanden in ihrem näheren oder weiteren Umfeld betrifft. Dass es nicht allein um Genderfragen geht, sondern – angelehnt an ein konkretes, tatsächlich stattgefundenes Ereignis – ganz allgemein um die Akzeptanz gegenüber solchen Menschen, die vermeintlich nicht einem gängigen Raster entsprechen, macht das Buch wertvoll als Informations- und Diskussionsgrundlage für Teenager wie auch für Erwachsene jeden Alters.

 

Erstveröffentlichung: 09.03.2019


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

März 2019
Mo Di Mi Do Fr Sa So
25 26 27 28 1 2 3
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30 31