von Kirsten Kumschlies

"Die Niederlande wollten neutral bleiben. Wir wollten wie die Schweden sein und in Ruhe gelassen werden. Hitler sagte, er wolle uns in Ruhe lassen. Bis zu dem Tag, als er unser Land besetzte, sagte er, er wolle uns in Ruhe lassen." Vor diesem Hintergrund entfaltet sich die Handlung von dem von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 nominierten zeitgeschichtlichen Roman Das Mädchen im blauen Mantel. Der Text verbindet geschickt und spannungsgeladen eine Art von Kriminalhandlung mit dem Schicksal der holländischen Juden und der Menschen im durch die Wehrmacht besetzten Amsterdam im Zweiten Weltkrieg. Feinsinnige Figurenzeichnungen, starke Worte und leichte Lesbarkeit machen das Buch zu einem besonderen Leseerlebnis.

Hesse, Monica: Das Mädchen im blauen Mantel.
Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Stoll.

München: cbj, Random House 2018

380 Seiten. 16,00 €
ISBN  978-3-570-16532-4
Empfohlen ab 13 Jahren.

 Inhalt

Amsterdam im Jahr 1943: Die Niederlande sind von den deutschen Nationalsozialisten besetzt. Im Mittelpunkt der hier angesiedelten Romanhandlung steht das junge Mädchen Hanneke, das seine Zeit vor allem mit Handelsgeschäften auf dem Schwarzmarkt verbringt. Innerlich kreisen ihre Gedanken und Gefühle um ihren verstorbenen Freund Bas, der sich freiwillig zum Krieg gemeldet hatte und an der Front gefallen ist. Das subversive Potenzial der Schwarzmarktgeschäfte gibt Hanneke einen gewissen Halt und dient so auch ein Stück weit der Trauerbewältigung. Doch eines Tages erteilt ihr eine Kundin namens Jansen einen ominösen Auftrag, der Hannekes Leben radikal ändert: Sie vertraut Hanneke an, dass sie ein jüdisches Mädchen versteckt gehalten habe und dieses nun verschwunden sei. In der falschen Annahme, Hanneke habe Kontakt zum Widerstand, bittet Frau Jansen die Protagonistin, die verschwundene Mirjam Roosveldt, das titelgebende „Mädchen im blauen Mantel“, zu finden. Hanneke ist irritiert und durcheinander. Sie hat keine Verbindungen zum Widerstand und hat sich mit der Judenverfolgung bislang nicht auseinandergesetzt. Eigentlich möchte sie Frau Jansen diese irrwitzige Bitte ausschlagen, doch Mirjams Verschwinden lässt sie nicht mehr los. Und so macht Hanneke sich auf die Suche. Eine Suche, die sie tatsächlich Verbindungen zur Widerstandsbewegung aufnehmen lässt und sie auf die Deportation der Juden aufmerksam macht. Mit Bas’ Bruder Ollie an der Seite, der im Widerstand aktiv ist, erfährt sie, dass das ehemalige Theater Schouwburg nun als Deportationsstelle für inhaftierte Juden fungiert. Dort sucht sie Mirjam, bringt damit sich selbst und andere in große Gefahr, aber Hanneke ist mutig, zäh und hartnäckig und gibt nicht auf. Mit Neugier und kriminalistischem Gespür deckt sie nach und nach Mirjams Geschichte auf und setzt sich dabei auch mit sich selbst, ihrer politischen Haltung, der Liebe zu Bas und mit der Rolle der Niederlande im Dritten Reich auseinander.

 

Kritik

Das Besondere an Das Mädchen im blauen Mantel, das in diesem Jahr von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde, ist, dass der Roman beinahe vollständig ohne historische Kontextualisierungen von außen auskommt. Die Handlung setzt in medias res ein, die Darstellung ist komplett an die Wahrnehmungsperspektive der Ich-Erzählerin gebunden und stellt sowohl deren äußeres als auch inneres Erleben feinsinnig dar. Die Chronologie der spannenden Ereignisse um Hannekes Suche nach Mirjam wird immer wieder durch analeptische Erinnerungen der Protagonistin aufgebrochen, in denen es um ihre Beziehung zu Bas, ihre Trauer, aber auch um die verlorene Freundschaft mit Elsbeth geht, die an ihr Ende kam, weil die Freundin sich in einen deutschen Nationalsozialisten verliebte. So setzt die Erzählung historisches Vorwissen bei ihren Leserinnen und Lesern voraus, ist aber aufgrund der spannenden Handlung, die kriminalistische Züge trägt, relativ leicht zu lesen. Diese leichte Lesbarkeit korrespondiert nicht zuletzt mit einem großen Druckbild und vielen Passagen im dramatischen Modus. So wird das historische Hintergrundwissen häufig durch Figurenrede transportiert, etwa, wenn Ollie Hanneke erklärt, was es mit der Schouwburg auf sich hat. Das jüdische Schicksal ist hier an einen Einzelfall gebunden. Mirjam wird zur Symbolfigur für den Holocaust und für Hanneke der Auslöser zum Hinschauen und Helfen, wobei sie ihre Rettungsversuche auf eben diese eine Symbolfigur konzentriert und alles daran setzt, Mirjam zu finden und vor der Deportation zu bewahren, glühend, akribisch, fast besessen. Der "Fall Mirjam" erscheint Hanneke auch als "Möglichkeit, ihre eigene Welt wieder in Ordnung zu bringen" (S. 174) und als "Möglichkeit, sich am Nazisystem zu rächen" (S. 175). Doch darüber hinaus kommt sie innerlich auch immer mehr in Kontakt zu dem verschwundenen Mädchen. Die Suche wird zur Passion und auch zur Überlebensstrategie.

Dabei wird die Rolle der Niederländer im Dritten Reich hier jugendliterarisch neu verhandelt, indem sie nicht allein als passives Volk beschrieben werden, das den deutschen Nazis zum Opfer fiel, sondern auch die Rolle der Kollaborateure beleuchtet bzw. zumindest gestreift wird. Die Niederländer erscheinen als zerrissenes Volk, verunsichert und traumatisiert.

Mit Hanneke tritt eine starke Stimme auf, die wortgewaltig und auch metaphorisch erzählt und beschreibt:

 

Mit meiner Trauer ist das nämlich so: Es ist wie in einem aufgeräumten Zimmer in einem Haus, wo der Strom ausgefallen ist. Meine Trauer über Bas ist die Dunkelheit. Durch die Dunkelheit fällt einem sofort auf, dass in dem Haus etwa nicht stimmt. Sie überlagert alles andere. Aber wenn man das Licht wieder anknipsen könnte, würde man feststellen, dass auch viele andere Dinge nicht stimmen. Das Geschirr ist dreckig. In der Spüle ist Schimmel. Der Teppich ist verrutscht. (S. 132)

 

So reflektiert sich Hanneke immer wieder selbst. Dabei werden die der Handlung eingeschriebenen Liebesgeschichten erfreulicherweise nicht zu dominant, sondern werden eher am Rande verhandelt. Ollies Geständnis , in Willem verliebt zu sein, spielt keine weitere Rolle, vielmehr geht es um Hannekes Suche nach Mirjam, die für den gesamten Schrecken des Holocaust steht, der jedoch nur angedeutet und nicht in grausamen Einzelheiten auserzählt wird (wie es etwa Gudrun Pausewang tut). Daran gebunden sind mehr die Schicksale im Kleinen, unter anderem freundet sich Hanneke mit Mina an, die auch dem Widerstand angehört und an deren Seite sie ein Baby zu dessen Schutz aus der Schouwburg entführt. Darüber hinaus betätigt sich Mina als Fotografin, die das Schicksal der festgesetzten Juden zu dokumentieren versucht. Durch die Vielfalt der komplexen Figuren gelingt es der Amerikanerin Monica Hesse, die hier erstmalig ein Buch auf Deutsch veröffentlicht, ein facettenreiches und differenziertes Bild vom besetzten Amsterdam und dessen Bewohnern zu zeichnen. "Angst. Das ist richtig. Das war der Geruch, den ich nicht einordnen konnte. Das ist der Geruch meines wunderschönen, zerbrechenden Landes" (S. 170), sinniert Hanneke. Am Ende gibt die Autorin in einer "Anmerkung zur historischen Genauigkeit" Rechenschaft über den Umgang mit den historischen Hintergründen ab.

Fazit

Das Mädchen im blauen Mantel ist ein sehr guter zeitgeschichtlicher Roman, der aufgrund seiner Vielschichtigkeit und seiner spannenden Kriminalhandlung, auch jungen Leserinnen und Lesern ab 13 Jahren empfohlen werden kann, die sich bislang noch nicht mit der Geschichte des Nationalsozialismus befasst haben. Mit Hanneke tritt eine sympathische Protagonistin an, die mit ihrer unverblümten Offenheit und ihrem Eifer bei der Suche nach dem verschwundenen Mädchen, eine sehr gute Identifikationsfigur abgibt. Das Buch liest sich leicht und spannend und macht trotzdem nicht Halt vor den ganz großen Fragen. Ein besonderer zeitgeschichtlicher Jugendroman.


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