von Gerd Klingeberg

Da sich bei dem 15-jährigen Caden ein zunehmender Realitätsverlust und starke Verhaltensauffälligkeiten zeigen, wird er in die geschlossene Jugendpsychiatrie eingewiesen. Nach umfangreichen Untersuchungen wird bei ihm schließlich eine Schizophrenie diagnostiziert. Der scheinbar so simple Plot dieses Romans erweist sich jedoch als die fesselnde Beschreibung einer an die Grenzen des gerade noch Erträglichen gehende existenzielle Krise des Protagonisten, eines nicht mehr steuerbaren Changierens zwischen Wahn und Wirklichkeit. Es ist ein aufwühlendes, sehr anrührend und mit großem Einfühlungsvermögen geschildertes Eintauchen in die Tiefen einer krankheitsbedingt irritierten menschlichen Seele.

Shusterman, Neal: Kompass ohne Norden
Mit Illustrationen von Brendam Shusterman.
Aus dem Englischen von Ingo Herzke.
Carl Hanser Verlag, München 2018.
346 Seiten, 19,00 €
ISBN 978-3-446-26046-7.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Eigentlich handelt es sich bei dem 15-jährigen Caden um einen zwar schüchternen, aber kaum besonders auffälligen Jugendlichen: Er besucht die Highschool, liebt das Künstlerische, hängt mit Freunden ab. Doch dann fühlt er sich plötzlich von einem unbekannten Mitschüler bedroht und zieht sich zurück. Er verweigert die Nahrungsaufnahme, entwickelt zwanghaft Wortfolgen und stellt merkwürdige Fragen, mit denen niemand etwas anzufangen weiß. Zudem wähnt er sich zwischenzeitlich auf einer langen, absurd anmutenden und von unerklärlichen Ereignissen begleiteten Schiffsreise zum Marianengraben, der tiefsten Stelle des Ozeans, gemeinsam mit einem skurrilen einäugigen Kapitän, dessen ebenfalls einäugigem Papagei und einer merkwürdigen Crew, dazu immer wieder bedroht von angsteinflößenden Tiefseemonstern. Was Wahn, was Realität ist, das erschließt sich Caden nicht mehr.

Seine Eltern versuchen zunächst, diese Situationen mit aufmunternden Worten zu überspielen, wissen aber bald auch nicht mehr weiter, so dass sie sich schließlich gezwungen sehen, den Sohn in die geschlossene Jugendpsychiatrie einweisen zu lassen. Der Aufenthalt dort ist belastend, Kontakte mit anderen Jugendlichen sind selten, weil jeder in einem eigenen, zumeist weitgehend abgeschlossenen Universum zu leben scheint. Die Einschätzung des eigenen Erlebens differiert stark von der fachlichen Analyse durch den Psychotherapeuten, von dem sich Caden daher oft unverstanden fühlt. Die vor allem medikamentöse Therapie wirkt anfangs extrem sedierend: wie ein "Götterspeise-Gefühl" (S. 7). Der Abstieg in den unendlich tiefen "Marianengraben" der Seele bleibt Caden nicht erspart. Erst nach Wochen wird er ganz allmählich zurückfinden in eine Gegenwart, in der er sich dennoch immer wieder fragt, ob dies tatsächlich die Realität ist...

Kritik

Mit Kompass ohne Norden hat sich Neal Shusterman an eine ebenso komplexe wie heikle Thematik gewagt. Er bezieht sich bei der Schilderung einer Schizophrenie nach eigener Aussage auf konkrete Erlebnisse mit seinem Sohn Brendan, dem im jugendlichen Alter eine "schizoaffektive Störung" attestiert wurde.

Der Roman verarbeitet das Nebeneinander von Wahn und Wirklichkeit im Wesentlichen auf zwei unterschiedlichen Erlebnisebenen, die in den insgesamt 161 zumeist kurzen Kapiteln des Buches niemals gemeinsam auftauchen. Zum einen handelt es sich um reale Erinnerungen und aktuelle Begebenheiten, zum anderen um den langen, abenteuerreichen und lebensgefährlichen Törn Richtung Tiefsee, bei dem Naturgesetze offensichtlich außer Kraft gesetzt erscheinen. Neben diesen aus der Ich-Perspektive und nahezu ausschließlich im Präsenz erzählten Ereignissen gibt es noch einige wenige Passagen, die bemerkenswerterweise in der 2. Person Singular geschrieben sind. Dies könnte einerseits dem im englischen Originaltext vermutlich verwendeten "you" geschuldet sein, das wohl wörtlich, aber eben nicht als ein gleichermaßen berechtigtes "man" übersetzt wurde. Es deutet indes gewiss mehr noch auf ein Entgleiten der eigenen Persönlichkeitswahrnehmung in Form einer Fremdbestimmung hin.

"Es ist so: Du weißt die Antworten auf alles. Dein Kopf ist so voller Antworten, dass er platzt. Er kann jederzeit explodieren und alle tödliche Strahlung aussetzen. … Und auf einmal weißt du, wenn du die Schuhe anziehst, wird die Welt loslassen und alle werden ins Weltall geschleudert, und das nur wegen einer dünnen Schicht Gummi, die deine Verbindung zum Boden abschneiden würde. Du bist der Anti-Schwerkraft-Hebel der Welt." (S. 136 f)

Außerdem kann das verwendete "Du" auch als ein Hinweis angesehen werden, dass eine derartige psychische Erkrankung unvermutet tatsächlich jeden treffen könnte.

Einfühlsam geht der Autor auf das Unverständnis, die Fassungslosigkeit und die oft fehlende Bereitschaft der Menschen im Umfeld des Betroffenen ein, die eine psychische Krankheit am liebsten mit wenigen flapsigen Worten banalisieren und abtun möchten. Mehr noch lässt er den erkrankten Caden zu Wort kommen mit seinen zwar äußerst intensiven, aber dennoch weitgehend ergebnislosen Bemühungen, die höchst belastende eigene Situation für sich selbst wie auch für andere erklärt und in den Griff zu bekommen.

"Was sehe ich, wenn ich die Augen schließe? Manchmal ist da eine Dunkelheit, die über alles hinausgeht, was ich beschreiben kann. Manchmal ist das Dunkel prachtvoll, manchmal erschreckend, und ich weiß nie, was von beidem es sein wird…. Was ich sehe, wenn ich die Augen schließe? Ich sehe hinter das Dunkel, und das ist unermesslich groß, über wie unter mir." (S. 130, 132)

Shustermans Beschreibung ist authentisch, ohne Bagatellisierung, aber auch ohne Dramatisierung. Dennoch fällt es anfangs durchaus schwer, sich beim Lesen in die wechselnden Ebenen und bisweilen kaum vorstellbaren Bilder hineinzudenken. Einige eingefügte, eher abstrakt wirkende originale Strichzeichnungen von Shustermans Sohn Brendan können dabei helfen, zumindest ansatzweise das schwer nachvollziehbare, aus "normaler" Sicht äußerst diffus anmutende seelische und psychische Gedankengewirr nachzuvollziehen.

Fazit

Shusterman hat zu einem häufig am liebsten totgeschwiegenen oder aber zu abwertenden Witzen anregenden Thema einen außergewöhnlichen Roman geschrieben, der Verständnis für mittelbar oder unmittelbar Betroffene wecken soll. Mit seiner fachlich kenntnisreichen, aber durchweg sehr verständlichen und einfühlsamen Schilderung ist ihm das bestens gelungen. Das Buch eignet sich gleichermaßen für jugendliche Leserinnen und Leser ab 14 Jahren wie auch für Erwachsene, besonders für solche, die in irgendeiner Weise mit Schizophrenie konfrontiert werden. Angesichts einer stets steigenden Anzahl psychischer Erkrankungen ist dieser weitgehend authentische Bericht auch für eine mögliche Thematisierung im Oberstufenunterricht geeignet.

 

Erstveröffentlichung: 20.05.2019


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