von Sindy Hildebrand

"Und hier kommt eure Hausaufgabe: Verbindet die Punkte miteinander. Stecken alle unter einer Decke oder hat nur einer die Fäden in der Hand? Wer ist der Marionettenspieler und wer sind die Marionetten?" (S. 168) Nachdem das Nachsitzen an der Bayview High mit einem Toten und vier Verdächtigten endet, sehen sich Protagonisten wie Rezipienten des Jugendromans One of us is lying mit diesen Fragen konfrontiert. Die Suche nach dem Täter führt durch das Kreuzfeuer der Öffentlichkeit und regt Leserinnen und Leser an, über die Fragilität von Privatheit und Moral im Zeitalter der Social Media nachzudenken.

McManus, Karen M.: One of us is lying.
Aus dem Amerikanischen von Anja Galić.
cbj, München 2018.
448 Seiten. 18,00 €
ISBN 978-3-570-16512-6.
Empfohlen ab 15 Jahren.

Inhalt

Fünf Schüler der Bayview Highschool treffen im Chemieraum zum Nachsitzen aufeinander – wegen unerlaubten Handybesitzes im Unterricht. Ihr Lehrer Mr Avery, Hardcore-Handy-Gegner, lässt sie deshalb einen Aufsatz schreiben, wie moderne Kommunikationsmittel amerikanische Schulen zugrunde richten. Doch keinem scheinen die Handys zu gehören. Wie kamen sie in ihre Schultaschen?

"'Jemand hat uns reingelegt!' Gespannt wie eine Sprungfeder, die nur darauf gewartet hat, sich auf den neuesten Skandal zu stürzen, beugt Simon sich mit aufgestützten Ellbogen über den Tisch." (S. 13) Sein Blick wandert vom Sportstar Cooper, über die Homecoming-Queen Addy, zur Jahrgangsbesten Bronwyn und heftet sich auf Nate, den Outlaw der Schule. Simon selbst schreibt für die schulbekannte App About That, die in regelmäßigen Posts brisante Wahrheiten preisgibt. Plötzlich bricht einer der Nachsitzenden zusammen und stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Vier Jugendliche bleiben mit ihren Geheimnissen und Ängsten zurück – jeder mit einem Motiv, um einen Mord begehen zu können.

Kritik

Mit ihrem Debütroman One of us is lying stürmte die US-Amerikanerin Karen M. McManus 2017 nicht nur auf Anhieb die New-York-Times-Bestsellerliste, es liegen auch bereits 40 Übersetzungen des Jugendbuches vor. Inspirieren ließ sie sich vom Coming-of-Age-Filmklassi­ker The Breakfast-Club (1985) (vgl. Albert 2017), der Interaktionen und Gefühlswelten von fünf Jugendlichen mit sehr unterschiedlichen Charakteren beim Nachsitzen beleuchtet. Doch die Autorin konfrontiert ihre fünf Hauptfiguren, die ebenfalls bekannte Highschool-Klischees zu verkörpern scheinen und einander nur oberflächlich kennen, gleich zu Romanbeginn mit dem Tod eines Mitschülers. Da dieser als Mord deklariert wird und jeder der lebenden Nach­sitzenden ein Geheimnis hütet, das ein Motiv für diesen bieten bzw. durch dessen Aufklärung ans Licht gelangen könnte, eröffnet die Frage nach dem Täter eine Mystery-Story im Stile bekannter TV-Serien wie Pretty Little Liars (2010–2017) oder Riverdale (ab 2017). In drei großen Teilen wird sie durch fünf Stimmen erzählt, wobei sich die Ich-Perspektiven der vier Verdächtigen, graphisch eingeleitet durch jeweils ein kleines Rechteck mit Erzählername, Datum und Uhrzeit des Erzählzeitpunktes, in insgesamt 30 Kapiteln und einem Epilog regelmäßig abwechseln.

Ohne komplexe Intrigen zu spinnen oder spannungserzeugende Verwicklungen zu initiieren, wie es in oben genannten Fernsehserien häufig der Fall ist, rückt McManus bis weit in den dritten Teil des Buches die Gedanken und Gefühle der vier Verdächtigen in den Mittelpunkt, die zuerst um die mögliche, dann um die tatsächliche Offenbarung ihrer Geheimnisse kreisen. Denn trotz oder gerade wegen des Todesfalles kommen diese nach und nach in den sozialen Medien ans Licht. Die dadurch ausgelöste Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln und Fühlen zeigt facettenreiche Entwicklungen der Protagonisten auf, die das ihnen zu Beginn des Romans angelegte stereotype Identitätskorsett sprengen. Ganz besonders deutlich kristallisiert sich das Coming-of-Age-Element der krisenhaften Selbstfindung bei zwei Figuren heraus: Eine findet den Mut auch öffentlich zur eigenen sexuellen Orientierung zu stehen; einer anderen gelingt es, sich aus einer asymmetrischen Beziehung zu befreien und damit die überraschendste Persönlichkeitsentwicklung der Erzählung zu durchlaufen. 

Zwar werden der Mordfall und dessen Aufklärung auch in den ersten beiden großen Romanteilen beleuchtet, doch erst ab dem letzten Fünftel des Werkes, in dem sich die Handlung stark verdichtet, beginnen die vier fokalen Figuren selbst, sich als 'Mörder-Club' auf die Suche nach dem Täter zu begeben. Interessant wird dabei die fünfte, zunächst nicht identifizierte Ich-Erzählstimme, die im Stile einer Gossip Girl-Figur (gleichnamige TV-Serie 2007–2012) durch Posts fassbar wird, die auf der Schulklatsch-App About That sowie den Message- bzw. Imageboards Tumblr und 4chan auftauchen. Jeder der drei Romanteile enthält drei bis vier vom Fließtext graphisch abgesetzte Einträge, die auf Täter und Tathergang oder die Geheimnisse der vier überlebenden Jugendlichen anspielen. Es ist diese fünfte Ich-Perspektive, die stark dazu beiträgt, die Spannung aufrecht zu erhalten und den Lesefluss anzutreiben, denn der aufmerksame, mit Mystery-Storys vertraute Rezipient kann durch die vier Haupterzählstränge frühzeitig abschätzen, wer als Täter in Betracht kommt. Letztlich gelingt es den vier Verdächtigen diesen zu ermitteln. Auch wenn die Identität des Mörders nicht unbedingt überrascht, in den letzten drei Kapiteln vermag McManus durch ungeahnte Wendungen sowie Aufdeckung unerwarteter Zusammenhänge die Handlung bis zu einem weiteren Verbrechen noch einmal spannungsreich zuzuspitzen.

Die offengelegten Tatmotive lassen erkennen, dass – ähnlich der Erzählung 13 Reasons Why (Tote Mädchen lügen nicht; engl. Romanfassung 2007, TV-Serie ab 2017) – bewusste wie unbewusste Handlungen und Äußerungen zur Kränkung des Selbstwertgefühls eines Menschen führen können, auf die er im extremen Falle mit Gewalt gegenüber sich selbst und den Verursachern reagiert. Doch One of us is lying thematisiert nicht Mobbing, sondern eine Form des sogenannten 'psychological entitlement' (vgl. Campbell u.a. 2010): Einem übersteigerten Anspruchsdenken anhängend, pflegt eine Romanfigur die Überzeugung, von ihren Mitschülern nicht die Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen, die sie ihrer Ansicht nach verdient hat. Für den Rezipienten mögen ihre Gründe, sich gekränkt zu fühlen, banal wirken, doch bestärkt durch Gleichgesinnte, die sich in den düsteren Untiefen des Internets tummeln, lässt sie diese zu Rachephantasien anwachsen:

"Schüler schießt im Schulgebäude rum und richtet sich anschließend selbst, Sondersendungen auf allen Kanälen. Gähn. Geht doch mal ein Risiko ein, Herrgott noch mal! Lasst euch was Originelles einfallen. Vielleicht eine Handgranate. Samurai-Schwerter? Überrascht mich, wenn ihr das nächste Mal eine Horde überheblicher Arschlöcher kaltmacht. Mehr verlange ich doch gar nicht." (S. 336)

Es ist ebenso überraschend wie besorgniserregend, dass diese Gedanken nicht als psychische Störung erkannt werden. Vielmehr wird die Sensationsgeilheit des Mörders durch Nebenfiguren unterstützt, indem sie bei der Ausführung seines darauf fußenden Planes helfen.

Durch die Anatomie des Verbrechens und ihre Aufklärung kann McManus zeigen, dass soziale Medien als Orte und Mittel moderner Kommunikation nicht nur Menschen schnell informieren und miteinander verbinden, sondern auch sozialen, moralischen und psychischen Entwicklungen Vorschub zu leisten vermögen, die im realen Leben für den Einzelnen und die Gemeinschaft zerstörerisch wirken können. Das Aufsatzthema, das der Lehrer Mr Avery zu Beginn des Nachsitzens gestellt hatte, deutete dieses Gefahrenpotential bereits an. So lädt der Roman ein, über Privatheit, Aufmerksamkeitsgier und Moralempfinden im digitalen Zeitalter nachzudenken. Denn die fremdgesteuerte Aufdeckung der in verschiedenem Maße moralisch zweifelhaften Geheimnisse der vier Verdächtigen verweist nicht nur auf die Brüchigkeit von Privatsphäre. Auch wenn es sicher richtig ist, verheimlichte Verhaltensweisen und Taten gegenüber jenen zu offenbaren, die dadurch verletzt oder betrogen werden, so erscheint es ebenso unmoralisch und perfide, dass sie durch eine außenstehende Person preisgegeben werden, die dadurch selbst Aufmerksamkeit erheischen will. Die dabei von dieser Figur ausgeübte Gewalt über das Leben der anderen Protagonisten schwingt bereits in den Titeln der drei großen Romanteile mit, die auf bekannte Kinder- und Jugendspiele verweisen, bei denen eine Person Kontrolle über oder Druck auf einen oder mehrere andere Mitspieler ausübt ('Simon sagt…' (entspricht dem deutschen 'Alle Vögel fliegen hoch'), 'Versteckspiel', 'Wahrheit oder Pflicht'). Darüber hinaus lässt sich mit diesen Spielbezeichnungen auch das je Romanteil fokussierte Geschehen knapp zusammenfassen.

Befremdlich erscheint, dass der Epilog die Liebesgeschichte zwischen zwei Protagonisten in den Mittelpunkt rückt und nur einen kurzen Bezug zu dem Verbrechen herstellt. Auch im letzten Kapitel, in dem zum ersten Mal alle vier Ich-Erzähler zu Wort kommen, wird nur marginal über die 'kranke Intrige' (S. 410) reflektiert, die sie erlebt haben. Vielmehr liegt erneut der Fokus auf dem Leben und der Zukunft der vier Jugendlichen, die sich für sie trotz aller durchlebten Ereignisse hoffnungsvoll ankündigt. Als gelungen erweist sich hingegen die Sprache der siebzehnjährigen Protagonisten, sie ist angemessen und verständlich. In der deutschen Übersetzung haben sich leider kleine grammatische und orthographische Fehler eingeschlichen. Dass der Buchtitel One of us is lying letztlich doch treffend gewählt ist, kann subtil anhand eines Objektpronomens im Text ausgemacht werden.

Fazit

Mit One of us is lying – nominiert von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 –, liegt ein Roman vor, um den sich in den USA ein so großer Hype entwickelt hat, dass die Autorin McManus auf ihrer Homepage (vgl. McManus 2019) bereits einen Fortsetzungsroman sowie eine Fernsehserie angekündigt hat. Die mit Coming-of-Age-Elementen durchsetzte und mit einer Liebesgeschichte gekoppelte Mystery-Story sorgt für ein kurzweiliges Lesevergnügen, das nicht durchgängig durch Spannung getragen wird, aber durchaus in eine Diskussion über Gefahren sozialer Medien münden kann. Aufgrund der Krassheit der begangenen Tat wird das Buch Leserinnen und Lesern ab fünfzehn Jahren empfohlen.

 

Literatur

 

 


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