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von Julia Bügel

Nach ihrem erfolgreichen Debütroman The Hate U Give (2017), ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie der Jugendjury, veröffentlicht die Autorin Angie Thomas 2019 mit On The Come Up einen weiteren Jugendroman, der kunstvoll die Themen Hip-Hop, das Streben nach Berühmtheit, Familie und Freundschaft, aber auch Armut, Verlust, Diskriminierung und Rassismus miteinander verbindet.

Thomas, Angie: On The Come Up.
Übersetzung: Henriette Zeltner
cbj Kinder- und Jugendbuchverlag, München 2019.
509 Seiten. 18,00 €
ISBN 978-3-570-16548-5.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Das Leben in Heights Garden ist nicht einfach, die 16-jährige Brianna, von allen Bri genannt, weiß das nur zu gut. Nachdem ihr Vater, die Hip-Hop-Legende Lawless, von Mitgliedern einer verfeindeten Gang erschossen wurde, versucht ihre Mutter mithilfe von Drogen die Realität zu verdrängen. Auch Jahre später, als Briannas Mutter Jay seit längerer Zeit wieder clean ist, schlägt sich die Familie, zu der noch Briannas großer Bruder Trey gehört, mehr schlecht als recht durch das Leben. Die Rechnungen häufen sich, immer wieder wird der Strom abgestellt. Die Lage spitzt sich soweit zu, dass Brianna keinen anderen Ausweg sieht, als selbst eine Karriere als Rapperin zu beginnen, um die finanzielle Situation ihrer Familie zu verbessern. Doch dass dieser Weg nicht nur Positives birgt, muss Brianna bald lernen. Neben dem Rassismus an ihrer Schule, gegen den sie sich vehement zu wehren versucht, gerät sie zunehmend auch musikalisch unter Druck: Was kann sie tun, damit die Leute sie nicht bloß als Lawless' Tochter sehen? Wie sehr muss sie sich verbiegen, um erfolgreich zu sein? Und ist der Erfolg letzten Endes wichtiger als ihre Familie? Am Ende muss Brianna sich jedoch eingestehen, dass sich auch nur diejenigen retten lassen, die gerettet werden wollen...

Kritik

Der Ort Heights Garden ist den Leserinnen und Lesern, die bereits Angie Thomas' ersten Jugendroman gelesen haben, bekannt. Es handelt sich um ein US-amerikanisches Problemviertel, wie es sie in der Realität zuhauf gibt. Hier wohnen fast ausschließlich schwarze Familien – die Straßen werden von Gangs, Kriminalität und Drogenhandel dominiert. Obwohl Brianna, zusammen mit ihren Freunden eine High School außerhalb des Viertels besucht, die Midtown School of Arts, sind die Bedingungen dort nicht viel besser. Der Schulalltag ist geprägt von Rassismus und Diskriminierung. So beschreibt Brianna verschiedene Situationen, in welchen sie vom Unterricht suspendiert wurde, während dies – ihrer Ansicht nach – bei Weißen nicht geschehe:

Mein Kurs im Fach Literatur. Mrs Burns redete vom literarischen Kanon, und ich verdrehte die Augen, weil all die Bücher todlangweilig klangen. Sie fragte mich, ob es ein Problem gäbe, da sagte ich ihr genau das. Nur das Wort 'tod' ließ ich weg. Schon wurde ich wieder ins Direktorat geschickt. Im Rausgehen murmelte ich irgendwas und sie warf mir prompt 'aggressives Verhalten' vor. (S. 77)

Die Wut und das Unverständnis gegenüber dem vorherrschenden Rassismus werden den Leserinnen und Lesern vor allem durch die autodiegetische Erzählweise und die damit einhergehenden Darstellung von Briannas Gefühlen und Gedanken besonders gut verdeutlicht. Durch die interne Fokalisierung erhalten Leserinnen und Leser ebenfalls Einblicke in den Entstehungsprozess von Rap-Songs, die Brianna bei Battles oder später im Studio performt. Die Texte wurden in der deutschen Fassung aus dem Original übernommen und nicht übersetzt. Dadurch wird vor allem der Stil der Texte nicht verfälscht. Verständnisproblemen wird durch ein Glossar am Ende des Buches entgegen gewirkt, in welchem viele englische Begriffe übersetzt und erläutert werden – unter anderem auch der Buchtitel On The Come Up, welcher im Deutschen mit "kurz vor dem Durchbruch stehen" (S. 507) übersetzt werden kann. Verweise innerhalb des Romans auf das Glossar allerdings wären hilfreich gewesen, sodass Leserinnen und Leser während der Lektüre bereits Begriffe nachschlagen können.

Viele Themen, die in On The Come Up aufgegriffen werden, wurden bereits in The Hate U Give thematisiert, und doch – es lohnt sich, auch diesen Jugendroman zu lesen. Rassismus, Diskriminierung, Drogenhandel, (Gang-)Kriminalität – am Beispiel von Briannas Geschichte macht Angie Thomas auf die Probleme aufmerksam, die den Alltag von schwarzen Jugendlichen in den USA nach wie vor prägen. Nicht zuletzt stellt die Autorin selbst intertextuelle Bezüge zu ihrem Debütroman her, in welchem ein schwarzer Jugendlicher von einem Polizisten erschossen wird:

Er ist kein Cop.
Er hat keine Schusswaffe.
Aber ich will nicht so enden wie der Junge damals.
Ich will zu meiner Mom.
Ich will zu meinem Dad.
Ich will nach Hause. (S. 70)

Und doch geht es auch immer wieder um das Thema Freundschaft und den Zwiespalt, in welchem sich Brianna befindet. Da ist auf der einen Seite der unerlässliche Drang, um jeden Preis berühmt zu werden, um die Familie zu retten, auf der anderen Seite aber die Gefahr, dass genau daran langjährige Freundschaften zerbrechen. Die Verbindung dieser vielfältigen Themen führt dazu, "dass die jugendlichen Leserinnen und Leser hierzulande nicht nur in eine faszinierende, fremde Welt blicken, sondern sich auch immer wieder selbst in diesem Buch erkennen können", kommentiert Fridtjof Küchemann 2019 in der FAZ.

Dass Angie Thomas so viele Problemthemen aufgreift, mag im ersten Moment überfordernd sein, jedoch zeigt sich genau darin die Stärke des Romans: Es ist der Alltag, mit welchem viele Jugendliche und Erwachsene in eben diesen Vierteln in Amerika zu kämpfen haben. Im Sinne der Intersektionalität kann hier die Verschmelzung verschiedener Diskriminierungsformen beobachtet werden: Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht und sozialer Status.

Im Verlauf der Geschichte zeigt sich, dass Brianna auch nach all den Jahren noch traumatisiert davon ist, dass sie und ihr Bruder damals von ihrer Mutter Jay aufgrund ihrer Drogenabhängigkeit bei ihren Großeltern zurück gelassen wurden. So bleibt bei Brianna eine permanente Angst bestehen, ihre Mutter könne wieder anfangen Drogen zu nehmen oder die Familie erneut verlassen. Gerade in diesen Momenten reißt die Hauptfigur die Leserinnen und Leser durch einen emotionalen Stil mit:

Manchmal träume ich, dass ich ertrinke. In einem großen, blauen Ozean, der so tief ist, dass ich den Grund nicht sehe. Aber ich sage mir, dass ich nicht sterben werde, egal, wie viel Wasser in meine Lungen dringt oder wie tief ich auch sinke. Ich werde nicht sterben, einfach weil ich es sage.
Plötzlich kann ich unter Wasser atmen. Ich kann schwimmen. Der Ozean ist gar nicht mehr so furchterregend. Eigentlich ist er sogar irgendwie cool. Und ich lerne, ihn in den Griff zu kriegen.
Aber jetzt bin ich wach und dabei, zu ertrinken. Und ich habe keine Ahnung, wie ich auch nur irgendwas in den Griff kriegen soll. (S. 85)

Gegen dieses Ertrinken hilft Brianna vor allem die Freundschaft zu ihren Klassenkameraden Sonny und Malik und im weiteren Verlauf der Geschichte auch die zart beginnende Liebesbeziehung zu Curtis, der ebenfalls die Midtown School of Arts besucht.

Es sind wichtige Lektionen, die Brianna im Laufe des Buches lernt. Oftmals muss sie Entscheidungen treffen, welche weitreichende Konsequenzen haben. Beispielsweise wenn sie vor ihrer Mutter verheimlicht, in ihrer Freizeit – trotz eines Verbotes – weiter an einer Rap-Karriere zu arbeiten. Nicht selten kommt es deshalb zu Auseinandersetzungen in Briannas Familie. Am Ende haben jedoch alle dazu gelernt: Dass es manchmal notwendig sein kann, Hilfe zuzulassen. Dass es okay ist, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und miteinander zu reden. Aber vor allem, dass Familie und Freundschaft wichtiger sind als um jeden Preis berühmt zu werden.

Fazit

Trotz Parallelen zu Angie Thomas' Erstlingswerk ist On The Come Up ein lesens- und empfehlenswerter Jugendroman, der unter anderem mithilfe des Hip-Hops eine amerikanische Gesellschaftskritik entwirft. Durch die autodiegetische Erzählerin wird den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit eröffnet, an den Gedanken einer Betroffenen zu Rassismus und Diskriminierung teilzuhaben. Eine realistische Erzählung, die auch am Ende darauf verzichtet, eine Lösung für alle angesprochenen Probleme zu präsentieren, sondern lediglich die Hoffnung weckt, dass eine Änderung zum Guten möglich ist. Aufgrund der anspruchsvollen Themen sowie den längeren englischen Passagen ist der Roman für Jugendliche ab 14 Jahren zu empfehlen.

Literatur