von Gerd Klingeberg

Gewiss kann man sich beim Gang durch eine Gemäldegalerie oder ein Museum allein schon an den Farben und kunstvollen Ausführungen der dort ausgestellten Bilder erfreuen. Aber interessierte Laien – und dabei handelt es sich durchaus auch um neugierige Kinder und Jugendliche – werden sich wohl nur ungern lediglich mit den angegebenen Bildtiteln und Namen der Künstler zufriedengeben wollen. Ein informatives, gut verständliches Nachschlagewerk kann daher den aufmerksamen Blick des Besuchers schärfen für so manches, was nicht unmittelbar ersichtlich ist...  

Partsch, Susanna: Schau mir in die Augen, Dürer!
C. H. Beck Verlag München 2018
296 Seiten. 28,00 €
ISBN 978-3-406-71206-7.
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

Woher kommt der Begriff "Alte Meister"? Seit wann gibt es Aktdarstellungen, Selbstbildnisse oder Landschaftsmalerei? Seit wann wurde perspektivisch gemalt? Und welche möglichen Hintergrundbedeutungen haben bestimmte Gegenstände auf alten Gemälden? Nahezu neunzig Fragen zur Kunst der Alten Meister hat Susanna Partsch in Schau mir in die Augen, Dürer! zusammengetragen – und sie auch gleich prägnant und gut verständlich beantwortet. Man erfährt Allgemeines über Museen und Gemäldegalerien, über Sujets und Sinngehalt der dargestellten Themen, über Maltechniken, Malerwerkstätten und die soziale Stellung der Künstler in früheren Zeiten, aber auch über die Zusammensetzung von Malfarben, den Preis der Kunstwerke oder den Unterschied zwischen einer Kopie und einer Fälschung. Die Antworttexte erwähnen viele wichtige Fakten vor allem zu den abgebildeten Kunstwerken, stellen diese in einen historischen Kontext und werden außerdem häufig durch passende kleine Geschehnisse aus dem Leben und Umfeld der Künstler aufgelockert. Der Text ist aufwendig und aufschlussreich illustriert durch viele, oft ganzseitig gedruckte Bilddarstellungen (teils mit Ausschnittvergrößerungen) und Fotos. Ein auf wesentliche Begriffe reduziertes Glossar erläutert verwendete Fachbegriffe; zudem werden viele Maler mit Kurzbiografien aufgelistet, darunter so bekannte Persönlichkeiten wie Michelangelo und Rembrandt, aber auch weniger bekannte wie Pieter Lastmann (ein Lehrer Rembrandts) oder auch Rosalba Carriera als eine der nur wenigen Malerinnen. Ein abschließender Literaturnachweis vervollständigt den querschnittartigen Überblick über die Alten Meister.

Kritik

Bei der Betrachtung des Rembrandt-Bildes "Die Entführung des Ganymed" sagt ein Kind mit lauter Stimme zum Vater: "Schau mal, das Baby pinkelt. Warum denn?" (S. 11) Neben anderem habe sie diese Episode mit der nicht gerade typisch fachlichen, wohl aber berechtigten Frage zur Konzeption von Schau mir in die Augen, Dürer! animiert, erwähnt die Kunsthistorikerin Susanna Partsch im Vorwort. Damit wird deutlich, dass sich das Buch gleichermaßen an interessierte Kinder wie auch Erwachsene richtet, dass es sich dabei aber fachlich wie sprachlich auf einem für Laien gut verständlichen Level bewegt. Das bedeutet indes keineswegs, dass die Autorin in ihren Abhandlungen banalisieren würde: Alle Texte zu den jeweils als Kapitelüberschrift aufgeführten Fragen sind fundiert, aber immer auf das Wesentliche beschränkt; manche Themen werden dabei lediglich auf einer knappen Seite, die überwiegende Anzahl indes mehrseitig abgehandelt.

Auf Fachbegriffe wird weitestgehend verzichtet; sofern dies in seltenen Ausnahmefällen nicht möglich oder nicht sinnvoll erscheint (etwa bei Begriffen wie Renaissance, Impressionismus, Lapislazuli), lassen sich diese Termini im Glossar nachlesen. Sämtliche zugrunde liegenden Fragen sind zusammenfassend in acht Themengruppen (z.B. "Die Themen der Maler", "Die Malerei als Spiegel der Welt" u.a.) unterteilt; es gibt also im Hinblick auf Künstler und Kunstwerke keine chronologische Abfolge. Das Buch kann, muss aber keineswegs von vorne nach hinten gelesen werden; es kann ebenso gut als unterhaltsames Nachschlagewerk verwendet werden. Partsch bezieht sich nur episodisch auf einzelne Künstler. Ihr geht es konzeptionell in erster Linie um einen breit gehaltenen, aber zumeist auf markante Details beschränkten Überblick über die Epoche der Alten Meister. Also einer Zeit zwischen dem 13. und 18.Jahrhundert (S. 44), die bestimmt war von dem Versuch, Menschen, Gegenstände und Landschaften möglichst naturgetreu, teils nahezu fotorealistisch abzubilden, dies aber auch mit künstlerischen Akzenten zu verfeinern. Eine Erläuterung dazu lautet folgendermaßen:

Wollten alle Maler die Wirklichkeit darstellen? Diese Frage lässt sich zwar mit "Ja" beantworten, allerdings muss man gleichzeitig fragen, um welche Wirklichkeit es sich dabei handelt. Denn es gibt immer unterschiedliche Wirklichkeiten, je nachdem von welchem Standpunkt man ausgeht, wo und wie man lebt. […] Insofern sind die Bilder zu allen Zeiten Spiegel der jeweiligen Wirklichkeit. (S. 164)

Das Buch weist zudem auf die häufig versteckte, für heutige Betrachter ohne entsprechendes Hintergrundwissen nicht zu entschlüsselnde Symbolik und die Bedeutung von Farben oder Gegenständen hin und gibt ikonografische Hinweise. Die notwendigen historischen, vorrangig kulturhistorischen Exkurse sind zwar knapp gehalten, vermitteln dennoch ein ausreichendes Hintergrundszenario für die jeweiligen Gemälde. Nicht minder interessant sind die Ausführungen zu ganz praktischen Fragen, etwa die Hängung von Kunstwerken, denen bestimmte Muster zugrunde liegen, oder die Bedingungen für einen Versand der kostbaren Kunstschätze. Die zur Illustration verwendeten Reproduktionen und Fotos sind durchweg farbig und gut ausgewählt; sie sind aussagekräftig, wobei im Einzelfall zum noch besseren Verständnis auch zusätzliche Ausschnittvergrößerungen angefügt sind. Sofern einzelne Bilder dem Text gleich an mehreren Stellen zugrunde liegen, ist dies durch deutliche Verweise angezeigt.

Die Eignung des Buches für Adressaten jüngeren Alters liegt in der Lebensnähe und Einfachheit der aufgeführten Fragen, die genau so zitiert werden, wie sie offensichtlich von Kindern und Jugendlichen auch gestellt wurden: "Darf man über Götter und Helden lachen?" (S. 151), "Warum sind auf alten Bildern viele Frauen so dick?" (S.99), "Wie hat es in den Werkstätten und Ateliers früher ausgesehen und wonach hat es gerochen?" (S. 206), "Wie malt man Licht?" (S. 180). Die ebenso verständlich formulierten Antworten rechtfertigen die erfolgte Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019.

Fazit

Schau mir in die Augen, Dürer! ist ein unterhaltsam aufgemachtes Sachbuch über die gemalten Kunstwerke Alter Meister, das nicht chronologisch, sondern nach Fragen aus unterschiedlichen Themenbereichen angeordnet ist. Für Heranwachsende ab 12 Jahren, aber ebenso für Erwachsene, ist es ausgezeichnet geeignet, Interesse für die intensivere Beschäftigung mit den großartigen Gemälden Alter Meister zu wecken. Zudem vermittelt es viele interessante Informationen vor und nach dem Besuch einer Gemäldeausstellung oder auch für die Betrachtung einzelner Bilder. Es versteht sich von selbst, dass es zudem bestens für den Einsatz im Kunstunterricht der Mittel- und Oberstufe verwendet werden kann.


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