von Gerd Klingeberg

Als ihre lebenslustige Mutter völlig unvermutet an akutem Herzversagen verstirbt, ist dies für Ben, seinen jüngeren Bruder und seinen Vater eine Katastrophe unüberschaubaren Ausmaßes. Wie soll man mit solch einem harten Schicksalsschlag umgehen? Nichts ist mehr wie zuvor. Wird auch nie wieder so sein. Aber das Leben geht trotz allem weiter. Wie jeder versucht, auf eine jeweils sehr persönliche Art mit dem tragischen Verlust klarzukommen, und wie alle drei ganz allmählich dem Leben wieder optimistisch begegnen, wird im Roman auf äußerst einfühlsame und anrührende Weise geschildert.  

Höfler, Stefanie: Der große schwarze Vogel.
Beltz & Gelberg, Weinheim 2018.
182 Seiten. 13,95 €.
ISBN 978-3-407-75433-2.
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

Als der 14-jährige Ben an einem sonnigen Oktobersonntag erwacht, muss er miterleben, wie sich im Zimmer nebenan Sanitäter darum bemühen, die Mutter nach einem Herzstillstand wiederzubeleben. Doch leider bleibt bei der gerade erst 45-Jährigen auch ein mehrfacher Defibrillator-Einsatz erfolglos. Bens Vater ist völlig schockiert; er verfällt in tiefe Lethargie und ist nahezu unfähig, alle jetzt notwendigen Schritte zu erledigen. Auch für Ben ist es furchtbar mitansehen zu müssen, wie der Arzt den Totenschein ausstellt und die Männer des Bestattungsinstituts die Leiche der Mutter aus dem Hause tragen. Und er muss auch noch die unangenehmen Fragen der Kriminalpolizei über sich ergehen lassen. Auf eigenen Wunsch geht er dennoch bereits am Folgetag wieder zur Schule, wohl wissend, dass er die Aufmerksamkeit der Mitschülerinnen und Mitschüler auf sich zieht und sich vielleicht neugierigen Fragen stellen muss. Doch immerhin steht ihm sein Freund Janus tröstend zur Seite. Aber auch seine sonst wenig kommunikative Mitschülerin Lina bekundet plötzlich Interesse an Ben. Daraus entwickelt sich eine zarte Liebesbeziehung. Tatsächlich verbindet beide Heranwachsende ein vergleichbar hartes Schicksal. Was nämlich bis dato niemand weiß: Linas Bruder liegt nach einem Verkehrsunfall seit Monaten in höchstwahrscheinlich irreversiblem Koma; deshalb ist Lina inzwischen eine "Expertin für den Tod“ (S. 151). Bens sechsjähriger Bruder hat seine ganz eigene Art, mit dem Tod der Mutter umzugehen. Er baut beispielsweise ein kleines Mausoleum und bricht sogar mit Bens Hilfe in die Friedhofskapelle ein, um den Sarg, in dem die Leiche der Mutter aufgebahrt wurde, ringsherum quietschbunt anzumalen.

Die Beerdigung gerät zu einem ziemlichen Eklat, weil der Vater lauthals den salbungsvollen Worten des Grabredners widerspricht und abrupt die Trauerversammlung verlässt. Später wird er auch noch das Ehebett mit einer Axt brutal zerstören. Aber gemeinsam findet die kleine Restfamilie nach und nach wieder zurück in einen zwar veränderten, aber trotzdem lebenswerten Alltag…

Kritik

Mit ihrem Roman Der große schwarze Vogel hat sich Stefanie Höfler, die als Lehrerin und Theaterpädagogin tätig ist, sehr behutsam und mit großem Einfühlungsvermögen dem Thema Tod und dessen Bewältigung gewidmet. Der Titel bezieht sich auf eine sehr poetische Passage des Buches:

"Der Tod ist wie ein Flügelschlag, hatte Ma einmal gesagt. Sie liebte solche Sprüche. Wie der Flügelschlag von einem großen schwarzen Vogel, der vorbeifliegt, und sein Schatten fällt kurz auf den, der zufällig darunter sitzt, und etwas länger auf diejenigen, die vielleicht gerade drum herum sind. Als hätte sie es geahnt, oder?“ (S. 96 f)

Die Autorin zeichnet ein Szenario, das glücklicherweise zwar nicht allzu häufig eintritt, aber zweifellos realistisch dargestellt wird: Aus der sprachlich weitgehend altersgerecht umgesetzten, wenngleich in der Wortwahl bisweilen etwas banal anmutenden Ich-Perspektive des 14-jährigen Ben wird der plötzliche Herztod der Mutter samt seiner erheblichen Auswirkungen auf das Leben der davon betroffenen Familienmitglieder geschildert. In die Abfolge der Ereignisse vom Morgen des Todes bis hin zum Tag der Beerdigung sind zudem kurze Kapitel ("Davor“, "Danach“) eingefügt, die einerseits ein Bild der zu Lebzeiten ungemein agilen und unternehmungslustigen Mutter vermitteln, andererseits wichtige Stationen der Trauerbewältigung und eine Neuorientierung der Familie in den Folgemonaten bis zum ersten Todestag der Mutter beschreiben.   

Zur Sprache kommen dazu diverse, bei einem Todesfall typische Verhaltensmuster: Beim Vater äußert sich dies in Ignoranz, Lethargie und Zusammenbruch, bei Ben ist es eine Art des irritierten Neben-sich-Stehens, bei seinem kleinen Bruder hat es dagegen zumindest nach außen hin den Anschein, als erfolge der Umgang mit dem unfassbaren Verlust der Mutter reichlich unbekümmert.   

Das bei plötzlichem Tod notwendige Procedere – etwa die forensische Untersuchung und die umfangreichen Vorbereitungen für das Begräbnis – wird ebenso erwähnt wie die oft nur zögerliche oder gar gänzlich vermiedene Kontaktaufnahme der Mitmenschen, die das teils als merkwürdig oder sogar absurd empfundene Verhalten der Angehörigen aufgrund der Ausnahmesituation jedoch zumeist tolerieren.

"Wenn etwas Schlimmes passiert, dann will jeder wissen, wie das passieren konnte, was überhaupt genau passiert ist. Und natürlich vor allem, wer schuld ist. Ist doch klar. Was aber keiner will, dachte ich, ist, daran irgendwie teilnehmen. An dem Nicht-fassen-Können, dem Schwer-Aushalten und den unbeantworteten Fragen. Und darum schauen alle lieber betroffen an denen vorbei, denen es passiert ist, und reden über Quadratwurzeln.“ (S. 105 f)

Nicht ausgeklammert wird auch die schwerlich zu beantwortende Frage, ob ein überraschender abrupter Tod ohne Abschied (wie bei Bens Mutter) "besser“ oder eher zu ertragen sei als etwa der lang anhaltende, im Endeffekt indes hoffnungslose Übergangszustand eines im Koma befindlichen Menschen (Linas Bruder).

Es darf zwar bezweifelt werden, dass sich das Verhalten von Hinterbliebenen im wahren Leben jemals derartig geballt äußert, wie dies im Buch geschieht: beispielsweise durch die Bemalung des Sarges, das abrupte Verlassen der Beerdigung durch den Vater oder in Form real empfundener "Erscheinungen“ der verstorbenen Mutter. Aber durch die gewiss bewusst breit vorgelegte Palette an exemplarischen Mechanismen der Traumabewältigung, die jeweils einer konkreten Romanfigur zuordnet werden, ergeben sich viele Identifikationsmöglichkeiten für Betroffene; zudem ist jede einzelne geschilderte Form des Umgangs mit einem derartigen Verlust zweifellos authentisch und realistisch. Und wenn es zum Schluss hin fast ein bisschen überzeichnet emotional, beinahe schon kitschig wird, dann passt auch dies in einen Gesamtrahmen, der letztlich dazu angedacht ist, Trost und Zuversicht zu vermitteln in einer über die Maßen belastenden Situation, über die leider noch immer viel zu oft geschwiegen wird.

Fazit

Der große schwarze Vogel ist keine simple Alltags- oder Unterhaltungslektüre. Der sehr berührende Text dürfte vor allem hilfreich sein für jugendliche Leserinnen und Leser ab etwa 12 Jahren, die im familiären oder auch weiteren Umfeld mit dem Verlust lieber Menschen konfrontiert wurden. Auch für Erwachsene kann in einer entsprechenden Situation der offene, auch höchst belastende Momente nicht verschweigende Umgang der Autorin mit der existenziellen Erfahrung des Todes sehr wohl nützlich sein.

Erstveröffentlichung: 13.06.2019


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