von Kirsten Kumschlies

Staat X: Das heißt "Schule als Staat". Carolin Wahl erzählt in ihrem Jugendroman von einem gewagten Projekt und seinen fatalen Folgen. Denn die Schülerinnen und Schüler entkommen in dieser Geschichte nur knapp einer Katastrophe. Die Autorin setzt hier mehr auf Spannung, schnelle Handlungsabläufe und bewährte Erzählmuster als auf literarästhetische Qualität. 

Wahl, Carolin: Staat X. Wir haben die Macht!
Loewe, Bindlach 2019.
397 Seiten. 9,95 €
ISBN  978-3-7432-0230-6
Empfohlen ab 14 Jahren. 

Inhalt

Die Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums können es kaum erwarten: In wenigen Tagen startet "Staat X", eine der gewagteren Varianten des Projekts "Schule als Staat". Eine Woche lang wird die Schule in einen Staat umgewandelt, die Lehrerinnen und Lehrer ziehen sich (mit Ausnahme der Vertrauenslehrer) komplett zurück und die höheren Klassen übernachten in dieser Woche in der Schule. Das Projekt wurde von langer Hand geplant und akribisch vorbereitet, Schlafplätze, Jobs und Essensrationen sind verteilt. Die Handlung setzt nach einem Epilog mit dem ersten Tag einer neuen Schülerin namens Lara ein, die neu aus Hamburg kommt und deren Start in der neuen Schule mit dem aufregenden Projektbeginn zusammenfällt. Sie ist eine der vier Protagonistinnen und Protagonisten, die in Carolin Wahls neuem Jugendthriller zu Wort kommen bzw. aus deren Perspektive erzählt wird. Neben Lara sind das noch Adrian, Melina und Vincent. Sie alle bringen ihre eigene Geschichte mit in die Handlung und somit in das "Staat X"-Projekt ein: Vincent leidet nach dem Tod der Mutter an der Teilnahmslosigkeit und Apathie seines Vaters, Adrian kämpft mit einem autoritären Vater, an dem einst Melinas Beziehung zu Adrian scheiterte, was der leseaffinen Schülerin bis in die Erzählgegenwart hinein zu schaffen macht. Melina betreibt in Staat X eine Buchhandlung, "Die Büchereule", Vincent geht zur Polizei und Adrian kandidiert für das Präsidentenamt und hat schwer damit zu kämpfen, als er nicht gewählt wird. Doch schnell wird klar, dass die Wahl manipuliert wurde, und durch weitere Intrigen gelingt es Adrian, zum Polizeipräsidenten aufzusteigen und seine Machtbefugnisse somit wieder sukzessive zu erweitern. Ganz unglücklich ist am Anfang die arme Lara: Weil sie neu ist, ist keine Arbeitsstelle mehr für sie frei und sie muss sich arbeitslos melden. Ganz plötzlich ist dann aber doch noch ein Job in einer Zeitung offen und Lara meldet sich, trotz eklatanter Zweifel an ihren Schreibkompetenzen, für die Stelle als Reporterin, einfach, um doch noch aktiv an Staat X partizipieren zu können und nicht durch die Arbeitslosigkeit als Außenseiterin degradiert zu werden.

Euphorisch starten die Schülerinnen und Schüler in das Projekt, doch schon nach wenigen Tagen läuft alles aus dem Ruder, die Polizeigewalt im fingierten Staat eskaliert und es kommt beinahe zur Katastrophe. Denn die anfängliche Wahlmanipulation war erst der Anfang...

Kritik

Die Analogie zwischen Carolin Wahls Staat X und Morton Rhues Die Welle ist unverkennbar, doch, und das sei gleich schon kritisch vorweggenommen, an den prominenten Schulklassiker reicht der neue Unterhaltungsroman nicht heran – zu trivial sind die Erzählmuster, zu stereotyp und klischiert die Figuren und ihre Beziehungen zueinander. Die Grundidee, von einem eskalierenden "Schule als Staat"-Projekt zu erzählen, ist sicher gut, funktioniert hier aber nur bedingt und verschenkt das Potenzial, das die Basishandlung birgt. Die Handlung ist variabel fokalisiert, kapitelweise wechseln sich Lara, Adrian, Vincent und Melina als homodiegetische Erzählstimmen ab, dazwischengeschaltet sind noch heterodiegetisch angelegte Kapitel, die stets mit Prinzipien übertitelt sind, nach denen Staat X sich richtet, etwa: "Der Staat unterliegt dem parlamentarischen Prinzip, Grundrecht, Staat X" (S. 48). Leider überwiegen bei der Figurenkonzeption psychologisch unglaubwürdige Konstruktionen, beispielsweise ist Adrians Vater nur böse, nichts als böse, und das ist schon bei seinem ersten Auftritt mehr als deutlich:

"Die Schritte waren lauernd, als wäre sein Vater auf der Jagd, auf der Suche nach seiner nächsten Beute. Dann wurden seine Schritte zu einem tiefen Grollen wie das Donnern eines Sommergewitters, kurz, bevor es sich in aller Gewalt entlud.

Adrian ballte die Hände zu Fäusten. Sein Vater gab sich nicht einmal Mühe, seine Absichten zu verbergen. Er war gekommen, um zu zerstören." (S. 8)

Über diese Art der Figurenkonzeption gelangt der Roman leider an keiner Stelle hinaus. Die Jugendlichen verstricken sich im Zuge des Projekts immer stärker in ein Netz aus Lügen und Intrigen, doch nach der Eskalation und der damit einhergehenden Auflösung des Projekt-Staates ändern sie sich radikal. Um beim Beispiel von Adrian zu bleiben: Er kann sich nun von seinem gewalttätigen Vater distanzieren und emanzipieren und seine Beziehung zu Melina wieder aufnehmen, die ihm nun verzeiht.

Zugute halten muss man dem Thriller sicher seinen hohen Unterhaltungswert, den Spannungsfaktor und seine leichte Lesbarkeit. Der Text ist angelegt wie ein klassischer Pageturner, kurze Kapitel und ebenso kurze Sätze erleichtern die Lesbarkeit enorm, auch für leseungeübte Jugendliche.

Gelungen sind zudem die intertextuellen und intermedialen Bezüge an einigen Stellen, so erinnert "das selbstgefällige Grinsen auf Kemals Zügen an die Katze aus Alice im Wunderland" (S. 93) und Lara freut sich über ihren "ersten Einsatz als rasende Reporterin. Ihr inneres, Benjamin Blümchen hörendes Kind jubelte lachend auf." (S. 215).

Darüber hinaus dominieren triviale Erzählmuster, die den Unterhaltungswert des Jugendbuchs aber nicht schmälern und ihn immerhin zu einer empfehlenswerten Urlaubslektüre machen.

Fazit

Ein einfach erzählter Roman in der Tradition von Morton Rhues Die Welle, der sich auf spannende Handlungsabläufe und leichte Lesbarkeit reduziert. Die Figuren sind psychologisch nicht ausdifferenziert, sondern als flache Charaktere konzipiert, die sich in ein einfaches Gut-Böse-Schema einordnen lassen. Damit ist Staat X – Wir haben die Macht! keine feinsinnige Studie über Grenzwerte staatlicher Strukturen, wie man vielleicht erwarten mag, sondern ein spannender und leicht lesbarer Jugendthriller, der Leserinnen und Lesern ab 14 Jahren empfohlen sei, die ebensolche spannenden und leichten Texte mögen. Die 397 Seiten kann man sicher auch locker an einem Tag verschlingen.


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