von Kirsten Kumschlies

Neun Jungen, gefangen im Londoner Untergrund und es gibt nur einen Ausgang, wenn überhaupt, und der will gefunden werden. One Exit erzählt von einem rasanten Kampf um Leben und Tod. Ein schnelleres Erzähltempo ist kaum vorstellbar. Der Youtuber Marik Roeder alias Darkvictory geht in seinem ersten Roman eigenwillige intermediale Erzählwege und spricht damit junge Leserinnen und Leser mit wahrscheinlich passenden narrativen Strategien an.

Darkvictory: One Exit. Verloren im Untergrund.
Loewe, Bindlach 2019.
396 Seiten. 16,95 €
ISBN  978-3-7432-0335-8
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Ein Zug entgleist mitten im Londoner Untergrund, mit ihm neun Jungen, alle im Alter von etwa 15 Jahren. Sie kennen sich nicht, stammen aus ganz unterschiedlichen Verhältnissen und wissen nur, dass sie Teil der Evakuierungsmaßnahme SEED sind, die sie vor dem Dritten Weltkrieg schützen soll. Ihre Erinnerungen sind wirr, einige der Protagonisten haben Visionen, die sie nur latent von Erinnerungsbruchstücken oder -fetzen unterscheiden können. Im verzweigten Untergrundsystem beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Tunnel füllen sich mit Rauch und Wasser, sodass sich die Jungen auf einmal in einem knallharten Überlebenskampf befinden, den nicht alle bestehen. So kämpfen sie zeitgleich auf der einen Seite um Erinnerungen und somit um Teile ihrer Identität und auf der anderen Seite um das pure Überleben. Keiner kann dem anderen trauen, zumal sie aus völlig gegensätzlichen Familien stammen: Da ist zum Beispiel Fabiu, der ursprünglich aus Rumänien kommt und in einer bettelarmen Familie in Berlin aufwuchs, in der der Kampf gegen den Hunger auf der Tagesordnung stand und den Alltag dominierte. Oder der klischiert dargestellte türkische Gangster Aziz, der einem Clan angehört und alles mit „Siktir Ian!“- Ausrufen kommentiert und der kleine, intelligente Asiate Joshua, der zum Anführer gewählt wird. Dann ist da noch Zakir, der Bommelweste und Bomberweste trägt, nachgezeichnete Augen hat, die ägyptischen Totenmasken gleichen, der Sohn einer Ägypterin und eines in London aufgewachsenen Türken, der gewaltbereit auf jede Form von Religiosität reagiert und der kleine, trickreiche Isaac, der in Wahrheit ein Mädchen ist. Sie alle fragen sich verzweifelt: Wie sind sie hierhergekommen? Und: Wie kommen sie wieder raus? 

Verraten sei hier nur so viel: Nicht alle überleben und nichts ist am Ende, wie es scheint.

Kritik

Dieses Buch ist was Besonderes: Der als Youtube-Star unter dem Namen Darkvictory bekannte Marik Roeder verknüpft in seinem dystopischen Debütroman filmische Erzählweise mit an computeranimierte Bilder erinnernden Illustrationen und bricht dadurch mit konventionellen Erzählmustern. Die Handlung setzt in medias res ein und ruft von der ersten bis zur letzten Seite durch visuelle Medien geprägte Bilder von schnellen Handlungsabläufen in Katastrophenfilmen im Kopf der Leserinnen und Leser ab:

"Ein Knall, ein Holpern, ein Quietschen. Dann ein heftiger Ruck. Fabiu wurde durch das enge Zugabteil geschleudert. Glassplitter fielen auf ihn hinab. Er spürte, wie er kurz den Boden unter den Füßen verlor. Wie in Zeitlupe wirbelte er durch die Luft, bis es ihn gegen etwas Hartes warf.

Sekunden des Lärms, gefolgt von dröhnender Stille." (S. 7)

Die rasante Handlungsstruktur lässt keine Pausen zu, keine Momente der Stille oder des Innehaltens, keine Passagen des zeitdehnenden Erzählens, alles zeitraffend oder zeitdeckend, ganz orientiert an der Erzählweise eines Actionthrillers. Der Raum ist stark begrenzt, denn die gesamte Handlung spielt sich im Londoner Untergrund ab. Der Zeitpunkt es Erzählens bleibt unklar, am Ende gibt es vorsichtige Verweise auf das Jahr 2020: Der US-Präsident wurde zum zweiten Mal gewählt, der Dritte Weltkrieg brach aus, so erzählt es der Roman ein wenig plakativ, ohne tiefere Deutungen vorzunehmen:  All dies bleibt ziemlich vage. Die Handlung ist ganz auf den harten Überlebenskampf der jugendlichen Protagonisten zentriert. Auch für diese selbst lässt sich der Text keine Zeit. Die Figuren bleiben eher flach, entwickeln sich nicht und sind auf wenige Merkmale oder gar Klischees reduziert. Die Fokalisierung wechselt ständig hin und her, sodass unmöglich psychologische Tiefe in der Figurenkonzeption entstehen kann. Manchmal ist das auch verwirrend und anstrengend zu lesen.

Und dennoch: Gerade durch diese enorme Schnelligkeit gelingt dem Text etwas, was nur wenige Bücher schaffen: Er holt Jugendliche, die mit audiovisuellen Erzählweisen vertrauter sind als mit der langsamen Lektüre eines Buches, dort ab, wo sie stehen. Marik Roeder spricht die Jugendsprache der Youtuber und inszeniert diese hier fulminant im Printmedium. Ihm ist zuzutrauen, dass er mit seiner Dystopie auch wirklich leseungewohnte Jugendliche abzuholen versteht. Ihnen werden hier Spannung, Action und eine enorm rasante Handlung geboten. Eine spannende Form der Intermedialität!

Fazit

Ein ungewöhnlicher dystopischer Jugendroman, dessen schnelle Erzählweise Leserinnen und Lesern beinahe den Atem rauben kann. Da muss man schon mithalten mögen und auch vor gewalthaltigen und blutigen Szenen nicht zurückschrecken. Empfohlen sei er vor allem Jungen ab 14 Jahren, die statt einen Actionfilm zu schauen, mal zum Buch greifen wollen. Ein Jugendroman für die Youtube-Generation. 

Erstveröffentlichung: 15.07.2019


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