von Kirsten Kumschlies

Die Sommerferien stehen vor der Tür, die zehnjährige Joelle landet aus Versehen in einem magischen Hotel an der Ostsee und entdeckt hier eine phantastische und spezielle Gabe an sich selbst: Sie ist eine Traumdeuterin! Die Vielschreiberin Gina Mayer legt mit dem Hotel der verzauberten Träume eine neue kinderliterarische Serie vor, die mit Sicherheit viele kindliche Leserinnen und Leser begeistern wird. Eine wunderbare Geschichte mit Spannung, Witz und sympathischen Figuren. Die ideale Lektüre für die Sommerferien. 

Mayer, Gina: Das Hotel der verzauberten Träume.
Band 1: Fräulein Apfels Geheimnis.
Band 2: Annabells Tagebuch.
Band 3: Die goldene Botschaft.
Mit Illustrationen von Gloria Jasionowsk.
ars Edition, München 2018.
je ca. 137 Seiten. 12,00 €.
ISBN 978-3-8458-2575-5 (Band 1).
ISBN 978-3-8458-2576-2 (Band 2).
ISBN 978-3-8458-2577-9 (Band 3).
Empfohlen ab 8 Jahren.

Inhalt

Das Hotel der verzauberten Träume – Fräulein Apfels Geheimnis

Sommer, Sonnenschein und Ferien! Die zehnjährige Joelle und ihr zwei Jahre älterer Bruder Lancelot freuen sich sehr, denn endlich geht es in den Sommerurlaub, und der soll dieses Jahr ein echter Traum werden. Die Eltern, die Mutter Yogalehrerin, der Vater Kunstmaler, haben ein exquisites Holiday Beach Ressort im fiktiven Ort Karbotz an der Nordsee gebucht. Leider aber hat Frau Fröhlich das Navi falsch programmiert, und die Familie landet nun versehentlich in Korbutz (ebenso fiktiv). Das liegt an der Ostsee und ist 400 km von ihrem eigentlichen Ziel entfernt. Hier kommen sie nun im neu eröffneten kleinen Hotel des freundlichen Fräulein Apfel unter. Dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht, merken die Kinder schnell. Nicht nur dass Fräulein Apfel eine Doppelgängerin hat, die sich schließlich als ihre Zwillingsschwester entpuppt, nein, besonders geheimnisvoll sind die vielen Traumfänger, die Joelle auf dem Dachboden der Pension entdeckt. Schon nach kurzer Zeit möchten die Kinder auf keinen Fall mehr in den Holiday Beach Club an der Nordsee, sondern wollen viel lieber im Hotel der verzauberten Träume bleiben, wo sie die einzigen Gäste sind. Auf dem Nachbargrundstück steht ein Wohnwagen, in dem Benny mit seinem Vater haust. Schnell schließen die Kinder Freundschaft. Aber das wichtigste: Joelle findet mit Hilfe der Apfel-Schwestern Fräulein Rose und Fräulein Linde heraus, dass sie über eine magische Gabe verfügt: Sie ist eine Traumdeuterin, die verlorene Träume an ihre Besitzer zurückbringen kann – leider sind das nicht nur schöne Träume, sondern es sind auch Alpträume darunter. Als Joelle sich einen solchen einfängt und ihn gnadenlos immer wieder träumt und darum ganz furchtbare Nächte hat, gibt es laut Fräulein Linde nur eine Option: Sie muss den wahren Besitzer des Traumes finden. Dabei helfen Joelle ihr Bruder Lancelot, Benny und die Apfel-Schwestern, denn die beiden hüten in ihrem Hotel die verlorenen Träume der Menschen. Sie sind Traumsammlerinnen und haben schon lange auf die Ankunft einer Traumdeuterin gewartet.

Das Hotel der verzauberten Träume – Annabells Tagebuch

 Der zweite Band vom Hotel der verzauberten Träume schließt unmittelbar an den ersten Teil an. Erzählte Zeit ist kaum vergangen. Joelle und ihre Familie befinden sich noch immer im Sommerurlaub bei den Apfel-Schwestern. Unbedingt will sie mehr über ihre traumhafte Gabe herausfinden, doch die alten Damen mauern, weil sie der Meinung sind, Joelle sei noch zu jung. Zum Glück aber findet sie auf dem Dachboden des Traum-Hotels das hundert Jahre alte Tagebuch von Annabell, die ebenfalls die Gabe der Traumdeutung besaß. Die Lektüre gibt Joelle viel Aufschluss. Vor allem aber geht es auch in diesem zweiten Abenteuer um einen ganz bestimmten Traum bzw. um Alpträume. Denn an solchen leidet ihre neue Freundin Flora, die Joelle in der Girl’s Night der ortsansässigen Kirchengemeinde kennenlernt. Doch mithilfe des historischen Wissens über die Traumdeuter-Gabe, das Joelle durch das Lesen des alten Tagebuchs erwirbt, gelingt es ihr, der neuen Freundin zu helfen und die bösen Träume zu bannen. Und damit nicht genug der Freude am Ende des zweiten Bandes: Joelle und Lancelot dürfen nun auch für immer in Korbutz bleiben und müssen nicht zurück nach Berlin. Die Eltern nämlich haben ebenfalls Gefallen am Ostsee-Leben gefunden und mieten das Nachbarhaus des Hotels der verzauberten Träume.

Das Hotel der verzauberten Träume – Die goldene Botschaft

Inzwischen ist es Herbst geworden, der Einzug in das neue Haus an der Ostsee der Familie Fröhlich verzögert sich wegen feuchter Wände. So wohnen Joelle, Lancelot und ihre Eltern weiterhin bei den Apfel-Schwestern im Traum-Hotel. Und wie man sich denken kann: Das verstimmt die Protagonistin mit der besonderen Gabe keineswegs. Zu viel gibt es zu entdecken und zu erleben im Haus der Traumsammlerinnen. Im dritten Band stößt Joelle auf eine geheimnisvolle goldene Kapsel, die – wie könnte es anders sein? – einen verlorenen Traum enthält. In diesem Fall handelt es sich um einen Wimmerling, der seinen Namen deshalb trägt, weil er immerzu wimmert, da er zu seinem Besitzer zurück möchte. Das Wimmern kann freilich nur Joelle hören, weil diese mit der besonderen Traumdeutungs-Gabe gesegnet ist. Wieder entfaltet sich ein spannendes Abenteuer, in dem Joelle gemeinsam mit ihrem Bruder Lancelot und den Freunden Benny und Flora denjenigen ausfindig macht, der den Traum verloren hat. Diesmal handelt es sich um den alten Herrn Moldau, den Vater des Vermieters vom neuen Haus, in das Familie Fröhlich bald einziehen wird. Der Traum verrät, dass er seine alte Jugendliebe nicht vergessen kann.

Kritik

Wie so oft bei Gina Mayers Kinderbuchserien (wie beispielsweise Lila und Zausel oder Der magische Blumenladen) funktioniert auch hier wieder alles wunderbar, insofern als Mayer ihre kindlichen Leserinnen und Leser im wahrsten Sinne des Wortes auf phantastische Weise zu unterhalten weiß. Das gelingt ihr durch die geschickte Kombination ansprechender Schauplätze, sympathischer Figuren und beliebter, klassischer kinderliterarischer Motivik. Hier konzentriert sich das Setting auf die Ostseeküste, die in malerischen Farben beschrieben wird. Nur der Ort Korbutz und das Traum-Hotel sind fiktiv, der Rest authentisch, hier "streicht der Wind sanft durch das Fünengras" und "die Sonne spiegelt sich im unendlichen Meer" (Band 1, S. 16), so schön ist es.

Auch das Motiv der Träume und das Bild der Traumdeuterin werden für kindliche Leserinnen und Leser sehr anschaulich aufbereitet. Dass Deckenschmuck-Traumfänger hier in ihrem Wortsinn ernst genommen werden und dazu dienen, Träume wieder einzufangen, ist durchaus originell und kann sicher auch beruhigend auf viele Kinder wirken, die Angst vor Alpträumen haben. Mayer setzt somit direkt an der kindlichen Erfahrungswelt an und zeigt sich als genaue Beobachterin aktueller, auch medial geprägter kindlicher Lebenswelten: Bruder Lancelot hat zunächst Probleme, damit umzugehen, dass es im Traum-Hotel kein W-LAN gibt, findet sich dann aber schnell damit ab, womit die Handlung zurück in die freie Natur verlegt werden kann. Die Kinder bauen am Strand Burgen und ganze Städte, baden in der Ostsee und lernen segeln. Das urige Traum-Hotel mit seiner abgeschiedenen Lage in der Natur und seiner Nähe zum menschlichen Innenraum „Traum“ wandelt sich in der kindlichen Wahrnehmung der Ich-Erzählerin Joelle plötzlich zum schönsten Lebensort, der das konstruierte Holiday Beach Ressort in den Schatten stellt. Das erinnert an Kirsten Boies Sommer in Sommerby, wo die Protagonistin ebenfalls ohne Handy in der freien Natur zurechtkommen muss, was sie zunächst verstört, dann aber schön ist. Auf diese Weise versuchen beide Autorinnen, Mayer und Boie, die kindlichen Lebenswelten abzulösen von virtuellen Räumen, ohne dabei arg moralisch zu werden. Dennoch führen sie vor, wie attraktiv das Leben ohne Internetzugang sein kann, wodurch in den Büchern in gewisser Weise die Wiederbelebung des romantischen Kindheitsbildes aufscheint, auch im Rückgriff auf ebenfalls romantisch konnotierte Stadt-Land-Kontraste, wie man sie in stärkster Ausprägung bei Heidi findet: Nach Berlin wollen die Kinder angesichts der traumhaften Atmosphäre an der Ostsee nicht zurück, sie genießen das freie Landleben. Dazu gehört auch das klassische Motiv der Elternferne, dem sich Mayer hier ebenfalls bedient. Zwar treten Joelles Eltern gelegentlich auf, aber eigentlich sind sie immer abwesend und spielen in den kindlichen Abenteuern rund um die Traumfängerei keine Rolle und wissen auch nichts von Joelles spezieller Gabe.

Wenige phantastische Elemente, die auch den Reiz der Geschichte ausmachen, verbinden sich mit einer realistischen Handlung, die vor allem wegen ihres Witzes und der sympathischen Figuren überzeugt. Schon der Anfang des ersten Bandes, als Mama Fröhlich das Navi versehentlich falsch programmiert hat und die Familie am verkehrten Ort landet verleitet kindliche Leserinnen und Leser durch Situationskomik und Sprachwitz zum Lachen:

 

" 'Das kann doch nicht wahr sein', sagte Papa. 'Sag, dass das nicht wahr ist, Silke!'

'Nun mach doch nicht so ein Drama!' erklärte meine Mutter gut gelaunt. 'Wir sind einen kleinen Umweg gefahren, Na und?'

'Wir sind 400 Kilometer von unserem Ziel entfernt.' Papas Stimme bebte. Er wurde selten wütend, aber jetzt war er es. 'Weil du das Navi falsch programmiert hast!'

'Aber schau dich doch mal um'“ sagte Mama. 'Findest du es nicht zauberhaft? Wir bleiben eine Nacht hier. Und morgen geht es mit frischem Schwung nach Karbitz.'

'Du meinst Korbitz,' sagte Papa.

'Karbotz!' korrigierte Lancelot.

Aber meine Mutter war schon ausgestiegen, atmete tief durch und reckte und streckte sich. 'Herrlich! Ich fühle mich jetzt schon erholt!'

Papa dagegen sah kein bisschen erholt aus.' (Band 1, S. 15)

 

Die Bücher sind groß gedruckt und mit einem Umfang von je knapp 140 Seiten pro Band inklusive Illustrationen von Gloria Jasionowski auch für Leseanfängerinnen und Leseanfänger gut zu bewältigen. Die Handlung ist chronologisch erzählt und leicht zu verstehen, aber anspruchslos und trivial ist sie auch nicht. Ähnlich wie bei Mayers Magischer Blumenladen ist auch das Hotel der verzauberten Träume die ideale Lektüre für Leseanfängerinnen – wegen der weiblichen Protagonistin und der durchgehenden Fokalisierung auf die Ich-Erzählerin sprechen die Bände wohl eher Mädchen als Jungen an, obwohl diesen mit Lancelot und Benny auch Identifikationsfiguren angeboten werden, aber sie sind "nicht speziell", wie es im Text so schön heißt.

Fazit

Sehr gute serielle kinderliterarische Unterhaltung, die mit klassischen Motiven spielt und die Lesemotivation, insbesondere von Mädchen ab 8 Jahren, auch wegen der leichten Lesbarkeit, ausgezeichnet zu fördern versteht. Oder: Eine hervorragende Sommerferien-Lektüre, die sich sowohl zum Vorlesen als auch zum ersten eigenen Lesen eignet. Man darf gespannt sein auf die nächsten Bände! 


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