von Caroline Klabunde

Jules Moreau, Anfang 40, Familienvater, überlebt einen Motorradunfall und erzählt seine Lebensgeschichte, nachdem er aus dem Koma erwacht.

Mit Vom Ende der Einsamkeit legt Benedict Wells einen Roman vor, der ergreifend und gefühlvoll vom Verlust und Gewinn des Lebens und der Liebe erzählt, und über die Frage nachdenkt, warum ein Leben so verläuft, wie es verläuft.

Wells, Benedict: Vom Ende der Einsamkeit.
Diogenes Verlag, Zürich 2016.
355 Seiten. 13,00 €
ISBN 978-3-257-06958-7.
Empfohlen ab 15 Jahren.

Inhalt

"Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich" (S. 9) mit diesem Satz beginnt Wells’ Roman. Die Geschichte handelt von dem Protagonisten Jules Moreau, der Vater von Zwillingen ist und einen Motorradunfall überlebt hat. Nach dem Aufwachen aus einem zweitägigen Koma beginnt er, seine Lebensgeschichte in zwei Teilen rückblickend chronologisch zu erzählen.

Jules erlebt mit seiner ältesten Schwester Liz und dem älteren Bruder Marty eine unbeschwerte Kindheit. Die Idylle wird jedoch jäh zerstört, als die Eltern der Geschwister bei einem Autounfall ums Leben kommen. Daraufhin wachsen Jules, Liz und Marty in einem Internat auf. Dort lernt der Protagonist Alva kennen, mit der er sich anfreundet. Die drei Geschwister werden erwachsen und jedes ihrer Leben verläuft unterschiedlich, jedes der Geschwister geht mit dem Tod der Eltern anders um. Jules arbeitet als junger Erwachsener wenig erfolgreich im Musikbusiness, Marty gründet in jungen Jahren eine eigene Firma, während Liz sich den Männern und Drogen hingibt und sich von beidem abwendet, um nicht selber verlassen zu werden. Doch so unterschiedlich ihre Lebenswege auch verlaufen, finden die Geschwister immer wieder zusammen. Jahre später erhält Jules ein Paket von Alva, die mittlerweile mit einem deutlich älteren Schriftsteller, der an Alzheimer leidet, verheiratet ist. So zieht er für einige Zeit zu Alva und ihrem Mann in die Schweiz und beide fangen, obwohl es der Mann von Alva nicht wünscht, ein Verhältnis miteinander an. Einige Zeit, nachdem Alvas Mann Selbstmord begangen hat, heiraten Alva und Jules und bekommen zwei Kinder. Doch bleibt dieses Glück für immer oder wiederholt sich die Vergangenheit von Jules, sodass er sich vielleicht einmal mehr fragen muss „Was sorgt dafür, dass ein Leben so wird, wie es wird?“ (S. 11)

Kritik

Vom Ende der Einsamkeit erscheint beim ersten Eindruck wie eine kitschige Liebesgeschichte. Doch der Schein trägt. Vorrangig ist der Roman eine Hommage an das Leben, bei dem die guten, schlechten, liebevollen und schmerzhaften Seiten des Lebens in Bewusstsein gerufen werden.

So sind Jules und seine Geschwister als Erwachsene auf der Suche nach der Identität ihrer Eltern. Doch diese finden sie nicht, sodass sie erfahren müssen, ihre Eltern im Grunde nicht gekannt zu haben: "Und später, als sie weg waren, hatten wir feststellen müssen, dass wir nichts von ihnen wussten, gar nicht" (S. 21). Dazu mag auch die dezent angedeutete Affäre der Mutter ihren Beitrag leisten.

In Vom Ende der Einsamkeit geht es sowohl um elementare Fragen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen an ihre Eltern, die eventuell nicht mehr leben oder diese schlicht nicht mehr beantworten können, als auch um Trauerbewältigung der unterschiedlichsten Art und im unterschiedlichen Alter. Der Roman steckt voller Was-wäre-wenn-Fragen. Was wäre, wenn seine Eltern keinen tödlichen Unfall gehabt hätten? Was wäre, wenn er Alva nicht wieder getroffen hätte?

Benedict Wells überzeugt nicht nur in der Beschreibung der individuellen Emotionen, sondern verwendet auch eine ruhige und schlichte Sprache, die auch dafür sorgt, dass die großen Emotionen, um die der Roman kreist, nicht aufdringlich wirken. Die Gefühle und Reaktionen von Liz, Marty, Jules, Alva und weiteren Figuren der Geschichte sind sehr nachvollziehbar erzählt. So wird auf lebensnahe Weise eine Verbindung zu den Protagonisten und ihren Schicksalen hergestellt, die es einem als Leser erschweren, sich am Ende der Geschichte von den Figuren zu lösen.

Aufgrund der Thematik ist der Roman durchzogen von einer Intensität, die verdeutlicht, dass Erlebnisse im Leben nicht gesteuert werden können und das Schicksal sich seinen Weg sucht, das Leben dennoch in seinen vollen Zügen genossen werden sollte.

Plötzlich kommen Vincent die Tränen. Er gibt jedoch keinen Laut von sich und starrt weiter auf den Fernseher, als ob er es vor mir verheimlichen will. Ich umarme ihn, und erst da fängt er richtig an zu weinen. "Ich vermisse sie auch", sage ich immer wieder. Nach einer Weile hat er sich wieder beruhigt und ist eingeschlafen. Ich schaue längst nicht mehr fern, sondern nur noch auf ihn. Habe wieder die alten Bilder vor mir: Wie ich nach dem Tod meiner Eltern allein in meinem Internatszimmer sitze, noch mit Schnee in den Haaren. Wie ich unser auf dem Pausenhof stehe und die anderen Kinder beim Spielen beobachte. Wie es mich davontreibt, fort, fort, fort. Ich trage Vincent in sein Bett, decke ihn zu, fühle eine tiefe Verbundenheit. Ich sehe mich selbst so sehr in diesem Jungen, dass es mich schmerzt. (S. 332f.)

Mit Vom Ende der Einsamkeit ist Wells ein literarisches Meisterwerk gelungen, das die Erwartungen all jener erfüllt, die sich eine literarästhetisch anspruchsvolle sprachliche Gestaltung wünschen, aber auch eine tiefgreifende und rührende Liebesgeschichte erhoffen, in der mehr als deutlich wird, dass das Leben endlich ist. Wells, der bereits für seinen Debütroman Becks letzter Sommer 2009 den Bayerischen Kunstförderpreis erhielt, zeige sich hier einmal mehr als meisterhafter Stilist, der es zu verstehen weiß, lebensechte Bücher und Texte zu schreiben.

Fazit

Dementsprechend können nicht nur Erwachsene das Buch lesen, sondern auch Jugendliche ab 15 Jahren, die für ernste Literatur zu haben sind. Benedict Wells erhielt für dieses Werk mehrere Auszeichnungen, unter anderem den Literaturpreis der Europäischen Nation (2016) und die Auszeichnung des Lieblingsbuches des unabhängigen Buchhandels (2016).

 


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