von Dr. Andreas Wicke

Kinderliteratur und Weltgeschichte, das ist bis heute keine selbstverständliche Verbindung. Erika Manns Roman Zehn jagen Mr. X ist 1942 auf Englisch – unter dem Titel A Gang of Ten – erschienen und spielt unmittelbar nach dem Eintritt Amerikas in den Zweiten Weltkrieg 1941. Ein faszinierendes Beispiel von Exilliteratur für Kinder, ein Spionageroman, ein politischer Appell, aber auch eine radikale Kampfansage an Hitlerdeutschland und ein Gegenentwurf zur Kinderliteratur der NS-Zeit. Außerdem ein wunderbarer Plot um kindliche Solidarität und Courage, der an Erich Kästners Emil und die Detektive (1929) erinnert.

 

Erika Mann: Zehn jagen Mr. X.
Übers. v. Elga Abramowitz.
Mit e. Nachw. v. Uwe Naumann.
Rowohlt, Hamburg 2019.
272 Seiten. 15,00 €.
ISBN: 978-3-499-21851-4.
Empfohlen ab 12 Jahren.

 

 Inhalt

"Hätte ich die Fakten etwas früher erfahren, ich hätte sie sicherlich als ernst genug für das FBI eingeschätzt und Mr. Snow von der Sache unterrichtet. Doch so verfolgten die Kinder ihre eigene Vereinte-Kinder-Strategie und wagten sich, ohne irgendjemanden einzuweihen, an eine Aufgabe, die sich als ebenso groß wie gefährlich erwies" (S. 183), berichtet die Ich-Erzählerin, nachdem die Kinder ihr die neuesten Ereignisse im Fall um Mr. X mitgeteilt haben. Es geht um Spionage in den Flugzeugwerken der fiktiven amerikanischen Stadt El Peso in Kalifornien.

Doch zunächst treffen Kinder aus verschiedenen Ländern in der Internatsschule 'Neue Welt' ein, Kinder, die deutlich vom Krieg gezeichnet sind und eindrücklich von ihren Kriegserlebnissen erzählen. Rombout, der Junge aus Holland, berichtet, wie am Geburtstag seiner Mutter, am 10. Mai 1940, der Überfall auf die Niederlande begann, wie Mutter und Bruder starben und Rotterdam zerstört wurde. Iwan aus Russland liest einen Brief seines Vaters von der Front vor und Georges aus Großbritannien erzählt, wie ihm eine Krankenschwester beim Schiffstransport nach Kanada das Leben gerettet hat: "Sie opferte sich, damit ich nicht zu sterben brauchte …" (S. 64).

Der Bericht über das Schiff, das von einem U-Boot beschossen wird, hat einen biographischen Hintergrund: Erika Manns Schwester Monika war 1940 auf jenem Dampfer, mit dem sie nach Amerika emigrieren wollte und der von einem deutschen Torpedoboot angegriffen wurde. Monikas Mann kam bei diesem Unglück ums Leben, aber auch viele der Kinder, die mit dem Schiff evakuiert werden sollten (vgl. von der Lühe 1993, S. 190). Im Roman heißt es: "Es war ein Kindertransport nach Kanada. Die Nazis wussten ganz genau, dass sie ein Schiff mit Hunderten von Kindern versenkten, aber das war ihnen egal" (S. 63).

Ein pazifistischer Roman ist Zehn jagen Mr. X allerdings nicht, vielmehr kämpfen die Kinder für einen 'gerechten' Krieg, den Krieg der Alliierten gegen die Nazis: "Sie versenken unsere Schiffe, nicht wahr, und sie bringen unsere Menschen um und lassen sie verhungern und behandeln sie schlechter als Hunde – die Menschen der Vereinten Nationen, meine ich, und das nimmt nie ein Ende, wenn wir nicht gewinnen", klagt George. "Wir müssen siegen, und wir müssen sie schlagen. Ich würde alles tun, alles, um dabei mitzuhelfen. Aber was können wir schon tun?" (S. 65f.). Was die Kinder tun können, davon erzählt der Roman, schnell sind Komitees gebildet, Hilfseinsätze werden geplant, Kriegssondermarken und Kriegsanleihen verkauft.

Dass die Sabotage-Affäre am Schluss von den Kindern gelöst wird und die Nazi-Spione dingfest gemacht werden, versteht sich fast von allein. Aber auch die Editionsgeschichte des Romans, der zunächst 1942 in New York veröffentlicht wurde, kommt zu einem guten Ende. Nachdem die erste deutschsprachige Übersetzung 1990 im Ost-Berliner Kinderverlag wenig Verbreitung fand, weil sie zeitlich mit dem Untergang der DDR einherging, ist die Übersetzung von Elga Abramowitz 2011 bei Arco und nun 2019 mit einem Nachwort von Uwe Naumann im Rowohlt Verlag erschienen, der die Werke Erika Manns – auch ihre Kinderromane – herausgibt.

 

 

Kritik

"Es war Frühlingsanfang 1942, ein paar Monate nach Pearl Harbor" (S. 14), so wird die Handlung datiert, die von der proamerikanischen und explizit gegen das nationalsozialistische Deutschland gerichteten Haltung ihrer Autorin Zeugnis ablegt. Die Schauspielerin und Kabarettistin, Rednerin und Journalistin, Weltreisende und Autofahrerin Erika Mann, die anlässlich ihres 50. Todestages in den Feuilletons gerade gewürdigt wurde, ist auch literarisch weit mehr als die Tochter Thomas Manns, im Bereich der Kinderliteratur sind neben Zehn jagen Mr. X etwa ihre Romane Stoffel fliegt übers Meer (1932) oder Muck, der Zauberonkel (1934) zu nennen.

Deutliche Züge der Autorin trägt auch die Ich-Erzählerin des Romans, die als Journalistin für eine Washingtoner Zeitung schreibt und deswegen von den befreundeten Kindern 'Depesche' genannt wird. "Ich glaube, es ist besser, wenn ich euch den wirklichen Namen der Stadt und die Namen ihrer Bürger nicht verrate" (S. 9). Mit dieser Vorbemerkung beginnt der Text, der eine durchgehend mündliche Erzählsituation inszeniert, etwa indem die Erzählerin sich mit den Leserinnen und Lesern verbündet, sie anspricht und so in die Geschichte hineinzieht. "Überlegen wir mal kurz: Gibt es noch irgendwas, das ihr wissen müsst oder an das ich euch erinnern sollte, bevor ich euch jetzt nach El Peso in Kalifornien mitnehme?" (S. 12). Immer wieder schaltet sie sich in die Erzählung ein – "Aber ihr habt ja Betsy noch nicht kennengelernt. Höchste Zeit, dass ich sie euch vorstelle" (S. 25) – und kümmert sich dabei auch um die Vergesslichen: "Ihr erinnert euch doch noch an Horatio Roosevelt Fairchild, nicht wahr?" (S. 76). Zwar ist das Wissen einer Ich-Erzählerin per definitionem begrenzt, sie kann nur erzählen, was sie auch selbst weiß, aber schließlich ist sie Journalistin und das verleiht ihr geradezu auktoriale Flügel, die sie allerdings bei Bedarf metanarrativ legitimiert: "Ich habe die Geschichte dieses Tages später so oft gehört, dass ich sie jetzt fast so erzählen kann, als hätte ich sie selbst erlebt" (S. 79).

Wenn die Erzählerin bisweilen journalistische Kriterien wie die Relevanz aufgibt und sich plaudernd in Details verliert, sodass der Roman nicht ohne Längen bleibt, ist sie sich doch immer wieder bewusst, dass sie eigentlich von einem Kriminalfall berichtet, und baut dementsprechend Spannung auf. Nicht nur bei einer wüsten Verfolgungsjagd, sondern auch durch syntaktische Dehnung. Auf der Suche nach Orangen an der Bar macht sie eine überraschende Entdeckung, als sie sich über die Brüstung beugt und …:

Es verschlug mir die Sprache. Das ist jedoch eine völlig unzureichende Beschreibung dessen, was ich empfand. Noch nie in meinem Leben war ich so erschrocken gewesen wie in diesem Augenblick.
Ich weiß nicht und werde es höchstwahrscheinlich auch nie wissen, ob diese Orangen tatsächlich dort waren oder nicht, denn noch bevor mein Blick an der Stelle anlangte, wo sie für gewöhnlich lagen, blieb er an etwas anderem haften – an etwas, was, milde ausgedrückt, dort absolut nicht hingehörte.
In dem Hohlraum unter der Theke, genau zwischen dem Kühlschrank und dem Regal, in dem die Gläser standen, sah ich … (S. 186)

Natürlich wird die Spannung hier nicht aufgelöst, aber man merkt an dieser Passage auch, dass die agententhrillerhafte Attitüde des Romans oftmals konstruiert wirkt. Ebenso schlägt der Schluss ein wenig über die Stränge eines handelsüblichen Happyends hinaus: Die Spione sind gefasst, der Fall ist vollständig aufgeklärt, die Eltern von Franz, die Deutschland verlassen mussten, weil der Vater "die Nazis hasst" (S. 90), werden spontan zu amerikanischen Staatsbürgern, die Kinder der 'Neuen Welt' moderieren erfolgreich eine weltweite Radiosendung und zu allem Überfluss wird die Erzählerin von ihrem Chefredakteur geheiratet, der damit "die Presse von einer Reporterin wie [ihr] zu befreien" (S. 253) gedenkt. Mit Blick auf Erika Manns Biographie – aber auch auf die selbstbewusste und emanzipierte Depesche – kommt diese Wendung in biedermeierlich-traditionelle Genderstereotype höchst unerwartet. Man kann diesen Schluss nicht anders als ironisch lesen, auch wenn es dafür (leider) keine ernsthaften Hinweise gibt. "Vielleicht hat Erika Mann sich zu diesem fragwürdigen Happyend um der guten, politischen Sache willen genötigt gefühlt", kommentiert Gundel Mattenklott und urteilt: "Heute ist es schwer erträglich" (Mattenklott 2001, S. 137).

Die 'Neue Welt', also das internationale Internat, das Erika Mann als Handlungsraum für ihren Roman entwirft, ist erkennbar an Summerhill orientiert, jener Modellschule, die Alexander S. Neill Anfang der 1920er Jahre gegründet hat und deren reformpädagogisches Konzept später maßgeblich für unterschiedlichste Formen antiautoritärer Erziehung wurde. Das demokratische Prinzip Neills beispielsweise zeigt sich auch in Zehn jagen Mr. X: "Schließlich ist es eine ganz neue Welt, die wir hier errichten, eine Welt, in der Kinder in der Gemeinschaft von Kindern leben und aufwachsen, ein richtiger Kinderstaat, von Kindern organisiert, regiert und in Gang gehalten" (S. 12, vgl. auch Wrobel 2012, S. 242f.). Die Kinder dieser Schule, die 'vereinten Kinder', wie sie sich später nennen – und darin den Bezug zu den Vereinten Nationen deutlich machen – scheinen anfangs überspitzt gezeichnet und werden zum Teil unangenehm mit Nationalklischees ausgestattet. Im Laufe des Romans löst sich diese Etikettierung jedoch weitgehend auf, Wiebke von Bernstorff (2013, S. 423) sieht darin einen "Erkenntnisprozess […], der die Kinder in ihrer Verschiedenheit zusammenwachsen und dabei die nationalen Stereotype in den Hintergrund treten lässt".

Die Vorzüge des Romans liegen insgesamt darin, wie Erika Mann die Kindergruppe aus unterschiedlichsten Nationalitäten, Sprachen, Familienverhältnissen und Kriegserlebnissen zusammenhalten, zusammenarbeiten und mit ihren Mitteln gegen die Gräueltaten der Nationalsozialisten, gegen Faschismus und Barbarei kämpfen lässt. Die individuell und pointiert gezeichneten Kinderfiguren, vor allem Chris, der engste Vertraute der Erzählerin, sind so plastisch und einnehmend beschrieben, dass man darin die Sympathie der Verfasserin für die jungen Menschen deutlich erkennen kann. Auch Gundel Mattenklott hebt die Darstellung von Tugenden wie "Zivilcourage, Solidarität, Freundschaft, Empathie, Aufgeschlossenheit, Toleranz und Gastlichkeit dem Fremden gegenüber" als Stärke des Romans hervor, kritisiert jedoch, dass es dazu "der Kriminalstory nicht bedurft [hätte], die Züge eines forcierten und unglaubwürdigen Aktionismus trägt" (S. 137). Das ist sicher richtig, dennoch hat beispielsweise das skurrile Ermittlerduo aus Inspector Waitstill Snow vom FBI und Cesar Tiff vom Detektivbüro Das Falkenauge, AG einen nicht unerheblichen Anteil an der Komik der Geschichte.

Eine Besonderheit des Romans ist die Sprache, in der sich die Kinder aus aller Welt verständigen. Zwar tun sie das in Amerika weitgehend auf Englisch, in der Übersetzung dementsprechend auf Deutsch, dennoch gibt es immer wieder Floskeln in den Herkunftssprachen der Kinder, die hier praktizieren, was in der aktuellen Debatte als Mehrsprachigkeitsphänomen diskutiert wird. Mit den Eigenheiten der Figurensprache spielt Erika Mann virtuos, etwa wenn der aus Norwegen stammende Björn seine Lehrbuchsprache stets etwas übertreibt: "Liebe Depesche", schreibt er der Erzählerin in einer kurzen Notiz, "ich bin wundervollstens erstaunt. Das ist wahrhaft beglückend und auch sehr erhebend" (S. 156). Der aus Deutschland stammende Franz hingegen hadert mit seiner Sprache und thematisiert ein Problem, das vielen Exilautoren vertraut ist:

Er sprach immer Englisch, auch wenn er mit sich selber redete. Denn obgleich er seine deutsche Muttersprache liebte, wollte er sie nicht mehr sprechen. Er hätte es nicht erklären können, doch er fühlte, dass die Nazis alles, womit sie in Berührung kamen, verschandelten und missbrauchten, und solange sie 'zu Hause' in Deutschland an der Macht blieben, wurde auch die deutsche Sprache verschandelt und missbraucht. (S. 123)

Der Roman endet schließlich mit beinahe jener Phrase, für die der amerikanische Journalist Edward R. Murrow bekannt wurde, die aber bereits die spätere englische Königin Elisabeth II. 1940 in einer Radioansprache verwendet: "good luck, and good night and good-bye", in der deutschen Übersetzung von Elga Abramowitz leider ohne Anapher: "Viel Glück und gute Nacht und Lebewohl!" (S. 254).

Fazit

"Eine Welt, eine einzige, mässig grosse, die Raum hat für alle, doch nicht für alles. Und wofür nun einmal gewiss nicht? Das Wort ist flach und wir vermieden es lieber. Es ist unvermeidlich. Was hinter ihm steht, hat die Erde in Rauch und Flammen gehüllt und muss verfemt sein, nach den Gesetzen der neuen Welt. Es heißt: Nationalismus!", schreibt Erika Mann 1943 für Die Zeitung (zit. nach von der Lühe 1993, S. 9). Dieses Credo zeigt sich überdeutlich auch in ihrem Roman Zehn jagen Mr. X, der sich für jugendliche Leser ab etwa 12 Jahren eignet und in dem sie dem Nationalismus eine internationale und völkerverbindende Utopie entgegenhält. Was im Mikrokosmos, dem Kinderstaat der 'Neuen Welt', funktioniert, visioniert Erika Mann auch für eine neue Welt der Erwachsenen. Dafür kämpft sie als Journalistin, Kabarettistin und Lecturer ebenso wie in ihren literarischen Texten. "Das Ganze sollte ein Hoheslied auf die Vereinten Nationen sein, an die Erika damals glaubte", schreibt der Bruder Golo Mann (2011, S. 226) in seinem Nachwort zur ersten deutschsprachigen Ausgabe 1990.

 

Literatur

  • Bernstorff, Wiebke von: Erika Mann: A Gang of Ten (1942), deutsch: Zehn jagen Mr. X (1990). In: Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur. Von Heinrich Heine bis Herta Müller. Hg. v. Bettina Bannasch und Gerhild Rochus. De Gruyter: Berlin 2013. S. 421-427.
  • Lühe, Irmela von der: Erika Mann. Eine Biographie. Campus Verlag: Frankfurt/Main u. New York 1993.
  • Mann, Golo: Meine Schwester Erika und ihr Buch "A Gang of Ten". In: Erika Mann: Zehn jagen Mr. X. Übers. v. Elga Abramowitz. Mit e. Nachwort v. Golo Mann. Hg. v. Christoph Hacker. Arco: Wuppertal 2011. S. 219-226.
  • Mattenklott, Gundel: Eigensinn und moralisches Engagement. Über Erika Manns Kinderbücher. In: Zeitschrift für Germanistik. Neue Folge. XI (2001) 1. S. 131-141.
  • Wrobel, Dieter: Vergessene Texte der Moderne wiedergelesen. Erika Mann: Zehn jagen Mr. X. In Literatur im Unterricht. (2012) 3. S. 235-251.

 

Erstveröffentlichung: 12.9.2019


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