von Gerd Klingeberg

Auf einen spannenden Ost-West-Wettkampf anno 1985 in Ostberlin hatte sich Ben gefreut. Doch das Sportfest entwickelt sich unversehens zum Alptraum: Er wird entführt, steht ohne Pass und mit falscher Identität im sozialistischen Teil Berlins auf der Straße, wird von der Polizei aufgegriffen und in einen "Jugendwerkhof“ eingeliefert, ein DDR-Heim für aufmüpfige Jugendliche, in dem brutale Disziplinierungsmethoden an der Tagesordnung sind. Irgendwie muss er zurück nachhause, in den freien Westsektor Berlins. Ein schier unmögliches Unterfangen, dessen Ausgang in einer dramatischen Geschichte im Buch erzählt wird. Denn Ben ist es als Sportler gewöhnt, sich nicht so schnell unterkriegen zu lassen. Er muss zurück, koste es, was es wolle... 

Endemann, Helen: Todesstreifen.
Rowohlt Taschenbuchverlag, Hamburg 2019.
254 Seiten. 14,00 €
ISBN 978-3-499-21841-5
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

Eigentlich hatte ihn seine Mutter zuvor gewarnt, nach Ostberlin zu fahren. Aber der 15-jährige Ben wollte unbedingt teilnehmen am dort stattfindenden Leichtathletik-Vergleichswettkampf zwischen Ost und West. Als er vorab seine Crosslaufstrecke erkunden will, wird er von anderen jugendlichen DDR-Sportlern entführt und muss seine gesamte Bekleidung mit einem ihm frappierend ähnlich aussehenden Jungen namens Marc tauschen. Als die Kidnapper ihn zu Marcs Oma und seinem Vater bringen wollen, wartet dort bereits die Volkspolizei auf ihn. Die hält seine merkwürdige Verwechslungsgeschichte für eine bloße Ausrede und weist ihn unverzüglich in ein Erziehungsheim ein, in dem äußerst raue und brutale Sitten herrschen. Nachdem Ben von anderen jugendlichen Insassen zusammengeschlagen wurde, darf er zunächst zurück zu seiner vermeintlichen Oma, die glücklicherweise sofort erkennt, dass es sich bei ihm nicht um ihren Enkel Marc handelt. Der ist dank Bens Identität nämlich längst schon mit den anderen Sportlern aus dem Westen zurück in Westberlin im Internat. Zwar kann er die Menschen in seiner Umgebung täuschen, aber Bens Zimmerkamerad Andi hat sofort gemerkt, dass dort ein Fremder in Bens Bett liegt, verspricht Marc jedoch, vorerst dichtzuhalten, um Bens baldige Rückkehr nicht zu gefährden. Marc hatte angenommen, er habe alles bestens geplant und Ben könne schnell und ohne größere Probleme wieder aus Ostberlin ausreisen. Doch nichts läuft so wie gedacht. Er sieht schließlich keinen anderen Ausweg mehr, als die Identität mit seinem Doppelgänger Ben in Ostberlin zurückzutauschen. Sein unbedingtes Ziel, so schnell wie möglich aus der DDR abzuhauen und auch seine Mutter, die vor vielen Jahren bereits in den Westen geflüchtet war, wiederzufinden, will Marc indessen keinesfalls aufgeben. Daher plant er mit Hilfe seiner neuen Freunde in Westberlin eine äußerst waghalsige Flucht über den Todesstreifen inmitten der geteilten Stadt. Ob und wie sie gelingt, das wird auf spannende Weise erzählt. Und daneben erfährt der Leser auch, dass Ben und Marc weit mehr miteinander verbindet als dieses lebensgefährliche Abenteuer…

Kritik

Pünktlich zum 30. Jahrestag des Mauerfalls in Berlin behandelt die Autorin Helen Endemann in ihrem neuen Jugendroman Todesstreifen, in dem es ein fiktives Geschehen im Jahre 1985 geht, ein spannendes Thema aus der jüngsten deutschen Geschichte. Quasi automatisch hat sie sich damit auf ein auch im Nachhinein durchaus diffiziles politisches Terrain begeben. Zumindest bei später geborenen Jugendlichen sowie vielen anderen, die nicht direkt und persönlich mit den damaligen Verhältnissen im geteilten Deutschland konfrontiert waren, dürften Begriffe wie Zwangsumtausch, Republikflucht, Klassenfeind, Kollektiv und Todesstreifen kaum bekannt und präsent sein.  Kenntnisreich und nachvollziehbar plastisch zeichnet Endemann das Bild der DDR-Überwachungsgesellschaft unter einem allgegenwärtigem Geheimdienst, "auch bekannt unter VEB Horch und Guck“ (S. 63).  Sie verdeutlicht zudem die krassen ideologischen Ost-West-Unterschiede, so wie sie sich vor der Wende 1989 im täglichen Leben der DDR-Bürger – und besonders der Ostberliner – darstellten. Dabei werden auch daraus resultierende, stark divergierende sprachliche Eigenheiten angerissen:

"Wir müssen uns im Gemeinschaftsraum die „Aktuelle Kamera“ im Fernsehen ansehen. Das ist eine Art Nachrichtensendung. Eine Frau mit einer Helmfrisur liest ellenlange Sätze von Blättern ab, von denen ich kein Wort verstehe. [… ] Dieses ganze Zeug ist so unverständlich gewesen, komische lange Namen und Begriffe, die ich noch nie gehört habe. Bei meinen Eltern zu Hause sehe ich manchmal die Tagesschau. Da verstehe ich auch vieles nicht, aber ich kenne wenigstens ein paar Politiker und kriege mit, wo ein Erdbeben stattgefunden hat oder eine Demo.“ (Ben, S. 77)


Kapitelweise abwechselnd wird der unterschiedlich wahrgenommene Ablauf des Geschehens jeweils aus der Ich-Perspektive des 15-jährigen Westberliners Ben beziehungsweise des im Ostteil der Stadt wohnenden Marc erzählt. Die fiktive Handlung mit dem als Ausgangspunkt eingesetzten Doppelgängermotiv dürfte (speziell unter den strengen Kontrollbedingungen der DDR!) zwar äußerst unrealistisch sein, aber Endemann hat dieses Konstrukt wider Erwarten sehr konsequent und weitestgehend stimmig durchziehen können. Sie bedient sich dabei allerdings auch weiterer ziemlich ungewöhnlicher "Zufälle“. Das tut indes einem wohl durchdachten Spannungsbogen keinen Abbruch.
Die technischen Abläufe des Fluchtgeschehens, aber auch die dabei möglicherweise auftretenden Probleme sind absolut realistisch beschrieben; entsprechende Vorgehensweisen bei der Überwindung der Grenzanlagen wurden tatsächlich mehrfach dokumentiert.  

Nicht ganz glücklich ist die extreme Ost-West-Polarisierung: der "böse“, arme Osten gegenüber dem "guten“, weil reichen, demokratischen und menschenfreundlichen Westen, wie wir sie als Stereotypisierung in vielen Kinder- und Jugendbüchern zu Mauerfall und Wende finden. Sicherlich sind es durchweg bekannte und weitgehend auch belegte Fakten, die von der Autorin verwendet werden:

"Bei uns wird nicht diskutiert. Wir hören uns an, was die Lehrer sagen, und lesen, was in den Schulbüchern steht, und dann plappern wir das eins zu eins nach. Wer diskutiert, ist ein Schädling.“ (Marc, S.51)

"Telefonate in den Westen werden abgehört“, sagt Sascha. „Von wem?“ „Von der Stasi“, sagt Sascha. „Ministerium für Staatssicherheit. Wenn du versuchst, im Internat anzurufen, lenkst du die Aufmerksamkeit der Stasi auf dich und Marcs Oma. Auf uns...“ (S.98)

Aber eine kaum differenzierte, radikale „Verteufelung“ der DDR, die sich im gegebenen Fall allerdings vor allem auf Ausnahmesituationen (i.e. grundsätzliche Ablehnung des Systems und Fluchtumstände) bezieht und sich reichlich gängiger, teils klischeehafter Sichtweisen bedient, dürfte zumindest manchem Leser aus dem heutigen Osten doch allzu einseitig erscheinen.

Das letzte Kapitel, das sich direkt auf die Wende-Ereignisse im November 1989 bezieht, löst in einem geradezu klassischen Happy End viele Unklarheiten aus den verworrenen Familiengeschichten auf, bleibt aber stereotyp beim endlich erfüllbaren "Ossi“-Wunsch nach einem Westauto stehen. Eine intensivere Aufarbeitung des Ost-West-Verhältnisses ist hingegen von einem in erster Linie auf Spannung angelegten Jugendroman kaum zu erwarten.

Fazit

Todesstreifen beschreibt anhand einer spannenden Flucht auf eindringliche Art – wenngleich nahezu ausschließlich "west-orientiert“ – die Situation im geteilten Berlin vor der Wende 1989. Jugendliche Leser ab 12 Jahren bekommen so einen guten Einblick in die Verhältnisse der jüngsten deutschen Geschichte samt deren oft schlimme Auswirkungen auf das persönliche Leben von Menschen, die das System im Osten abgelehnt haben. Ob das Buch – etwa auch bei einer möglichen Behandlung der Thematik im Mittelstufenunterricht – das noch immer eingetrübte Verhältnis der Deutschen aus Ost und West verbessern hilft, sei allerdings dahingestellt.

Erstveröffentlichung: 16.09.2019


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