von Dr. med. dent. Gerd Klingeberg

Der plötzliche Freitod ihres älteren und einzigen Bruders wirft Luise komplett aus der Bahn. Sie rasiert sich den Kopf kahl und verweigert den Kontakt mit ihrer Umwelt. Als sie genau an ihrem 16. Geburtstag überraschend eine aus einer "Zwischenwelt" abgesandte E-Mail ihres toten Bruders erhält, ist sie zunächst erneut geschockt. Bis sie – rein zufällig – den 19-jährigen Jacob trifft. Beide sind sofort voneinander fasziniert. Doch erst sehr allmählich entwickelt sich daraus ein tiefes, inniges Verhältnis, in dem sie sich einander zu öffnen in der Lage sind. Mit einfühlsamen Worten wird geschildert, wie beide im liebevollen Miteinander gemeinsam den Weg zurück finden in ein Leben, das nicht mehr allein von unendlicher Trauer und Verlassenheit bestimmt ist...

Freytag, Anne: Nicht weg und nicht da.
Wilhelm Heyne Verlag München 2018.
480 Seiten, 16,00 €
ISBN 978-3-453-27159-3.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Am Morgen der Beerdigung ihres Bruders Kristopher rasiert sich die 15-jährige Luise aus einem Impuls heraus den Kopf kahl, ein paar Tage später lässt sie sich die Lippe piercen. Dass Kristopher, mit dem sie ein überaus enges geschwisterliches Verhältnis pflegte, ganz einfach aus dem Badezimmerfenster im vierten Stockwerk auf die Straße gesprungen ist und dass Luise auch noch seinen zerschmetterten Körper auf dem Straßenpflaster zu sehen bekam, ist ein grausamer, ungemein gravierender Einschnitt in ihrem Leben. Zwar war Kristophers Verhalten aufgrund einer bipolaren Störung schon immer ein steter Wechsel zwischen manischem Himmelhoch-Jauchzend und anhaltend schwerer Depression, aber Luise wusste stets liebevoll damit umzugehen. Jetzt fühlt sie sich überwältigt von ihrem unendlichen Kummer, verweigert auch jede Mitarbeit bei der Traumatherapie. Ihre Mutter vergräbt sich in Arbeit, der Vater hat die Familie ohnehin schon verlassen; nur gegenüber ihrer Freundin Ming kann sie sich öffnen. Und dann trifft sie ganz zufällig auf den drei Jahre älteren Jacob. Nach außen hin gilt er als unwiderstehlicher Frauenschwarm, doch wegen seiner schlimmen Misshandlungen im Kindes- und Jugendalter gibt er nichts von sich preis.

Nur ein einziger gegenseitiger Blick genügt, damit beide voneinander fasziniert sind. Angesichts der Verschlossenheit beider Charaktere dauert es indes eine längere Zeit, bis sich daraus so etwas wie ein freundschaftliches Verhältnis, nach und nach dann eine äußerst innige Beziehung entwickelt.

Und noch etwas trifft Luise bis ins Mark: An ihrem 16.Geburtstag, wenige Wochen nach Kristophers Suizid, erhält sie von ihm überraschend eine erste E-Mail. Ihr Bruder meldet sich aus einer "Zwischenwelt", weil er die Hilfe seiner Schwester braucht, um "vom Fährmann auf die andere Seite" zu gelangen. Tatsächlich war Kristophers Freitod eine monatelange Vorbereitungszeit vorausgegangen, in der er auch mittels des E-Mail-Programms futureme.org Briefe an Luise geschrieben hat; sie sollen ihr nähere Erklärungen zu seiner Entscheidung geben, aber mehr noch dazu dienen, auf sehr einfühlsame Weise der geliebten kleinen Schwester bei der Bewältigung des unsäglichen Verlustes behilflich zu sein. Dazu gibt er Luise einige perfekt vorbereitete, jedoch von ihr nur schwer zu bewältigende Aufgaben (u.a. sich ein vorgegebenes Tattoo stechen zu lassen, Kristophers Zimmer auszuräumen), die sie anfangs nur mit Jacobs Unterstützung auszuführen in der Lage ist. Und tatsächlich gelingt es dadurch beiden, Kristopher den Weg nach "drüben" zu ermöglichen und sich selber auch wieder dem Leben zu öffnen...

Kritik

Mit ihrem neuen Roman Nicht weg und nicht da hat sich Anne Freytag einer schwierigen, vor allem für ein Jugendbuch durchaus auch recht heiklen Thematik zugewandt. Über Suizid wird in der Gesellschaft noch immer eher zurückhaltend gesprochen. Eine bipolare Störung, die im Buch als Ursache genannt wird, kann tatsächlich häufig ein Auslöser für einen Selbstmord sein. Wichtiger ist indes der Blick auf die schier unerträgliche Belastung der Menschen im direkten, vor allem familiären Umfeld, den die Autorin sehr detailliert in den Fokus rückt.

"Es fühlt sich an, als wäre mein Bruder zwei Mal gestorben. Ein Mal am 26. Januar 2017 und ein Mal heute Nacht. Der Schmerz ist derselbe. Dumpf und tief wie eine Wunde, die einfach nicht aufhören will zu bluten. Ich kann mich nicht mehr an Kristophers und meine letzte Unterhaltung erinnern. Oder daran, wie ich mich von ihm verabschiedet habe, an dem Tag, als er gesprungen ist. […] Ich frage mich, ob mein Bruder den Wind noch gespürt hat. Und ob sein Ende so war, wie er es haben wollte. Ich wünsche es mir. Ich hoffe, es war das perfekte Ende eines viel zu kurzen Lebens." (S. 371/372)

Im Roman werden ausführlich die ersten vier Monate nach Kristophers Beerdigung, schließlich noch eine kleine Episode knapp ein Dreivierteljahr später erzählt. In den zumeist kurz gehaltenen Kapiteln – unregelmäßig wechselweise mit Luise oder Jacob überschrieben – berichten die beiden Protagonisten aus der Ich-Perspektive und nahezu ausschließlich im Präsens über das Geschehen und ihre jeweiligen inneren Reaktionen und Gefühle. Dies vermittelt ein hohes Maß an Identifikation. Dazu trägt auch die Konstellation der Hauptpersonen bei: 16-jähriges Mädchen(Luise), 19-jähriger junger Mann (Jacob bzw. Kristopher), die damit in etwa der hauptsächlichen Leser-Zielgruppe entspricht. Die Sätze sind zumeist kurz , die Ausdrucksweise ist direkt, die Wortwahl ist einer jugendlichen Leserschaft angemessen, ohne sich übertreibend anzubiedern. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen! – gelingt es der Autorin, dem Leser die starken Emotionen, die im Roman mit seiner Kombination aus Trauerbewältigungsdrama (samt psychologisch fundierter Beschreibung entsprechender Stadienabfolge) und rührender Lovestory einhergehen, auf sehr eindringliche Weise nahezubringen und diese auch nacherleben zu lassen.

"Ich habe ihm nichts erzählt. Gar nichts. Nicht nur, weil ich nicht wollte, sondern weil ich nicht wusste, wie. Wo hätte ich anfangen sollen? Bei Kristophers Geburt? Bei seiner Krankheit? Oder doch gleich ganz am Ende: bei seinem Tod?
Ich höre seine Stimme. Wie einen akustischen Schnipsel, den er in meinem Kopf zurückgelassen hat. Er hat lange nicht gelacht. Wochenlang. Vielleicht sogar Monate. Ich habe Angst, diesen warmen kehligen Klang irgendwann völlig zu vergessen." (S. 32)

Tatsächlich stellen die Thematik wie auch das Lesen des Buches eine echte emotionale Herausforderung dar; denn Tod und Trauer sind per se berührende Themen. Ob das im Buch verwendete Setting – etwa, dass Jacob einerseits ein stark mitfühlendes, psychologisch tiefgehendes Verständnis für die Situation der hinterbliebenen Schwester aufweist, aber ungeachtet dessen nicht vor einem Suizid zurückschreckt – tatsächlich so denkbar wäre, spielt dabei eine allenfalls untergeordnete Rolle.

Durchaus heikel ist jedoch die denkbare (im schlimmsten Fall zu eventueller Nachahmung animierende) Euphemisierung des Selbstmords, die sich trotz deutlich gegenteiliger Aussagen aus der postmortalen Zuwendung Jacobs gegenüber seiner Schwester konstruieren ließe: Kristophers mehrfach zitierte Aussage "Man ist immer nur eine Entscheidung von einem völlig anderen Leben entfernt" (S. 220) ist zwar keineswegs so gedacht, könnte aber entsprechend fehlinterpretiert werden.

Als allzu romantisierend könnte man auch die äußerst zarte Beziehung zwischen Jacob (der zuvor fast schon promiskuitiv mit etlichen jungen Frauen geschlafen hat und als Angry young Man bezeichnet wird) und Luise kritisieren; aber genau sie sorgt in ihrer dramaturgisch ausgefeilten Entwicklung für einen wichtigen Teil im Spannungsaufbau.

"Dann ist es still. Es ist die Art von Stille, die nichts verschweigt. Als könnte Jacob alles hören, was ich gerade nicht sage. Wie einsam ich bin. Dass ich mich bei ihm anders fühle. Bei ihm bin ich einfach nur ich. Luise. Nicht mehr und nicht weniger. Ihm scheint das zu genügen." (S. 305)

Zu betonen ist, dass die Unabänderlichkeit und Endgültigkeit des Todes niemals in Frage gestellt wird. In den Fokus gestellt werden jedoch vor allem die äußerst belastenden Folgen für die Hinterbliebenen, die möglicherweise sogar noch stärker empfunden werden, wenn, wie im Roman beschrieben , ein Suizid nicht im Affekt, sondern akribisch geplant und im Bewusstsein aller seiner Konsequenzen vorgenommen wird.

All dies wird auch nicht relativiert durch ein mögliches, der griechischen Mythologie entlehntes Konstrukt eines "Zwischenstadiums", das im Buch nicht etwa nur unkritisch übernommen, sondern als geschickt zum Spannungsaufbau genutztes literarisches Mittel eingesetzt wird. Vor allem jugendliche Leser dürften die im Text genannten, am Buchende in einer Playlist gesammelt aufgeführten ca. 30 Musiktitel interessant finden: Im Buch dienen sie Jacob und Luise u.a. als therapeutisches Mittel zur Bewältigung ihrer Ausnahmesituation.

Fazit

Nicht weg und nicht da ist ein mit äußerster Sensibilität verfasstes Buch über den Tod, die Liebe und das Erwachsenwerden. Die unter die Haut gehende Geschichte ist für Jugendliche beiderlei Geschlechts ab 14 Jahren geeignet; jedoch sollten ganz besonders die jüngeren Lesenden mit der beschriebenen Problematik nicht allein gelassen werden; vielmehr sollte für sie bei Bedarf jederzeit die Möglichkeit bestehen, die stark emotional belastende Thematik im Gespräch verarbeiten zu können.

 

Erstveröffentlichung: 18.09.2019


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