von Caroline Klabunde

Wenn Worte meine Waffe wären erzählt die Geschichte Sheherazades, einer 17 Jahre jungen Muslima, die sich in Thea, ein weißes Mädchen verliebt. Ihre Mutter wendet sich von ihr ab, als Sheherazade sie am dringendsten braucht, sodass sich die Protagonistin die Frage stellt, ob Tradition und Modernität überhaupt zusammenpassen können. Ein Buch, dass nicht nur auf literarischer Ebene, sondern auch durch Realitätsnähe überzeugt.

Aamand, Kristina: Wenn Worte meine Waffe wären.
Dressler Verlag, Hamburg 2018.
271 Seiten. 16,00 €
ISBN 978-3-7915-0098-0.
Empfohlen ab 13 Jahren.

Inhalt

Sheherezade Jenin ist 17 Jahre alt, vor zehn Jahren mit ihren Eltern nach Dänemark geflüchtet, trägt ein Kopftuch und ist Muslima. Ihre Eltern wollen, dass ihre Tochter Ärztin wird, fromm heiratet und viele Kinder bekommt - sie selber beschäftigt sich lieber mit dem Herstellen von Fanzinen, Magazinen aus Kofferworten. Die Geschichte beginnt in einem dänischen Krankenhaus, in dem die Protagonistin mit ihrer Mutter ihren Vater besucht, der aufgrund eines Kriegstraumas an einem Herzfehler leidet.

Am Kakaoautomaten im Krankenhaus lernt Sheherazade Thea kennen, deren Mutter ebenfalls im Krankenhaus liegt. Thea raucht, flucht, trägt dunkelroten Lippenstift und wohnt in Østerbro, einem wohlhabenden Vorort von Kopenhagen. Als sie sich öfter im Krankenhaus begegnen, tauschen sie ihre Handynummern aus, lernen sich schließlich näher kennen und verlieben sich ineinander. Daraus ergeben sich für Sheherazade viele Konflikte: So hat sie nicht nur mit den Vorurteilen der islamischen Kultur in Bezug zur Homosexualität zu kämpfen, zusätzlich ist sie dem Rassismus einiger Mitschülerinnen und Mitschüler ausgesetzt, die nicht auf den muslimischen Hintergrund ihrer Mitschülerin achten wollen. Sheherazade versucht sich mit der Situation zu arrangieren, wohl mit dem Wissen, dass vor allem ihre Familie sich von ihr abwenden wird, sollte diese von der Homosexualität ihrer Tochter erfahren – doch die junge Frau stellt kurze Zeit später fest: Alleine ist sie nicht, denn ihr Vater steht „trotz“ ihrer Homosexualität hinter ihr.  

Kritik

Der Roman Wenn Worte meine Waffe wären erzählt auf sehr ehrliche, schonungslose Art und Weise den Alltag eines siebzehnjährigen Mädchen mit muslimischen Hintergrund, deren Familie versucht, es in eine Rolle zu drängen, die es nicht ausfüllen möchte. Im Roman wird nicht nur die Schwierigkeit des Outings deutlich, zusätzlich lastet auf Sheherazades Schultern noch der Druck der islamischen Kultur, dass sie fromm heiraten und Kinder bekommen soll, sich nicht schminken und ausgehen darf, auf Klassenreisen nur mit anderen Mädchen in einem Raum übernachten darf, ein Kopftuch tragen soll, obwohl sie in Dänemark lebt und der Großteil der dänischen Gesellschaft eben nicht nach Regeln des Korans lebt.

Thematisiert werden mutige Jugendliche, in diesem Beispiel Thea und Sheherazade, die über ihre sexuelle Orientierung nicht mehr schweigen wollen. So schafft es die Autorin Kristina Aamand auf sehr feinfühlige Art zu erzählen, wie Kultur, Erwachsenwerden und das Finden zu sich selber ineinandergreifen. Wenn Worte meine Waffe wären zeugt von viel Mut seitens der Protagonistin, wie viele andere Romane aus der LBQT-Szene (z.B. Will & Will von John Green und David Levithan; Das Ende von Eddy von Édouard Louis; In einer Person von John Irving), die nicht nur um den Verlust ihrer Familie bangt, sondern auch um die Akzeptanz durch ihre muslimischen Freunden. Erleichtert wird den Leserinnen und Lesern die Geschichte durch das Hinzufügen von Collagen, wodurch das Buch selber zu einem Fanzine wird, der das Leben von Sheherazade eindrucksvoll wiedergibt. Die Fanzinen scheinen von Sheherazade selber gestaltet zu sein (Gespräche zwischen ihr und ihrem Vater werden aufgeschrieben, Erlebnisse der psychischen Zusammenbrüche von ihrem Vater niedergeschrieben) und geben oftmals Situationen aus der Vergangenheit ihres Lebens wieder, wodurch eine Sicht in Sheherazades Denken möglich ist. Treffend dargestellt wird die Verwandlung Sheherazades in eine selbstbewusste, eigenständige junge Frau, die sich in ihrer Verwandlung Stück für Stück mit ihrer Kultur auseinandersetzt.

"Hier, das ist ein Rosé." Sie gibt mir ein Weinglas. Sie hat schöne Hände, die Nägel sind knallrot lackiert. "Was schreibst du so?"
"Danke." Ich rieche am Glas, bevor ich es wage, davon zu trinken. Mama würde mich erschlagen, könnte sie mich mit einem Weinglas in der Hand sehen. […] "Ich mache Zines und schreibe über das, was ich so erlebe. Über alles Mögliche. Über meinen Vater. Unsere Familie. Ganz allgemeine Gedanken." Ich stelle das Glas weg.
"Schicker Nagellack übrigens."
"Möchtest du auch welchen?"
"Nein, nein. Meine Mutter würde eine Hirnblutung kriegen, wenn ich mit roten Nägeln ankomme."
"Im Ernst?"
"Ja. Sie weiß nicht mal, dass ich gerade unterwegs bin. Sie arbeitet nachts. Sie glaubt, dass ich längst im Bett liege und selig schlummere."
"Warum sagst du es ihr denn nicht einfach? Du bist siebzehn und siehst echt gut aus, warum solltest du nicht die Nächte durchtanzen?"
"Arabische Mädchen gehen nicht weg. Die sitzen hübsch anständig zu Hause, erledigen ihre Hausaufgaben, helfen im Haushalt oder machen irgendetwas anderes Mädchenhaftes. Mit anderen anständigen Mädchen."
(S.94)

Der schwierige Stoff mit der Auseinandersetzung des Krieges, der sexuellen Selbstbestimmung und kulturellen Akzeptanz wird so verständlich vermittelt, sodass dieses Buch zurecht für den Deutschen Kinder- und Jugendbuchpreis 2019 nominiert ist.

Wenn Worte meine Waffe wäre, S. 68f.

Fazit

Wenn Worte meine Waffe wären ist ein Buch, das spannend und gefühlvoll erzählt ist, in Bezug auf die sexuelle Orientierung von Jugendlichen. Die Autorin schafft es, den Blick in die Gefühlswelt von Jugendlichen zu ermöglichen, die den Leserinnen und Lesern einen Einblick in die Kultur Sheherazades ermöglichen, als auch ihre Verwandlung zu einer selbstständigen, unabhängigen jungen Frau, die eine Frau liebt und kein Kopftuch mehr trägt. Aufgrund der einfachen Wortwahl, dem Hinzufügen von Zines, wodurch der Leser sich mit dieser Magazinart auseinandersetzt, ist die Erzählweise wunderbar schlicht und einfach. Eben dadurch wirkt die Thematik des Buches auch nicht zu schwer, sodass es schon ab 13 Jahren gelesen werden kann.

 

Die Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 im Überblick finden Sie hier (mit weiteren Rezensionen auf KinderundJugendmedien.de)

Erstveröffentlichung: 14.10.2019


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