Von Hadassah Stichnothe

Eure Heimat ist unser Albtraum – so heißt ein aktuell erschienener Band von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah, der nicht für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert ist und es aller Voraussicht nach auch nie sein wird. Doch der Titel beschreibt treffend das Gefühl zahlreicher Nicht-Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft, die in Deutschland leben und sich in diesen Tagen fragen, was für eine Heimat das sein soll, die Abweichung bestenfalls toleriert und ihr im schlimmsten Fall nach dem Leben trachtet. In der Graphic Novel Heimat geht Nora Krug eben diesem aufgeladenen Begriff der Heimat nach. Visuell und inhaltlich komplex arbeitet die Erzählerin sich an dem Wort und seiner Geschichte ab und sie tut das anhand ihrer eigenen Familiengeschichte, als Tochter, Enkelin und Ehefrau eines jüdischen Mannes, mit dem sie in New York lebt. Eine bildgewaltige Leseherausforderung und eine nachdenkliche Annäherung an die eigene Herkunft.

Krug, Nora: Heimat..
München: Penguin, Random House 2018.
288 Seiten. 28,00 €
ISBN 978-3-328-60005-3.
Empfohlen ab 16 Jahren.

Inhalt

In einem kleinen Städtchen bei Karlsruhe wächst die Erzählerin von Nora Krugs autobiographischer Graphic Novel Heimat auf. Es ist ein Erwachsenwerden, das überschattet ist von dem Gefühl einer ererbten Schuld, die die Generation, deren Großeltern in den Nationalsozialismus verstrickt waren, stets begleitet. Mit ihrer eigenen deutschen Identität verbindet die Protagonistin vor allen Dingen Scham über die Vergangenheit. Als junge Frau wandert die Protagonistin in die USA aus und verliebt sich in einen New Yorker Juden. Das Gefühl der Entfremdung von der eigenen Identität bleibt, doch gleichzeitig wächst das Bedürfnis, sich mit dieser auseinanderzusetzen:

"je länger ich fort bin, desto mehr entgleitet mir das Bewusstsein von meiner deutschen Identität. Meine Heimat ist ein Echo, ein Wort, das einst in die Berge gerufen und seither vergessen worden ist.
Ein unverständlicher Widerhall."  (n.p.)

Und so beginnt die Erzählerin ihre Suche nach ihrer fremden Heimat zunächst in den USA mit dem Besuch deutscher und österreichischer Emigrantengruppen. Doch diese ersten Versuche einer Annäherung an die ferne Heimat lassen die Erzählerin nur noch ratloser zurück. Daher entschließt sich die Erzählerin, sich sowohl innerlich als auch geographisch auf eine Reise in die Vergangenheit ihrer Familie zu begeben, "den Brotkrumen [zu] folge[n] und darauf [zu] hoffe[n], dass sie mich nach Hause führen." (n.p.)

Es sind vor allem zwei Figuren, anhand derer die Protagonistin im Folgenden die Geschichte ihrer Familie erzählt: Auf der einen Seite ihr Onkel Franz-Karl, der mit 18 Jahren im Zweiten Weltkrieg gefallen ist, und auf der anderen Seite Willi, der Vater ihrer Mutter, dessen Rolle im Nationalsozialismus der Ausgangspunkt von Spekulationen ist. Nicht nur soll Willi während des Krieges seinen jüdischen Arbeitgeber in einem Gartenschuppen versteckt haben, sondern laut Familienlegende möglicherweise selbst "teilweise jüdisch" gewesen sein – eine absurde Kategorie, die aber das Entlastungsbedürfnis der Familie ebenso illustriert wie das Nachwirken nationalsozialistischer Sprach- und Denkordnungen. Tatsächlich offenbaren die Nachforschungen der Enkelin ein weitaus widersprüchlicheres Bild: das eines Menschen, der den Nationalsozialismus wohl nie innerlich unterstützte, aber sich auch nicht gegen das System engagierte und sich nach dem Krieg selbst als "Mitläufer" klassifiziert. Während das Bild des Großvaters mütterlicherseits zur Stabilisierung einer Familienidentität diente, hat der frühe Tod ihres Onkels die Familie des Vaters dauerhaft zerrissen. Das Aufwachsen des Vaters im Schatten der Erinnerung an den früh Verstorbenen, der für die Mutter der bevorzugte Sohn bleibt und die Entfremdung von seiner Schwester werden ebenso nacherzählt wie die Geschichte seines Heimatortes Külsheim und dem dortigen Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden. Im Versuch, dem Onkel näher zu kommen, um den sie sich nie zu trauern gestattet hat, nimmt die Protagonistin Kontakt zu der Familie ihres Vaters auf und besucht den Geburtsort ihres Vaters. Nach und nach erschließt sich das Bild einer komplexen Familiengeschichte, das zugleich das Bild der schmerzvollen Geschichte eines Landes ist, jener flüchtigen Heimat, nach der die Protagonistin sucht und der sie doch nur aus der Distanz näherkommt.

Kritik

"Wie kann man begreifen, wer man ist, wenn man nicht versteht, woher man kommt?" (n.p.) Diese Frage ist Krugs gezeichneter Version von Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer" zugeordnet und sie ist als Ausgangsfrage für die Identitätssuche der Ich-Erzählerin von Krugs Graphic Novel zu verstehen. Mag das Friedrich-Bild noch fest mit dem Topos der romantischen Sehnsucht, aber auch einer damals noch vollkommen anders konnotierten 'Heimatverbundenheit' verknüpft sein, ist diese für die Erzählerin, die auf dem Titel von Heimat in gleicher Pose abgebildet ist, nur noch gebrochen nachvollziehbar. Folglich blickt Krugs weibliche Wanderin auch auf kein Nebelmeer herab, sondern eine in einfachen Strichen skizzierte ländliche Gegend, über der ein brennendes Flugzeug vom Himmel stürzt. Im Gegensatz zu Friedrichs erhabener Natur präsentiert Krug den Lesenden eine Kulturlandschaft, in der zwei Weltkriege ihre Spuren hinterlassen haben. Und diese Spuren sind es auch, denen die Erzählerin nachgeht.  

Bei der visuellen Gestaltung ihrer autobiographischen Familiengeschichte bedient sich Krug immer wieder des Mittels der Collage und Verfremdung. Formal unterteilt sich die Erzählung in fünfzehn Kapitel, die jeweils durch lexikonartige Einträge "aus dem Notizbuch einer heimwehkranken Auswanderin" und Collagen mit Flohmarktfunden "aus dem Sammelalbum einer Erinnerungsarchivarin" unterbrochen werden. Während letztere eine kollektive Erinnerung heraufbeschwören, werden in den Notizbucheinträgen persönliche Assoziationen und Erinnerungen der Erzählerin dargestellt, die an Gebrauchsgegenstände wie Hansaplast und Leitz-Ordner ebenso geknüpft sind wie an Orte, wie den Wald, der als polyvalentes Symbol unterschiedlichster deutscher Heimatbilder immer wieder im Text auftaucht. Der "Katalog deutscher Dinge" fungiert als ein persönliches Erinnerungsinventar, das zugleich die Frage aufwirft, welche Dinge es sind, die für die Lesenden 'ihr' Deutschlandbild konstituieren.

Die Einbindung fotografischer Abbildungen von genuinen Dokumenten, Familienfotos und anderen Erinnerungsstücken bestimmt auch die Gestaltung der erzählenden Passagen. So sind etwa die mit Blumen und Hakenkreuzen verzierten Schulhefte ihres Onkels Franz-Karl das erste Dokument, das in die Familiengeschichte der Protagonistin einführt. In der Verbindung von Bild- und Schrifttext entsteht so ein Mosaik, dessen offenkundiger Charakter als künstlerische Konstruktion auch auf den Konstruktionscharakter jeder Erinnerung verweist. Stück für Stück enthüllt sich den Lesenden die Geschichte zweier Familien, die auf höchst unterschiedliche Weise den Nationalsozialismus erlebten.

Das Widersprüchliche und Gemeinsame eines Familiengedächtnisses visualisiert Krug über die Reihung von Dokumenten und Abschnitten, die oft bestimmten gemeinsamen Motiven assoziativ zugeordnet sind. So folgt in dem Kapitel "Giftpilze" auf den Schulaufsatz des Onkels Franz-Karl mit dem Titel "Der Jude, ein Giftpilz" im "Katalog deutscher Dinge" ein Eintrag über die schönen Kindheitserinnerungen der Erzählerin an das Pilzesammeln im Familienkreis, der mit dem Bild eines Fliegenpilzes illustriert ist. Auf der gegenüberliegenden Seite ist ein Foto der Mutter der Erzählerin zu sehen, auf dem diese als Mädchen in einem Fliegenpilzkostüm zu sehen ist. Der Fliegenpilz als Mittel antisemitischer Propaganda, als Glückssymbol und Teil der deutschen Waldlandschaft sowie als ungeliebtes Karnevalskostüm verschmelzen zu einem gemeinsamen Bild, das die Diskrepanz zwischen diesen deutschen Kindheiten in drei Generationen umso stärker hervortreten lässt. Mittels dieses ästhetischen Verfahrens erschafft Krug als Gesamtbild eine Art Warburgscher Mnemosyne, die die Kontinuitäten und Brüche in der Erfahrung von Heimat sichtbar macht.

Dabei rührt sie wiederholt an aufgeladene Themen, denen sie sich ebenso sensibel wie unerschrocken nähert. Sie beschreibt, wie in ihrer Schulzeit jüdische Gegenwartskultur nicht thematisiert wurde, worauf hin sie und ihre Mitschüler "das Wort JUDE ausschließlich mit dem Holocaust [assoziierten] und … daraus [folgerten], dass es nur im Flüsterton ausgesprochen werden durfte" (n.p.). Die Nachricht, dass seine Tochter einen Juden heiraten werde, bedeutet für den Vater "nicht direkt alles wiedergutzumachen, aber doch mein Verhältnis zum Judentum zu normalisieren". Anhand solcher Beispiele stellt Krug überzeugend die tiefgreifende Un-Normalität dar, die die Beziehung zwischen (nichtjüdischen) Deutschen und Juden weiterhin auszeichnet.

Es ist diese Offenheit, die auch für jüngere Leserinnen und Leser, die notwendigerweise mit einem vollkommen anderen Deutschlandbild aufgewachsen sind, Anknüpfungspunkte bietet, um sich selbst und vielleicht auch das eigene Verhältnis zu Deutschland zu hinterfragen.

Fazit

Heimat bietet keine einfache Lektüre, sie fordert geradezu zur Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte heraus und belegt zugleich, wie schwierig eine solche Rekonstruktion der Vergangenheit sein kann. In einem Deutschland, in dem auf die gezielten Morde an Migranten, auf das Attentat auf eine Synagoge, unweigerlich die immer gleichen Betroffenheitsbekundungen und Rituale folgen, die nichts daran ändern, dass für die Betroffenen das Leben in dieser "Heimat" ein weiteres Stück unsicherer geworden ist, weil jede dieser Taten eben kein Alarmsignal sondern ein Signal an weitere potentielle Täter ist, die bestätigt sehen, dass diese Form von Terror in Deutschland möglich ist, in diesem Land ist es wichtiger denn je sich der Vergangenheit zu stellen – auch um sich von ihr abgrenzen zu können. Nora Krugs Heimat ist eine Leseempfehlung und -herausforderung sowohl für Jugendliche ab 16 Jahren als auch für Erwachsene. Der Deutsche Jugendliteraturpreis wäre diesem Titel zu gönnen.

 

Die Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 im Überblick finden Sie hier (mit weiteren Rezensionen auf KinderundJugendmedien.de)

Erstveröffentlichung: 18.10.2019


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