von Gerd Klingeberg

 

Als der 15-jährige Robin mit dem gleichaltrigen Leo zusammentrifft, ändert sich sein bislang eher unbefriedigendes Leben radikal. Er schwänzt die Schule, beginnt Drogen zu nehmen und verliebt sich in ein Mädchen, das ihn zu einem LSD-Trip animiert. Nach heftigem Streit mit seiner Mutter kommt er durch einen Sturz vom Dach beinahe ums Leben. Leo, der immer an seiner Seite war, ist plötzlich unauffindbar. Warum? Das wird in diesem äußerst spannend geschriebenen Roman erst ganz zum Schluss aufgedeckt...

Herden, Antje: Keine halben Sachen.
Beltz & Gelberg Weinheim 2019.
144 Seiten. 12,95 €
ISBN 978-3-407-81248-3
Empfohlen ab 15 Jahren

Inhalt

Robin ist ein unauffälliger Fünftklässler, ein Einzelgänger, dem alles irgendwie nicht gut genug erscheint und der mit sich selbst zutiefst unzufrieden ist. Und dann trifft er Leo, der in nahezu jeder Hinsicht Robins Gegenteil ist: cool, selbstsicher, abgeklärt. Die beiden verbringen fortan viel Zeit zusammen. Leo trinkt zwar ständig seinen Matetee, aber er animiert Robin auch dazu, mal einen Joint auszuprobieren. Mit Leo an seiner Seite fühlt sich Robin zunehmend befreiter, er ignoriert seine schulischen Aufgaben, hängt mit den Goajungs im Park ab. Er raucht, kifft, nimmt Ecstasy oder zieht sich Kokain durch die Nase, ist gierig nach allem Neuen und wähnt sich dabei schön, stark, klug und selbstbewusst. Beim „Runterkommen“ nach dem Drogenkonsum fühlt er sich jedes Mal hundeelend, also wird weiter geschnupft und gesoffen. Seine Mutter, die seit Wochen mit einer krebskranken Freundin beschäftigt ist, bekommt vom Verhalten ihres Sohnes erst etwas mit, als Robin nach einem Betrugsversuch von der Polizei nach Hause gebracht wird. Unerfreulich auch, dass Robins erster Sex mit Anna ziemlich daneben geht. Anschließend treibt er es lieber mit der attraktiven Karla in einem Abrisshaus, wo sich beide aus Matten und Schlafsäcken ein Lager gebaut haben. Karla ist es auch, die ihn mit der Idee konfrontiert, LSD auszuprobieren. Anfangs wehrt sich Robin noch dagegen, aber ‚aus Liebe‘ – und gegen den Rat Leos – lässt er sich doch auf diesen Drogentrip ein. Mit fatalem Ergebnis. Als er nach schier unerträglichen Horrorvorstellungen wieder einigermaßen klar denken kann, ist Karla verschwunden. Zuhause wartet bereits seine Mutter auf ihn; es kommt zum heftigen Streit, Robin steigt „sturzbesoffen“ auf das Dach und stürzt hinunter auf die Straße. Erst Tage später wacht er im Krankenhaus auf. Seine Mutter und Anna sind dort, geben ihm allmählich wieder Mut. Nur Leo lässt sich nicht mehr blicken. Doch auf der Suche nach ihm macht Robin eine überaus erstaunliche Entdeckung...

Kritik

Die Phase der Pubertät ist für einen großen Teil aller Teenager eine oftmals anstrengende Zeit der Veränderungen, des Ausprobierens und des Umbruchs. Glücklicherweise verläuft sie nur eher selten derart krass, wie dies in Keine halben Sachen beschrieben wird. Auf beängstigend drastische Weise erfährt der Leser aus der Ich-Perspektive des Protagonisten Robin, welche Wirkungen sich bei Alkoholexzessen, beim Kiffen mit Marihuana oder Ecstasy, aber auch nach dem Konsum von LSD einstellen. Allein die ausführliche, ins Detail gehende Beschreibung des LSD-Trips und dessen erschreckender Wirkungen – optische und akustische Halluzinationen, Horrorvorstellungen, extrem gedehnte oder geraffte Zeitwahrnehmung etc. – erstreckt sich über etliche Seiten:

 „Ganz deutlich konnte ich ihren Stoffwechsel (der Bäume) sehen. Baumadergeflecht. Erstaunlicherweise rot wie Blut. Schon berührten mich nadelige Äste. Kratzten über meine Haut und vergruben sich in meinen Haaren wie Spinnenhände unzähliger Baumhexen. Gruselig. Ekelhaft. Ich schlug sie weg. Wollte sie nicht mehr sehen und schloss meine Augen. Vor mir nichts als Baumstämme. Dicht an dicht. Kein Spalt, durch den ich hätte entkommen können. Und sie rückten immer noch näher. Ich hörte sie atmen. […] Sämtliche Himmelskörper rasten auf mich zu. Mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit, jeder einzelne einen gleißenden Kometenschweif hinter sich herziehend.“ (S. 85)

 Die Schilderungen zeigen drastisch und durchaus sehr realistisch die Abgründe eines Drogentrips auf. Die Unerbittlichkeit, mit der die Entwicklung vom anfänglichen Nikotin- und Alkoholabusus über ‚weiche‘ Drogen bis hin zum LSD-Trip ihren Lauf nimmt, wird im Roman in aller Konsequenz verdeutlicht. Dabei wird indes niemals außer Acht gelassen, dass das scheinbar gute Gefühl, die damit einhergehende Selbstsicherheit und Coolness allenfalls von kurzer Dauer sind und leise Zweifel an der eigenen Verhaltensweise nur durch erneuten Rauschmittel- und Drogenkonsum zum Verstummen gebracht werden können. Der Roman zeigt so die ambivalenten Facetten einer schleichend beginnenden Abhängigkeit, ohne den Drogenkonsum zu glorifizieren. Durch eine derartig deutliche Gefahrendarstellung dürfte eine Nachahmung bei jugendlichen Lesern zumindest weitgehend eingeschränkt sein.

Kritisch wird auch das Verhalten in zwischenmenschlichem Beziehungen und sexuellem Begehren beleuchtet: Robin reflektiert treffend am Schluss des Romans, dass für ihn zunächst nahezu ausschließlich die Sexualität im Vordergrund stand und von Liebe im umfassenderen Sinne kaum gesprochen werden konnte. Die erfährt er erst nach seinem Absturz:

 „Ich lächelte. „Danke, dass du jeden Tag hier warst und mir geholfen hast.“ „Du kannst dich ja nicht mal dran erinnern“, murmelte sie. „Vielleicht nicht mit dem Gehirn, aber mit...“ Meine Stimme erstarb. Ich hatte mit meinem Herzen sagen wollen. […] So redete ich normalerweise nicht. Ich biss mir auf die Lippen. Anna grinste. Dann nahm sie meine Hand. Ihr Grinsen wurde zu einem Lächeln. Zum schönsten Lächeln der Welt.“ (S. 129)

 Die letztendliche Erklärung für die Existenz des ominösen Leo deutet sich zwar gelegentlich schon zwischen den Zeilen an, kommt aber trotzdem sehr überraschend. Da sie nicht explizit, sondern umschreibend erfolgt, ist sie auch nicht ohne Weiteres bei einmaligem Lesen verständlich, zumal gewisse psychiatrische Kenntnisse dafür notwendig sind. Es sei allerdings darauf hingewiesen, dass die verwendete literarische Konstellation künstlerischer Freiheit entspringt, jedoch aus medizinisch-psychiatrischer Sicht in höchstem Maße unwahrscheinlich ist und de facto so nicht vorkommt. Dass Robins exzessiver Handlungsweise wie auch immer geartete psychiatrische Ursachen zugrunde gelegt wurden, bedeutet indes nicht, dass das Buch für „normale“ Leserinnen und Leser keine Relevanz aufwiese. Denn eine entsprechende Problematik dürfte, wenngleich üblicherweise in erheblich geringerer Ausprägung, doch für einen hohen Prozentsatz pubertierender Jungen zutreffend sein.

 

Fazit

Keine halben Sachen befasst sich und eindringlich mit pubertätsbedingten Problemen männlicher Heranwachsender. Es ist aus der Sicht eines jungen männlichen Protagonisten geschrieben und eignet sich daher vorwiegend für Jungen ab 15 Jahren. Es bietet sich ebenfalls gut an als Diskussionsgrundlage zum Thema Drogen und Sucht in der höheren Mittelstufe sowie in der Oberstufe. Wegen der bisweilen übersteigerten Darstellungen (die jedoch mit Robins psychiatrischer Auffälligkeit begründet werden) wäre es in jedem Falle wünschenswert, wenn jugendlichen Lesern die Möglichkeit geboten würde, die Thematik mit entsprechend fachkundigen erwachsenen Gesprächspartnern zu diskutieren.

Erstveröffentlichung: 18.10.2019


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

November 2019
Mo Di Mi Do Fr Sa So
28 29 30 31 1 2 3
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30 1