von Philipp Schmerheim

Anders als wir portraitiert aus der Perspektive eines jungen Mädchens das Leben der Mitglieder der legendären Bloomsbury Group, die das englische Geistesleben des frühen 20. Jahrhunderts geprägt hat wie wenige andere. Dem niederländischen Erfolgsautor Rindert Kromhout gelingt ein elegant geschriebenes Kaleidoskop des Künstlerlebens solch illustrer Figuren wie Virginia Woolf, zugleich aber auch ein vermenschlichender Blick auf den Preis, der mit einem Leben jenseits bürgerlicher Regeln einhergeht.

Kromhout, Rindert: Anders als wir.
mixtvision 2018.
267 Seiten. 14,90 €
ISBN 978-3-95854-122-1
Empfohlen ab 14 Jahren

Inhalt

Anders als wir erzählt vom Selbstfindungsprozess der jungen Angelica Bell, die mit ihren Geschwistern Julian und Quentin im Umfeld der Bloomsbury Group aufwächst – einer englischen Intellektuellen- und Künstlergruppe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihre Mutter ist die Malerin Vanessa Bell, ihre Tante die berühmte Schriftstellerin Virginia Woolf, ihre Vaterfiguren sind der etwas farblose Clive und der homosexuelle Maler Duncan. Bedeutende Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle aus aller Welt geben sich in Charleston, dem Landsitz der Familie, die Klinke in die Hand.
Die Handlung setzt ein, als Woolf im März 1941 plötzlich spurlos verschwindet. Während die Familienmitglieder nach der suizidgefährdeten Schriftstellerin suchen – später wird man sie tot im Fluss finden –, schreiben sie ihre persönlichen Erinnerungen an Virginia auf, um mit der quälenden Situation umzugehen. Angelica bittet ihren älteren Bruder Quentin, ihre Erinnerungen für sie aufzuschreiben, da er der talentiertere Schriftsteller sei. Ab dem dritten Kapitel wird Anders als wir so zu einem Protokoll der Erinnerungen Angelicas, aufgeschrieben aus der Perspektive des Ich-Erzählers Quentin Bell und gelegentlich unterbrochen von Einschüben, in dem Quentin und Angelica über das gerade Aufgeschriebene diskutieren. Durch das Zusammenspiel von Erinnerungen und Szenen aus der Erzählgegenwart entsteht so ein Kaleidoskop des Lebens der Bloomsbury Group mit Angelica als Hauptfigur.

Als junges Mädchen und junge Frau findet sich Angelica nicht so in dem von bürgerlichen Konventionen freien Bohème-Leben ihrer Familie zurecht, sie sehnt sich nach einem 'normalen Leben', wie sie es bei ihrer Haushälterin Grace und ihren Klassenkameradinnen in der Mädchenschule zu erhaschen glaubt. Zugleich ist ihr aber klar, dass auch sie eine Künstlerpersönlichkeit ist, die ihre familiäre Prägung nie ganz hinter sich lassen kann.

So steht im Fokus des Romans eigentlich der Konflikt zwischen Bürgerlichkeit und Künstlertum, zwischen einer von (sozialen) Regeln beherrschten Welt und einer Welt, in der zumindest vordergründig nur die Regel gilt, dass es keine Regeln gibt.

Kritik

Mit Anders als wir schreibt der preisgekrönte niederländische Autor Rindert Kromhout den Roman Brüder für immer (Soldaten huilen niet, 2010, dt.: 2016) fort, der sich aus der Sicht von Quentin Bell mit dem schillernden Leben der Bloomsbury Group auseinandersetzt. Während in Brüder für immer das Leben im Künstlerhaus Charleston als Paradies auf Erden erscheint, führt Anders als wir mit Angelica eine Hauptfigur ein, die einen ambivalenten Blick auf das scheinbar freie Künstlerinnenleben hat und die sich danach sehnt, auch das 'normale' Leben kennenzulernen. Kromhout erzählt insofern eine Selbstfindungsgeschichte unter umgekehrten Vorzeichen: Während literarische Texte wie Woolfs A Room of One's Own von Frauen, Kindern oder Jugendlichen erzählen, die aus ihren beengten bürgerlichen Verhältnissen ausbrechen wollen, um ein freies künstlerisches Leben zu führen, ist es hier genau umgekehrt: Angelica sehnt sich nach einer regelgeleiteten Welt, die ihr Schranken oder Verbote setzt und damit auch Orientierung verheißt – ein Motiv, das wiederholt in Dialogen und Begegnungen von Anders als wir eingesetzt wird.

Das Aufeinanderprallen der Lebensentwürfe zeigt sich auch beim Blick auf die Erzählperspektive des Romans: Erzählt wird das Leben in Charleston von einer Ich-Erzählinstanz, aber diese ist nicht etwa Angelica, sondern wie in Brüder für immer Quentin, der – Erzählgegenwart und -vergangenheit mischend – die Erinnerungen seiner Schwester protokolliert, mit seinen eigenen Gedanken färbt und immer wieder mal durch Einschübe unterbricht, in denen sich Bruder und Schwester über das gerade Aufgeschriebene unterhalten. Dadurch ist Anders als wir eher für erfahrene Leserinnen und Leser ab etwa 14 Jahren zu empfehlen, die zudem Spaß daran haben, in diese Welt der Künstler einzutauchen, die es ja wirklich gegeben hat: Kromhout verarbeitet in seinem Roman die Lebenswege und Erinnerungen von Personen, die so wirklich gelebt haben, und erzählt von diesen mit souveräner schriftstellerischer Freiheit.

Birgit Erdmann ist eine wunderbar flüssig zu lesende Übersetzung aus dem Niederländischen gelungen, die elegant zwischen den verschiedenen Erzählebenen wechselt. Schade ist, dass der mixtvision Verlag sich dagegen entschieden hat, den niederländischen Originaltitel April is de wreedste mand beizubehalten – die erste Zeile aus T.S. Eliots Gedicht The Waste Land, der in dem Roman einen prominenten Auftritt hat.

Fazit

Anders als wir ist ein wunderbarer Roman über eine mittlerweile längst entschwundene Künstlerwelt, der seine Faszination auch dadurch gewinnt, dass hier große Gestalten der Literaturgeschichte wie Virginia Woolf oder T.S. Eliot mit den Augen von Kindern und Jugendlichen betrachtet werden. Für kunst- und literaturinteressierte Jugendliche ist dieses Buch geradezu Pflichtlektüre; wenig verwunderlich ist, dass Anders als wir für den Preis der Jugendjury des Jugendliteraturpreises 2019 nominiert worden ist.

 

Die Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 im Überblick finden Sie hier (mit weiteren Rezensionen auf KinderundJugendmedien.de)

Erstveröffentlichung: 18.10.2019


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