Von Gerd Klingeberg

Als Adolf Hitler im Januar 1933 zum deutschen Reichskanzler gewählt wird, glauben viele, dass dieser braune Spuk vermutlich bald wieder vorbei sein wird. Auch die Familie von Hans unterliegt diesem fatalen Irrtum. Was sich in nur wenigen Wochen danach in Berlin ereignet und die bislang bestehenden demokratischen Verhältnisse komplett verändert, das wird in Höras Roman eindringlich und spannend erzählt. 

Höra, Daniel: Kopf runter, durchhalten
Carlsen Verlag, Hamburg 2019.
112 Seiten. 4,99 €
ISBN 978-3-551-31789-6.
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

Ein riesiger Fackelzug zieht in Berlin am Abend des 30. Januar 1933 mit „Sieg Heil“- und „Heil Hitler“-Rufen durch das Brandenburger Tor. Für viele Beteiligte, von denen etliche stolz ein Hakenkreuzabzeichen tragen, ist die Wahl Hitlers der Beginn eines besseren Deutschlands; andere sind indes skeptisch oder gar fassungslos, gehen aber davon aus, dass die Nationalsozialisten sich nicht lange an der Macht halten werden. Auch Hans und seine Familie glauben dies: Die Eltern haben die konservative Zentrumspartei gewählt. Aber dann überschlagen sich die Ereignisse. Truppen der SA verbreiten Angst und Schrecken: Sie ziehen quasi als neue Polizei durch die Stadt, verprügeln und verhaften Kommunisten und Sozialdemokraten auf offener Straße, blockieren jüdische Geschäfte, dringen in die Wohnungen von Regimekritikern ein. In den Schulen werden die Jungen und Mädchen mit mehr oder weniger Druck dazu aufgefordert, der nationalsozialistischen Hitlerjugend (HJ) bzw. dem Bund deutscher Mädel (BDM) beizutreten. Auch Marianne, Hans‘ Schwester, will sich unbedingt beim BDM anmelden, da sie inzwischen nur noch ausgegrenzt und gemobbt wird. Hans und seine Freunde wehren sich zunächst gegen eine derartige Mitgliedschaft, doch die wenigsten können dem sozialen Druck widerstehen und schließen sich sehr bald der HJ an. Ein Pfingstzeltlager der Pfadfinder, das trotz eines erheblichen Mitgliederschwunds stattfindet, wird von Polizei- und SA-Schlägertrupps rigoros aufgelöst; dabei erlebt Hans die brutale Gewalt an eigenem Leibe. Und dann ist da ist noch die eloquente Ursula, Mariannes Freundin, in die Hans unsterblich verliebt ist. Sie ist eine glühende Anhängerin der neuen Weltordnung und längst schon BDM-Mädelschaftsführerin. Ob diese Liebe eine Zukunft haben kann?

Kritik


Mit Kopf runter, durchhalten hat Daniel Höra ein Jugendbuch vorgelegt, das sich in nur knapper, aber intensiver Form mit einer entscheidenden Phase der jüngeren deutschen Geschichte befasst. Im Fokus stehen der Heranwachsende Hans und seine Familie, die die „neue Zeit“ mit größter Skepsis betrachten. In episodischer Kürze listet der auktorial erzählte Roman die umfassenden gesellschaftlichen Veränderungen im Zusammenhang mit der Wahl Hitlers auf und verdeutlicht dabei die enorme Geschwindigkeit, mit der im Jahr 1933 diese gravierenden Entwicklungen abliefen. Der Roman erwähnt dabei diverse Daten und historisch belegte Fakten: beispielsweise die Reichstagswahl, die unmittelbar darauf folgende Auflösung des Reichstags und die Festsetzung von Neuwahlen, den (angeblich vom Bolschewismus und dem „internationalen Finanzjudentum“ initiierten) Reichstagsbrand und die damit begründete „Notverordnung“, die den neuen Herrschern praktisch freie Hand gibt und die Presse- und Versammlungsfreiheit massiv einschränkt, aber auch die „Säuberungsaktionen“ wie Bücherverbrennungen im Mai 1933. Auf gut nachvollziehbare Weise wird dabei verdeutlicht, wie vor allem durch massive Verunsicherung, durch eine Verrohung der Sprache, durch wahllose Gewalt der militärisch organisierten Sturmabteilungen (SA) sehr schnell ein Klima der Angst um sich greift, in dem auch solche, die zunächst noch ihre eigene Überzeugung vertreten und sich auf den vermeintlichen Schutz der Polizei und des Staates verlassen, in kürzester Zeit mundtot gemacht werden. Eben aus dieser Haltung leitet sich der Titel des Romans ab: „Kopf runter, durchhalten“. Oder sich doch lieber opportun auf die Seite der neuen Machthaber schlagen. Nicht verschwiegen wird aber auch die glühende Begeisterung, mit der viele Jugendliche und Erwachsene Hitlers Machtergreifung bejubeln, ihre idealisierte Vorstellung eines neuen Deutschland mit Vehemenz vertreten und schwülstige Worte aus der autobiografischen Erzählung Der Wanderer zwischen beiden Welten (und das darin vorkommende Gedicht Wildgänse rauschen durch die Nacht) von Walter Flex zitieren. Die Eindringlichkeit und Intensität der propagandistischen Wortwahl wird deutlich in einer Ansprache des allein aufgrund seiner Parteizugehörigkeit just zum Direktor ernannten Sportlehrers vor seinen Schülern:

Von nun an durchweht ein neuer Wind unsere Lehranstalt. Von nun an werden wir nicht nur euren Intellekt und eure Körper schulen, sondern auch euren Geist. Ich will, dass ihr den Nationalsozialismus einatmet, ihn trinkt, ihn esst. Dass ihr eins mit ihm werdet. Ich und die national gesinnten Kollegen werden euch dabei helfen. […] Wir Lehrer sind die Lotsen, die euch Schüler aus dem dunklen Meer der verjudeten und verelendeten Demokratie an das helle Ufer der neuen Zeit führen werden. (S. 68)

Was die Schilderung der Verhältnisse von 1933 im Bezug zur Gegenwart bedeutsam macht, ist die von den meisten gänzlich unerwartete Geschwindigkeit, mit der sich ungeachtet bestehender staatlich-demokratischer Institutionen (Polizei, Gerichte etc.) unter bestimmten Bedingungen gesellschaftliche Änderungen in eine extreme Richtung vollziehen können.
Ein Glossar am Ende des Buches erläutert Personen, Ereignisse Abkürzungen und wichtige Bezeichnungen der NS-Zeit.

Fazit

Kopf runter, durchhalten veranschaulicht nachvollziehbar die extremen Änderungen in Deutschland während der ersten Monate der Nazi-Herrschaft. Der Roman, der vor allem auf das persönliche Erleben dieser turbulenten Zeit aus Sicht Jugendlicher eingeht, ist für Jungen und Mädchen ab 12 Jahren geeignet. Es kann gleichermaßen sehr gut für den Schulunterricht der jüngeren deutschen Geschichte in der Mittel- und Oberstufe herangezogen werden, aber auch in Diskussionen über die gegenwärtigen weltweiten Veränderungen der politischen Landschaft.

 

Erstveröffentlichung: 18.10.2019


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