von Kirsten Kumschlies

Eine Tauchschule auf Elba, faszinierende Unterwasserwelt und extreme Erlebnisse beim Freitauchen und allen voran die erste große Liebe – all dies sind Stichworte, die Sabine Giebkens Jugendroman Über uns das Meer kennzeichnen. Im Zentrum stehen die Apnoetaucher Lou(isa) und Angel, deren Liebesgeschichte in diesem Kontext angesiedelt ist: durch das Thema des Tieftauchens ohne Atemgerät inhaltlich hochinteressant, literarisch eher traditionell erzählt.

Giebken, Sabine: Über uns das Meer.
Magellan, Bamberg 2019.
477 Seiten. 11,00 €
ISBN 978-3-7348-8207-4.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Die achtzehnjährige Louisa, genannt Lou, hat ihr Abitur hingeschmissen und ist nach Elba "abgehauen", wo sie Unterschlupf im Haus ihrer verstorbenen Großmutter sucht. Über ihre Beweggründe erfährt man zunächst nichts. Sie ist leidenschaftliche Apnoetaucherin und schließt sich auf der italienischen Insel einer Tauchschule an, die gerade phänomenale Rekorde zu brechen versucht. Im Zentrum steht der gleichsam geheimnisvolle, unnahbare sowie attraktive Angel, der mit seinen Tieftauchversuchen alle massiv beeindruckt und in den Schatten stellt. Mit dem Versuch, 125 Meter tief ohne Atemgerät zu tauchen, will er einen neuen Weltrekord aufstellen. Die Tauchschule unter Leitung von Pat gibt alles, um ihn dabei zu unterstützen und mit Angel Rekordgeschichte schreiben zu können. Knall auf Fall verlieben sich Lou und Angel ineinander, kommen sich schnell körperlich näher, und doch bleibt Angel verschlossen. Nur in Ansätzen erzählt er ihr von seiner tragischen Familiengeschichte, macht aber immer wieder dicht, sodass Lou nie wirklich weiß, woran sie bei ihm ist. Ihren starken Liebesgefühlen tut das keinen Abbruch, im Gegenteil: Lou ist so verliebt wie nie zuvor in ihrem Leben. Doch dann spitzt sich auch Louisas ebenso tragische Familiengeschichte zu, die sich nach und nach entfaltet und eingangs in einem Prolog angedeutet wird. Als Adoptivtochter einer reichen Diplomatenfamilie ist Lou genauso wenig wie Angel in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Zwar hat es ihr materiell an nichts gefehlt, aber sie leidet an dem Druck, den ihre Eltern ihr machen: Das Studium an einer Eliteuniversität in England ist für sie bereits vorgeplant, alles erscheint vorgezeichnet und durchstrukturiert, Raum für eigene Wünsche und Interessen bleibt ihr nicht. Ewig steht sie im Schatten ihrer nur wenig jüngeren Schwester Sophia. Denn: Kurz nachdem die Eltern Lou adoptiert hatten, war die Mutter unverhofft doch noch schwanger geworden, der sehnliche Kinderwunsch hatte sich nun endlich erfüllt. Den Eltern ist es in der Vergangenheit nicht gelungen, beiden Mädchen die gleiche Liebe zuteil werden zu lassen, die sie verdient hätten, und Lou fühlte sich immer benachteiligt. Die einzige wirkliche Vertrauensperson in ihrem Leben war die Großmutter mit ihrem Haus auf Elba, die keine Unterschiede im Umgang mit ihren Enkeltöchtern machte. Nach deren Tod blieb Lou gefühlt niemand mehr. Kein Wunder also, dass sie hier Zuflucht sucht, wo sie sich einst geborgen fühlte – und ebenso beim Tauchen in den Tiefen des Meeres.  Ebendas verbindet sie mit Angel. Doch dann tauchen plötzlich Mutter und Schwester auf Elba auf, setzen Lou unter Druck, fordern von ihr Heimkehr und Wiederaufnahme des Abiturs und wollen obendrein das Haus auf Elba verkaufen. Für Lous Tauchleidenschaft bleibt da keinerlei Verständnis. Aber Lou kämpft – für ihre eigene Freiheit, ihren Lebensweg, ihre Ideale und vor allem für ihre Liebe zu Angel, der trotz aller Tieftauchrekordversuche eines Tages plötzlich spurlos verschwunden ist.

Kritik

Sabine Giebken hat mit Über uns das Meer einen lesenswerten Roman vorgelegt, der sich als Hybrid zwischen Adoleszenz- und Liebesroman klassifizieren lässt. Er setzt auf konventionelle Erzählweisen und ist eher auf thematischer Ebene innovativ ist als auf struktureller. Denn das Thema des Apnoetauchens ist jugendliterarisch ebenso wenig verbreitet wie diese Sportart im realen Leben - so gesehen scheint hier eine Parallele zu Martina Wildners preisgekröntem Jugendroman Königin des Sprungturms auf, wo es ums Turmspringen geht, auch eine seltene Sportart. Vielmehr haben die Romane aber nicht gemein, denn Giebken erzählt wesentlich konventioneller, ja, trivialer, als Wildner. Sie setzt vor allem auf die Liebesgeschichte, die insofern spannend ist, als diese von geheimnisvollen Art der Figur Angel geprägt ist, dessen Handlungsmotive und Herkunftsgeschichte bis zum Schluss offen bleiben, was durch die interne Fokalisierung durch die Ich-Erzählerin Lou getragen wird. Erst im letzten Kapitel offenbaren und erschließen sich Angels Hintergründe. Der Wunsch nach Familie und Freundschaften verbindet Lou und Angel miteinander, beide sind sie Suchende, finden beim Tauchen einerseits Flowgefühle, andererseits fliehen sie vor sich selbst und ihren jeweiligen traumatischen Erfahrungen, die sich unter Wasser zu tilgen scheinen. Was bleibt, ist die große Liebe zum Meer.

Die Insel Elba präsentiert sich dabei als atmosphärisch dichter Anschauungsraum und bildet eine schöne Kulisse für die Lovestory, die aber auch einige Längen aufweist. Alles zentriert sich auf den Wahrnehmungshorizont der willensstarken Protagonistin. In ihrer Gefühlswelt vereint sich der adoleszente Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit mit der Begeisterung für den Extremsport. In diesem wiederum drücken sich ebendiese Freiheits- und Entwicklungswünsche aus und münden schlussendlich in den Liebesgefühlen für Angel:

"Mein Kopf schwirrte, trotzdem spürte ich, wie meine Haut leise prickelte. Die Rekorde auf der AIDA-Seite waren irre, absolut verrückt – was musste es für ein Gefühl sein, sich so tief vom Meer verschlucken zu lassen? Welche besonderen Fähigkeiten hatten diese Menschen? Ließ sich das trainieren?

Ich schloss die Augen, und plötzlich schob sich ein anderes Bild vor meine abtauchenden Gedanken, eines, das die ganze Zeit schon da gewesen sein musste: Angel konnte etwas, was nur sehr wenige Menschen beherrschten. Im Meer war er frei." (S. 67)

Solche inneren Monologe finden sich zuhauf in Giebkens Jugendroman und es obliegt den jugendlichen Leserinnen und Lesern, ob sie sich darauf einlassen wollen. Mitbringen sollten sie auf jeden Fall zweierlei: Lust auf eine traditionelle Liebesgeschichte und Interesse an dem exotisch anmutenden Thema des Apnoetauchens. Darüber kann man bei der Lektüre tatsächlich eine Menge lernen.

Fazit

Einfach erzählt, aber spannend: Sabine Giebkens 477 Seiten starker Jugendroman offeriert eine mitreißende Liebesgeschichte, die vom Handlungsraum Elba und der ungewöhnlichen Thematik des Apnoetauchens lebt. Ansprechen wird er vielleicht vor allem weibliche Vielleserinnen ab 14 Jahren, die Freude an Liebes- und Identitätsthemen aus weiblicher Perspektive haben. 

 


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