Sekora, Ondřej: Die großen Abenteuer des kleinen Ferdinand

von Ferdinand Praxl, B.A.

Entstanden ist die Buchreihe, die Ondřej Sekora den Abenteuern der Ameise Ferdinand widmete, bereits in den 1930ern in der Tschechoslowakei. Hierzulande gelangte sie erst durch die ab 1987 im deutschen Fernsehen ausgestrahlte Zeichentrick-Verfilmung zu einem höheren Bekanntheitsgrad. Der vorliegende Band umfasst die ersten drei Bücher der Reihe.

Sekora, Ondřej: Die großen Abenteuer des kleinen Ferdinand.
Leiv, Leipzig, 1992
226 S., etwa €18 (antiquarisch)
ISBN: 978-3928885225

Inhalt

Die Bücher sind in kleine und kleinste Kapitel unterteilt, die lose aneinandergeknüpft sind, ohne dass sich, schlüge man den Band an zufälliger Stelle auf, immer sofort sagen ließe, an welcher Stelle des Handlungsbogens man sich befindet. So handeln die Episoden von allerlei seltsamen Begegnungen Ferdinands mit anderen Bewohnern von Wald und Wiese, bis nach einigen Kapitelchen die Charaktere und Konstellationen so deutlich gezeichnet sind, dass Erzählgeschwindigkeit und -komplexität sanft zunehmen können. Dann wird es richtiggehend dramatisch, etwa wenn der kleine Protagonist vor Gericht geführt wird und spektakulär entflieht. Auch wenn sich Intensität und Komplexität der Geschichten steigern, ändert sich der zeittypisch eher betuliche Charakter des Buches dadurch nicht grundlegend. Der Episodencharakter lässt kaum zu, die Handlung nachzuzeichnen, den Rahmen bilden jedoch die Vertreibung der kleinen Ameise aus der Heimat, anschließende Abenteuer in der Fremde und schlussendliche Rückkehr.

Kritik

Wo die Zeichentrick-Serie Abläufe beschleunigt und durch zusätzliche Effekte und Überspitzungen Spannung erzeugt (dabei aber dennoch ruhiger wirkt als die damaligen Nachbarn im TV-Programm), ist das Erzähltempo im Original deutlich gemäßigter und die einzelnen Szenen in sich geschlossener. Dies entspricht ganz dem klugen Anspruch des Buches, ein Tempo zu finden, das keine aggresiven Ansprüche an die Konzentration der Kinder stellt.

Diese besondere Sensibilität Sekoras kommt speziell zu Beginn des Bandes zum Tragen, der über das Ansprechen realer kindlicher Erfahrungen mit der Natur in die Handlung einsteigt. In ihrem Bemühen um ein Entfalten kleiner Panoramen, statt um das Vorantreiben einer durchgängigen Handlung, verlangen die Erzählungen eine Rezeptions-Haltung von den jungen Lesern, die sonst eher naturschönen Phänomenen entspräche als Büchern. Es ist die große Stärke des Buches, diesen Blick auf die Welt in seiner spezifisch kindlichen Qualität sprachlich aufzufangen, statt mit klassisch literarischen Mitteln auf die Leser einwirken zu wollen. Die liebevollen Illustrationen stützen diesen Ansatz denkbar gut. In seiner kleinteiligen Unterteilung ist der Band wie geschaffen als Gute-Nacht-Geschichten-Buch, das jederzeit beiseite gelegt werden kann.

Nicht nur weil Sekora später ein prominentes Mitglied der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei war, stellt sich die Frage nach etwaigen unterschwelligen ideologischen Gehalten der Bücher. Glücklicherweise erweist sich Sekoras Protagonist jedoch als autoritätskritisch, frech und eigensinnig. Lediglich ein wenig Arbeits- und Arbeiterklassenromantik haftet der Darstellung des fleißigen Ferdinand an, der alles bauen und reparieren kann. Ansonsten funktioniert Sekoras kleine Welt darüber, dass jede seiner Figuren gerade durch ihre Verschiedenheit ihr besonderer Platz im großen Ganzen zukommt. Das mag einige Naivität enthalten, aber die ist in Kinderbüchern nicht verboten. Bedenklich ist dagegen die Misogynie, die in dem Erzählstrang um Ferdinands angebetetes Fräulein Siebenpunkt mehr als nur durchscheint. Die wichtigste weibliche Figur, zeigt sich durchgängig unprovoziert undankbar und gehässig. Es bleibt aber das einzige schwerwiegende Manko des Buches. Sein Ende schließt stimmig den zu Beginn aufgespannten Bogen, indem Sekora die jungen Leser (ohne Zeigefinger) auf die wirkliche Natur und ihre Abenteuer verweist.

Fazit

Es ist der sensible Umgang mit der Geisteshaltung von Kindern, der die  Ferdinand-Bücher Sekoras auch heute noch beinahe uneingeschränkt empfehlenswert macht.  Durch die Verschlossenheit der Erzählwelt gegenüber der gesellschaftlichen Wirklichkeit, sind es lediglich einige wenige Stellen und Formulierungen, die heute in Ton oder Inhalt anachronistisch wirken. Perfekt geeignet ist es als Vorlesebuch, wobei man es nicht versäumen sollte, für die  schönen Illustrationen gemeinsam inne zu halten.

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