von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

Und wenn ich einen Mörder küsse? Anna verliebt sich in Abel, den Märchenerzähler, erlebt die intensiven Gefühle der ersten großen Liebe, doch nach und nach erkennt sie, dass mit ihrem Freund etwas ganz und gar nicht stimmt und fragt sich, ob das Märchen, das er ihr und seiner kleinen Schwester Micha erzählt, vielleicht eine schreckliche Wahrheit offenbart…

Michaelis, Antonia: Der Märchenerzähler.
Oetinger, Hamburg, 2011.
447 S., 16,95 €
ISBN 978–7891–4289-5

Inhalt

Anna Leemann ist eine fleißige Schülerin aus liebevollem, gut situiertem Elternhaus, die mitten im Abitur steckt und den Plan hat, danach die Heimat an der Ostsee zu verlassen und als Au-pair-Mädchen nach England zu gehen. Und da ist Abel Tannatek, den alle wegen seiner Drogengeschäfte den 'polnischen Kurzwarenhändler' nennen, zwielichtig, kurz geschorene Haare, aus dem Hartz -IV-Milieu stammend.

Warum verliebt sich Anna bedingungslos in diesen unnahbaren Jungen, der den Kontakt zu seinen Mitschülern meidet, und läuft ihm wie besessen hinterher? Eine abschließende Antwort auf diese Frage findet der Leser von Antonia Michaelis' Roman in ihrem Buch nicht. Auf jeden Fall gibt es auch einen anderen Abel, einen, der sich liebevoll, mit Hingabe und Verantwortungsgefühl um seine sechsjährige Schwester kümmert, seit die Mutter verschwunden ist. Anna belauscht, wie er der kleinen Micha ein Märchen erzählt und fühlt sich fortan so sehr in seinen Bann gezogen, dass sie alles für Abel aufgeben würde.

Die Märchenhandlung ist kunstvoll in den literarischen Text eingebunden, die Märchenepisoden in die realistische Erzählebene eingebettet, wobei die Grenzen von Realität und Fiktion im Laufe der Handlung immer stärker verwischen, sodass es schließlich die Märchenerzählung ist, die Hinweise darauf gibt, wer die Personen aus Abels und Michas Umfeld getötet hat…

Am Ende offenbart sich eine grausame Realität, mit welcher der Leser aufgrund des Einbandes und des eine Liebesgeschichte verheißenden Klappentextes nicht rechnen kann: Sexuelle Gewalt, Prostitution, Pädophilie und Mord sind Stichworte, die den Inhalt der Handlung umreißen. Vor diesem Hintergrund ist die Altersempfehlung "ab 14" als verfehlt zu betrachten, der Roman sei jugendlichen Lesern frühestens ab 16 empfohlen.

Kritik

Es bleibt fragwürdig, warum Antonia Michaelis in ihrem poetischen Text, der vor allen Dingen in den Märchenpassagen durch eine beinahe lyrische Sprache besticht, so drastische Handlungselemente verwenden musste. Der Roman wäre auch ohnedies spannend und fesselnd genug gewesen – sicher ein Buch, das zum Verschlingen einlädt und das kaum einen Leser nicht zu fesseln vermag.

Fragwürdig ist weiterhin die Figurenkonzeption: Anna erscheint insgesamt so naiv und blauäugig, dass es dem Leser nahezu unmöglich ist, sich mit ihr zu identifizieren. Ebenso wenig sind die klischeehaft gezeichneten Figuren Abel oder Annas beste Freundin Gitta, die dauerhaft aufgesetzt wirkt und Anna stets "mein Kind" nennt, als Identifikationsfiguren angelegt. Ihre Handlungen sind oft nicht nachvollziehbar, insbesondere die Liebesbeziehung zwischen Anna und Abel wirkt oberflächlich, da es zwischen den beiden Protagonisten nie zu wirklichen Momenten der Nähe kommt. Obwohl Abel Anna meistens ausweicht, ist ihre Liebe grenzenlos und geht so weit, dass sie sogar sexuelle Gewalt toleriert, womit das größte Manko des Romans angesprochen ist: Hier wird eine Vergewaltigung verharmlost, denn Anna arbeitet diese nicht auf, reflektiert nichts, bleibt nur ihr bedingungslosen Liebe verhaftet und will verzeihen. Hier transportiert der Text eine äußerst bedenkliche Botschaft, die vielleicht realistisch sein mag. Doch diesen realistischen Anspruch legt die Autorin nicht an, als es am Ende darum geht, eine Adoptivfamilie für die kleine Micha zu finden, denn hier präsentiert sich ein allzu gefälliger Schluss.

Fazit

Der Märchenerzähler ist ein packender, hochgradig spannender Roman, in poetischer Sprache erzählt, der sich inhaltlich leider selbst sabotiert, indem er sich vielfach Klischees, fragwürdigen Figuren und ebenso fragwürdiger Handlungselemente bedient, sodass ihm die Empfehlenswürdigkeit letztlich verloren geht.


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