von Kirsten Kumschlies

Wollen wir eine Gesellschaft, die von künstlichen Intelligenzen dominiert wird? Wollen wir den Versuch wagen, in der digitalen Welt ewig zu leben? Ja, viel mehr noch: Wollen wir ein ewiges Leben? Oder ethisch gewendet: Dürfen wir uns ein ewiges Leben erschaffen? Karl Olsberg legt mit Boy in a dead end eine Dystopie vor, die um ebensolche Fragen kreist und entwirft eine spannende und mitreißende Romanhandlung, die stellenweise über starke Vereinfachungen aber nicht hinauskommt.

Olsberg, Karl: Boy in a dead end.
Loewe, Bindlach 2019.
320 Seiten. 14,95 €
ISBN 978-7432-0417-1.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Hamburg im Jahr 2057: Manuel leidet – wie einst Stephen Hawkings – an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS. Er kann sich kaum bewegen, ist aber dank seines (künstlich) intelligenten Rollstuhls, den er liebevoll Marvin nennt, doch noch mobil. Seine Familie geht zärtlich und freundlich mit dem kranken, sterbenden Jungen um. Vor allem zu seiner älteren Schwester Julia hat Manuel eine innige Beziehung, die von gegenseitigem Vertrauen und tiefer Akzeptanz geprägt ist. Alle wissen: Manuel bleiben nur noch wenige Monate zu leben. Doch dann erfährt er von einem gesellschaftlich höchst umstrittenen Projekt: Ihm wird die Möglichkeit eines Gehirnscans offeriert. Der Unternehmer Henning Jaspers verspricht ihm, eine vollständige Computersimulation seines Gehirns herzustellen, die ihm ein digitales Weiterleben bzw. eine virtuelle Unsterblichkeit ermöglicht. Manuel und auch sein Vater sind schnell begeistert von der Idee, wollen das digitale ewige Leben und damit den Pakt (mit dem Teufel) Henning Jaspers eingehen. Aber Julia und die Mutter sind skeptisch, was zu einer massiven Familien- und Ehekrise führt. Gerade die Mutter wehrt sich mit Händen und Füßen, während Julia, aus deren Perspektive im Wechsel mit der von Manuel erzählt wird, eine vermittelnde Position einnimmt. Schließlich willigt die Mutter doch in den Gehirnscan ihres Sohnes ein. Aber bevor es zu dem Menschenversuch kommt, wird Manuel plötzlich von den Anhängern einer Sekte entführt. Bei den Entführern handelt es sich um religiöse Fanatiker, die bereits in Olsbergs Roman Girl in a strange land  aufgetreten sind. Sie nenne sich die „Erweckten“ und führen im abgelegenen Stillachtal in den Alpen ein angeblich technikfreies Leben, das nur Gott gewidmet sein soll. In den Fängen dieser Fanatiker spürt Manuel seine Lähmungen und die damit verbundene Hilflosigkeit einmal mehr, denn sie nehmen ihm seinen Rollstuhl ab, der ihm einen Alltag ermöglicht hat. Nun wird er von Edena gepflegt, einem jungen Mädchen, in das Manuel sich verliebt. Wird es den Sektenmitgliedern gelingen, Manuel von dem Gehirnscan, den sie für ein Werk Satans halten, abzubringen?

 

 

Kritik

Karl Olsberg, der über künstliche Intelligenz promoviert hat, erzählt in dieser spannenden Dystopie die Vorgeschichte von Manuel aus Boy in a white room. Der Roman ist in variabler Fokalisierung erzählt, wechselt kapitelweise zwischen den Sichtweisen Manuels und Julias hin und her. Gerade durch den Fokalisierungswechsel wird Spannung erzeugt, denn durch den Blick in die Perspektive Julias erhalten der Leser und die Leserin Einblick in die Kontroverse um den Menschenversuch, den Julia ablehnt, während er Manuel die Aussicht auf (vermeintliche) Unsterblichkeit suggeriert. Wie in seinen Vorgängern Boy in a white room und Girl in a strange land wirft Olsberg in diesem Roman philosophische Fragen über künstliche Intelligenz auf, erzählt in klarer, einfacher Sprache mitreißend und spannend, rutscht aber, insbesondere bei der Darstellung der Sekte doch stark in klischeehafte Stereotypisieren ab. Die Motive der religiösen Fanatiker sind reduziert auf eine sehr einfache Weltsicht, die sich vor allem in konstruiert wirkenden Figurendialogen spiegelt. So erklärt etwa der Pater, der Manuel entführt hat:

 

""Die Menschen da draußen haben es noch nicht gemerkt, aber die Letzte Schlacht hat bereits begonnen."

 

"Die Letzte Schlacht? Sie meinen, das Ende der Welt? Ich muss Sie enttäuschen, Pater, aber der Dritte Weltkrieg ist bis jetzt noch nicht ausgebrochen."

 

"Oh doch, die Schlacht findet in diesem Moment statt. Nur dass dabei nicht mit Kanonen gekämpft wird, sondern mit Informationen. Satan ging es nie um unsere Körper oder um irdisches Territorium. Er hat es von Anfang an auf unsere Seelen abgesehen. Nachdem er die Menschen jahrhundertelang mit Lügen und Verlockungen versucht hat, hat er nun einen wesentlich effektiveren Weg gefunden: Er lässt sein böses Werk von Maschinen tun, denen wir uns freiwillig unterwerfen und die uns versklaven, ohne dass wir es überhaupt merken. Deine Wissenschaftler sind es, die ihm das ermöglicht haben."" (S. 175)

 

Durch diese starken Vereinfachungen und die viel verwendete wörtliche Rede ist der Roman leicht lesbar und verspricht vor allem eins: Spannung und gute Unterhaltung von der ersten bis zur letzten Seite. Dabei wirft er ein Schlaglicht auf die ganz großen existenziellen Fragen, die viele jugendliche Leserinnen und Leser bewegen und daher ansprechen dürften, befasst sich mit dem Wunsch nach dem ewigen Leben sowie den Risiken einer durch künstliche Intelligenzen gesteuerten Welt und regt damit (den teilweise klischierten Darstellungen zum Trotz) ganz sicher zum Nachdenken an. Ob es der Liebesgeschichte um Manuel und Elena bedurft hätte, sei dahingestellt. Eine wirkliche Zukunftsperspektive hat ihre Liebe in der digitalen Welt nicht, und das wird im Roman auch nicht weiter reflektiert.

Fazit

Ein spannender Pageturner, eine bewegende und berührende Dystopie mit trivialen Anteilen, die aufgrund der vielen einfach gehaltenen Figurendialoge und der spannenden Thematik zum verschlingenden Lesen einlädt und vor existenziellen Fragen nicht Halt macht. Er eignet sich für Jugendliche ab 14 Jahren, vor allem jenen, die Manuel schon aus Boy in a white room  kennen.

 Erstveröffentlichung: 02.01.2020 


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