von Michael Fassel

Viorel verfolgt ein ungewöhnliches Ziel: Er möchte den Leichnam seiner kürzlich verstorbenen Mutter am Schwarzen Meer beerdigen, um ihren letzten Wunsch zu erfüllen. So begibt er sich mit ihrem Kleinwagen auf einen abenteuerlichen Roadtrip durchs winterliche Osteuropa. Der einstige Außenseiter, der mit 17 Jahren nicht über den Tellerrand des Ruhrgebietes geblickt hat, stellt sich unerwarteten Herausforderungen und wächst über sich selbst sich hinaus. Dirk Pope ist ein tragikomischer Roadtrip gelungen, der eine ausgesprochen ermutigende Botschaft hat.

Pope, Dirk: Abgefahren
Hanser, München 2018.
240 S., 15,00 €
ISBN 978-3-446-25875-4.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Der übergewichtige Viorel lebt mit seiner rumänischen Mutter zurückgezogen in einer Wohnung in Essen. Als sie eines Morgens plötzlich leblos am Frühstückstisch sitzt, ist Viorel tieftraurig. Der 17-Jährige, der in Deutschland weder Verwandte noch Freunde hat, ist nun auf sich alleine gestellt. Kurzerhand entscheidet er sich dafür, den letzten Wunsch seiner Mutter zu erfüllen: sie an ihrem Geburtsort am Schwarzen Meer in Rumänien zu begraben. Er verstaut ihren Leichnam im Kofferraum und begibt sich ohne Führerschein mitten im Winter auf einen außergewöhnlichen Roadtrip durch Osteuropa.

Auf seiner Fahrt mit dem Opel Corsa seiner Mutter lernt er wenige, dafür aber umso interessantere Menschen kennen, wie etwa einen mysteriösen fremden Mann, den er als Anhalter mitnimmt. Da Viorel kaum etwas über das Heimatland seiner Mutter weiß, lässt er sich von dem ungarischen Tramper unter anderem eine gruselige Legende über die sogenannte Blutgräfin erzählen, die ihre Opfer mit Scherklingen durchbohrt habe. Wenig später stirbt der Fremde nach dem Aussteigen, indem er von einem Lastwagen erfasst wird. Viorel packt auch den zweiten Leichnam auf die Rückbank des Wagens, um eine Begegnung mit der Polizei um jeden Preis zu vermeiden. Nachdem er jedoch von Straßenpiraten überfallen wird, verschwindet der Verstorbene spurlos. Das alles schreckt Viorel nicht ab, er setzt seine Reise trotz zunehmender Gefahren fort.

In Rumänien trifft er auf eine alte Frau, die eine Nachbarin seines inzwischen verstorbenen Onkels ist. Sie bietet ihm für eine kurze Weile Obdach. Bei ihr lernt er auch ihre Ur-Enkelin Dana kennen, die ihm viel Sympathie entgegenbringt. In seiner Hilfsbereitschaft bringt er die beiden kurz vor dem Weihnachtsfest zu ihrer Verwandtschaft. Während sich die alte Frau als abergläubische Witwe entpuppt, findet er in Dana eine Gleichgesinnte, die in Viorel mehr sieht als nur seine übergewichtige Erscheinung. Nachdem er sie bei ihren Verwandten abgesetzt hat, fährt er alleine zum Schwarzen Meer, wo er seine mühselige Mission bei winterlichen Temperaturen und tief gefrorenem Boden endlich vollenden möchte.

Kritik

Auch wenn die Handlung des Jugendromans Abgefahren von Dirk Pope makaber und ein wenig konstruiert anmuten mag, findet man in Viorel einen Sympathieträger, den jugendliche Leser und Leserinnen durchaus ernst nehmen können – gerade weil er sich selbst nicht ganz so wichtig nimmt und trotzdem an sein Ziel glaubt. Viorel wird als jugendlicher Außenseiter dargestellt, der keine Freunde hat und sein Leben bislang mit seiner Mutter verbracht hat. Da sie für ihn die einzige Bezugsperson gewesen ist, ist es durchaus nachvollziehbar, dass er ihren letzten Wunsch erfüllen möchte, so viele Hürden ihn auch erwarten mögen. So ist er – bis auf in den Begegnungen mit dem Tramper, der alten Nachbarin und ihrer Ur-Enkelin sowie einigen anderen Nebenfiguren wie etwa einem Ornithologen am Schwarzen Meer – größtenteils auf sich alleine gestellt. Trotzdem hat der Roman keine Längen, denn angesichts der personalen Erzählperspektive bekommt das Lesepublikum Einblicke in teils skurrile, teils melancholisch stimmende Bewusstseinsströme des homodiegtischen Erzählers Viorel:

„Besser ein Stück Heimat als gar keine, denkt sich Viorel. Er selbst hat keine Ahnung mehr, wohin er gehört. Heimat war für ihn immer dort, wo man nichts vermisst. Und das Einzige, was ihm jetzt fehlt, ist seine Mutter. Und die hat er bei sich, tot“ (S. 36).

Der Roadtrip ist Viorels spezielle Art, sich von seiner Mutter zu verabschieden. Vor diesem Hintergrund lässt sich der Roman als Geschichte einer intensiven Mutter-Sohn-Beziehung lesen, die trotz der Tragik nicht kitschig-rührselig wirkt, vielmehr zieht sich eine befreiende Leichtigkeit durch den Text, die einen oft schmunzeln lässt. Dies ist vor allem der außergewöhnlichen, aber gleichwohl unterhaltsamen Handlungsrahmung sowie der humorvollen Sprache des Erzählers zu verdanken, der insbesondere Adjektive originell einsetzt:

„Er ist kaum vorbereitet. Nicht einmal einen Regenschirm hat er bei sich. Oder eine Zahnbürste. Und jetzt das. Trommeln. Dröhnen. Ein orchestraler Dauertausch aus faustgroßen Regentropfen hämmert ihn blindwütig auf das Dach“ (S. 11).

Auch groteske Bilder weiß Pope mit der Sprache geschickt einzufangen: „Eine ältere Frau ohne Hals, die sich an einem pferdefußgroßen Zigeunerschnitzel festhält“ (S. 11) oder „Das Gesicht wächst ihm aus der Brille“ (S. 77).

Derartige Beschreibungen lenken keineswegs von der eigentlichen Tragik ab, vielmehr liefern sowohl die Story als auch die Atmosphäre ein stimmiges Bild, das zudem angereichert wird mit einigen gruseligen Geschichten aus Osteuropa, in denen auch die Vampire nicht fehlen. Bereits im Paratext legt Pope die Spur zu Vampirlegenden, indem er ein Zitat aus Bram Stokers Dracula dem Haupttext voranstellt. Mit den Storys und den Legenden über Volksheld Dracul – dem historischen Vorbild des literarischen Dracula – der seine Opfer qualvoll aufgespießt haben soll, erschafft der Autor im winterlichen Rumänien eine ebenso bedrohliche wie geheimnisvolle Kulisse, die für Jugendliche durchaus reizvoll sein mag. Doch der Griff in die sagenumwobenen Geschichten Osteuropas bringen auch Figuren wie eine alte Nachbarin hervor, die angesichts ihres unerschütterlichen Aberglaubens und ihrer Stoßgebete gen Himmel ein Stück weit klischeehaft dargestellt wird. Dies ist insofern verzeihbar, als ihre Ur-Enkelin in der Funktion des aufgeklärten und progressiven Gegenparts steht und jedem abergläubischem Gedanken eine Absage erteilt.

Im Mittelpunkt jedoch bleibt stets Viorel, der auf dem Roadtrip sämtliche Hürden überwindet und vor allem über sich hinauswächst. Völlig unverkrampft gelingt Pope ein durchweg humorvoller Jugendroman über einen adoleszenten Außenseiter. Die Hauptfigur erhält im Handlungsverlauf eine für viele Jugendliche ermutigende Aura, indem sie sich, ohne es zu beabsichtigen, zu einem Helden entwickelt, der nicht aufgibt. Zweifelhaft ist, ob sich Viorel selbst als Helden charakterisieren würde, vielmehr steht er seinem Ego selbstkritisch gegenüber: „Er gehört nicht zu den Menschen, die sich interessant genug finden, dass sie es länger mit sich selbst aushalten“ (S. 190). Das jugendliche Lesepublikum dürfte nach der Lektüre ein anderes Urteil fällen.

Fazit

Der tragikomische Jugendroman bietet trotz der traurigen Ausgangssituation unerwartet viel grotesken Humor, ohne ins Lächerliche zu kippen. Dirk Pope schickt seine jugendliche Hauptfigur ohne Führerschein auf einen abenteuerlichen Roadtrip von Essen bis zum Schwarzen Meer. Auf der Reise erwarten Viorel einige Abenteuer und Hürden, die er auf seine ganz eigene Weise überwindet. Angesichts des gelungenen makabren Humors und einiger gruseliger Handlungsstränge ist der Roman ab einem Alter von 14 Jahren zu empfehlen.

Erstveröffentlichung: 16.02.2020


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