von Caroline Klabunde

Einer der wenigen Menschen, die noch in der Nähe des ehemaligen Atomkraftwerkes Tschernobyl wohnen, ist Baba Dunja. Eine alte Frau, die mit mehreren alten Menschen in Tschernowo ihre letzten Tage selbstbestimmt verbringt. Mit Baba Dunjas letzte Liebe gelingt der Autorin Alina Bronsky erneut ein wunderbares Buch über das Lieben der kleinen Dinge des Lebens.

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015.
154 S., 8,00€
ISBN 978-3-462-05028-8.
Empfohlen ab 13 Jahren.


Inhalt

In Tschernowo gibt es kein fließendes Wasser und keinen Strom. Bewohner sind, bis auf ein paar alte Menschen, nicht mehr vorhanden. Die einzigen, die es nach dem Reaktorunglück 1986 wieder in die Region zurückverschlagen hat, sind Baba Dunja, Marja, Sidorow, und einige wenige alte Menschen.

Der dortige Alltag ist nicht besonders spektakulär. Die Betten werden morgens ausgeschüttelt, die Fußmatten ausgeklopft. Regelmäßig werden die Gemüsebeete vom Unkraut befreit. Einmal im Monat fährt Baba Dunja als einzige des Dorfes nach Malyschi, die erste größere Stadt außerhalb des Sperrgebietes rund um Tschernobyl, um ihre Rente von der Bank abzuheben, ihre Briefe bei der Post abzuholen und einzuwerfen, hauptsächlich von und für ihre Tochter – ein Briefträger kommt schon lange nicht mehr in die Sperrzone, und Lebensmittel für alle Dorfbewohner zu besorgen.

Die erste Bushaltestelle außerhalb der Sperrzone ist rund drei Stunden Fußmarsch von Tschernowo entfernt. Zusätzlich muss der Bus, mit seit fünf Jahren dem gleichen Busfahrer, noch eine Stunde nach Malyschi reinfahren. Gelegentlich kommen Biologen vorbei, um aktuelle Strahlenwerte festzustellen. Gleicher Alltag, gleicher Rhythmus, gleiche Menschen, gleiche Geschichten.

Doch dies ändert sich plötzlich, als eines Tages zwei Fremde, ein Vater mit seiner Tochter, auftauchen – Anlass des Vaters ist eine Rache an die Mutter des Kindes, die sich von ihm getrennt hat – und die Gemeinschaft droht, auseinanderzubrechen.

Kritik

Alina Bronsky schafft es, einen Roman über Freundschaft, Wertegefühl und Mut aus der Tasche zu entwickeln. Bereits in ihrem Debütroman Scherbenpark präsentierte sie mit der Hauptfigur Sascha eine selbstständige, junge Frau, die weiß, was sie will. Baba Dunja weist ähnliche Charakterzüge auf. So widersetzt sie sich immer wieder ihrer Tochter, die Chirurgin in Deutschland ist und ihre Mutter dazu auffordert, aufgrund der Strahlung nach Deutschland zu kommen. Doch Baba Dunja möchte nicht. Ihre letzten Tage möchte sie selbstbestimmt und bewusst in ihrem alten Haus, ohne Strom, ohne fließendes Wasser in Tschernowo verbringen.

Alina Bronsky zieht mit ihrem Roman keine klare Linie zwischen Gut und Böse, gesund und krank, sowie Leben und Tod.  Bemerkbar macht sich dies durch die Darstellung des Lebensumfeldes, in dem Baba Dunja lebt. Dargestellt wird eine natürliche, blumenreiche Natur, in der mit jedem Sommer wieder mehr Bienen umherschwirren und Tomaten und Bäume wachsen, wie auch tote Tiere und Menschen, die immer wieder in der Geschichte auftauchen und sich bemerkbar machen, als möchten auch sie diese Gegend nicht verlassen. Damit setzt Bronsky dem eher düsteren, dystopischen Bild von Tschernobyl, das die meisten Leserinnen und Leser haben dürften, die Beschreibung einer Art von Naturidylle entgegen. Als Leser erfährt man diese Geschichte. Wer (noch) lebt oder schon tot ist, ist oft gar nicht klar zu unterscheiden. Das beginnt schon bei den Bewohnern des Dorfes: Einer der Bewohner hat im Endstadium Krebs, wodurch es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis dieser nicht mehr lebt. Zusätzlich kommt in der Geschichte der Hahn Konstantin vor, der recht zu Beginn im Kochtopf landet. Dieser Hahn taucht immer wieder in dem Dorf bei Baba Dunja auf, sie sieht ihn auf seinem alten Platz auf dem Gartenzaun sitzen, sieht ihn nach Körnern picken, obwohl er nicht mehr lebt. Dem Leser fällt es dadurch recht schwer, zu überblicken, was jetzt real-existierend ist und was Baba Dunja einfach sieht.

Baba Dunjas letzte Liebe bietet eine friedliche Auseinandersetzung mit dem Thema Tschernobyl, da der Fokus nicht auf den Krankheiten der Bewohner liegt, sondern auf der Bescheidenheit der Personen, die dort alt werden.

Die meisten Romane, die um Tschernobly kreisen (z.B. Alles Stehende verdampft von Darragh McKeon) befassen sich mit der Flucht aus der Todeszone. Bronsky wählt einen völlig anderen Zugang und thematisiert die Rückkehr in das Gebiet:

Es gibt Tage, da treten sich auf unserer Hauptstraße die Toten auf die Füße. Sie reden durcheinander und merken nicht, welchen Unsinn sie erzählen. Das Stimmengewirr hängt über ihren Köpfen. Dann wiederum gibt es Tage, da sind sie alle weg. Wohin es sie dann verschlägt, weiß ich nicht. Vielleicht erfahre ich es, wenn ich eine von ihnen bin. Ich sehe Marina und Anja und Sergej und Wladi und Olya. Den alten Liquidator im gestreiften Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, mit muskulösen Unterarmen und polierten Schuhe. Er war ein Dandy, zu Beginn. Er starb schnell. […]
Das sind meine Toten, die mir nach Tschernowo gefolgt sind, und es gibt Dutzende andere, die vor mir da waren, und deren Katzen und Hunde und Ziegen. Das Dorf hat eine Geschichte, die sich mit meiner Geschichte verbindet wie zwei Haarsträhnen zu einem Zopf. Ein Stück des Weges haben wir gemeinsam zurückgelegt. Ich grüße die Toten immer mit einer leichten Kopfbewegung, meine Lippen bewegen sich kaum. (S. 57f.)

 Der Roman ist aus der Sicht Baba Dunjas erzählt, womit ein personaler Ich-Erzähler vorliegt, der sich gleichzeitig auch der identischen Erzählstimme bedient. Bei dem Leser werden durch die Identitätsgleichheit der Erzählstimme und der Erzählweise der Eindruck erweckt, als erlebe er selber das gleiche wie Baba Dunja und ist ganz nah am Geschehen. Zudem fällt es Leserinnen und Lesern leicht durch den gewählten klaren und schlichten Sprachstil, sich auf die Figuren der Geschichte einzulassen.

Fazit

Mit Baba Dunjas letzte Liebe legt Alina Bronsky ein sehr menschliches Buch über den Wunsch nach Beständigkeit, aufrichtiger Freundschaft und Zusammenhalt vor. Hat man das Buch zu Ende gelesen, empfindet man als Leser bzw. Leserin sehr viel Respekt vor der alten Dame und ihren Nachbarn. Die Figuren schaffen es, selbstbestimmt alt zu werden, an dem Ort, den sie als ihr Zuhause empfinden. Denn ist dies nicht in gewisser Weise der Wunsch eines jeden? Dort alt zu werden, wo man sich wohlfühlt und keine Angst vor dem Tod hat? Eine Liebe in seinem Leben zu haben, die mal nicht an eine Person, sondern auch an einen Ort gebunden sein kann? Oder auch an eine andere Zeit?

 

Seitens des KiWi-Verlages gibt es keine Altersbeschränkung für das Buch. Empfohlen wird dennoch, das Buch ab einem Alter von 13 Jahren zu lesen. Jugendliche müssen den Hintergrund der Tschnerobyl-Katastrophe kennen, um die Lebensweise der Menschen, wie auch manche Handlungsfolgen der Protagonisten zu verstehen.

 

Baba Dunjas letzte Liebe stand auf der Long List des Deutschen Buchpreises im Jahre 2015.

[Erstveröffentlichung: 10.02.2020]


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