von Kirsten Kumschlies

Tankstellenchips: Eine wahnwitzige, rasante Deutschlandreise, erzählt aus der Perspektive eines jungen Flüchtlings, der aus dem Iran stammt, die Witz und Tempo hat und vor Sarkasmus trieft. Antonia Michaelis hält der Wohlstandsgesellschaft den Spiegel vor, spielt mit deutschen Klischees, indem sie ihren Protagonisten quer durch Deutschland jagt, von einem touristischen Highlight zum nächsten, immer nah dran, vom Slapstick ins Alberne abzurutschen, doch davor bewahrt letztlich die enorme Vielschichtigkeit des Textes: Trotz Witz und Ironie keine nur leichte Lektüre.

Michaelis, Antonia: Tankstellenchips. Ein Heldenepos.
Hamburg, Oetinger 2018.
360 Seiten. 18,00 €
ISBN 978-3-7891-0918-8
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Die Handlung der Roadnovel Tankstellenchips setzt in medias res ein: Der 18jährige Shayan, der über die Balkanroute aus dem Iran nach Deutschland gekommen ist, wird zufällig Zeuge eines Verbrechens – und mit ihm der achtjährige Junge Davy, der aus einem Kinderheim ausgerissen ist und eine Sprachbehinderung hat. Er überzeugt Shayan, dass sie umgehend fliehen müssten, mit der Begründung, als Asylant stehe er doch sofort unter Verdacht, niemand würde ihm glauben, da gebe es nur eins: Abhauen, so schnell, wie es geht! Aber die Verbrecher sind ihnen sofort auf den Fersen, wollen die unerwünschten Zeugen unschädlich machen. Das ist der Beginn einer atemberaubenden Reise durch Deutschland. Die Story nimmt sofort ein rasantes Tempo auf. Shayan hat in Deutschland politisches Asyl beantragt und sich hierfür vor den Behörden eine verrückte Lügengeschichte ausgedacht, weil er die Wahrheit für unglaubwürdig hielt. Im Spind in seiner Flüchtlingsunterkunft liegt ein Brief, in dem er (richtig) den Abschiebebescheid vermutet, doch den Spindschlüssel hat er verloren. Im Internet hat Shayan Layla Starlight kennengelernt, die in Köln lebt und deren Vater Anwalt ist. Von ihm erhofft er sich Unterstützung in Bezug auf seine drohende Abschiebung, zudem stilisiert er Layla zu seiner großen Liebe, obgleich er sie nie gesehen hat. In seinem Kopfkino inszeniert Shayan sich als unerschrockener Held, der als Star in einem Film auftritt, den sein Vater sieht und der ihn endlich davon überzeugt , dass sein Sohn doch kein Versager und Herumtreiber ist. Shayan geht mit seinem innerlich inszenierten "Heldenepos", so der Untertitel des Romans, in die Rebellion und scheitert doch immer wieder. In slapstickartigen Szenen stolpert der Held von einem Missgeschick ins nächste und karikiert das ihm fremde Deutschland. Einerseits wirkt es auf ihn wie Disneyland, insbesondere Schloss Neuschwanstein, andererseits betont er auch immer wieder die ihn irritierende Prinzipientreue der Deutschen: Sie erscheinen ihm wegen der Mülltrennung als Volk von Jägern und Sammlern (S. 167) und der Berliner Bahnhof ist "eine moderne Orientierungskatastrophe auf fünf Stockwerken" (S. 89). Der Ich-Erzähler lobt, dass es in Deutschland "beinahe alles tiefgekühlt gibt", aber bedauert, "dass es keine Zeit gibt, die man einfrieren kann, die könnten die ewig gehetzten Deutschen sich kaufen und bei Bedarf herausholen und in die Mikrowelle stellen." (S. 79) Außerdem darf man seines Erachtens "in Deutschland nur Dinge tun, wenn sie auf einem Schild abgebildet sind." (S.119). Im Schnelltempo klappern Shayan und Davy typisch deutsche Wahrzeichen und Touristenhighlights ab, vom Kölner Dom geht es über den Rhein, vorbei an der Loreley, nach Bayern, zum Schloss Neuschwanstein, denn kaum, dass sie in Köln angekommen sind, teilt die ominöse Layla Starlight per SMS mit, sie sei nunmehr in München. Auf beinahe magische Weise begegnet Shayan immer wieder Lotta mit den pinkfarbenen Haaren, zu der sich zunächst eine sexuelle Beziehung entwickelt, aus der am Ende Liebe wird.  

 

  

Kritik

Realistisch ist an dieser verrückten Geschichte nichts. Antonia Michaelis, deren Texte sich zumeist durch besonders poetische Sprache auszeichnen, beschreitet mit den Tankstellenchips völlig neue Erzählwege. Setzt sie sonst häufig auf romantisch konnotierte Motive wie Wald oder das fremde Kind, wählt sie in diesem Jugendroman Satire, Ironie und Karikatur, um ein Deutschlandbild des Jahres 2018 zu entwerfen. So nimmt sie durch die Fokalisierung auf den jungen Flüchtling Shayan (genannt Sean) unter anderem die deutsche Flüchtlingspolitik aufs Korn. Da verwechseln etwa Touristen in Bayern die Balkanroute mit einem europäischen Fernwanderweg. Auf dem Zenit seiner inneren Heldenreise angelangt, die sich im Kopfkino des Protagonisten abspielt, gibt er sich auf Neuschwanstein als Reiseführer im König-Ludwig-Jackett aus, und bestätigt, die Balkanroute sei 

 

"'so ein Abenteuerweg. Eine Weile war er sehr gut besucht.' 

'Irgendwo habe ich gelesen, dass er jetzt geschlossen ist', sagte die alte Dame, 'ich nehme an, witterungsbedingt?'

Und ich dachte, dass ich das auch gelesen und dass ich verdammtes Glück gehabt hatte, mithilfe des Kaninchens durchzukommen, ehe sie die Grenzen dicht gemacht hatten.

„Schon', sagte ich, 'aber das ist nicht so schlimm. Verschiedene Unternehmen bieten dafür jetzt Abenteuerreisen übers Mittelmeer an.'

Keiner von ihnen verstand meinen Sarkasmus.

'Ach ja?', fragten sie. 'Lohnt sich das?'

'Es kommt darauf an. Ich glaube, man erwägt im Moment, das als Managerseminare durchzuführen...Es stärkt den Teamgeist und so...Ich habe mal ein kurzes Stück so einer Reise mitgemacht, nur von der Türkei auf eine griechische Insel, das war vor meiner Wanderung. Man macht solche Touren...normalerweise mit...Führer. Das Mittelmeer ist nicht so gut ausgeschildert wie Deutschland...'" (S. 294)

Eine solche humorvolle Begebenheit reiht sich an die andere auf dieser Deutschlandreise, als beschädigter Held stolpert Shayan von einem Missgeschick ins nächste. In Berlin kellnert er in einem Café, bis die Espressomaschine explodiert, im Wald kann er nur knapp der sexuellen Annäherungsversuchen einer Mittdreißigerin entkommen, die einer zu Pferde reisenden Frauengruppe angehört, die Sekt aus Plastikgläsern trinkt. Der Text lässt seinem Helden keine Chance zum Innehalten, rasend schnell geht es von Station zu Station. In jedem Kapitel, die allesamt die Namen deutscher Speisen tragen (Donuts, Tofuwürstchen oder die titelgebenden Tankstellenchips) kommt es zu neuen Verstrickungen und slapstickartigen Abenteuern, die teilweise an Albernheit grenzen. Immer wieder werden Shayan und Davy auf ihrer Heldenreise von Kühen überrannt, die drohende Abschiebung stets im Nacken, doch alles ist getragen von einer unbändigen Freiheitssehnsucht, die schlussendlich Ausdruck findet in einem Paragliding-Flug des Helden, denn: "Es gab keine Grenzen hier oben, man konnte einfach über sie fliegen, wenn welche kamen. Eigentlich komisch, dass noch kein Schleuser darauf gekommen war, Gleitflüge anzubieten" (S. 298). So erreicht die verrückte Heldenreise ihren Höhepunkt. Unter Rekurs auf das Nibelungenlied überlegt sich Shayan schließlich, dass er vielleicht doch lieber kein Held sein möchte, mit der Erkenntnis, dass "die Halbwertzeit von Helden ziemlich gering" (S. 211) sei. Nicht nur die Heldenreise und mit ihr sein Held sind beschädigt, sondern auch die touristischen Wahrzeichen, die er abgeklappert hat, der Kölner Dom war kaputt, Layla Starlight entpuppt sich als Kunstfigur, doch Shayan findet das, worauf es wirklich ankommt: Freundschaft und Liebe, mit Lotta und Davy. Das klingt kitschig, ist es aber nicht. Vielmehr liefert Michaelis mit ihrer Roadnovel ein sehr vielschichtiges Bild von Deutschland in Zeiten der sog. "Flüchtlingskris"“, wobei der karikative Stil an mancher Stelle in totale Albernheit abzugleiten droht. Man muss sich schon einlassen können und wollen auf diese fulminante Deutschlandreise und darf keine realistischen Schilderungen erwarten. Shayans Abenteuer sind witzig und bissig, teilweise auch etwas langatmig, vor allem zum Ende hin.

Fazit

Alles in allem eine gelungene und facettenreiche Deutschland-Parodie, die mit beißendem Spott auf die Klischeebilder des angeblich typisch Deutschen schaut, darüber hinaus eine rasante Roadnovel, die sich auch der interkulturellen Jugendliteratur zuordnen lässt. Vielleicht mal eine Alternative zum überstrapazierten Tschick im Literaturunterricht ab Klasse 8 (und demnach für Leserinnen und Leser ab 14 Jahren)...

 Erstveröffentlichung: 27.03.2020

 


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