von Gerd Klingeberg

Wie war das noch, damals, vor 30 Jahren, als nach und nach der Ostblock zerfiel und mit dem Fall der Berliner Mauer und der innerdeutschen Demarkationslinie zwischen DDR und Bundesrepublik eine der bestgesicherten Grenzen der Welt durchlässig wurde? Für einen großen Teil der deutschen Bevölkerung existiert diese Zeit, die bis heute stark nachwirkt, nur in den Berichten der älteren Generation. Nicht nur für jene, die dieses Ereignis nicht miterlebt haben, vermittelt Mein Mauerfall einen sehr informativen und spannenden Einblick in diesen Teil der jüngeren deutschen Geschichte. 

Juliane Breinle: Mein Mauerfall.
ArsEdition, München 2019.
144 S., 15,00€
ISBN 978-3-8458-3191-6.
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

Eigens zur Feier anlässlich des 50. Geburtstags von Mama Kathrin und ihrer Zwillingsschwester Jana sind der zwölfjährige Theo und seine Familie aus München nach Thüringen gefahren: in ein kleines Dorf im Eichsfeld, direkt an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, wo die Zwillinge als Kinder gelebt haben. Oma und Opa sind auch angereist, ebenso wie Onkel Thomas und Cousin Lenny. Für Theo, der schon immer stark daran interessiert war, wie die Jugendlichen die damaligen Gegebenheiten mit der Mauer erlebt haben, ist es eine willkommene Gelegenheit, seine Verwandtschaft mit unzähligen Fragen zu löchern. Es wird ein aufregendes Wochenende, bei dem viele persönliche Erlebnisse zur Sprache kommen, aber die oft sehr konträren innerfamiliären Ansichten und Bewertungen bezüglich der damaligen Verhältnisse auch zu heftigen Disputen führen.

Kritik

Mit Mein Mauerfall hat Juliane Breinl ein erzählendes Sachbuch zu einem sehr wichtigen Thema der jüngeren deutschen Geschichte vorgelegt. Die Autorin, Jahrgang 1962, hatte 1984 – also fünf Jahre vor dem Mauerfall am 9. November 1989 – mit Eltern und Brüdern per Ausreiseantrag die DDR verlassen. Die Inhalte ihres Buches stützen sich nicht nur auf eigenes Erleben, sondern auf viele Berichte von weiteren Zeitzeugen, darunter auch solchen, die – wie im Buch beschrieben – im thüringischen Eichsfeld im Sperrgebiet unmittelbar an der Grenze zum benachbarten Hessen lebten.

Das Buch ist in vier Abschnitte gegliedert. Zunächst wird anhand der Situation nach dem Zweiten Weltkrieg erläutert, wie es überhaupt zur Teilung Deutschlands kam. Der Folgeteil, beginnend mit dem Ost-West-Konflikt und den Zeiten des Kalten Krieges, thematisiert die unterschiedlichen Ideologien in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, darunter auch die Bedeutung des Ministeriums für Staatssicherheit (‚Stasi‘), das das sozialistische System im Osten stabilisierte und Bürgerinnen und Bürger massiv überwachte. Kapitel 3 behandelt die zunehmende Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen in der DDR und die daraus resultierende Bürger- und Friedensbewegungen, die 40 Jahre nach Gründung der sozialistischen DDR zum Zerfall des Systems führten. In eher kurzer Form wird die keineswegs konfliktfreie Zeit nach der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten bis heute behandelt.

Das Buch ist im Wesentlichen chronologisch aufgebaut. Es wird durch die fiktive Rahmenhandlung, die gleichwohl an möglichen realen Vorbildern orientiert sein dürfte, strukturiert und aufgelockert. Dabei steht in erster Linie nicht so sehr der historische Ablauf des Geschehens im Vordergrund; der Fokus liegt weit mehr auf persönlichen Erlebnissen und Wahrnehmungen vor allem von Zeitzeugen. Dazu gibt es auf jeder Seite zahlreiche Fotografien, übersichtliche Skizzen (etwa vom Aufbau der Grenzanlagen), gut verständliche Erläuterungen beispielsweise zum Verhalten der Stasi, zur sog. Roten Armee Fraktion (RAF), zu Umweltverschmutzung in der DDR, zu Westpaketen, Wahlen, ideologischen und kulturellen Unterschieden und etlichem mehr. Eingefügt sind weiterhin kurze persönliche Erinnerungsbeschreibungen von namentlich genannten Personen.

„Ich bin damit groß geworden, dass überall „Achtung Sperrgebiet“-Schilder standen, und irgendwie war das Leben hinter dem Schlagbaum für uns die Normalität. Aber das bedeutete nicht, dass wir alles mitmachten.“ (S. 50)

Die grundlegend persönliche Note des Buches wird nicht nur im Titel (Mein Mauerfall) betont, sondern auch dadurch, dass die letzten drei Buchseiten explizit deklariert sind als „Platz für persönliche Erinnerungen“.

Wenngleich im Osten aufgewachsen und später in den Westen übergesiedelt, liegt der Autorin keineswegs daran, die DDR zu verteufeln und gleichzeitig die BRD in rosigen Farben zu beschreiben. Breinl ist in ihren Aussagen unmissverständlich: "Bedrohen, bestechen, bespitzeln und bestrafen […] Die Stasi hatte viele Aufgaben und war gefürchtet" (S. 58). Oder: "Die Stasi konnte im Grunde alles mache"“ (S. 61). Aber sie vermeidet durchweg pauschale und unreflektierte Bewertungen.

Gut gelungen ist in diesem Zusammenhang das Konstrukt der Rahmenerzählung: Opa Hardy verteidigt vehement die DDR, vertritt auch 30 Jahre nach deren Zerfall die Überzeugung, dass damals alles besser gewesen sei und im Nachhinein zu Unrecht schlecht gemacht würde; Oma Vera und Mutter Kathrin sind fast immer gänzlich entgegengesetzter Meinung (was konsequenterweise zu einer Trennung der Großeltern geführt hat). Die weiteren Beteiligten liegen mit ihren Ansichten teils dazwischen. Aus dieser kontroversen Konstellation entstehen heftige Diskussionen und Streitereien, die in der Regel nicht zum Konsens führen. Vielmehr lässt die Autorin die jeweilige Meinungsvielfalt bestehen, kommentiert sie lediglich durch entsprechende historisch belegte Fakten oder Augenzeugenberichte. Zudem wird manches durch gut gewählte Witze konterkariert, so wie dies auch in der DDR geschah – allerdings damals mit dem Risiko, dafür unter Umständen eine Gefängnisstrafe zu riskieren:

"Was bedeutet die Bezeichnung ‚Trabant 601‘? – 600 haben ihn bestellt, einer kriegt ihn" (S. 65)

"Willy Brandt, Bundeskanzler, zu Willi Stoph, DDR-Ministerpräsident: ‚Mein Hobby ist es, Witze zu sammeln, die Leute über mich erzählen.‘ Darauf Willi Stoph: ‚Ich habe ein ganz ähnliches Hobby: Ich sammle Leute, die Witze über mich erzählen." (S. 76)

Und ein passender Witz mit Hintersinn charakterisiert auch die noch immer bestehende "Mauer" in den Köpfen von Ossis und Wessis:

"Sagt ein Wessi zu einem Ossi: ‚Wir sind ein Volk.‘ Lächelt der Ossi: ‚Wir auch.‘" (S. 131)

Bedauerlicherweise gibt es kein Stichwortverzeichnis oder Glossar, so dass es bisweilen recht schwierig ist, einzelne Aspekte und Textabschnitte im Buch wiederzufinden. 

Fazit

Mein Mauerfall ist ein ebenso informatives wie unterhaltsames Buch über die Geschehnisse im zunächst geteilten, dann wiedervereinigten Deutschland während der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Es ist aufgrund seiner verständlichen und lebensnahen Ausdrucks- und Darstellungsweise für Kinder ab 10 Jahren, aber auch für alle Interessierten höheren Alters geeignet, die entsprechenden geschichtlichen Zusammenhänge mit ihren bis heute bestehenden Auswirkungen auf die Menschen in Deutschland nachzuvollziehen.


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