von Gerd Klingeberg

Edward Moon sitzt in der Todeszelle. Sein jüngerer Bruder Joe hat ihn seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Als schließlich das Datum für die Hinrichtung bekanntgegeben wird, beschließt Joe, den Bruder auf dessen Wunsch hin in der noch verbleibenden Zeit so oft wie nur möglich zu besuchen. Und er möchte unbedingt auch aus dessen eigenem Mund erfahren, ob Edward tatsächlich zu Recht schuldig gesprochen wurde. Sehr emotional und ergreifend werden im Buch diese Wochen geschildert, die Joe weit Schlimmeres abfordern, als er sich jemals hätte vorstellen können...

Sarah Crossan: Wer ist Edward Moon?
Aus dem Englischen von Cordula Setsmann
Mixtvision, München 2019.
360 S., 17,00€
ISBN 978-3-95854-140-5.
Empfohlen ab 15 Jahren.

Inhalt

Joe ist in zerrütteten Familienverhältnissen in Arlington aufgewachsen. Als er gerade ein Jahr alt war, wurde sein Vater ermordet. Die Mutter ist psychisch labil, tabletten- und alkoholabhängig. Edward, Joes zehn Jahre älterer Bruder, ist ein Hallodri, der sich zwar um Joe kümmert, aber keiner geregelten Arbeit nachgeht und gelegentlich auch kleinere Diebstähle begeht. Seine Schwester Angela hat immerhin einen Schulabschluss aufzuweisen und arbeitet Vollzeit. Eines Tages verschwindet Ed nach einem Riesenkrach mit seiner Mutter. Monate später meldet er sich bei der Familie: Ihm werde vorgeworfen, im Staat Texas den Polizisten Frank Pheelan nach einer Fahrzeugkontrolle erschossen zu haben. Er wird festgenommen, unterschreibt unter dem Druck eines Polizeiverhörs ohne Anwalt ein Geständnis und wird später trotz seiner Unschuldsbeteuerungen und fehlender Indizien nach nur kurzer Verhandlung zum Tode verurteilt. Zehn Jahre später – die Mutter hat die Familie längst verlassen – erhält Joe, der inzwischen 17 Jahre alt ist, einen Brief seines Bruders aus dem Todestrakt im texanischen Staatsgefängnis in Wakeling. Das Hinrichtungsdatum sei festgelegt worden, und Ed wünscht sich sehnlichst einen Besuch seines Bruders, den er über all die Jahre nicht gesehen hat. Es ist eine schwere Entscheidung für Joe, doch er möchte Ed in den möglicherweise letzten Wochen seines Lebens nicht allein lassen. Er macht sich auf nach Wakeling, haust dort in einer erbärmlichen Unterkunft und hält sich mühselig mit Autoreparaturen über Wasser. Er ist so oft wie möglich bei Ed, erfährt dabei mehr über den großen Bruder und die Zusammenhänge bezüglich seiner Verurteilung. In dieser extrem belasteten Zeit trifft er auf die gleichaltrige Nell, die ihm Halt gibt – jedenfalls so lange, bis er Näheres über deren Herkunft erfährt. Mit Hilfe des Anwalts Al Mitchell, der sich ohne Honorarforderung des Falles angenommen hat, versucht Joe alles, um Eds Hinrichtung durch Berufung bis hin zum Obersten Gerichtshof zu verhindern. Leider erfolglos. Bleibt nur noch ein letztes Gnadengesuch beim Gouverneur...

Kritik

Wer ist Edward Moon? erzählt aus der Ich-Perspektive des 17-jährigen Joe Moon in ungekünstelter, aber gerade deswegen eindringlicher Sprache über die letzten Wochen bis zum Hinrichtungsdatum seines Bruders. Der Plot des Romans orientiert sich an einer filmischen Dokumentation mit realer Vorlage, mit der die Autorin als Fünfzehnjährige konfrontiert wurde. Weder der unverfängliche Buchtitel noch das Cover (über fernem Horizont in stufenlosem Farbverlauf von gelb zu schwarzblau ein Nachthimmel, dessen riesiger Mond von Stacheldraht eingefasst ist) deuten indes auch nur ansatzweise auf die elementare emotionale Wucht hin, die dem Leser und der Leserin im Roman von Sarah Crossan begegnet. Ein Hinweis darauf mag allenfalls die Typografie darstellen: Sie erinnert mit zumeist linksbündigem, teils auch eingerücktem und aufgrund relativ breiter Zwischenräume übersichtlichem Text auf den ersten Blick etwa an einen Gedichtband oder das Skript eines Dramas. Die Sätze sind in kurze Sinnschritte unterteilt; das daraus resultierende Fehlen eines Fließtextes verhindert ein schnelles Lesen (was zweifellos damit beabsichtigt wurde), unterstreicht zugleich aber die Intensität der Aussagen:

"[…] anstatt zu laufen,
bin ich nach Texas gekommen,
um die Tage
bis zur Hinrichtung meines Bruders
runterzuzählen;
zwecklos
zu versuchen, sich deswegen besser zu fühlen." (S. 19)

Die Romanfiguren sind in der Komplexität ihrer jeweiligen seelischen Ausnahmesituation und dem ständigen Bemühen, den Alltag in seinen Anforderungen dennoch irgendwie zu bewältigen, pointiert einfühlsam dargestellt. Die Identifikation mit den Protagonisten wird dadurch, ungeachtet deren prekärer äußerer Lebensumstände, nicht nur ermöglicht, sondern erfolgt nahezu zwingend:

"Es war wahr:
Mein einziger Bruder würde in zwei Monaten tot sein

und ich konnte
               nichts
sagen oder
               tun,
               um es zu verhindern." (S. 37)

Bisweilen ist es ein lediglich aus wenigen Worten bestehendes Kapitel, das dennoch einen riesigen Wust an tiefgründigen Gedanken und Betroffenheit seitens des Lesers auszulösen vermag:

"HOFFNUNG
Es ist die Hoffnung, die dich umbringt." (S. 293)

Deutlich werden die fatalen Auswirkungen der gesellschaftlichen Ächtung der Familie des (vermeintlichen) Täters aufgezeigt, aber auch die Unmöglichkeit, ohne entsprechende finanzielle Mittel und die Hilfe eines engagierten versierten Anwalts gegen die Übermächtigkeit eines gewaltigen Justizapparats bestehen zu können. Insofern ist das Buch eine zwar nur ansatzweise explizit geäußerte, aber nichtsdestotrotz massive Kritik an der (amerikanischen) Justiz. Und mehr noch ein flammender Appell gegen das Festhalten an einer barbarischen Todesstrafe, noch dazu, wenn diese im schlimmsten Falle aufgrund von Fehlurteilen verhängt und auch vollzogen wird.

Nicht wirklich nachvollziehbar (und etwas plakativ anmutend) ist jedoch der in diesem Zusammenhang nicht näher spezifizierte, eher unnötige Hinweis:

"Eine Hinrichtung kostet um die vier Millionen Dollar.
Das ist achtmal mehr
als jemanden lebenslang einzusperren.
Nicht dass das irgendwen interessiert:
Ein Menschenleben auszulöschen ist jeden Cent wert." (S. 139)

Ausdrücklich missbilligt wird im Verlauf des Romans eine nicht hinterfragte und unreflektierte Beurteilung von Straftätern sowie eine mögliche „Sippenhaftung“-Sichtweise gegenüber Angehörigen, die durch das nicht selbst verschuldete Geschehen ohnehin oft massiv belastet und traumatisiert werden. Der Autorin ist es überaus wichtig und zugleich herausragend gelungen, hinter einer zweifellos schlimmen Tat den Verursacher in seinen nicht unbedingt nachvollziehbaren Verhaltensweisen dennoch als Mensch darzustellen –  nicht als gesichtsloses Monster ohne weitere Daseinsberechtigung, das gnadenlos mittels Giftspritze endgültig ‚entsorgt‘ werden muss. Sie spricht auch die Verantwortung aller Beteiligten eines solchen Rechtssystems an, die sich als unerbittliche Ausführende allzu gerne mit dem Verweis auf Pflichterfüllung von eigener Schuld freisprechen wollen:

"Er [der Gefängnisdirektor] rückt seine Krawatte zurecht,
tupft seine klamme Stirn mit einem Kleenex. 
'Ich mache meinen Job, Joseph' sagt er,
als ob das eine Entschuldigung wäre,
als ob das nicht auch die Staatsanwälte sagen würden,
die Richter, die Geschworenen, die Wärter.
'Ich schätze, das haben die Nazis auch von sich behauptet'
meine ich."  (S. 165)

Aber ebenso richtet das Buch den Fokus auf das unmittelbare (familiäre) Umfeld eines Täters, in dem auch Unbeteiligte durch fragwürdige mediale Berichterstattungen und gesellschaftliche Verhaltensweisen zu Leidtragenden werden.

Dass auch die Angehörigen des Opfers einer Straftat nicht minder betroffen sind, soll dadurch keineswegs in Frage gestellt werden, wird allerdings im Buch nur am Rande thematisiert. 

Fazit

Sarah Crossans Roman Wer ist Edward Moon (der jüngst die Nominierung der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 erhielt) ist eine durchgehend packende Lektüre ohne Happyend. Er ist ein mutiger und sehr einfühlsamer Beitrag im Hinblick auf die Diskussion über die in etlichen Teilen der Welt noch immer praktizierte Todesstrafe, aber auch ein kritisches Hinterfragen von (Fehl-)Leistungen eines unüberschaubaren Justizapparats. Aufgrund der schwierigen Thematik, die zumindest in dieser Ausprägung in Deutschland keine unmittelbare Rolle spielt, aber letztlich auf unzählige Alltagssituationen übertragbar ist, erscheint das Buch geeignet für Leserinnen und Leser ab etwa 15 Jahren. Es stellt zudem eine ausgezeichnete Grundlage dar bei jeder Diskussion über ein gesellschaftliches System, das möglicherweise allzu vorschnell aburteilt und bestraft, ohne die bisweilen unermesslich weitreichenden Konsequenzen mit ausreichender Sorgfalt zu berücksichtigen.

 

Alle Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 im Überblick finden Sie hier (mit weiteren Rezensionen auf KinderundJugendmedien.de)


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