von Gerd Klingeberg

Es ist ein merkwürdiges Sammelsurium, das Paul in seiner Box versteckt hat. Aber jedes einzelne Teil weckt tiefgreifende Erinnerungen an all das Dramatische, was ihm im letzten Jahr passiert ist: Erinnerungen an gefährliche Aktionen, an besondere Begegnungen mit den Freunden, an schlimmes Mobbing. Und an die tragische Katastrophe, die so vieles um ihn herum verändert hat. Vergessen lässt sich nichts davon. Doch Paul muss alle seine Kräfte aufbieten, um sich dieser belastenden Vergangenheit zu stellen. Wie ihm das letztlich gelingt, das wird auf ebenso faszinierende wie anrührende Weise erzählt.

Sieben, Michael: Das Jahr in der Box.
Carlsen Verlag Hamburg 2020.
256 Seiten. 16,00 €
ISBN 978-3-551-58396-3.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Erst vor einem guten Jahr ist der 16-jährige Paul Stelter mit seiner Mutter, der Oberärztin Bille, mitten aus der Metropole Berlin in die (fiktive) Kleinstadt Wicker gezogen. Jetzt steht innerörtlich bereits der nächste Umzug an. Beim Einpacken stößt Paul auf seine schuhkartongroße Holzbox, in der er diverse Erinnerungsstücke versteckt hat: ein Messer, Kondome, eine Kino-Eintrittskarte, eine Ray-Ban-Brille, eine von ihm selbst verfasste Superhelden-Story und anderes mehr. Jedes einzelne Teil steht für eine außergewöhnliche Situation, die er im letzten Jahr erlebt hat. Eigentlich würde Paul die Box am liebsten ungeöffnet lassen, aber dann stellt er sich nach und nach seinen teils stark belastenden Erinnerungen. So ist er etwa in der Schule von Anfang an gemobbt oder gar verprügelt worden, und zwar von Wieland, dem durchtrainierten, gut aussehenden, aber fiesen Sohn des örtlichen Brauereibesitzers, und dessen Gang "Wicker-Crew". In zwei anderen Außenseitern, dem dicken Mehmet und dem schmächtigen, aber zumeist ziemlich coolen Ben, hat Paul jedoch ein paar Kumpels gefunden, mit denen er sich recht gut versteht. Als er eines Abends zufällig mitbekommt, dass die 15-jährige Mara das protzige Auto des unsympathischen Nachbarn mit Sprüchen vollsprayt, ist er sofort von ihr angetan. Aber das daraus sich anbahnende Liebesverhältnis macht Paul mit seinem unüberlegten Verhalten gleich wieder kaputt. Um mit einer spektakulären Aktion gegen die Wicker-Crew zu punkten, dringen Paul und seine Freunde verbotenerweise unter Lebensgefahr in die einsturzgefährdete Ruine des ehemaligen Sanatoriums ein. Dass dies in der Folge auch zum tragischen Unfalltod eines Mitschülers führt, hatte indes niemand erwartet. Und danach sieht vieles ganz anders aus in Wicker – auch im Leben von Paul...

Kritik

In Das Jahr in der Box lässt der homodiegetische Erzähler, der 17-jährige Paul Stelter, die teils dramatischen Ereignisse eines vergangenen Jahres Revue passieren. Der Roman ist nahezu ausnahmslos im Präsens geschrieben, bewegt sich aber auf drei unterschiedlichen Zeitebenen. Den Rahmen bilden die mit Heute überschriebenen Kapitel, die das Einpacken am Tag des Umzugs und die damit verbundene Öffnung der Box beschreiben. Eingefügt sind Kapitel über die jeweilig erinnerten Geschehnisse, die jeweils mit den einzelnen Sammelstücken verbunden werden. Das Nachspann-Kapitel spielt zeitlich ein paar Wochen nach den Heute-Ereignissen; es verdeutlicht die Verarbeitung der vergangenen schwierigen Situationen durch den Protagonisten und bringt positive Ausblicke.

Michael Sieben erweist sich mit seinem neuen Roman als ein kundiger und akribischer Beobachter im Hinblick auf die emotionalen Bedingungen, die besonders männliche Jugendliche – aus deren Sicht das Buch erzählt – im höheren Teenager-Alter durchleben. Etwa wenn er Ken sagen lässt:

"Ich hätte das auch nicht gedacht, aber du kannst gleichzeitig glücklich und traurig sein. Das funktioniert. Das heißt nicht, dass es sich ausgleicht und es mir mittel geht. Nein, ich bin zur selben Zeit gut und scheiße drauf." (S. 199)

Diese emotionale Ambivalenz (die auch explizit im letzten Kapitel erwähnt wird), dieses Schwanken zwischen Hochgefühl und tiefer Niedergeschlagenheit und Melancholie beschreibt gut die Stimmung des gesamten Romans. Typisch ist beispielsweise die nach außen gezeigte Coolness, während man eigentlich seinem Gegenüber am liebsten an die Gurgel gehen würde. Es zeigt sich auch in Pauls Verhalten bei den ersten Annäherungen an Mara, wenn Wunsch und Wirklichkeit bezüglich dessen, was er ihr gegenüber an empfundener Zuneigung ausdrücken möchte, gänzlich kontrastieren und ein intensiver Kontakt dadurch weit mehr behindert als intensiviert wird. Der Plot beschreibt sehr unterschiedlich angelegte Figuren. So ist Wieland der Prototyp des gut aussehenden, aber fiesen Alpha-Typen aus begütertem Hause, der in seiner Umgebung das Sagen hat. Mehmet ist stark übergewichtig, aber meistens gutmütig, und versteigt sich ernsthaft in gänzlich unrealistischen Träumereien bezüglich der Freundschaft zu einer von allen Jungen umschwärmten Schönheit, die noch dazu die Schwester von Wieland ist. Der 16-jährige Ken wirkt äußerlich deutlich jünger, verschafft sich aber durch sein unerschrockenes, cooles Auftreten dennoch viel Respekt. Sich selbst bezeichnet er als MoF ("Mensch ohne Freunde"), verhält sich indes als verlässlicher Kumpel; zugleich ist er jemand, der außerhalb kleinstädtischer Biederkeit nach mehr Lebenssinn sucht:

„Hier bin ich für alle nur Ken, der Freak. Der zu klein geratene Sohn vom Professor, und das werde ich auch für immer bleiben. Es geht mir nicht einfach nur um einen anderen Ort. Es geht mir um ein anderes Leben. Ein Leben, in dem nicht alles vorbestimmt und langweilig ist, sondern in dem was passiert, in dem du die Möglichkeit hast, dich zu ändern und neu zu erfinden. Und das funktioniert in einem Kaff wie Wicker nicht.“ (S 173)

Und es trifft zweifellos das Gefühlswirrwarr vieler Teenager, wenn Ken auf Pauls Frage, was für ein Leben er sich denn vorstelle, die zutiefst ehrliche Antwort gibt: "Wenn ich das wüsste, wäre ich vielleicht schon weg." (S. 173)

Paul ist der Neue in der Klasse, ein Großstädter mit geschiedenen Eltern, der sich unglücklicherweise durch eine unbedachte Bemerkung gleich zu Anfang alle Sympathien von Wieland und dessen Clique verscherzt und in der Folge massiv gemobbt wird.Dass er sich mehr oder weniger gezwungen mit Ken und Mehmet zusammentut, ist die gemeinsame Überlebenschance gegenüber Wieland, dessen Verhalten von den Lehrern nur deswegen ungeahndet bleibt, weil sein Vater die Schule mit erheblichen finanziellen Mitteln unterstützt. Daneben werden mit Mara, aber auch mit Kens späterer Freundin Lena, mit Pauls Mutter Bille und mit der bildhübschen Katharina (Wielands Schwester) starke (oder jedenfalls von männlicher Seite als stark empfundene) und selbstbewusste Frauenfiguren in die Handlung eingebracht. Diese Konstellation mag allzu stereotyp und klischeehaft anmuten, dennoch wirken die Figuren im Roman nicht überzeichnet, sondern weitgehend authentisch und lebensnah. Sie bieten daher gute Möglichkeiten für jugendliche Leserinnen und Leser, sich situativ in der einen oder anderen von ihnen wiederzufinden.

Der tragische Unfalltod von Marko wird als spannungsförderndes, den gesamten Handlungsablauf unterschwellig bestimmendes Motiv bereits gleich auf den ersten Seiten angedeutet; wer sich tatsächlich hinter dieser Person verbirgt, das ist dann einigermaßen überraschend, wird aber erst kurz vor Schluss aufgedeckt. Einfühlsam wird mit nur wenigen Worten Pauls erste Auseinandersetzung mit Markos Tod beschrieben, als er die Zeitungsanzeige in die Hand nimmt:

"Ich drehe die Anzeige um. Auf der Rückseite ist eine Sonnenblume abgedruckt. Werbung für Solarenergie oder Speiseöl, was weiß ich, der Text ist abgeschnitten, ich kann es nicht sagen. Auf einmal wird mir schmerzhaft bewusst, dass Marko nie mehr eine Sonnenblume zu Gesicht kriegen wird, dass er nie mehr irgendeine beschissene Blume zu Gesicht kriegen wird, dass er keinen blauen Himmel und keinen Sommertag mehr erlebt. Eben, als ich die Todesanzeige gelesen habe, da habe ich nichts gespürt, das hat gar nichts mit mir gemacht. Aber jetzt, als ich die Sonnenblume betrachte, mit ihrem leuchtend gelben Kranz, eine einfache, billige Reklame, quetscht es mir die Eingeweide zusammen." (S. 63 f)

Diese unaufgesetzt wirkende, unkomplizierte, aber nichtsdestotrotz genau auf den Punkt zielende Wortwahl, die nur gelegentlich mit Teenager-Slang aufgepeppt wird, ist maßgebend für Michael Siebens Roman und macht neben der lebensnahen Handlung dessen gute Lesbarkeit und literarische Qualität aus.

Fazit

Das Jahr in der Box ist ein spannendes, dabei tiefsinniges Jugendbuch, bei dem Themen wie Freundschaft, Mobbing, erste Liebe, aber auch der fatale Unfalltod eines Schulkameraden mit seinen Konsequenzen zur Sprache kommen. Michael Siebens neuer Roman ist aus Sicht eines jugendlichen Protagonisten geschrieben und daher inhaltlich wie auch im Hinblick auf dessen Sprache und Denkweise ganz besonders für Jungen ab etwa 14 Jahren empfohlen.

Erstveröffentlichung: 19.05.2020


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