von Hadassah Stichnothe

"Weißt du das nicht,
dass ein Gedicht sowas
wie: eine Taschenlampe
ist?" (2019, n.p.)
Mit den Lyrik-Comics, einer multimodalen Anthologie "für Kinder in den besten Jahren", wirft Herausgeberin Stefanie Schweizer ein neues Licht auf bekannte und weniger bekannte Gedichte.

Schweizer, Stefanie: Lyrik-Comics. Gedichte Bilder Klänge.
Beltz & Gelberg, Weinheim, Basel 2019.
104 Seiten. 16,95 €
ISBN 978-3-407-75461-5.
Empfohlen ab 6 Jahren.

Inhalt

Der Verlag Beltz & Gelberg ist seit der 1969 von Hans-Joachim Gelberg herausgegebenen Anthologie Die Stadt der Kinder mit der Publikation und Förderung innovativer Kinderlyrik verbunden. Auch in den späteren Beltz-Anthologien und Jahrbüchern spielt die Abbildung innovativer Kinderlyrik, die sowohl thematisch als auch ästhetisch hohen Ansprüchen genügt, eine zentrale Rolle. An diese reiche Tradition knüpfen auch Stefanie Schweizers Lyrik-Comics an, die wie schon Gelbergs legendäre (aber mittlerweile eingestellte) Kinderzeitschrift Der bunte Hund an "Kinder in den besten Jahren" adressiert ist. Der Untertitel "Gedichte Bilder Klänge" verweist hierbei auf das multimodale Konzept der Anthologie: Die insgesamt neunzehn Gedichte sind zuerst auf einer Doppelseite abgedruckt, auf die dann die titelgebenden, von verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern gestalteten Lyrik-Comics folgen. In manchen Fällen handelt es sich tatsächlich um in klassische Panels unterteilte Bildgeschichten, in anderen Fällen um Illustrationen, die sich über ein bis zwei Doppelseiten erstrecken. Ergänzt werden diese Visualisierungen um Vertonungen einiger Gedichte, die auf der Website www.beltz.de/lyrikcomics (kostenlos) abgerufen werden können.

Kritik

"Mit Gedichten lässt sich spielen" lautet die Überschrift zur Einführung in die Lyrik-Comics und sie beschreibt sehr passend das Konzept von Lyrik bzw. Lyrikvermittlung, dem Stefanie Schweizers buchstäblich bunte Auswahl folgt. Das Spiel mit Darstellungsformen und -medien soll natürlich nur der Anfang des spielerischen Umgangs mit Gedichten sein.

Die Auswahl der Gedichte umfasst zum einen Autorinnen und Autoren aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie Christian Morgenstern, Ernst Jandl und Joachim Ringelnatz, hier ergänzt um die erfreulicherweise inzwischen auch für die Kinderlyrik re-kanonisierte Mascha Kaléko, die mit Ausnahme von Kaléko zwar keine originäre Kinderlyrik verfasst haben, aber in zahlreichen Kinderlyrik-Anthologien vertreten sind. Zum anderen finden sich bei den aktuelleren Dichterinnen und Dichtern so etablierte Namen wie Arne Rautenberg, Jutta Richter und Manfred Mai, aber auch seltener anthologisierte wie Elisabeth Steinkellner und Anna Breitenbach. Trotz vieler bekannter Namen ist Schweizers Auswahl originell und vielseitig. So verzichtet sie etwa im Falle Morgensterns auf eines der üblicherweise für kindliche Adressaten ausgewählten komischen Gedichte zugunsten des Liebesgedichts "Es ist Nacht" und wählt mit Sarah Kirschs "Ausschnitt" eine poetische Momentaufnahme, die durch ihre Kargheit und Komplexität besticht.

Gedichte entfalten Bilder und Töne und die hier vorgenommene Übersetzung von Gedichten in Bild und Ton erlaubt Leserinnen und Lesern einen Zugang zu den Texten, der nicht unbedingt dem eigenen entsprechen muss, aber gerade dadurch bereichernd wirken kann. Der mediale Transfer bewirkt in jedem Fall Verschiebungen, die jeweils gelungen bzw. erhellend wirken können oder auch nicht. So ergänzen sich das Understatement von Anna Breitenbachs "Ein Hund und" mit der Darstellung von Kristina Heldmann. In einem in flimmernden Grün- und Brauntönen getuschten Wald wachsen die Gedichtzeilen die Baumstämme empor und das Erinnerungsbild des Hundes schaut erst auf den zweiten Blick aus einem Wasserspiegel hervor.

Die selbstgenügsame Sprachverliebtheit von Jandls "ottos mops" hingegen verliert sich in der – durchaus ansprechenden – Illustration von Sabine Kranz, die einen riesigen Mops auf weißem Grund zeigt in und um den sich das Geschehen abspielt. Doch gerade diese Konkretisierung wirkt sich in Jandls Gedicht, das an sich schon wie eine Graphik funktioniert, nachteilig aus. Aus den schon fast ins Konkrete reichenden Blocks von o’s, die durch die Anapher "otto" strukturiert werden, wird über die Illustration eine Hundegeschichte. Das ist einerseits inhaltlich richtig, andererseits führt es ungewollt vor Augen, wie stark das Schriftbild Teil eines Gedichts ist. Letztlich führt dies zu der Frage, ob Gedichte wie das von Jandl, bei denen Signifiant und Signifié in gleichberechtigte und daher mehrsinnige Beziehung zueinander treten, tatsächlich für ein Projekt wie das der Lyrikcomics geeignet sind. Möglicherweise gibt es eben auch Gedichte, die sich gegen ihre transmediale Adaption sträuben. Etwas von dieser Widerborstigkeit mag vielleicht die Herausgeberin dazu bewogen haben, "ottos mops" nicht vertonen zu lassen.

Auch in einigen Fällen hätte man sich ein wenig mehr Respekt vor der Versgrenze als die Lyrik doch konstituierendes Merkmal gewünscht. Andere Bilder(geschichten) hingegen erweitern die Bedeutungsebene durch kühne Interpretationsleistungen. Eine angenehme Überraschung sind besonders jene Umsetzungen, die aus dem Text eine eigene Geschichte entwickeln, so im Fall von Claudia Weikerts Comic "Auf den Fels sollte man hinauf" (Text: Michael Hammerschmid), oder deren graphische Komposition sich aus dem Text heraus entwickeln wie bei Kranz' Illustration zu "das wuhuu". Max Fiedler wiederum erweckt in seiner Version von Josef Guggenmos' "Unterm Rasen" eine Megacity urbaner Würmer, Engerlinge und Falter zum Leben und interpretiert somit das "Geheimnis" des Lebens der Würmer auf ganz eigene Weise ohne dieses letztlich festzuschreiben: "Doch was sie da untern / im Dunkeln, im Kühlen, / die Würmer, die vielen, / beim Wühlen fühlen – / keine Sprache beschreibt es. / Es ist ein Geheimnis und bleibt es." (n.p.)

Nicht alle der in der Sammlung enthaltenen Gedichte wurden vertont, was in einigen Fällen vielleicht auch vorzuziehen ist. Andere scheinen sich zur Vertonung geradezu anzubieten. So wird etwa in Merle Weißbachs Aufnahme von "das wuuhuu" die Lautmalerei der Textvorlage zum Anlass für eine schaurig-verspielte Interpretation von Rautenbergs Gedicht genommen. Auch das liedhafte "Manchmal" von Manfred Mai scheint nach einer musikalischen Interpretation geradezu zu verlangen und das lyrische Ich von Michael Hammerschmids "Auf den Fels sollte man hinauf" stellt schließlich selbst fest: "ein Lied / sollte gesungen sein". Gelungen ist auch Jörg Isermeyers Version von Joachim Ringelnatz' "Die Seifenblase", die mit Akkordeonklängen den seemännischen Gestus des Dichters und Seemanns Ringelnatz mit unbeschwert bösem Humor zitiert.

Die Lyrik-Comics bieten mit ihrem Konzept der Verbildlichung bzw. Vertonung neue Sicht- und Leseweisen von bekannten und weniger bekannten Texten und sind damit sowohl für erfahrene wie auch für angehende Lyrikbegeisterte interessant. Erklärtes Ziel hierbei ist es natürlich, den Leserinnen und Lesern Lust auf (noch mehr) Lyrik zu machen. Dies ist Schweizers Anthologie eindeutig gelungen.

Fazit

Eine originelle Gedichtsammlung, die Kindern in den besten Jahren (die in diesem Fall ungefähr ab dem sechsten Lebensjahr beginnen könnten) vielfältige Anreize bietet, Gedichte in Wort, Bild und Klang zu erleben und individuell zu erforschen. Bis Oktober bleibt nun abzuwarten, ob die Lyrik-Comics den diesjährigen Jugendliteraturpreis erhalten werden, für den sie verdientermaßen nominiert sind.

 

Die Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 im Überblick finden Sie hier (mit weiteren Rezensionen auf KinderundJugendmedien.de)


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