von Kirsten Kumschlies

Die Zeugen Jehovas sind wohl den meisten bekannt. Man sieht sie auf der Straße stehen, sie klingeln an der Haustür, sie feiern keinen Geburtstag und kein Weihnachten – soweit die gängigen Klischees. Doch was steckt wirklich dahinter? Stefanie de Velasco entfaltet einen Einblick in das Leben unter den Zeugen Jehovas, erzählt aus der Binnenperspektive eines jungen Mädchens, feinfühlig und in stillen Tönen. Eine Lektüre, die unter die Haut geht und nachdenklich macht.

de Velasco, Stefanie: Kein Teil der Welt.nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017“ title=  
Köln, Kiepenheuer und Witsch 2019.
430 Seiten. 22,00 €
ISBN 978-3-462-05043-1.
Empfohlen ab 16 Jahren.

Inhalt

Esther und Sulamith verbindet viel mehr als nur Freundschaft. Die beiden gleichaltrigen Mädchen wachsen gemeinsam auf, verbringen Kindheit und Pubertät miteinander, sind unzertrennlich wie Schwestern, obwohl sie keine sind. Der Hintergrund: Sie wachsen in der strengen und rigiden Gemeinschaft der Zeugen Jehovas auf. Esthers Eltern, bzw. offiziell nur ihr Vater, leiten die im Rheinland angesiedelte Gruppierung. Im Zuge ihrer eifrigen Missionstätigkeit nehmen sie die aus Rumänien stammende Lidia und deren Tochter Sulamith bei sich auf, als diese noch ein Kleinkind ist. Obwohl sie keinen Geburtstag feiern, beim Karneval und anderen Festen den Klassenraum verlassen müssen, nach strengen Regeln leben, auf der Straße die Zeitschriften Erwachet! und den Wachturm anbieten müssen, fühlen sie sich in der Kindheit noch geborgen in diesem abgetrennten Raum der Sekte, die (titelgebend) "kein Teil der Welt" ist. Doch je älter die Mädchen werden, desto brüchiger werden die Überzeugungen, mit denen sie aufwachsen. Insbesondere Sulamith, die sich in den „Weltmenschen“ Daniel verliebt, zweifelt immer mehr an dem Glauben an Jehova und der sogenannten "Wahrheit", die ihr eingetrichtert wird.

Die Geschichte der Freundschaft und vom Aufwachsen in dieser Parallelwelt erzählt Esther in der Retroperspektive. Die Erzählgegenwart ist in Ostdeutschland kurz nach der Wende angesiedelt, wo die Eltern der Ich-Erzählerin ein neues Zentrum der Glaubensgemeinschaft aufbauen, indem sie dort einen neuen Königsreichsaal errichten. Sulamith ist nicht mehr da. Warum das so ist, erfährt der Lesende erst ganz am Ende des Romans, nur Andeutungen weisen immer wieder darauf hin, dass es für Sulamith kein gutes Ende genommen hat.

Kritik

Die Handlung springt immer wieder zwischen den zwei zeitlichen Erzählebenen hin und her und zeichnet somit die Geschichte der Isolation, Ängste und Zweifel feinfühlig, sensibel und auch mitreißend nach. Selten hat man solche Einblicke in die Tiefenstruktur des Lebens unter den Zeugen Jehovas erhalten, was sich darauf zurückführen lässt, dass die Autorin Stefanie de Velasco, bekannt durch ihr fulminantes jugendliterarisches Debüt Tigermilch, selbst bei den Zeugen Jehovas aufgewachsen ist. Mit diesem Roman greift sie ein völlig anderes Thema als in Tigermilch auf und kann doch mühelos, so scheint es, an die Erzählkraft ihres Erstlings anknüpfen. Die Figuren der beiden Romane eint aber wenig, denn Esther und Sulamtih fühlen sich fern von der Welt, die sie umgibt. In der ewigen Angst vor Harmagedon, dem Tag, an dem Jehova auf die Erde kommt, um zu richten, wachsen sie in einem Paralleluniversum auf, das sich Esther kaum zu hinterfragen traut. Sie ist kein widerständiges Mädchen, sondern angepasst und scheu, blüht aber vor allem in der Freundschaft mit Sulamith auf, die ihr Stärke und Lebensfreude gibt. Im Kinderspiel erkunden sie vorsichtig sexuelle Gefühle und bauen so eine Einheit auf, die sich abgrenzt von den Erwachsenen, die immerfort über den richtenden Jehova predigen. Sulamith ist die treibende Kraft, die anfängt, zu rebellieren und das System, in dem sie aufwächst, zu hinterfragen. Zunächst ist Esther entsetzt, verhält sich distanziert zur Liebesbeziehung, die Sulamith mit dem "Weltmenschen" Daniel eingeht. Doch die tiefe Freundschaft ist es schließlich, die auch Esther zum Widerstand animiert. 

Auf beiden Erzählebenen bleibt de Velasco ganz nah an ihrer Protagonistin und verleiht ihr eine eindringliche Erzählstimme, die enorm stark ist, eben weil sie eher still und zurückhaltend ist. Gerade der sachlich-nüchterne Ton ist es, der den Raum und seine Figuren so beklemmend wirken lassen, in dem insbesondere Esthers Mutter mit strengem Regime regiert und in der Missionstätigkeit regelrecht aufgeht. Als in der Schule die Evolutionstheorie durchgenommen wird, versucht die Mutter, Esther und Sulamith vom Unterricht zu befreien, scheitert aber mit ihrem Anliegen:

 

"Also nahmen Mama und Lidia in den letzten Ferientagen das gesamte Schöpfungsbuch noch einmal mit uns durch. Sie bestellten außerdem dreißig Exemplare der Taschenbuchausgabe, damit wir sie an unsere Mitschüler verteilen konnten.

'Ihr seid keine kleinen Kinder mehr', sagte Mama, 'es geht nicht mehr nur darum, keine Weihnachtslieder mitzusingen. Ihr müsst euren Mitschülern klarmachen, wer unser wahrer Schöpfer ist, und zwar mit guten Argumenten.'

Stundenlang stellten Mama und Lidia mit uns Szenen nach, spielten abwechselnd unsere Mitschüler und Frau Böhnke, bombardierten uns mit weltlichen Argumenten. Mama wurde dabei richtig gemein, manchmal sogar gemeiner, als unsere Mitschüler es waren. Sie meinte es nur gut, sie wollte uns auf alles vorbereiten, aber es war sehr anstrengend. So war Mama, sie ließ nie locker, erst als alle Argumente saßen und unsere Antworten schlagfertig genug herausgeschossen kamen, gab sie Ruhe." (S. 151)

 

Für die Mutter sind die Klingelschilder an den Haustüren wie "Pralinen" (S. 41). Sie offenbart die "Wahrheit", und Zweifel kommen Esther nur durch Sulamith, deren Freundschaft so als Regulativ wirkt, welches Esther in tiefe Sinnkrisen stürzt. Als Sulamith wegen ihrer Beziehung zu Daniel aus der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas ausgeschlossen wird, ruft Esther plötzlich: "Alles, was uns umgibt, vielleicht ist nichts davon die Wahrheit! Vielleicht leben wir in einem Traum, vielleicht sind wir Figuren in einem Film, wer weiß?" (S. 324). Hier ist ein Wendepunkt in der Entwicklung der Protagonistin markiert, auf den die achronologisch angelegten Erzählstränge zulaufen.

Die Ich-Erzählerin lässt ihre Leserinnen und Leser teilhaben an einer bedrückenden Stille, die sich in diesem Moment entlädt, wie das Unwetter im Rheinland, das die Zeugen Jehovas für Harmagedon halten, und das zur endgültigen Entzweiung mit Sulamith führt. Weil die Freundschaft zwischen den beiden Mädchen so stark ist, ist die Erzählung nicht ohne Hoffnungsperspektive. Der Trostlosigkeit entrinnt sie auch durch die vielen intermedialen Bezugnahmen, die die Handlung ganz deutlich in den 1990er Jahren verorten und ihr auch eine gewisse Leichtigkeit einschreiben. Diese reichen von Benjamin Blümchen zum BRAVO-Starschnitt über popkulturelle Referenzen wie Die Ärzte, Aerosmith, aber auch den Grand Prix d’Eurovision sowie das Glücksrad im Fernsehen. So wird die Außenwelt konturiert, die den Protagonistinnen verboten ist und gerade darum eine enorme Anziehungskraft auf sie ausübt. Dass Sulamith ihr folgen und mit den Zeugen Jehovas brechen wird, weiß der Lesende von Anfang an, doch, was aus Esther wird, bleibt offen.

Fazit

Ein vielschichtiger und zutiefst faszinierender Roman, der einen Einblick in die Binnenperspektive einer Zeugin Jehovas gibt. Ihn als reinen Jugendroman einzuordnen, fällt schwer (obwohl er auf der Auswahlliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 steht), vielmehr handelt es sich um ein autofiktionalen Text, der sich sowohl an junge als auch ältere Erwachsene richtet und ein eindrückliches Lebensportrait zeichnet. Ein außergewöhnlicher Roman, der vielschichtig von einer ungewöhnlichen Phase der Adoleszenz erzählt!

Die Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 im Überblick finden Sie hier (mit weiteren Rezensionen auf KinderundJugendmedien.de)

Erstveröffentlichung: 16.06.2020

 


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