von Gerd Klingeberg

Frenchie ist auf der Flucht. Die Anwerber sind hinter ihm her. So wie auch hinter allen anderen Ureinwohnern Kanadas. Und hinter deren Träumen, die sie ihnen mittels einer oft tödlichen Prozedur extrahieren wollen. Auf dem Weg nach Norden quer durch die Wildnis trifft Frenchie auf eine Gruppe anderer Verfolgter, denen er sich anschließen kann. In eindringlichen Schilderungen wird davon erzählt, wie sie alle ungeachtet aller Gefahren zurückkehren wollen, dorthin, wo ihre Vorfahren einst lebten. Denn da lässt es sich, anders als im klimakatastrophal verwüsten Süden Kanadas, vielleicht sicherer leben. Und auch von einer besseren Zukunft träumen...

Dimaline, Cherie: Die Traumdiebe.
Aus dem kanadischen Englisch von Stefanie Frida Lemke.
Heyne Verlag, München 2020.
306 Seiten. 15,00 €
ISBN 978-3-453-27269-9.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Kanada, etwa am Ende des 21. Jahrhunderts. Das Land ist vielerorts von einer Klimakatastrophe zerstört, die tektonische Veränderungen, Überflutungen und die Vergiftung von Flüssen und Seen verursacht hat. Die Menschen, die teils unter erbärmlichen Bedingungen leben müssen, werden von Krankheiten und Wahnsinn heimgesucht oder sterben zu Tausenden. Die meisten von ihnen haben ihre Träume verloren. Nur die Ureinwohner können noch träumen; denn "du wirst damit geboren, deine DNA spinnt sie dir ins (Knochen-)Mark" (S. 32). Im Auftrag des kanadischen Ministeriums für Traumdeutung werden sogenannte Anwerber ausgesandt, die mit Gewalt die indigene Bevölkerung in besondere Schulen verfrachten, um ihnen dort durch eine oft tödliche Entnahme des Knochenmarks die Träume zu stehlen. Viele der derart Bedrohten sind auf der Flucht in den hohen Norden, wo die Lebensbedingungen noch günstiger sind. Auf dem langen, äußerst beschwerlichen und gefahrvollen Weg dorthin brauchen sie ihre alten Überlebensstrategien. Aber sie wollen sich auch an ihre uralten Geschichten, an ihre Kultur und Sprache erinnern, um damit dann ganz allmählich eine Heilung der geschundenen Natur und Umwelt einzuleiten. Doch die Anwerber geben ihre Verfolgung nicht auf...

Kritik

Die in Vancouver lebende Autorin Cherie Dimaldine ist Mitglied der Georgian-Bay-Métis-Gemeinschaft, die sich wie etliche andere indigene Gruppen dem Erbe der kanadisch-amerikanischen Ureinwohner verpflichtet fühlt. Ihr neuer Roman Die Traumdiebe, der homodiegetisch im Präteritum aus der Sicht des Protagonisten jungen Frenchie (Francis) erzählt wird, thematisiert das Verhältnis der ursprünglichen Stämme gegenüber den zumeist aus Europa stammenden Einwanderern, die nach und nach die einheimische Bevölkerung verdrängt haben und denen – so der Tenor im Buch – vor allem an einer kapitalistisch orientierten, gänzlich ungebremsten Ausbeutung der Natur und ihrer Ressourcen gelegen war, ohne dabei die immensen Folgen dieser Umweltzerstörung zu beachten. Die Beschreibung dieser vollends aus dem Ruder gelaufenen Verhältnisse, wie sie sich etwa am Ende unseres Jahrhunderts möglicherweise tatsächlich ergeben könnten, mag drastisch anmuten, ist jedoch als dystopisches Setting in vielerlei Hinsicht nicht grundsätzlich unrealistisch.

"Von unserem Standpunkt der Fliehenden aus sah es aus, als wäre die ganze Welt auf einmal verrückt geworden. Das eigene Trinkwasser zu vergiften, die Luft so zu verschmutzen, dass die Erde bebte und bröckelte und das Eis schmolz, und sich einen Wettlauf um Medikamente zu liefern. Wieso? Wie hatte das passieren können? Waren sie so anders als wir?" (S. 67-8)

"Trotz des Aufstands des Planeten war durch den Glauben an die Unfehlbarkeit der Menschen so viel verwüstet worden. Millionen Menschen starben." (S. 119)

Eher in den Bereich der Fantasy – zumindest aus westlich-wissenschaftlicher Weltsicht – gehört indes die Vorstellung, dass sich Träume (auch die der Vorfahren) im Knochenmark befänden und durch entsprechende Prozeduren herausgelöst werden könnten, um dann in Form eines Traumsafts wie ein Cocktail den Traumlosen als Heilmittel serviert zu werden (S. 192). Der brutale Umgang mit den dafür benötigten Ureinwohnern, die lediglich als eine Art Rohstoff mit dem "Stellenwert einer Nutzpflanze" (S. 41) betrachtet werden, erinnert in der Schilderung an einen Genozid ähnlich dem des Holocaust.

"Niemand hat das Tempo und die Grausamkeit dieser Maschinerie ahnen können, als es begann. Niemand wusste, wie es kommen würde." (S. 247)

Die geradezu ins Mystische gesteigerte Verbrämung von Träumen, deren Bedeutung sich im deutschen Buchtitel bereits andeutet (der ursprüngliche Titel lautet allerdings The Marrow Thieves) zieht sich durch den gesamten Roman:

"... ich erkannte, solange es noch Träumende gab, würde es uns niemals an Träumen mangeln. Ich erkannte auch, dass wir alles füreinander tun würden, für das Kommen und Gehen, für den größeren Traum, den wir gemeinsam teilten. Einfach alles." (S. 299)

Kritisch anzumerken ist die pauschale, diskriminierende Differenzierung in zwei Gruppen: Einerseits sind es die weißen Einwanderer als uneinsichtige, nur auf eigenen Profit bedachte "böse" herrschende Klasse, andererseits ist es die quasi von Natur aus "gute" indigene Bevölkerung, die massiv unterdrückt wird, aber als einzige traditionell über ökologische Weitsicht verfügt. Da wird beispielsweise, obwohl die ganze Gruppe dringend Nahrung benötigt, ganz im Stil des im völligen Einklang mit der Natur stehenden "edlen Wilden" auf den Abschuss eines Elches verzichtet, weil eventuell nicht das gesamte Fleisch des Tieres verwertet werden kann (S. 69-70).

Der Roman ist in Kanada ein Bestseller; dieser Erfolg lässt sich vermutlich nicht unmittelbar im deutschsprachigen Raum wiederholen, da die Bevölkerungsstrukturen hierzulande deutlich anders gestaltet sind. Dennoch ist die angesprochene Diskriminierungsproblematik zweifellos höchst aktuell.

Ausgezeichnet gelungen ist die Schilderung der komplexen Interaktionen innerhalb einer recht heterogenen Gruppe, die sich so aufgrund der gemeinsam empfundenen Bedrohung gebildet hat, jedoch in kritischen Zeiten (wie im Roman geschildert) am ehesten ein Überleben ermöglicht. Feinfühlig skizziert Cherie Dimaldine ein Team, das die Individualität jedes einzelnen Mitglieds achtet, ohne deshalb das gemeinsame Ziel in Frage zu stellen. Sie beweist bei der Charakterisierung der Figuren weitgehend zeitgemäße Ansichten. Etwa mit der Selbstverständlichkeit, mit der die gleichgeschlechtliche Beziehung des Gruppenführers Miigwans zu seinem Mann Isaac angeführt wird. Oder mit der Erwähnung starken Frauenfiguren: Da ist etwa die junge, rebellischen Rose, die auch bereit ist, am bewaffneten Widerstand aktiv teilzunehmen. Aber auch die junge, stark traumatisierte Wab, die nach einer vielfachen Vergewaltigung mit schweren Verletzungsfolgen dennoch ganz allmählich ihren Lebensmut wiederfindet. Oder die alte Minerva, die noch über traditionelles Wissen verfügt und die alte Sprache ihres Volkes spricht und mit schamanischen Fähigkeiten die Gruppe rettet:

"Während der gesamten Vorbereitungen summte Minerva ein altes Lied und trommelte dazu auf ihre Oberschenkel. Doch als die Kabel an ihre neuronalen Verbindungen angeschlossen wurden und die Sonden ihren Herzschlag und ihren Instinkt auffingen, da machte sie den Mund auf. Da rief sie ihre Erinnerungen herbei, ihre Lehren, ihre Vorfahren. Und damit brachte sie das Ganze zu Fall. Sie sang. Sie sang mit einer Lautstärke, in einer Tonlage und einem herzzerreißenden Klagen, sodass es in den Gebeinen ihrer Vorfahren widerhallte und sie in der Erde unter der Schule zum Klappern brachte." (S. 226-7)

Stark polarisierend und zudem erkennbar abwertend heißt es dann in Beschreibung der Gegenseite:

"Ich verstellte meine Stimme und wackelte affektiert mit den Schultern, so wie ich mir vorstellte, dass weiße Frauen im Supermarkt mit ihrem Einkaufswagen durch die langen Gänge schoben, um Packungen mit längst totem Essen aus den Regalen zu nehmen." (S. 45)

Sehr einfühlsam beschreibt die Autorin dagegen die sich langsam anbahnende, von diversen Rückschlägen und Eifersüchteleien begleitete Liebesbeziehung zwischen Frenchie und Rose als ein sehr vorsichtiges Ausloten, ob das innige Zusammengehörigkeitsgefühl tatsächlich auf Gegenseitigkeit beruht.

Dass es ein ganz großes Happy End gibt, ist gewiss zu begrüßen, auch wenn dies nach allem, was zuvor erzählt wurde, im höchsten Maße unrealistisch wirkt.

Es versteht sich gewissermaßen von selbst, dass das Buch, bei dem die gravierenden Folgen menschengemachter Umweltveränderungen eine tragende Rolle spielen, auf dem Schutzumschlag explizit als "klimaneutrales Druckprodukt" angegeben wird.

Fazit

Cherie Dimaldines Die Traumdiebe bietet einen düsteren Ausblick auf die Zukunft unseres Planeten Erde. Ungeachtet einiger aus westlich-wissenschaftlicher Sicht schwerlich nachvollziehbarer Fantasy-Elemente sowie mancher allzu klischeehafter Darstellungen der (im konkreten Fall: kanadischen) Bevölkerungsstrukturen passt der als Dystopie ausgelegte Roman ausgezeichnet in die aktuelle Klimadiskussion. Die spannend erzählte Geschichte ist geeignet für Leserinnen und Leser ab 14 Jahren.

 

Erstveröffentlichung: 22.06.2020

 

 


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