von Dr. Andreas Wicke

"Ich will nur eins, ich sein", singt die Deutschpunk-Band Boskops, und aus diesem Song zitiert Johannes Herwig in Scherbenhelden, seinem gerade erschienenen Roman über die Punkszene der Nachwendezeit in Leipzig. Die Zeile könnte als Motto über dem gesamten Text stehen, in dem Zeitgeschichte und adoleszente Identitätssuche zum faszinierenden Porträt einer Subkultur verschmelzen. Nachdem es in Herwigs Debüt Bis die Sterne zittern (2017) um die Leipziger Meuten in den 1930er Jahren ging, beschäftigt er sich hier wiederum mit einer jugendlichen Protestbewegung – allerdings einer, die er aus eigener Erfahrung kennt.

 

Johannes Herwig: Scherbenhelden.
Hildesheim, Gerstenberg 2020.

272 Seiten. 16,00 €.
ISBN 978-3-8369-6059-5.

Empfohlen ab 14 Jahren.

 

 

Inhalt

Nino ist 15 und lebt mit seinem Vater Mitte der 1990er Jahre in Leipzig. Nach einem Ladendiebstahl helfen ihm einige Punks, denen er sich daraufhin anschließt. In dieser neuen Gruppe verändert sich Nino, sowohl äußerlich als auch innerlich. Es kommt zu Konflikten mit seinem Vater und dem Kumpel Max sowie zu ersten Liebesbeziehungen. Immer wieder muss sich Nino positionieren: gegen die Neonazis, gegen die Polizei, gegen bürgerliche Spießigkeit, aber auch innerhalb seiner neuen Gruppe, in der er sich wohlfühlt, obwohl er nicht mit allen Aktionen einverstanden ist. Außerdem bleibt die Frage, warum die Mutter die Familie 1989 noch vor der Grenzöffnung verlassen hat.

Kritik

"Wieso bist du Punk?", wird Nino von Mila gefragt und antwortet sieben herauszögernde Zeilen später: "Ich scheiß auf das, was morgen ist" (S. 158). Solche Aussagen sind typisch für Ninos verzweifelten Versuch, Antworten auf die großen Fragen – nicht nur über sich selbst – zu finden. Als Leserin oder Leser des Romans weiß man allerdings, dass er damit lediglich einen Kumpel zitiert, der mit denselben Worten auf die Frage nach dem Glück geantwortet hatte. Auch Mila glaubt Nino nicht, sie hakt nach, und je ehrlicher er wird, desto deutlicher zeigt sich seine Zerrissenheit: "'Vielleicht ist es das Gefühl, nirgendwo so richtig dazuzugehören', sagte ich. 'Draußen zu stehen. Das vielleicht auch so zu wollen. Aber irgendwie auch Wut darauf zu haben'" (ebd.). Doch nicht nur die Frage, warum er Punk ist, lässt Nino ins Schlingern geraten, auch die Liebe ist ein Thema, bei dem er verzweifelt nach Koordinaten sucht: "Über Caro zu sinnieren, während ich Mila zu einem Spaziergang abholte und gleichzeitig rätselhaft verknallte Gefühle für Zombie hegte, kam wohl schon einer beginnenden Schwachsinnigkeit gleich" (S. 156).

Diese Orientierungslosigkeit ist typisch für Herwigs (Scherben-)Helden, der alles andere als ein Klischee-Punk ist. Nino ist nicht 24 Stunden am Tag überzeugter Anarchist und Nietengürtelträger, im Gegenteil wird die Auseinandersetzung mit dem alleinerziehenden Vater ebenso feinfühlig geschildert wie seine Sehnsucht nach der Mutter, die im Sommer 1989 die DDR – und damit ihre Familie – verlassen hat. Einerseits geht es in der Punkszene um Bier, Joints und Demos, und es gibt im Roman durchaus Sequenzen, die deutlich machen, wie aggressiv die Gesellschaft auf Jugendliche mit Iro reagiert. Doch dieser Außensicht, die Punks als homogene Gruppe wahrnimmt, stellt Herwig eine differenzierte und sensible Innensicht entgegen und präsentiert einen jungen Mann, der Angst davor hat, in der Schule sitzenzubleiben, und der nicht mit seinen Kumpels baden will, weil er sich für seine Unterwäsche, "einen uralten Schlüpfer" (S. 34), schämt.

Die historischen Umbrüche nehmen ganz konkreten Einfluss auf sein Leben. Er gehört zum letzten Jahrgang, der noch Thälmann-Pionier war, und muss sich nun in einem wiedervereinigten Land und einem neuen politischen und gesellschaftlichen System zurechtfinden. "Aber denkst du nicht auch manchmal, dass wir besser dran wären? Wenn alles noch wäre, wie es mal war?", fragt Zombie, und Nino antwortet: "Keine Ahnung" (S. 126).

Konsequent ist, dass Scherbenhelden aus der Ich-Perspektive Ninos erzählt wird. Seine Ambivalenz zeigt sich darüber hinaus in den Masken, hinter denen er sich versteckt: "Ich wusste nicht, warum ich den Coolen spielte, meinem Selbstbild entsprach das keineswegs" (S. 152). Während man in den Erzählerpassagen viele Details über Nino und seine Geschichte erfährt, sind die Dialoge so geführt, dass Themen meist nur angedeutet werden. Wo man eine Nachfrage erwarten könnte, folgt ein Themenwechsel:

"Was ist mit deiner Mutter?" Zombie hob die Augenbrauen. "Ich meine, ist sie … ist sie tot?" Ich lachte, etwas gedankenverloren.
"Quatsch. Nee. Sie ist nach drüben." Die Augenbrauen zogen sich zusammen, trafen sich fast.
"Ach so." Ich wollte das letzte Brot nehmen und zögerte.
"Schon vor sechs Jahren. Halb so wild." Zombie machte ein Geräusch, das ungefähr so klang, als hätte ich behauptet, aus dem Stand einen doppelten Salto zu können, fragte aber nicht weiter. Ich stand auf und kramte in meinen Kassetten. „Willst du Musik hören?“ Zombie nickte, gleichzeitig zuckte sie mit den Schultern. (S. 124)

Erst nach und nach lassen sich die Informationen über Hintergründe und Figuren zusammensetzen, und Johannes Herwig gelingt es fulminant, ihre Rätselhaftigkeit aufrechtzuerhalten und damit Spannung aufzubauen. Am geheimnisvollsten ist Zombie, jenes Mädchen, an dem Nino zusehends mehr Interesse hat und das eine dunkle Geschichte mit sich herumträgt. Gegen Ende deutet sich an, dass beide doch mehr als nur Freundschaft verbindet.

Man kann Scherbenhelden sicher als Adoleszenzroman rubrizieren, von Konflikten in Elternhaus und Schule bis hin zu Machtkämpfen im Freundeskreis sowie ersten sexuellen Erfahrungen finden sich zentrale Motive dieses Genres, die Kunst hingegen ist, die Themen nicht klischeehaft abzuarbeiten. Dieser Gefahr entgeht der Autor vor allem durch die individuelle Figurenzeichnung sowie durch präzise zeitgeschichtliche und subkulturelle Bezüge. Weder werden stereotype Einheits-Punks gezeigt noch gerät der Text zum Lehrbuch über die Nachwendezeit.

Vor allem dürfte Johannes Herwigs eigene Zeit als Punk in Leipzig, die in der Biographie des 1979 geborenen Schriftstellers immer wieder erwähnt wird, für eine gleichermaßen authentische wie ungekünstelte Darstellung sorgen. Andererseits hat er in der Vorbereitung seines Romans über die Leipziger Meuten die intensive Recherche als wesentlichen Aspekt seines Schreibens bezeichnet, und in Scherbenhelden scheint die eigene Erfahrung mit einer gründlichen thematischen Auseinandersetzung einherzugehen. Das Ergebnis ist ein Text, der die minutiöse Kenntnis der Szene mit leichten und ironischen Reflexionen, der spannende Handlungselemente mit sensiblen Innensichten verbindet.

Dabei spielt auch die Musik der Punkszene eine bedeutende Rolle und wird zum Soundtrack des Romans. Bands wie Boskops, Tarnfarbe, Wizo oder Exploited werden genannt, es wird aus Songs zitiert oder über sie gestritten:

"Schon gut." Er wechselte die Kassette. Billie Joe Armstrong nölte:

Do you have the time to listen to me whine
About nothing and everything all at once?

Und ich dachte an Max, der Green Day als Ausverkauf des Punk bezeichnet hatte.
"Spul mal vor", hörte ich mich sagen. Jenny lachte. Dennis tippte sich an die Stirn. (S. 98)

Die einzelnen Handlungssequenzen scheinen leicht aneinander montiert, Erzählstränge reißen ab und werden an anderer Stelle wieder aufgegriffen, oftmals sind Kapitel kontrastiv einander gegenübergestellt. Ein Moment des Spannungsaufbaus übernimmt Herwig dabei aus seinem Debüt: Beide Romane beginnen mit einer heiklen Szene, deren Ausgang zunächst offen bleibt. Im Laufe des Romans bewegt sich die Handlung wieder auf jenen Punkt zu, der im Prolog angeteasert wurde, erst gegen Ende erfährt man, was auf dem Dach des Uniriesen, dem höchsten Gebäude der Stadt Leipzig, passiert.

Lediglich Vergleiche gibt es im Text entschieden zu viele: Muss eine geschnorrte Kippe wirklich "wie ein Glühwürmchen" (S. 35) in die Dämmerung fliegen, oder müssen die "grauen, leer stehenden Gebäude" aussehen "wie schlechte Zähne in einem riesigen Gebiss" (S. 50)? Nino schwitzt "wie ein Pferd beim Springreiten" (S. 136), sein Magen knurrt "wie der eines Bären kurz nach dem Winterschlaf" (S. 167) und er bleibt auf einem Barhocker zurück "wie der letzte Mantel an einer Garderobe" (S. 261). Punktuell mögen solche Bilder funktionieren, etwa wenn Nino sich über die "Stachelfrisur [eines] Sängers" lustig macht und befindet, sie sehe aus "wie eine umgedrehte Tiefseequalle" (S. 217), aber insgesamt ist der Text von zu vielen solcher Formulierungen durchdrungen, die überbordende Bildhaftigkeit der unzähligen Vergleiche treibt den Text bisweilen in einen Bereich, der an triviale Genres erinnert.

Die Szenesprache der Jugendlichen hingegen wirkt stilistisch weder angestrengt noch konstruiert, und die Verlegenheitsdialoge zwischen Vater und Sohn zeichnen gekonnt das traurige Bild zweier Menschen, die sich respektieren, aber nicht wirklich miteinander reden können. Wunderbar zeigt sich Ninos Unbeholfenheit auch nach dem ersten Sex mit Mila, wenn er sich höflich mit "Schönes Wochenende" (S. 186) verabschiedet.

Nach seinem ersten Roman wird Herwig in einem Interview gefragt, ob er Parallelen zwischen den Leipziger Meuten und den Punks sieht:

Da schlagen irgendwie zwei Herzen in meiner Brust. Gefühlsmäßig sind diese Parallelen natürlich da – Abgrenzung, Auflehnung, eigene Strukturen etablieren; aber auch über die Stränge schlagen, die Clique als Familienersatz… Andererseits denke ich, die meisten Meutenmitglieder wären wohl ziemlich empört, wenn man sie mit dem Lifestyle- und Mode-Ding Punk, das es ja heutzutage fast nur noch ist, in einen Topf stecken würde. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Rebellieren im Nationalsozialismus Gefängnis und Tod bedeuten konnte.

Fazit

Lebendigkeit zeichnet Johannes Herwigs Roman Scherbenhelden aus. Lebendig sind Szenerie und Figuren, lebendig ist darüber hinaus die Darstellung des politischen Umbruchs im präzise topographierten Leipzig nach 1989. Und wie sehr der politische Wechsel auf das Leben der Jugendlichen einwirkt, auf ihre Individuation und Sozialisation sowie auf das Familien- und Berufsleben, wird im Roman ebenso unaufdringlich wie anschaulich gezeigt. Es ist sicher sinnvoll, wenn der Verlag den Roman ab 14 Jahren empfiehlt.

Scherbenhelden lässt sich als Porträt einer Subkultur lesen, die jedoch nicht stereotyp und klischeehaft, sondern ausgesprochen individuell und heterogen dargestellt wird. Es ist das ebenso spannende wie differenzierte Psychogramm einer Generation, die zwischen ihrer Kindheit in der DDR und der Jugend im wiedervereinigten Deutschland steht. Die sich der Punkszene zugehörig fühlt und dennoch eine Gruppe von Individuen ist. Die nach einem eigenen Weg sucht, sich den Rahmen dafür jedoch völlig neu erarbeiten muss: "Warum bereitet einen niemand darauf vor", fragt Nino, "dass die Wahrung der eigenen roten Linie keineswegs zwingend mit edlen Empfindungen von Anstand und Ehrlichkeit einherging?" (S. 150).

 

Erstveröffentlichung: 1.7.2020


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