von Sabine Planka

Eine Landmaus macht sich auf, der Einladung der Stadtmaus zu folgen und findet in der Fremde einen neuen Freund.

Prescott, Simon: Kleine Maus – GROSSE STADT.
Aus dem Englischen von Therese Hochhuth. Edelkids GmbH, Hamburg 2009
28 S., 12,95 €
ISBN 978-389855-936-2

Inhalt

Die Landmaus erhält von der Stadtmaus einen Brief und die Einladung, sie möge sie doch einmal in der Stadt besuchen kommen. So macht sich die Landmaus auf den Weg in die große Stadt. Bereits der Weg versetzt sie in Erstaunen, die Stadt tut es dann erst recht: In großen Häuserschluchten verliert sie sich, keiner Hilft ihr und in den dunklen und fremden Straßen, die durch den Autoverkehr mancherlei Gefahren bergen, scheint sie sich zu verlaufen. Doch die Stadtmaus findet sie, sodass sich die Landmaus nicht mehr alleine fühlt. Gemeinsam erkunden sie die Stadt, besichtigen Museen, einen Käseladen und genießen den Ausblick über die Dächer. Doch die Landmaus bekommt Heimweh und möchte zurück. So packt sie ihre Sachen und fährt zurück aufs Land. Voll von Erinnerungen und in der Gewissheit, einen neuen Freund gefunden zu haben, liegt die Landmaus am Ende ihrer Reise zufrieden im Gras: "'Es ist schön, zurück zu sein', seufzte sie. Es gibt eben keinen besseren Ort als das eigene Zuhause."

Kritik

Die Geschichte um die Land- und die Stadtmaus vereint verschiedene Komponenten: Es ist erstens eine Abenteuergeschichte, reist doch die Landmaus in die große Stadt und folgt damit der Einladung der Stadtmaus, die zweitens in der Fremde zu ihrem besten Freund wird, was die Wahrnehmung der Landmaus auf die große Stadt verändert: Die Stadt wird nicht mehr als fremder Ort voller Gefahren wahrgenommen, sondern ihr wird mit Neugierde und Abenteuerlust begegnet. Das spiegelt sich auch in den liebevollen Zeichnungen, mit denen die Reise der Landmaus illustriert wird und die seitenfüllend die Fantasie des Lesers befriedigen können: Sind die Abbildungen zu Beginn, als die Maus in den dunklen Straßen der Stadt unterwegs ist, farblich kühl und dunkel gehalten und wirken eher abweisend, so wandelt sich deren Farbigkeit, als die Land- auf die Stadtmaus trifft. Fortan herrschen warme Farben vor, die die Freundschaft der Mäuse zueinander spiegeln und das Leben nicht mehr als trist und gefährlich darstellen. Mit einem Freund in der Fremde wandelt sich auch die Fremde in einen Ort, an dem man sich wohlfühlen kann.

In der Art der Darstellungen werden dabei u.a. ungewöhnliche Perspektiven eingenommen: So z.B. eine extreme Frosch- und Vogelperspektive, aus der die Sichtweise der kleinen Landmaus auf das Stadtleben, aber auch die Gefühle der kleinen Maus in der großen Stadt verdeutlicht werden. Diese Perspektiven können einhergehen mit einer Änderung des Querformats des Buches in ein Hochformat, wenn die kleine Landmaus zwischen den tiefen Häuserschluchten der Großstadt verloren scheint und zu den Wolkenkratzern emporschaut. Hier kann der Leser/Zuhörer das Gefühl des Verlorenseins und der Orientierungslosigkeit der kleinen Maus in der Fremde eindrucksvoll nachvollziehen. Hinzu kommt die Räumlichkeit der kolorierten Zeichnungen, die sich vor allem in den Bildern der Stadt zeigt. Gerade diese sowie die entsprechende Setzung von Perspektiven verdeutlichen die Gefühle der kleinen Maus nachhaltig, regt aber auch die Fantasie des Lesers an, der in eine bunte Bilderwelt eintauchen und so die Reise der kleinen Maus miterleben kann. Gleichzeitig wird in den Zeichnungen mit typischen Elementen der Malerei gearbeitet, so z.B. der Farb- und Luftperspektive oder der perspektivisch korrekten Abbildung des Dargestellten mittels Fluchtpunkten, sodass hier eine frühe ästhetische Erfahrung der kindlichen Sozialisation stattfinden kann (Thiele 2002, S. 238).

Im Rahmen der linear-chronologischen Erzählung liegt dann eine verflochtene Erzählweise vor, in dessen Rahmen "beide narrativen Ebenen [also Text und Bild] ineinander greifen und abwechselnd das Erzählen übernehmen. […] Die Exposition des Buches [hier die Einladung der Stadtmaus an die Landmaus, sie in der Stadt zu besuchen] beginnt über ein Bild, der später einsetzende Text trägt dann seinen Teil zur Erläuterung des vorangegangenen Bildes bei." (Thiele 2002, S. 231f.)

Der kleine tierische Protagonist kann mit den Erfahrungen und/oder Erwartungen des kindlichen Lesers korrespondieren, der somit das Unbekannte und Fremde in Form der großen Stadt wahrnehmen und die Erfahrung der kleinen Maus in der Stadt miterleben kann.

Fazit

Kleine Maus, GROSSE Stadt ist ein liebevoll gestaltetes Bilder- und Vorlesebuch für Kinder ab ca. 3 Jahren, das "Äsops Fabel von der Stadt- und Landmaus in beeindruckenden Bildern kindgerecht erzählt" (Klappentext Kleine Maus, GROSSE Stadt) und zeigt, dass man in der Fremde Freunde finden kann, die einem helfen, durchs Leben zu gehen und die man später zu sich einladen kann, um sie am eigenen Leben teilhaben lassen zu können. Die Art der Darstellung und der Korrespondenz von Bild und Text machen das Bilderbuch zu einem Erlebnis sowohl für Erst- als auch für einen schon geübten Leser, der in die bunte Welt der Stadt eintauchen kann.

Literatur

Vgl. Thiele, Jens: Das Bilderbuch. In: Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur in zwei Bänden. Bd. 1: Grundlagen, Gattungen. Hrsg. v. Günther Lange. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2002. S. 228-242.

 

 


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