von Sabine Planka

Ein Buch über die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Pitbullmädchen Cash und Mackenzie, die sich gegen alle Widerstände durchsetzen und alle Hindernisse überwinden kann - und die den gesellschaftlichen negativen Blick auf Pitbulls ins Wanken bringt.

Lee, Ingrid: Wunderhund.
Carlsen, Hamburg 2012..
171 Seiten. 5,95 €
ISBN 978-3-551-31146-7 .

Inhalt

Dass Pitbulls in der Bevölkerung keinen guten Ruf haben, ist kein Geheimnis und hat dazu geführt, dass für eine Reihe von als gefährlich eingestuften Hunden Maulkorb- und Leinenzwang besteht.

Genau dieses Thema hat Ingrid Lee in ihrem Jugendbuch Wunderhund aufgegriffen. Mackenzie bekommt von seinem Vater einen Hund: "Ein nasser Klumpen landete auf Mackenzies Bett. […] Sein Vater hatte einen Hund aufs Bett geworfen" (Lee 2012: S. 9f.). Mackenzie und Cash, wie er das Hundemädchen nennt, schließen einander sofort ins Herz – "Jeder konnte sehen, dass sie sich ineinander verknallt hatten" (Lee 2012: S. 13) – und werden unzertrennlich. Cash erscheint als Lichtblick in Mackenzies Leben, das geprägt ist durch den Tod der Mutter, der die Familie auseinandergerissen hat. Sein älterer Bruder Kid hat die Familie verlassen, der Vater begonnen zu trinken. Auch die Gegend, in der Mackenzie und sein Vater wohnen, ist nicht die allerbeste und spiegelt die zerrütteten Familienverhältnisse. Mackenzie und Cash werden ein Herz und eine Seele. Alles könnte perfekt sein, wäre Cash nicht ein Pitbull und damit der Nachbarschaft ein Dorn im Auge, die zudem durch die mediale Berichterstattung über ein geplantes Verbot der Hunderasse beeinflusst wird. Auch Mackenzies Vater kann sich der öffentlichen Meinung bald nicht mehr entziehen: Als er eines Abends wütend nach Hause kommt und Cash versehentlich gegen ihn schlittert, misshandelt er sie und setzt sie schließlich aus. Mackenzie ist tieftraurig und sucht verzweifelt nach Cash, während Cash sich nach 'ihrem' Herrchen sehnt und ihrerseits den Weg nach Hause sucht. Denn Cash hat etwas erfahren, was den anderen Pitbulls, die im Buch Erwähnung finden, nicht widerfahren ist: Sie hat die Liebe eines Menschen kennengelernt, der sie beschützen will.

Und so kommt es, dass Cash bei ihrer Suche erst die ohnmächtige Mrs. Brody aus ihrem Haus zieht – und damit das erste Mal mediales Interesse weckt – und dann einem jungen Mann das Leben rettet, der in seinem Auto auf den Bahngleisen volltrunken eingeschlafen ist, indem es ihr gelingt, den aus dem Bahnhof fahrenden Zug zu stoppen. Die mediale Berichterstattung erfährt durch Cashs Verhalten eine neue Wendung, Cash wird fortan gefeiert als Wunderhund, was dazu führt, dass plötzlich alle Menschen einen Pitbull haben möchten. Schlussendlich finden auch Cash und Mackenzie wieder zueinander und ziehen zu Kid, der inzwischen in einem Krankenhaus arbeitet.

Kritik

Mit dem hier vorliegenden problemorientierten Jugendbuch gelingt es der Autorin, die gängigen schwarz-weiß-Vorstellungen hinsichtlich Pitbulls aufzubrechen und einen differenzierten, gleichzeitig aber auch einfühlsamen Blick auf die 'Problematik' im Umgang mit den Hunden zu werfen. Differenziert schildert sie einerseits die von Liebe geprägte Beziehung zwischen Mackenzie und Cash, die Cash zu einem normalen und menschenfreundlichen Hund macht, der sie andererseits die von Pitbullbesitzern ausgerichteten Hundekämpfe gegenüberstellt, denen sich auch Cash während ihrer Suche nach Mackenzie ausgesetzt sieht.

Die Wahl der heterodiegetischen Erzählperspektive ermöglicht es Lee, die Freundschaft zwischen Mackenzie und Cash aus beiden Perspektiven zu schildern und lässt den Leser somit an den Sehnsüchten und Erfahrungen beider Protagonisten teilhaben, was kennzeichnend für die realistische Kinder- und Jugendliteratur ist: "Unter der rezipientenorientierten Kategorie der Erfahr- und Überprüfbarkeit bzw. Erlebnisnähe der Erzählgegenstände verengt sich der Kollektivbegriff der realistischen KJL schließlich auf Erzählungen, die von Kindern und Jugendlichen im sozialen Bezugsfeld ihres alltäglichen Lebensbereiches handeln" (Scheiner 2002: S. 158). Der realistische, problemorientierte Kinderroman zeigt sich dabei "an Problemen aus dem Leben der Kinder interessiert [und] wendet sich der gemeinsamen Wirklichkeit von Kindern und Erwachsenen zu […]" (Steinz/Weinmann 2002: S. 125): Sowohl Tod als auch zerrüttete Familienverhältnisse werden im vorliegenden Buch thematisiert, hinzu kommt der Verlust des Hundes, den Mackenzie nicht einfach hinnehmen will, bei seiner Suche aber feststellen muss, dass seine Liebe zu einem Pitbull gesellschaftlich auf wenig Verständnis stößt.

Durch diese gesellschaftlichen Reaktionen gelingt es Lee, die mediale Berichterstattung in die Narration einzubinden, die durchaus zu der ablehnenden gesellschaftlichen Haltung beiträgt, da sich diese hauptsächlich auf Angriffe von Kampfhunden und Pitbulls stürzt, kaum aber die Hunde erwähnt, die sich aufgrund von Erziehung normal verhalten und damit eben nicht auffällig werden. Die mediale Berichterstattung über das zu verabschiedende Gesetz gegen Pitbulls schwebt dabei wie eine Glocke über der Erzählung und beeinflusst die Protagonisten. Lee macht somit deutlich, dass es der Einfluss der Medien ist, der das öffentliche Meinungsbild nachhaltig prägt und Vorurteile schürt.

Dadurch offeriert das Buch eine doppelte Lesart: Einerseits kann es als 'Freundschaftsgeschichte' gelesen werden, andererseits auch aus medienkritischer Sichtweise.

Insofern zeigt das Buch nicht nur, dass durch eine artgerechte Hundehaltung und Erziehung das Verhalten von Hunden beeinflusst werden kann, sondern es zeigt auch die manipulativen Möglichkeiten der Medien auf, die die öffentliche Meinung nachhaltig beeinflussen können und bietet dem Leser so die Möglichkeit, "gesellschaftliche Verhältnisse […] zu durchschauen […]" (Steinz/Weinmann 2002: S. 124).

 

Fazit

Das Buch Wunderhund zeigt auf anschauliche Weise, dass nicht alle 'Probleme' eindeutig schwarz oder weiß sind, sondern einer differenzierten Betrachtung benötigen. Dabei greift die Autorin auf ein Thema zurück, das gesellschaftlich kontrovers diskutiert wird und fordert den Leser auf, selbst Stellung zu dem Thema zu beziehen. Und auch wenn Cash doch sehr als 'Wunderhund' konstruiert erscheint – sie rettet insgesamt drei Menschen das Leben und versucht zudem, Mackenzie vor dem eigenen Vater zu beschützen – und sich aus der Berichterstattung um sie das Verhältnis der Menschen zu Pitbulls ändert – alle Menschen möchten plötzlich Pitbulls besitzen, so dass die Tierheime keine Hunde dieser Rasse mehr beherbergen, was sicherlich illusorisch ist –, so wird neben der besonderen Freundschaft doch die allgemeine Problematik im Umgang mit den Hunden und die damit zusammenhängende mediale Berichterstattung deutlich vermittelt, was das Buch zu einer lohnenswerten Lektüre macht.

Literatur

Scheiner, Peter: Realistische Kinder- und Jugendliteratur. In: Lange, Günther (Hrsg.): Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur in zwei Bänden, hier Bd. 1: Grundlagen, Gattungen. Baltmannsweiler: Schneider Verl. Hohengehren, 2002. S. 158-186.

Steinz, Jörg/Weinmann, Andrea: Die Kinder- und Jugendliteratur der Bundesrepublik nach 1945. In: Lange: Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur, Bd. 1 (2002), S. 97-136.

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