von Sabine Planka

Max und Leonie haben ihre Familien satt. Was liegt da näher, als die Familien zu tauschen? Ein guter Plan, der zunächst prima verläuft – bis… ja, bis es zu Verwirrungen und Katastrophen kommt, deren Auflösung u.a. einen Zeitungsdieb als Chef von Max‘ Mama enttarnt und schließlich in einem ganzen Haustausch mündet.

John, Kirsten: Gefährliche Kaninchen.
Zeichnungen von Maja Bohn
Arena Verlag, Würzburg 2012.
156 S., 9,99 €.
ISBN 978-3-401-50645-6.

Inhalt

Max und Leonie flüchten vor ihren Familien und treffen im Wald zufällig aufeinander, wo sie über ihre Familien und ihre Probleme reden und beschließen, ihre Familien zu tauschen. Mit dem 3-Phasen-Plan – Eingewöhnung des anderen in die neue Familie, "Zeckenphase" (das Einnisten in die andere Familie), Unsichtbarkeitsphase (in der eigenen Familie nicht mehr auftauchen) – läuft der Plan zunächst erfolgreich an, beide sind in dem jeweils anderen Haushalt willkommen und glücklich: Leonie kann in dem Akademikerhaushalt ausgiebig lesen, Max kann endlich mit neuen Geschwistern spielen und toben.

Doch beide erkennen schnell, dass es auch in der Fremde Probleme gibt und jede Familie so ihre Geheimnisse und Tücken hat. Max stellt fest, dass Leonies Familie in der Nachbarschaft keinen guten Ruf hat und die Nachbarn alles versuchen, die Familie wegzuekeln, Leonie bekommt zufällig mit, dass sich Max‘ Eltern scheiden lassen wollen.

Beide erweitern daraufhin ihren Tauschplan und beschließen, ihre Familien zu retten, indem sie ein Elternteil tauschen wollen. Max‘ Vater als Rechtswissenschaftler kann Leonies Eltern mit den nachbarschaftlichen Problemen helfen und Leonies Mama soll mit Max‘ Mama über deren Eheprobleme sprechen. Doch der Plan verläuft gänzlich anders als erwartet und plötzlich finden sich Max‘ Eltern komplett im Haushalt von Leonie wieder und sehen sich dort mit Max und Leonies Brüdern konfrontiert, während Leonies Eltern ihrerseits den Haushalt von Max übernehmen, samt Leonie und ihrer kleinen Schwester.

Als Max‘ Eltern dann noch den Zeitungsdieb stellen, der Leonies Eltern allmorgendlich die Zeitung aus dem Briefkasten stielt – eine großartige Szenerie, als Max und seine Eltern verkleidet in den Rhododendron-Büschen vor dem Haus hocken und auf den Dieb warten –, und in ihm den Chef von Max‘ Mama erkennen, nimmt der Tauschplan eine ganz andere Wendung und endet schließlich damit, dass Leonies Familie mit Max und seinen Eltern das ganze Haus tauscht.

 Kritik

Das Buch Gefährliche Kaninchen verspricht eine tolle Handlung mit einer verstrickten und verwinkelten 'story', deren Geheimnisse sich komplett auflösen und keine Fragen beim Leser offen lassen. Narrativ kann man das Buch daher durchaus als kurzweilig und absolut amüsant bezeichnen, versehen mit so mancher überraschenden Wendung, aber auch einer tollen Auflösung für den Leser.

Diese Wendungen entfalten sich in dem Spannungsfeld zweier Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Max kommt aus einem Akademikerhaushalt, die Mutter ist Biologin, der Vater Rechtswissenschaftler. Da kann es schon einmal passieren, dass Max‘ Eltern von einer Institutsparty Hummer mit nach Hause bringen und Max vorsetzen, was zu skurrilen Momenten führt: "'Mein Essen hat Augen', sagt [Max]. 'Mmh', macht seine Mutter. Sie hat wie immer ein Buch neben sich liegen, das sie mit der einen Hand beschwert, während sie in der anderen die Gabel hält. 'Und Beine', sagt Max. 'Jaja', kommt es von seiner Mutter. Sie blättert mit dem Daumen die Seite um. 'Und so eine Art Fühler', ergänzt Max. 'Mmh', macht seine Mutter wieder. […] 'Und die Nachbarin wurde gerade von Außerirdischen entführt', sagte er probeweise. 'Aha', sagte seine Mutter" (John 2012, 5f.). Der Leser bekommt hier eine Situation präsentiert, die ihm sicherlich nicht fremd ist, wird doch auch er Dinge hat essen müssen, die ihm gänzlich unbekannt waren.

Leonie hingegen kommt aus einem Haushalt, der gegensätzlich aufgebaut ist: Ihre Mutter beschießt Max bei ihrer ersten Begegnung mit einer Wasserpistole und lacht ständig, nichts ist geordnet, sondern alles verliert sich in einem herzlichen Durcheinander, zu dem jedes Familienmitglied aus Leonies Patchwork-Familie beiträgt. Dementsprechend scheint das Chaos vorprogrammiert, als Max und Leonie ihre Familien tauschen. Doch gerade diese Gegensätzlichkeit öffnen den beiden aus objektiver Perspektive einen Blick auf die 'Probleme' der jeweils neuen Familie, die Max und Leonie zu immer neuen Änderungen ihres Tauschplans verleiten. Und diese Einblicke in das Leben des jeweils anderen machen das Buch für den Leser so spannend, weil er zusammen mit den Protagonisten erkennen kann, dass im Leben anderer Menschen auch nicht alles perfekt ist.

Ist das Buch auf sprachlich-narrativer Ebene schon ein kleines 'Schmankerl', so trägt auch die Figurenzeichnung dazu bei. Es ist gerade die Detailverliebtheit, die dazu führt, dass man sich die Figuren bildhaft vorstellen kann. So heißt es z.B. zur Nachbarin von Leonies Familie: "[Frau Haubenbrecht] ist eine kleine, grauhaarige Frau, die ein wenig verrückt aussieht. Aber vielleicht liegt das auch an ihrem Morgenrock, auf dem ein Haufen Spiegeleier abgebildet sind. Wer, der noch ganz klar im Kopf ist, zieht sich schon Spiegeleier zum Frühstück an?" (John 2012, 123).

Die Protagonisten der Handlung werden, im Gegensatz zu Figuren wie Frau Haubenbrecht, nicht einfach als schwarz-weiß Figuren, als 'flat characters', geschildert, sondern erhalten durch die mit ihnen verbundenen Problematiken psychologische Tiefe und werden so zu 'round characters', deren Definition Edward Morgan Foster etabliert hat (vgl. dazu Lahn/Meister 2008, 236). Dazu trägt auch die Beschreibung des Umfeldes und des Lebensstils der Protagonisten bei: Max lebt mit seinen Eltern in einem geerbten Haus, dass ihnen eigentlich viel zu groß ist und in dem sie so verloren sind, dass sie sich problemlos aus dem Weg gehen können. Leonie hingegen lebt mit ihrer Familie in einem viel zu kleinen Reihenhaus, in dem es keine Rückzugsmöglichkeiten gibt, sondern in dem man immer von Familienmitgliedern umgeben ist. Der Gegensatz Einsamkeit (Max) vs. zu viel Trubel (Leonie) führt dazu, dass Max und Leonie ihren Tauschplan schmieden, um ihre Wünsche und Bedürfnisse befriedigen zu können. Doch sie stellen schnell fest, dass nicht immer eigene Wünsche im Vordergrund stehen, sondern dass oftmals das Glück der gesamten Familie für die eigene Zufriedenheit verantwortlich ist. Auch hier ergeben sich Anknüpfungspunkte für den Leser, der vor diesem Hintergrund das Leben der beiden nachvollziehen kann.

Der heterodiegetische Erzähler klebt geradezu an Max und erzählt und beschreibt aus dessen Perspektive, mitunter sogar introspektiv, das Geschehen. Aber er verheimlicht dem Leser partiell auch die Pläne von Max und Leonie (vgl. John 2012, 128), demonstriert also, dass er mehr weiß als der Leser. Mit dieser Zurückhaltung von Informationen entspricht er durchaus der Erzählerkonstruktion in Detektivgeschichten, in denen Erzähler oftmals dem Leser Geheimnisse und Pläne der Protagonisten vorenthalten, um die Spannung zu erhöhen (vgl. Lahn/Meister 2008, 163). So werden relevante Informationen ausgelassen und Überraschungen präsentiert, mit denen der Leser nie gerechnet hätte: "Spannung entsteht, wenn aufgrund gegebener Informationen die Neugier des Lesers mit Blick auf den weiteren Verlauf der Erzählung geweckt wird; Überraschung resultiert aus einer Informationsvergabe, die den Leser zur Revision der bisherigen Deutung zwingt, wenn der Leser also die bisherigen Informationen neu interpretieren und nach Erklärungen für die plötzliche Wendung suchen muss […]" [Hervorh. im Orig.; S.P.] (Lahn/Meister 2008, 163).

Fazit

Das Buch Gefährliche Kaninchen – der Titel leitet sich her aus einem von Max und Leonie gespielten Spiel – präsentiert eine gelungene Abenteuergeschichte, die sich vor den alltäglichen Problemen des Lebens entfaltet. Max und Leonie erkennen, dass sie und auch ihre Familien zusammenhalten müssen, dass aber auch Freunde wichtig sind, die ihnen zur Seite stehen. Und letztlich erkennen sie, dass sie glücklich sind, wenn ihre Familien es auch sind. Das alles wird amüsant und kurzweilig in einem für den Leser angenehmen Tempo geschildert, so dass der Leser in der Geschichte eintauschen und das Leben der beiden miterleben kann.

 

Literatur
Lahn, Silke/Meister, Jan Christoph: Einführung in die Erzähltextanalyse. Stuttgart/Weimar: Metzler, 2008.


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