von Kirsten Kumschlies

Der Titel von Antje Lesers Jugendroman Luftschlösser sind schwer zu knacken mag vielleicht die Erwartung wecken, es handele sich um eine einfach-triviale Liebesgeschichte. Doch hier geht es um viel Brisanteres. Zwar steht eine Liebesbeziehung im Zentrum der Handlung, aber im Kern geht es um viel bedrückendere Themen: Clankrimininalität, Zwangsprostitution und Menschenhandel. Leser entwirft eine packende Story mit viel Tempo, die aufwühlt und beunruhigt.

Leser, Antje: Luftschlösser sind schwer zu knacken.
Magellan Verlag, Bamberg, 2020.
302 Seiten. 17,00 €
ISBN 978-3-7348-5049-3
Empfohlen ab 15 Jahren.

  

Inhalt

Jonas wächst in wohl behüteten Verhältnissen auf. Eines Nachts, als er allein zu Hause ist, steigt eine Einbrecherin bei ihm ein: Nika, 15 Jahre alt. Sie stiehlt sein Handy, obwohl sie eigentlich auf der Suche nach dem Autoschlüssel des Familienwagens ist. Denn der Autodiebstahl ist ihr Job: Nika ist Mitglied eines kriminellen Clans, der sie zur "Homejackerin" ausgebildet hat, darauf spezialisiert, in Häuser einzusteigen und die Autoschlüssel zu entwenden. Das freilich weiß Jonas zunächst nicht. Nikas tragische Geschichte entfaltet sich in den Kapiteln, die aus ihrer Perspektive erzählt sind, die sich mit denen aus der Sicht von Jonas (nicht ganz regelmäßig) abwechseln. Zufällig begegnen sich Jonas und Nika wieder. Als er sie stellt und sein Handy zurückfordert, überfallen ihn die angeblichen Cousins des Mädchens so brutal, dass er ins Krankenhaus muss. Trotzdem fühlt er sich von Nika auf magische Weise angezogen. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus kommt es zu einem gemeinsamen Discobesuch, bei dem beide Protagonisten von ihren besten Freunden begleitet werden. Jonas ist mit Flo unterwegs, mit dem er sonst auch viel Musik macht, Nika mit Leni, die ebenfalls dem kriminellen Clan angehört. Zwischen beiden Mädchen und den Jungen entwickeln sich Liebesbeziehungen, die jedoch auf eine harte Probe gestellt werden. Nach und nach wird deutlich, dass es um weit mehr geht als um Autodiebstähle, für die Nika und Lena "ausgebildet" wurden. Als Kinder wurden sie an den kriminellen Clan verkauft und werden nun wie Eigentum von den Zuhältern behandelt. Bei Verstößen droht stets die Zwangsprostitution. Während Leni dieser tatsächlich nicht entkommen kann, bricht Nika aus und mithilfe von Jonas traut sie sich, eine Notfallnummer für Jugendliche anzurufen. Sie wird zunächst in einer Notunterkunft untergebracht, dort aber schnell von den brutalen Clanmitgliedern aufgespürt. Es beginnt ein rasantes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem Nika schließlich in das Zeugenschutzprogramm der Polizei aufgenommen wird und ihre Identität wechseln muss. Von Leni fehlt bis zum Schluss jede Spur. Auch Jonas muss ins Ausland gehen, um sich vor Racheakten der Clanchefs zu schützen. Es scheint, als hätten die beiden sich für immer verloren. Doch als Jonas nach einem Jahr nach Deutschland zurückkehrt, erhält er einen Brief von Leni aus Berlin....

Kritik

Die Spannung des rasant erzählten, aufwühlenden Jugendromans speist sich aus dem genannten Katz-und-Maus-Spiel. Wie in einem schnellen Krimi schreitet die Handlung voran, der Leser bzw. die Leserin wird in den Bann von Nikas tragischer Geschichte gezogen und die ganze Zeit bleibt die Angst im Raum stehen, sie könne doch von den brutalen Gangstern erwischt werden. Das klingt ein bisschen eindimensional, gewinnt aber an Tiefe durch die sensibel konzipierten Figuren. Die Fokalisierung wechselt zwischen Jonas und Nika hin und her, was Einblicke in beide Perspektiven, ihre Ängste, Zweifel und Sorgen bietet. Beide sind vielschichtige Figuren, vor allem Nika ist bestimmt von großen Ängsten. Jonas ist am Anfang verwirrt, kann Nikas Verhalten nicht einordnen, hält sie für eine Lügnerin, bis sie sich ihm schließlich öffnet und anvertraut. Dem Leser bzw. der Leserin bringt diese Öffnung förmlich Erleichterung, denn so ist Nikas Figur nicht sperrig, sondern – trotz ihres harten Schicksals – relativ leicht zugänglich. Irritationspotenzial ist dem Jugendroman freilich so nicht eingeschrieben, Mehrdeutigkeit ist auch nicht zu finden. Dafür aber: Spannung und Eindringlichkeit, ein brisantes Thema und eine thrillerartige Handlung, die mit jeder Seite mehr an Dynamik gewinnt.

Der Text beschönigt wenig. Für Nika gibt es am Ende lediglich einen Hoffnungsschimmer am Horizont, Leni bleibt in den Fängen der Zwangsprostitution verschwunden. Diese Hoffnungslosigkeit macht sich der Roman erzählerisch zu Nutze, da die Spannungsstruktur gerade davon lebt, dass man als Leser bzw. Leserin die ganze Zeit fürchten muss, Nika könne vom Clan wieder aufgespürt werden. Denn die Verhaftung der Drahtzieher gelingt der Polizei nicht.

Fazit

Antje Leser ist ein spannender Thriller gelungen, der mit Sicherheit viele jugendliche Leser und Leserinnen begeistern wird. Im Fokus steht das gesellschaftlich virulente Thema der Clankriminalität, das hier schonungslos aus der Perspektive einer Betroffenen erzählt wird. Der Roman beschert ein intensives Leseerlebnis, das einen so schnell nicht mehr loslässt. Wegen der phasenweise sehr brutalen Handlung sei der Roman Jugendlichen frühestens ab 15 Jahren empfohlen.

Erstveröffentlichung: 24.10.20

 


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