von Kirsten Kumschlies

Der Zufall will es, dass der mittellose Rupert in diesem Jahr Weihnachten bei der reichsten Familie der Stadt feiert. Zu Beginn ahnt der arme Junge noch nicht, dass dieses Weihnachtsfest der Auftakt für eine Reihe von schier unglaublichen, fantastischen Abenteuern ist. Die populäre US-amerikanische Kinderbuchautorin Polly Horvath nimmt ihre Leserinnen und Leser mit in eine bizarre Welt voller skurriler Figuren und Abenteuer, an deren Ende sich die Erkenntnis eröffnet, dass man sich mit Geld nicht alles kaufen kann, und ohne dieses sogar Zugang zu öffentlichen Bibliotheken hat – und damit in das wunderbare Universum der Literatur.

Horvath, Polly: Super Reich.

Aus dem Englischen von Anne Braun.
Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2020.
292 Seiten. 18,00 €
ISBN 978-3-7725-2894-1
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

Rupert wächst in einer völlig verarmten und extrem kinderreichen Familie auf. Die Verhältnisse sind so verwahrlost, dass selbst die Eltern den Überblick über ihre vielen Kinder verloren haben und deren Namen verwechseln oder gar vergessen: "Meistens sprachen sie ihren Nachwuchs mit 'Hey du' an“"(S. 9). Rupert träumt davon, diesen bitteren Lebensumständen zu entkommen. Als er an Weihnachten versehentlich zur Schule geht, weil er vergessen hat, dass schulfrei ist, ist es soweit und Rupert erhält seine Chance. Versehentlich wird er fast vom herunterfahrenden Gartentor der Villa erschlagen, in der die superreiche Familie Rivers wohnt. Als er am Tor hängt, verpasst ihm der Fahrer des Wagens einen Elektroschock mit dem "Elektroschockknopf" (S. 22). Er fällt in Ohnmacht. So findet ihn der Sohn der Familie Rivers, Turgid, der mit Rupert in eine Klasse geht. Er lädt ihn ein, mit seiner Familie Weihnachten zu feiern. Und so kommt der arme Rupert zum ersten Mal in den Genuss eines opulenten Weihnachtsfestes in einer extrem reichen Großfamilie. Er isst so viel, bis ihm schlecht wird und beteiligt sich erfolgreich an den rituellen Weihnachtsspielen der Familie. Dabei geht sein Erfolg soweit, dass er alle Spiele gewinnt. Als er schon glaubt, alles gewonnen zu haben und sämtliche materielle Gewinne mit nach Hause nehmen zu können, konfrontiert ihn die Rivers-Tochter Melanie unverhofft mit der letzten Frage, die angebliche jeder Weihnachtsgewinner im Hause am Ende beantworten müsse. Zwar fällt Rupert die Antwort auf die fiese Frage: "In welchem Land befindet sich Huambo?" (S. 64) tatsächlich noch ein, doch er fällt vor lauter Stress in Ohnmacht und muss alle seine Gewinne wieder abgeben. So kehrt er genauso arm wie eh und je in seine Familie zurück. Doch fortan erlebt der Junge eine Reihe von Überraschungen. Denn die Familienmitglieder der Rivers haben alle ein schlechtes Gewissen gegenüber Rupert, was sie jedoch voreinander verheimlichen. Nach und nach suchen sie den Jungen auf und laden ihn zu verrückten Abenteuern ein, um den Schaden der verlorenen Gewinne am Weihnachtsabend wieder gutzumachen: Mrs Rivers lädt ihn in ihr Lieblingsrestaurant ein und vertraut ihm an, dass sie sich nichts mehr wünsche, als dort Chefköchin zu werden. Onkel Henry entführt ihn gar mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit, wo er mir Rupert einen Jahrmarktstag erlebt, an dem er seine Eltern in jungen Jahren trifft und staunend feststellt, wie verliebt und unbeschwert sie früher einmal waren. Und als Tante Hazelnut ihn zu einem Ausflug mitnimmt und ihm ihren Schmuck zeigt, den sie gar nicht haben will, weil sie sich eigentlich wünscht, Fischerin zu werden, kommt es sogar zu einer wilden Entführung. Am Ende all dieser Abenteuer steht für Rupert die Erkenntnis, dass Geld doch gar nicht so wichtig ist, wie er immer dachte. Die Bibliothekarin, die bei den Rivers wohnt, erzählt ihm, dass ein Bibliotheksausweis kostenfrei zu haben sei. "Weißt du was?" sagt er zu seiner jüngeren Schwester: "Morgen gehen wir in die Bibliothek und holen uns einen Ausweis. Damit können wir Bücher voller Geschichten ausleihen." (S. 292). Die Rivers sind fort, verstreut in alle Winde der Welt, denn trotz ihres Reichtums waren sie mit ihrem Leben gar nicht glücklich.

Kritik

Polly Horvaths weihnachtlicher Kinderroman lebt von einem wunderbar schwarzen Humor und seinen herrlich schrägen Figuren, die in ihrer von Ironie und Übertreibung durchzogenen Konzeption an Lemoney Snickets Eine Reihe betrüblicher Ereignisse erinnern. Obwohl die Handlung an Skurrilität kaum zu überbieten ist, transportiert sie doch eine ernsthafte Botschaft. In märchenhafter Weise wird deutlich, dass es auf Geld und Luxus allein nicht ankommt. Das mag trivial und plakativ klingen, ist es bei Horvath aber überhaupt nicht. Vielmehr präsentiert sie ein wunderbares Märchen voller wilder Phantasien und Abenteuer, das mit den Gegensätzen zwischen Arm und Reich spielt und die reine Fokussierung auf Materielles kindgerecht ad absurdum führt. Sicher, nicht allen Leserinnen und Leser ist diese Art von schwarzem Humor ohne Umschweife zugänglich. Es braucht schon eine gewisse Bereitschaft auf Leserseite, sich auf die absurd-phantastische Erzählwelt einzulassen, die wie eine heterotopische Gegenwelt konzeptualisiert ist. In den Abenteuerreisen entfliehen die Rivers allesamt dem Alltag und präsentieren Rupert ihre Sehnsuchtsorte: Jahrmarkt und Hafenstadt erscheinen als Räume, in denen alle Gesetzmäßigkeiten außer Kraft gesetzt sind und sind somit lesbar als Reflexionen von Träumen und Phantasien, die wiederum die Kraft von (literarischen) Imaginationen spiegeln.

Horvath erzählt eine abenteuerlich-wahnwitzige Geschichte, offeriert vor allem aber eine Hommage an Kunst und Kultur. Denn Rupert erfährt nicht nur, dass die Bibliotheken kostenlos sind, sondern auch die Museen, wie das National Air and Space Museum, zu dem er mit dem reichen Turgid Rivers unterwegs ist:

„Doch als sie angekommen waren, blieb Rupert stehen. „Wie sollen wir da reinkommen?“ fragte er. „Wir haben nur noch den Rest deiner fünf Dollar.“

„Es kostet nichts“, erwiderte Turgid. „Man kommt umsonst in alle staatlichen Museen.“

Plötzlich war Rupert stolz darauf, Bürger eines Landes zu sein, das seine Schatztruhen öffnete, ohne Eintritt dafür zu verlangen.“ (S. 245)

Und so öffnet sich für Rupert der Blick in die Schatztruhen der Kultur, vor allem auch der Literatur. Den Träumen sind keine Grenzen mehr gesetzt! Schade nur, dass Rupert sich eine Erkenntnis erst durch den reichen Freund erschließt! 

Fazit

Polly Horvaths neuer Kinderroman ist an Skurrilität und schwarzem Humor kaum zu überbieten. Mit Super Reich konstruiert sie eine wilde Abenteuerreise voller Ironie und Witz mit vielen phantastischen Elementen. Eine lustige, herzergreifende Geschichte, die mit ihrer Doppelbödigkeit aber durchaus tiefsinnig ist. Ein winterlich-weihnachtlicher Lektürespaß für die ganze Familie mit Kindern ab 8 Jahren, die offen sind für irrwitzige Abenteuer, empfohlen auch zum Vorlesen in der Weihnachtszeit.

Erstveröffentlichung: 14.11. 2020


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